Im Interview _ Eva Schmidt, Schriftstellerin _ Bregenz
Bachmannpreisnominierte 1984
Liebe Eva, Du hast am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan Deine erste Erinnerungen?
Ich habe gerade gegoogelt, wann ich zum Bachmannpreis Wettbewerb eingeladen wurde – es ist so lange her – es war 1984 und Erica Pedretti hat damals den Hauptpreis bekommen. Ich erinnere mich vor allem an ein paar schöne Tage in Gesellschaft von Jörg Fauser, Erica Pedretti, Wolfgang Hegewald, Michael Köhlmeier und anderen, die Nächte waren sehr lang, es wurde viel getrunken und erzählt. Zum Beispiel sind mir Jörg Fausers Geschichten über Stierkämpfe noch heute in Erinnerung. Es war eine meiner ersten Berührungen mit dem sogenannten Literaturbetrieb, den ich später allerdings nie mehr als so offen, herzlich und neidlos erlebt habe, was aber vermutlich weniger am Betrieb als solchem, sondern an den beteiligten Personen lag, mit denen ich näher in Berührung kam.
Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
Das Besondere ist wohl die Dichterin Ingeborg Bachmann, nach der der Preis benannt ist. Sie, ihr Name ist es, der der Veranstaltung seine Wichtigkeit verleiht.
Wie hast Du Deine Lesung, die Jurydiskussion und die Preisverleihung erlebt?
Während meiner Lesung hat Marcel Reich-Ranicki permanent geseufzt bzw. sehr laut geatmet oder gestöhnt, ich habe versucht, mich davon nicht beirren zu lassen, fand sein Verhalten zwar etwas unhöflich, aber vermutlich hatte er Probleme mit der Atmung. An viel mehr kann ich mich nicht erinnern.
Wie hat sich Deine Teilnahme auf Deinen literarischen Stil wie auf Deine literarische Öffentlichkeit ausgewirkt?
Gar nicht. Ich hatte gerade meine ersten Veröffentlichungen in den „Manuskripten“ und „Wespennest“ hinter mir, hatte vom Residenz Verlag bereits ein Angebot, obwohl ich noch nicht genügend Erzählungen beisammen hatte, um ein Buch daraus zu machen, ich hatte keine Erwartungen und habe mich für Erica Pedretti und Wolfgang Hegewald, der auch einen der Preise erhielt einfach gefreut, ein wenig geärgert, dass Jörg Fauser, Michael Köhlmeier und ich keinen Preis erhielten, meinen Aufenthalt in Klagenfurt darüber hinaus aber sehr genossen.
Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?
Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
Zum 50er wünsche ich dem Bachmannpreis Wettbewerb Geld, kompetente, unvoreingenommene JurorInnen, gute Texte und den TeilnehmerInnen interessante Begegnungen, gute Nerven und aufregende Nächte!
Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!
Eva Schmidt, Schriftstellerin
Zur Person:Eva Schmidt, geboren 1952 in Lustenau, lebt in Bregenz, Vorarlberg.
Eva Schmidt debütierte 1985 mit Erzählungen („Ein Vergleich mit dem Leben“, Residenz Verlag), der erste Roman folgte erst zwölf Jahre später unter dem Titel „Zwischen der Zeit“ (1997). Nach einer Unterbrechung von fast zwanzig Jahren erschienen die beiden gefeierten Romane „Ein langes Jahr“ (2016) und „Die untalentierte Lügnerin“ (2019), mit beiden war sie für den Deutschen Buchpreis nominiert. Zuletzt veröffentlichte sie einen Band mit Prosastücken („Sonne in einem leeren Zimmer“, Golden Luft Verlag) und Erzählungen unter dem Titel „Die Welt gegenüber“ (2021).
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.
Ingeborg Bachmann, Rom 1962
Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.
Abendstimmung Wörthersee _ Blick Schloss Loretto
Foto: Eva Schmidt _ Klaudia Longo
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Fotos: Bachmannpreis/Klagenfurt/Wörthersee_ Walter Pobaschnig
Im Interview _ Beat Sterchi, Schriftsteller _ Bern
Bachmannpreisnominierte 1984
Lieber Beat, Du hast am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind Deine Erinnerungen?
Das war alles sehr schön und wunderbar organisiert und der Charme dieser Stadt. Unvergesslich sind mir auch wertvolle Bekanntschaften. Es kam aber auch zum ersten Mal ein Verdacht auf, der sich für mich nachher bestätigte. Literatur und Fernsehen, das beißt sich.
Beat Sterchi, 15.6.26
Herzlichen Dank für Deine Erinnerungen und alles Gute!
Beat Sterchi, Schriftsteller
Zur Person:
BS ist und ist, war und war auch mal, und hat und hat und hatte schon, in Dings und am Dings und bei Dings.
Aus: Aber gibt es keins
Vita: Beat Sterchi Geboren und aufgewachsen in Bern, lebte in Kanada, in Honduras und in Spanien. Er betreibt einen literarischen Gemischtwarenladen, schreibt für die Bühne, Reportagen und Kolumnen. Als Mitglied der Spoken-Word-Gruppe «Bern ist überall» verfasst er berndeutsche Texte für den mündlichen Vortrag. Sein bekanntestes Buch ist der Roman «Blösch». Sein erfolgreichstes Stück ist «Annebäbi im Säli oder Gotthelf im Ochsen». Sein beliebtestes Hörspiel ist «Bitzius». Zuletzt erschienen: «Capricho».
Autobiografie
Ich bin. Ich habe. Ich sollte. Ich wollte. Ich könnte. Ich hätte müssen. Ich werde nie wieder.
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.
Ingeborg Bachmann, Rom 1962
Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.
Im Interview _ Margrit Schriber, Schriftstellerin _ Aargau/CH
Bachmannpreisnominierte 1981
Liebe Margrit, Du hast am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind Deine Erinnerungen?
Lieber Walter Pobaschnig
Hier meine Antwort:
Es war ein sehr emotionales, bewegendes Ereignis.
Als Autorin, die ganz in der Abgeschiedenheit lebte und arbeitete, verbrachte ich diese Tage mit anderen Autorinnen und Autoren zusammen. Wir teilten die Aufregung, die Furcht, das Beben, die Freude und Enttäuschung. Dies schloss uns zusammen. Wir wurden Freunde, Mitfiebernde, Tröster und Mitfeiernde. Nach der Rückkehr zur einsamen Arbeit am Schreibtisch in der Stille, verband mich dieses Erlebnis innerlich das ganze Leben mit den anderen Teilnehmenden.
Heute bin ich siebenundachtzig Jahre alt. Aber ich habe nie wieder eine gleichzeitig so himmelhochjauchzende und niederschmetternde Zeit erlebt. Respekt vor dem Gang durch Himmel und Hölle hat mich von einer späteren Einladung zurück schrecken lassen. Ich fühlte mich in jenem Augenblick nicht stählern genug, um diesen inneren Tumult durchzustehen.
Nur schon die Teilnahme am Bachmann-Wettbewerb bedeutet eine wichtige Auszeichnung für Schreibende, denn eine gute literarische Arbeit ist Voraussetzung. Und zeigt, dass das Werk bereits das Interesse einer interessierten Öffentlichkeit auf sich gezogen hat. Es verlangt aber auch ein Mass an Selbstsicherheit, Mut, Kraft und Robustheit. Autor/innen, die sich dies zutrauen, würde ich leidenschaftlich zum Gang durch Himmel und Hölle raten. Die Erfahrung ist einmalig und man muss sie gemacht haben. Es ist die geballte Konzentration aufs eigene Werk, auf seine Kritiker und Leser .
Margrit Schriber
Herzlichen Dank für Deine Erinnerungen und alles Gute!
Margrit Schriber, Schriftstellerin
Zur Person: MARGRIT SCHRIBER wurde 1939 in Luzern als Tochter eines Wunderheilers geboren. Sie arbeitete als Bankangestellte, Fotomodell, Immobilienverwalterin und schrieb in dieser Zeit 22 Bücher, in denen sie Frauen eine Stimme gab, die nie eine Stimme hatten. Mit ihrem eigenständigen, bildstarken Erzählen und ihren originellen Heldinnen gehört sie zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen der Schweiz.
„Im Oktober 26 erscheint mein Erzählband BLATTGOLD beim Atlantis-Verlag Schweiz. Und heute unterzeichne ich den Vertrag für einen neuen Roman, der dort im Herbst 27 erscheinen soll. Also hat sich die Lesung in Klagenfurt mehr als gelohnt, nicht wahr?!“
Bachmannpreis _ Jury/Moderation _ ORF Klagenfurt
Bachmannpreis
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.
Ingeborg Bachmann, Rom 1962
Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.
Schloss Loretto/Wörthersee _ Empfang der Stadt Klagenfurt
Foto: Margrit Schriber _ privat
Foto: Ingeborg Bachmann _ Garibaldi Schwarze
Fotos: Bachmannpreis/Kärnten/Wörthersee_Schloss Loretto_ Walter Pobaschnig
Ingeborg Bachmann ist 1946 in Wien angekommen und lebte hier bis 1953. In dieser Lebensphase kommt es zu wesentlichen Begegnungen, Inspirationen ihrer Texte. Ebenso ist es die Zeit erster Anerkennung als Schriftstellerin. Mit Wien bleibt die später in Rom lebende Schriftstellerin zeitlebens verbunden. Ihr einziger Roman Malina spielt in Wien, ebenso nehmen viele Gedichte darauf Bezug.
Heinz Kröpfl, Schriftsteller
Monika Jantschnig, Künstlerin, Performerin, Modedesignerin _ Wien
Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann
Foto: Heinz Kröpfl _ Anuradha Sarup
Fotos: Monika Jantschnig, Künstlerin _ performing „Malina“ _ Originalschauplatz Wien _ Walter Pobaschnig 2/20
Im Interview _ Ingeborg Harms, Schriftstellerin, seit 2012 Professorin für Designtheorie mit Schwerpunkt Mode an der Universität der Künste Berlin.
Bachmannpreisnominierte 1990
Preisgewinn: Stipendium der Verlage
Liebe Ingeborg, Du hast 1990 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan erste Erinnerungen?
Große Aufregung, viele neue Freunde, herrliches Wetter.
Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
Dass wir tagelang in Klagenfurt wohnten und alles, was Rang und Namen hatte, mit von der Partie war.
Wie hast Du deine Lesung und die Jurydiskussion erlebt?
Als respektvoll und bereichernd.
Wie hat sich Dein Preisgewinn für Dein weiteres Schreiben ausgewirkt?
Für eine Weile wurde ich herumgereicht, erhielt Stipendien, fand einen Verlag. Doch der Hype war am Ende eher demotivierend.
Was braucht der Bachmannpreis an Weiterentwicklung für eine gute Zukunft?
Gute Juroren, die interessante Schreibende vorschlagen.
Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
Die dort Lesenden wissen sicher am Besten, wie sie sich verhalten, ich wünsche ihnen, dass es auch für sie wunderschön und aufregend wird.
Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!
Ingeborg Harms, Schriftstellerin, seit 2012 Professorin für Designtheorie mit Schwerpunkt Mode an der Universität der Künste Berlin.
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.
Ingeborg Bachmann, um 1953
Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.
Martin Löwe Piekar, 2023
Foto: Ingeborg Bachmann _ Familienarchiv Bachmann
Foto: Ingeborg Harms _ Klaus Geiss
Foto: Bachmannpreis/ORF Studio/Wörthersee_ Walter Pobaschnig
im Interview _ Leopold Federmair, Schriftsteller _ Hiroshima/JPN
Bachmannpreisnominierter 1997 und 2012
Lieber Leopold, Du hast 1997 und 2012 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan erste Erinnerungen?
2012 war es in diesen Tagen extrem heiß. Im überfüllten Zug nach Klagenfurt war die Klimatisierung ausgefallen, und die Fenster ließen sich nicht öffnen. Ich dachte mehrmals, auch dann im ORF-Studio: Hoffentlich überlebe ich das.
1997 dachte ich, ich hätte besser allein hinfahren sollen (damals in meinem Auto). Ich hatte zwei Begleiterinnen.
Meiner Erinnerung nach sind beide Teilnahmen eher unglücklich für mich verlaufen.
Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
Keine Ahnung. Wahrscheinlich die Mediatisierung. Der Bachmannpreiswettbewerb wurde und wird da und dort nachgeahmt (öffentliche Jurygespräche etc.), aber die Medienpräsenz ist nirgends so stark wie in Klagenfurt.
Wie hast Du deine Lesung und die Jurydiskussion erlebt?
Lesung 2012: ganz normal. Jurydiskussion: Im Rückblick scheint mir, dass ich da zum ersten Mal in Konflikt gekommen bin mit einer stark ideologisch und moralisch ausgerichteten Literaturkritik. Eine Kritikerin hatte anscheinend eine Erzählung von mir erwartet, die in Japan spielt. Vielleicht hätte ich tatsächlich etwas „Japanisches“ auswählen sollen, um die Erwartungen dieser Leute zu erfüllen? Olga Martynova hat damals gewonnen, zurecht, wie mir schien. Der positivste Aspekt meiner Teilnahme war, dass ich mich mit ihr anfreunden konnte. Wir haben später gemeinsam ein Buch herausgegeben.
1997 war vor dem Bachmannpreisbewerb im deutschen Feuilleton von einem „Fräuleinwunder“ die Rede gewesen. Tatsächlich nahmen am Bewerb damals zwei oder drei sehr junge Frauen teil. Ich kam am Ende ins „Rittern“ mit zwei von ihnen (vielleicht waren auch nur diese zwei ganz jungen dort, ich weiß es nicht mehr). Natürlich habe ich verloren. Ich war schon zu alt, obwohl ich mich mit 39 noch recht jung fühlte. Wenig später hat sich diese Rede vom Fräuleinwunder wieder verloren.
Wie hat sich Deine Teilnahme auf Deine literarische Öffentlichkeit wie Deinen weiteren persönlichen literarischen Weg, Deinen Schreibstil, ausgewirkt?
Ich glaube nicht, dass sie einen großen Einfluss hatte. Auf meinen Schreibstil sicher nicht. 1997 hat der unglückliche Verlauf meiner Teilnahme dazu beigetragen, dass ich in eine tiefe persönliche Krise geraten bin. Es hat mich viel Kraft gekostet, aus diesem Loch wieder herauszukommen. Eine indirekte Folge war, dass ich zuerst nach Buenos Aires und dann nach Japan gegangen bin. Dort habe ich mich besser gefühlt als „zu Hause“.
2012 war ich einigermaßen gefestigt, flog zurück nach Japan und machte dort weiter, wo ich ein Woche vorher aufgehört hatte.
Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Zukunft?
Ich sehe nicht fern und verfolge den Wettbewerb kaum, kann daher kaum eine Antwort geben. 1997 hatte ich die Illusion, dass der Wettbewerb eine Fortsetzung der einstigen Tagungen der Gruppe 47 sei. Und ich hatte die – wie ich heute nach der Lektüre von Ingeborg Bachmanns Briefen weiß – Illusion, jene Tagungen seien kollegiale Arbeitsgespräche gewesen.
Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
Ich kann da nicht viel raten oder wünschen. Vielleicht, dass die Teilnehmer ihre Teilnahme nicht allzu ernst nehmen sollten. Also mit ein bisschen Ironie.
Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!
Leopold Federmair, Schriftsteller
Aktueller Gedichtband von Leopold Federmair:
„Mit Ein Schrein auf dem Kaufhausdach legt der in vielen Sprachen und Kulturen versierte Autor, Übersetzer und Essayist Leopold Federmair, der seit 2006 zwischen Hiroshima und Wien pendelt, einen Lyrikband der anderen Art vor: In über 100 Gedichten versucht er, der japanischen Kultur, ihrem Geist und Lebensstil auf die Spur zu kommen, ohne dabei Postkartenmotive auch nur zu streifen, und setzt sie in Beziehung zu eigener Lektüre und Erinnerungen. Sein genauer Blick fängt Unspektakuläres ein und macht es zu etwas Besonderem – und damit die Lektüre seiner vielgestaltigen Gedichte zu einem speziellen Erlebnis.
Verweile beim Gedicht (auch wenn es lang ist), geh nicht durch es hindurch, laufe nicht Amok wie durch den letzten Roman.“ (Pressetext Verlag)
„Ein Schrein auf dem Kaufhausdach“ Shinto-Gedichte. Leopold Federmair. Edition Tandem.
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.
Ingeborg Bachmann in Rom, um 1970
Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.
Gerlitzen _ Kärnten
Foto: Leopold Federmair _ Station bei Malina _ Walter Pobaschnig 1/26
Foto: Ingeborg Bachmann _ Garibaldi Schwarze
Fotos: Bachmannpreis/Klagenfurt/Gerlitzen _ Walter Pobaschnig
im Interview _ Egon Christian Leitner, Schriftsteller _ Graz
Bachmannpreisnominierter 2020
Kelag-Preisträger
Lieber Egon, Du hast 2020 am Bachmannpreis in Klagenfurt, dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum, teilgenommen. Was sind spontan erste Erinnerungen?
Spontan 1. Du hast mich 2020 beinahe unmittelbar vor dem Bachmannwettbewerb interviewt. Ich habe Dir, lieber Walter, damals wirklich alles gesagt, was ich mir dazu denke. Es war dann auch wirklich so. & es wird auch diesmal so sein. Das klingt vielleicht doof & anmaßend oder angeberisch von mir. Aber was soll’s. Schau nach. (Wenn ’s’ D’ halt magst.) Dein Interview mit mir könnte also problemlos bereits hier enden. Ich danke Dir jedenfalls für die Einladung.
Selbstverständlich habe ich z.B. nicht vergessen, auf welche Weise Neojuror Philipp Tingler, der ja zum ersten Mal mit von der Partie war, sich als Star zu profilieren & durchzusetzen trachtete. Das war damals jedoch weder mein erster Eindruck vom Bachmannwettbewerb mitsamt Atmosphäre & Ambiente noch machte der mich, meine Textur massiv attackierende Tingler auch nur den geringsten Eindruck auf mich & ich will eigentlich nicht mit meinen Tingler-Erinnerungen anfangen, obwohl die Deine Leserinnen & Leser vielleicht am meisten interessieren würden. Vielleicht auch, zumal Tingler mir bei der Abstimmung überraschenderweise seine Stimme gab. Nur so viel vorweg: Tingler kannte ich bereits – allerdings nicht mit seinem Namen – von einer Diskussion her, in der Jean Ziegler zu ihm „Mit Ihnen rede ich nicht mehr, denn Sie haben Unrecht“ sagte. Ziegler hatte zuvor ein Gedicht Pablo Nerudas vorgetragen. Ziegler, der mit Pierre Bourdieu befreundet war & Bourdieu anno 2000 auf mein erstes Bourdieu-Buch aufmerksam machte, hat mir übrigens einmal seine Freundschaft angeboten, worauf ich natürlich stolz bin. Tingler wusste & ahnte von derartigen Konstellationen ganz gewiss nichts. Sie waren mir in der Sache auch überhaupt nicht wichtig. Der Bachmannwettbewerb 2020 jedenfalls steckte für mich voller erstaunlicher Zufälle. Das muss jetzt für den Anfang einmal reichen, finde ich. & ob’s PR ist & der Reputation was bringt oder nicht, ist mir wirklich wurscht. Ich merke nur, dass ich mich gern erinnere. Passt!
Spontan 2. Wolfgang Borchert: „Stell dich mitten in den Regen, glaub an seinen Tropfensegen, spinn dich in das Rauschen ein und versuche gut zu sein! Stell dich mitten in den Wind, glaub an ihn und sei ein Kind – lass den Sturm in dich hinein und versuche gut zu sein! Stell dich mitten in das Feuer, liebe dieses Ungeheuer in des Herzens rotem Wein – und versuche gut zu sein.“ Ich kann die Verse halbwegs auswendig, weil’s das Lieblingsgedicht meiner Frau ist. VERSUCH ES heißt’s bekanntlich. Mein wahlverwandter österreichischer Lieblingssatz stammt aus dem Gesamtlebenswerk des legendären, in jeglicher Hinsicht ausgezeichneten österreichischen Arztes, Publizisten & Kreiskyvertrauten Werner Vogt, nämlich Unglück in Glück drehen. Apropos: Mir fällt jedes Mal, wenn ich der Künstler:innen-Portraits wegen in Dein perpetuum-mobile-artiges, lebhaft dahinsprudelndes, offenkundig nie versiegendes, enzyklopädisch überquellendes Literatur outdoors-Projekt schaue – in Dein quicklebendiges, Leben bewahrendes Archiv halt –, Borchert ein, Draußen vor der Tür.
3. Du willst ja spontane Erinnerungen. Hiermit teile ich Dir meine Erinnerung an die damalige Unbefangenheit meiner Wenigkeit bei, vor & nach dem Bachmannwettbewerb mit. Ich war wirklich unbefangen & bin’s geblieben. Ich war auch unbeeindruckt & ich blieb unenttäuscht. Ich habe bezüglich der unmittelbaren Veranstaltungstage tatsächlich keinerlei Enttäuschung erlebt, sondern ganz reale Chancen auf real mögliche happy ends, nur Gutes sozusagen. Was Borchert mit GUT meines Empfindens meint … meinte ich bei den Bachmanntagen meiner Meinung nach auch. Literaturbetriebsshows meinte Borchert vermutlich bis ganz gewiss nicht mit GUT, sondern eben existenziell all die Lebenssituationen, in denen es wirklich um etwas geht. Nämlich eben darum, Unglück in Glück zu drehen. Mich, mein Zeugs mit Borchert oder Vogt oder deren Lebenswerk zu vergleichen, hab ich ganz gewiss nicht im Sinn. Schäme mich jetzt fast, ohne zu wissen, warum & wofür & vor wem. Maßgebende Menschen für viele unserer Zeitgenoss:innen waren & sind Borchert & Vogt jedenfalls mit Sicherheit. & beim Bachmannpreis geht’s halt auch ums Gute. Oder? Daher also wohl meine spontanen Assoziationen auf Deine Frage. Apropos spontan: Ich frage jetzt Dich, lieber Walter, nämlich den sichtlich & erlebbar guten Lehrer Pobaschnig getraue ich mich das zu fragen: Omnia sponte fluant, absit violentia rebus … von wem ist das? Ich halte diese beiden Sätze, diese Weise der Spontaneität, für die Lösung sämtlicher Probleme, die der Bachmannwettbewerb strukturell hat. Lieber, weil meines Erachtens zutreffender, würde ich sagen: haben t u t .
4. In der Vorbereitung auf die VA sind mir 2020 nur freundliche & zumindest in ihrem jeweiligen Bereich umsichtige Menschen begegnet; professionell mag ich derlei nicht nennen, obwohl das Ganze wohl viel mit hochgradig perfektionierter Technik zu tun hatte, zumal inmitten der Coronamaßnahmen. Genervt hat mich vorweg, sozusagen im Vorlauf, nichts & niemand. Witzig war, dass bei den Aufnahmen zu meinen Beiträgen, also im Vorstellungsvideo & im Video der Lesung, verflixt viele & verschiedenortige Kirchen vorkamen; die meisten Leute, das Publikum, bewertende Kritiker:innen meinten, das sei Absicht. War es von mir aus überhaupt nicht, sondern reiner Zufall. Ich wollte eigentlich bloß einen neutralen, ruhigen, in diesem Sinne guten Ort irgendwo. Von mir aus wäre nichts Kirchliches wahrnehmbar gewesen in den Videos. Wehrte mich dann aber nicht gegen die zuständigen freundlichen Kameraleute usf. Kirchenglocken haben meine Lesung, die ja eben wegen Corona voraufgenommen & dann beim Wettbewerb eingespielt wurde, sogar gestört; akustisch. Da absolut nichts manipuliert oder wettbewerbsverzerrend zurechtgeschnitten wurde, ließen wir das alles sozusagen live. & es hat dann aber genau so gepasst; ästhetisch & überhaupt. Witzig ist’s aber schon, wenn von Kritikern oder Publikum Echtes & Ehrliches für Schein &Schmäh gehalten wird. Der Spruch Ein jegliches Buch liest seinen Leser gilt somit fürs Filmische & Melodische, kommt mir halt vor, auch. Dergestalt ist das eben mit Wahrnehmungen, Wertungen, Gedanken. Mit fixen Ideen sowieso & Vorurteilen. Wegen der Kirchenglocken hätte regelgemäß meine Lesung wiederholt werden dürfen. Ich lehnte ab. Für behindert und/oder sozial eher minderwertig haben mich auch ein paar literarisch angeblich resp. tatsächlich wichtige Leute gehalten aufgrund meiner Beiträge & waren entsetzt über mich. Als ich etwas gewonnen habe, waren die dann mürrisch & sagten z.B., sie freuen sich für mich, wüssten aber nicht, ob’s Literatur sei. Wieder andere haben sich wirklich gefreut: Mir wildfremde Menschen z.B. haben mir ein paar Tage später in Graz auf der Straße spontan applaudiert oder gesagt, wie schön die Lesung war. Die waren erfreulich, ein paar Mal war das & völlig zufällig & en passant. Unaufdringlich erfreulich waren die meines Empfindens. Junge, Ältere, Männer, Frauen. Ja, das war sehr, sehr nett. Daran erinnere ich mich natürlich gern.
5. Leitner beim Bachmannwettbewerb war meines Erachtens & in meiner Erinnerung eine Art Experiment. Ich wollte ja etwas. Der Menschen- und Wirklichkeitswissenschafter Max Weber sagte zwar einmal, die Österreicher seien alle sehr nett, nur wollen dürfe man nichts. & vor einer Verösterreicherung Europas hat er auch gewarnt. Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg lebte er kurz in Wien. 2020 hat unter anderem jedenfalls doch auch meine tatsächliche Wenigkeit etwas gewollt beim Bachmannwettbewerb. Den Sinn für Humor haben mir übrigens auch irgendwelche unmittelbaren Kommentatoren aufgebracht abgesprochen; ich hatte den aber, mit Verlaub. Meines Erinnerns & Empfindens sogar deutlich mehr als z.B. der mir sympathische Buster Keaton. Ironischerweise geriet z.B. just ein irgendwie beruflich & geldlich kommentierender Hölderlinfan meinetwegen aus der Fassung & schien mir angewidert. Armer Hölderlin, dachte ich mir in der Folge. Ich sah & meine das, Schmäh ohne, ohne jeden Spott. Vielmehr hätte ich gerne mit besagtem Kommentator geredet. In Tapferkeit vor dem Freund, da der Kommentator & ich ja einen gemeinsamen Freund haben, meines Erachtens, nämlich Hölderlin. Von Freund zu Freund hätt’ i gern mit dem Herrn gesprochen. Komm, ins Offene, Freund. Steht ja so geschrieben bei Hölderlin, oder? Bleierne Zeit war damals gerade, oder? & anno 20020 ja eh auch. & für ein paar Leute war allein schon, dass ich seit Jahrzehnten an einem Sozialstaatsroman arbeite, eine Provokation, genauer gesagt: das Wort „Sozialstaat“ oder gar „Sozialstaatsvolksbegehren“. Wirklich, das war so. Die sagten das selber. Meine Textur, die ich im Wettbewerb vorlas, hieß Immer im Krieg. Wiederum eine Provokation. Warum, weiß ich nicht. Ah ja, vielleicht weil kein Krieg war. Angeblich nicht. Jedenfalls war meine Wenigkeit = meine Textur dazumal, 2020, meiner Meinung nach nicht blöd, sondern, mit Verlaub, ideologiekritisch & ziemlich präventiv. 2020 fand infolge der Pandemie der Wettbewerb, die Auseinandersetzung, für die Vorlesenden & für die Juror:innen wie gesagt nicht unmittelbar in Klagenfurt statt, sondern quasi vom jeweiligen Zuhause aus. Vor Ort hätte man – wer immer man ist, ich z.B. – vielleicht anders miteinander & mit dem interessierten Publikum reden können. Weniger gelockdowned, also weniger eingesperrt in den idola specus & theatri & fori & tribus. Das sind bekanntlich nach wie vor treffliche Begriffe aus der Geschichte der wissenschaftlichen Ideologiekritik. Stattdessen sagt man heutzutage aber Blase, was mich abstößt. Der Begriff „Blase“ wäre freilich eh uralt, aus der Antike & dem Mittelalter & der Renaissance. Das würde mir zwar eh passen. Denn dabei ging’s z.B. um die Zerbrechlichkeit von Menschen & um rettende Behutsamkeit. Diejenigen hingegen, die heutzutage meines Empfindens oberg‘scheit von Blasen reden (wohl aufgrund von & in nach wie vor gieriger Analogie zum Börsengeschehen & Kommunikationstechnikboom), haben von Tuten & Blasen = Geistes- & Mentalitätsgeschichte meines Empfindens meistens nicht gar so viel Tau. Du wolltest eine spontane Antwort. Ich habe halt ganz einfach viele Erinnerungen zugleich. Gleichursprüngliche = erste. „Gleichursprünglich“, den Begriff hat, glaube ich, Karl Jaspers gern verwendet. Die geistige Situation der Zeit ist bekanntlich auch von ihm & aus den 1920er, 1930er Jahren. In denen stecken wir wieder. Vielleicht würde mehr Jaspers was dagegen nützen. Helfen. Auch beim Bachmannwettbewerb. Existentielle Kommunikation, Chiffren der Transzendenz.
6. Damit ich’s nicht vergesse, mein angeblich mangelhafter Sinn für Humor: Du möchtest ein aktuelles Foto. Kann sein, ich maile Dir eines, wo ich sehr ernst & traurig schaue. Das ist, weil ich gerade ein Röllchen naschen wollte während des Fotografiertwerdens & mir der Zugriff jäh & schroff untersagt wurde. Darum schaue ich so, so schaue ich dann aus & das schwarze Band auf meinem weißen Strohhut hat sowieso überhaupt nichts zu bedeuten. Schmäh ohne war für mich bei meiner Teilnahme an den Klagenfurter Tagen der deutschen Literatur auch eine Übung in Lachyoga wesentlich: Hahaha, Hehehe, Hihihi, Hohoho, Huhuhu soll man sagen. Hahaha hilft, heißt’s, sofort gegen jede Angst. Hihihi, auf dass das Gehirn munter ist. Hehehe für die eigene Immunität & den eigenen Hals. Hohoho gegen Groll, fremden wie vergeblichen eigenen, & Huhuhu fürs Gedärm in jeglicher Hinsicht. Was ich von den Anonymen Alkoholikern gelernt habe, obwohl ich meiner Seel’ keiner bin, habe ich auch praktiziert, probiert, beim Bachmannwettbewerb, & zwar wie wohltuend die AAs miteinander reden, unaufdringlich nämlich. Ein Buch meines Sozialstaatsromans habe ich übrigens nach ihnen benannt, nämlich Furchtlose Inventur. Darin geht’s darum, wie’s zugehen kann. Um Anomien in Hilfseinrichtungen. Um deren Hilflosigkeit somit usf.
Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
1. Dass es ihn überhaupt gibt. Dass so etwas überhaupt möglich ist. Aber vielleicht hat der Bachmannpreis andererseits in Wirklichkeit bloß ein kapitalistisches Monopol. Ich persönlich würde dieses Monopol dem Bewerb aber vergönnen. Denn die Bachmanntage sind gut gegen Entfremdung. Bringen zwischendurch den Kapitalismus in Schieflage. Nein? Doch, doch! Ab & zu schon. Der Bachmannwettbewerb wirft die Marktwirtschaft in ihrer kapitalistischen Form über den Haufen. Beim Bachmannwettbewerb wird nämlich in Gegenwart & unter Mitwirkung der Öffentlichkeit demokratisch gewählt; die Entscheidungen werden begründet, die Vorgänge sind allesamt transparent. So stellt der kleine Egon sich das vor. Idealiter = realiter. Es ist ja auch in hohem Maße immer wieder wirklich so. Wie immer aber gilt dennoch Ernst Bloch, und zwar eben doppelt: Überall ist das Noch-Nicht zu finden & überall steckt zugleich der Wurm drinnen. Beides hat Bloch konstatiert. Und die Bourdieu-Schemata, z.B. die Kapitalsorten, gelten selbstverständlich auch. Heißt: die Machtkämpfe, Regeln, Spielaufstellungen, Ressourcen, Einsätze, Hirngrenzen. Die Hirngrenzen sind ausdrücklich das, was bei Bourdieu – „habitus“ – heißt und das Mitspielen, Mitmachen heißt „illusio“, Illusion. Zu all dem wird, wurde eh ein bisserl bis viel geforscht bislang & publiziert seitens der Germanistik. Gerade auch zum Bachmannwettbewerb. Literatursoziologisch. Existenziell & literaturfinanziell meines Wahrnehmens jedoch nicht.
2. Ich persönlich jedenfalls halte den Bachmannwettbewerb für potentiell durch & durch demokratisch & für eine vorbildliche Chance auf & als Exempel für eine wirklich offene Gesellschaft. Auf Popper & Bloch sozusagen Hand in Hand, also Händchen haltend. & auch mit Bourdieu. & mit Hans Kelsen! Alle Händchen haltend miteinander! Keine ekstatischen Orgien, sondern schlichte Demokratie.
3. Himmlische Nüchternheit ist das Besondere am Bachmannwettbewerb. Dass Werturteile begründet & diskutiert werden müssen & können, sozusagen heilig nüchtern, fasziniert mich. Womit wir wieder bei Hölderlin wären, der sowohl unbestritten Literatur ist als auch ein armer, armer Mensch gewesen. Die Bachmanntage erscheinen mir des Weiteren, um wieder ein Wort Bourdieus zu verwenden, ein kleines soziales Wunder zu sein. Eventuell. Eben dass es dieses Event, diese Institution überhaupt gibt! Dass derlei möglich ist. Nämlich, dass es kreativ & spontan zugeht & fair & abwägend & begründungspflichtig.
4. Mir ist in den ersten Jahren, Jahrzehnten des Bachmannpreises aufgefallen, dass die Juror:innen auf die oftmalige Kritik, sie vernichten Menschen, Talente sowieso, immer wieder antworteten, sie hören & sehen die Texte ja zum ersten Male, kennen sie vorher nicht, sondern äußern sich spontan & aus dem Stegreif; & dass sich die Autor:innen ja ohnehin auch selber zu Worte melden dürfen, quasi das letzte Wort nach der Diskussion & der Kritik selber haben. Im Laufe der Zeit wurden diese Regeln meines Wissens ja immer wieder geändert, sowohl das abschließende freie Rederecht der Autor:innen als auch die völlige Unbekanntheit der Texte. Zurzeit kennen alle Juror:innen alle Texte & das Rederecht der Autor:innen ist auch gewahrt. Soweit ich weiß. Obwohl also die Kritiker:innen ja eigentlich wissen müssten, was sie gelesen haben & nun laut(stark) bewerten & öffentlich analysieren, geschieht dies aber keineswegs automatisch auf fairem & interessantem Niveau. & die Gewalt werden die einfach nicht los bei dem Ganzen. Sehr oft nicht, meines Erachtens. Beides sollte man aber, finde ich, doch wohl schaffen: Gewaltfreiheit & Niveau. Demokratie hiermit.
Wie hast Du deine Lesung und die Jurydiskussion erlebt?
Würde ich gerne unbeantwortet lassen. In der Hoffnung, dass jemand dadurch dermaßen interessiert ist, dass er oder sie sich statt meiner unterbliebenen Antwort die Leitner-Lesung & die Diskussionen & das Vorstellungsvideo im ORF-Internet-Archiv selber anschaut & anhört. Aber da würde ich mich völlig verspekulieren. Also: so war’s, ich bin Zeuge:
1. In übertragenem Sinn hat Philipp Tingler probiert, mich zu köpfen. Am Ende wie gesagt hat er dann aber, sozusagen freundlicherweise, für mich gestimmt. Seine Begründung: weil er Courage und Dialogbereitschaft schätzt, meine z.B. Darauf habe ich mir nichts eingebildet, zumal es vielen missfallen hat, dass & wie ich mich zu Wort gemeldet habe. Mir war da aber überhaupt nichts peinlich. In Rage war ich auch nicht. Friedlich wollte ich sein, friedlich war ich. Dass Tingler derweilen hinter sich die ganze Zeit des Bachmannwettbewerbes lang ein Foto von Margaret Thatcher stehen hatte, habe ich weder gesehen noch hat es mir jemand mitgeteilt. Später dann sagte er von sich, jubilierend, er sei die Margaret Thatcher der deutschen Literatur. Der sagte nicht einmal Literaturkritik, der sagte Literatur. Frohlockte. Wirklich, das war so. Wenige Tage nach dem Bachmannwettbewerb war das, in seiner eigenen Literaturtalksendung; eingeleitet wurde die mit dem Geschrei, das er über meine Textur & mich erhoben hatte. Es war tatsächlich Geschrei gewesen, sehr laut. Weil er ja angeblich so außer sich war, wie er ja – gegen mich und meine Art – die Literatur verteidigen musste. Seine amüsierte Co-Moderatorin war letztlich entzückt von ihm. Als ob laut & lauter dasselbe wären. Die Thatcher! Aber just mich erklärte der de facto zum Ideologen & Dogmatiker! There is no alternative, hat die Thatcher bekanntlich immer gesagt. Aber mir warf er’s fälschlich vor statt ihr zu Recht! Habe Tingler übrigens im Sommer 2020 angeschrieben wegen eines Gesprächs, weil er ja irgendwie gesagt hatte, er wolle eines. Keine Antwort. Nichts. Über so viel hätte ich gerne geredet mit ihm, grad auch beim Bachmannwettbewerb. Es stünde also dafür, finde ich, sich die Lesung samt Diskussion nochmals anzusehen; auch die Abstimmung. Der hochangesehene Sozialpsychologe Moscovici hat vor Jahrzehnten vorbeschrieben, wie Tingler agiert hat. Lustigerweise war Moscovici eher linksalternativ & riet, wie sich Minderheiten durchsetzen könnten. Just der rechte Tingler hat’s praktiziert. Meine Gesprächsangebote sind übrigens prinzipiell immer echt, ich mache niemanden zum Mittel zum Zweck; Tingler hingegen wollte nicht reden, begründen schon gar nicht. So war das. Man sollte also wirklich selber nochmals nachschauen im ORF-Archiv. Man würde m.M.n. etwas Systemisches & Systematisches bezüglich Wettbewerb, Jury & Politik erkennen. Mir fällt auch noch ein: weil ich mit Tingler bei meiner Wortmeldung ja wirklich reden wollte, also auf ihn eingehen, habe ich anders argumentiert, als mir ums Herz war. Hätte ich von Thatcher gewusst, hätte ich mich auf Erich Fromms Objektivitätsbegriff & literaturgeschichtlich, stilistisch & inhaltlich auf Erasmus’ Adagien & Canettis Der Beruf des Dichters berufen & vermutlich ein paar Punkte mehr bekommen. Ich redete sozusagen Tingler zuliebe stattdessen von Fromms Objektivität, Meister Eckhart, Cato, vom alttestamentlichen Pseudo-Login & vor allem von Gorgias & der antiken Rhetorik. Da setzte ich zu viel voraus an präsentem allgemeinem Bildungsniveau. Tingler hatte, hat, wette ich, keine Ahnung, wie sehr & wie existenziell die antike Rhetorik, die ja eben wesentlich auf den Redner Gorgias zurückgeht, auf den europäischen Roman nachgewirkt hat & sogar in die Musik, z.B. auf Bachs Kompositionskunst. & außerdem bedeutet Gorgias, mit Verlaub, die Auseinandersetzung mit dem Nichts. Die Überwindung desselben. Eh zirka wie bei Canetti.
2. „Warum gibt es in der Schule kein Unterrichtsfach, das Helfen heißt, und warum im Fernsehen kein Friedensprogramm? In der Schule ein Lernfach, das Helfen heißt, und im Fernsehen ein paar Stunden pro Woche ein Friedensprogramm! Auf jedem Sender die Analysen, was man wo tun kann, und in jeder Schule Helfen als Pflichtfach für da hier.“ Diese Passage habe ich im Wettbewerb 2020 vorgetragen. Falsch war daran nichts. Tingler jedoch beanstandete die Dringlichkeit meines Stils & meiner Inhalte & dass ich polarisiere. Mit der Dringlichkeit hatte ich natürlich = leider recht; polarisiert hat einzig er. Hat seine Vorwürfe immer wieder wiederholt, alle anderen Mitglieder der Jury widersprachen ihm. Er tat dennoch wie gesagt weiterhin, was Moscovici rät. Berief sich dabei ohne Begründungen oder auch bloß Erörterung oder Benennung auf seine vorgeblich hohen Maßstäbe angeblich wirklich wertvoller Literatur; versuchte zu mobben & zu bossen. Profilierte sich auf diese Weise als höheren Werten dienend. Kam damit durch. Die eben zitierte Lesungspassage – wie überhaupt mein Wettbewerbstext insgesamt – war & ist übrigens nicht zuletzt das Ergebnis meiner jahrelangen Auseinandersetzung & Kooperation mit dem Kriegsberichterstatter Fritz Orter, in Besonderheit mit seinem Buch Warum lebe ich noch? … & auch mit dem Lebenswerk Werner Vogts, nachlesbar in dessen Mein Arztroman, einer Art Biographie des österreichischen Sozialstaates der Zweiten Republik. Des Weiteren mit dem Sozialstaatsökonomen & Konjunkturforscher Marterbauer, jetzt Finanzminister, der in seiner Budgetrede vom10. d.M. sowohl verschlüsselt als auch ausdrücklich die sogenannte antifaschistische Wirtschaftspolitik zum Ziel erklärt hat. Kapiert wurde es von den Medien bislang noch nicht wirklich. Meinem verstorbenen Freund Adolf Holl hat meine Bachmanntagetextur m.M.n. auch viel zu verdanken, geistig, wie man so sagt, vielleicht das Jesusverständnis nämlich. Worüber sich ein paar Leute sehr geärgert haben, war meine Darstellung von Intelligenz; überhaupt meinte man, ich hätte viel Schlimmes erfunden. Z.B. wirtschaftliche, finanzielle, psychologische Zusammenhänge, z.B. bei Schulungen. Nein! Nichts habe ich erfunden! Dass ich eine Frau sterben, verhungern, habe lassen, hat auch jemand aus dem Literaturbetrieb beanstandet. Aber sie ist wirklich verhungert. Ich lasse niemanden sterben. Ein solches, mir unterstelltes, Literaturverständnis ist mir fremd. & unheimlich. & der, der’s mir literaturbetrieblich en passant unterstellt hat, war’s mir auch.
3. Zur Verdeutlichung dessen, worum’s mir beim Wettbewerb 2020 ging: 2002 realisierte Werner Vogt zum Beispiel zusammen mit Johanna Dohnal ein Sozialstaatsvolksbegehren. Ein österreichweiter Diskussions- & Lernprozess quer durch die Bevölkerungsgruppen, Berufe, Lebenswelten hätte es werden sollen zum Zwecke der gemeinsamen Prävention vor künftigen Katastrophen. Im Gesundheits-, Pflege-, Bildungswesen, Wirtschaftsgebaren & Arbeitsleben. Die Sicherung ausreichender Grundversorgung in allen Bereichen. Geschützt dies durch die Verfassung. Wäre die Idee, es zu wiederholen, in den letzten bald 25 Jahren nicht ständig am internen Konkurrenzkampf von Parteien, Verbänden, Interessensvertretungen gescheitert, wäre viel jetzige Unbill erspart geblieben. Ebenso durch Fritz Orters Schule als Lernort des Helfens & Orters Friedensfernsehen. Weder öffentliche noch private Sender waren interessiert.
4. In meinem Schlusswort habe ich ganz zuletzt Tingler & allen Verantwortlichen vorgeschlagen, man möge doch alle Preisgelder zusammen in einen Topf werfen & dann zu gleichen Teilen an alle lesenden Teilnehmer:innen verteilen. Das kam gar nicht schlecht an. Eigentlich hatte ich sagen wollen, sämtliche Preisgelder & sämtliche Juror:innenhonorare in einen Topf und dann verteilen! War vielleicht besser, dass ich die harmlosere Variante wählte. Ich hab mit dem Vorschlag des gemeinsamen Preisgeldes jedenfalls eine Idee Bourdieus angewandt, nämlich dass man, wo einem nur irgend möglich, den Konkurrenzkampf außer Kraft setzen soll.
Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?
Gute Juror:innen m.M.n. & so wenig Technik samt Plastik wie nur irgend möglich. & die Lesungen & Diskussionen allesamt im Freien = unter freiem Himmel. Bilde mir ein, dass Verdi seine Opern prinzipiell dergestalt enden lässt: unter freiem Himmel. Somit gut. Auch daher sind seine Opern dermaßen gut. Der Bachmannwettbewerb könnte also von Verdi lernen. & gute Juror:innen, wie gesagt, lesen die Texte wirklich & reden wirklich über eben diese. Mehr brauchen die gar nicht zu tun. & ein Miteinander halt das Ganze. Alles, was der Bachmannwettbewerb braucht, wäre da. Ist ja eh da. Die Menschen nämlich. Der braucht in Wahrheit nichts sonst. Hugh! Ah, doch noch nicht Hugh: Unter freiem Himmel die VA ist schwierig, weil zu der Zeit immer schon der heiße Sommer herrscht; woher also da den Schatten nehmen. Deshalb die Wettbewerbstage verlegen vielleicht in den Frühling, ein Frühlingsfest daraus machen. Verdi würde das gewiss gefallen & der Bachmann unter Garantie sowieso. Die Bachmann ehren also im milden Frühling. Den gibt’s ja & die Menschen gibt‘s. Erwachendes Leben beim Bachmannpreis, lesend, scherzend, tändelnd, Abhilfe schaffend! Von Lachyoga & von den Anonymen Alkoholikern und deren furchtloser Inventur & von meinem auf Bourdieu zurückgehenden 2020er-Live-Vorschlag, alle Preisgelder zusammenzuzählen & durch die Teilnehmer:innenanzahl zu dividieren & dergestalt auszubezahlen, habe ich Dir im Interview da hier jetzt ja schon gemailt, lieber Walter.
Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
LOKAH SAMASTAH SUKHINO BHAVANTU … heißt übersetzt: Tapferkeit vor dem Freund, wirkliche nämlich, & dass Böhmen wirklich am Meer liegt & dass der Salamander wirklich durch jedes Feuer geht. Wirklichkeit eben durch & durch, wünsche ich, bittesehr, allen Beteiligten. Von wem ist A poem should not mean but be? Z.B. dass dem wirklich so ist, wünsche ich herzlich detto. & brutto für netto.
Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!
Danke, kann ich gut gebrauchen, weil: Anfang 2027 kommt mein neues Buch heraus. Heißt Einfache Wunder, erfreuliche Wahrheiten. Genretitel: Talisman.
Zur Person: EGON CHRISTIAN LEITNER, geb. 1961, lebt in Judendorf-Straßengel bei Graz, Studium der Philosophie & Klassischen Philologie; Sprachkenntnisse des Weiteren in Arabisch, Farsi, Hebräisch, Sanskrit, Spanisch, Vietnamesisch; arbeitete in der Kranken- & Altenpflege sowie Flüchtlingshilfe. Mitbegründer von Bourdieus Raisons d‘agir in Österreich.
Preise u.a. KELAG-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Preis 2020;
Herausgeber der Reihe Auswege; Eigenbezeichnung für sein literarisches Genre bzw. Hauptwerk: Sozialstaatsroman, davon in Fertigstellung jüngster Titel Einfache Wunder, erfreuliche Wahrheiten.
Bücher u.a.: Bourdieus eingreifende Wissenschaft. Handhab(ung)en, 2000; Des Menschen Herz. Sozialstaatsroman, 2011/12;
Ich zähle jetzt bis 3 und dann ist Frieden, 2021.
Essays u.a.: Was in die Katastrophen führt und was hingegen heraus und was wir einander also schulden. Rezension von Martin Schürz, Überreichtum, in: Wirtschaft und Gesellschaft, Heft 1, 2020
Bachmannpreis _ ORF Studio-Setting
Bachmannpreis
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.
Ingeborg Bachmann, Rom 1962
Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.
Klagenfurt _ Alter Platz
Wörthersee
Fotos: Portrait/Buch _ privat
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Fotos: Bachmannpreis/Klagenfurt/Wörthersee_ Walter Pobaschnig
Lieber Christoph, Du hast am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan Deine ersten Erinnerungen?
Begegnungen, Episoden, Anekdoten… Josef Winkler und die Rotweingläser des Bürgermeisters; Helmut Eisendle muss gerettet werden; Hermann Burgers Ausführungen über das Verschellen; Helmuth Karaseks Bonsai-Masochismus…
Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
Begegnungen! Mitunter der dritten Art. Schreiben, jedermann weiß es, ist eine einsame Tätigkeit. Das Wettlesen in Klagenfurt ist eine der Gelegenheiten, einzutauchen in das Gewimmel des Literaturbetriebs – mit dem Vorteil, gegenüber den Großveranstaltungen von Buchmessen und internationalen Festivals, einer gewissen claustrophilen Intimität.
Wie hast Du Deine Lesung, die Jurydiskussion und die Preisverleihung erlebt?
Ich bin mutmaßlich der einzige Autor, der dreimal am Klagenfurter Wettlesen teilgenommen hat (1978, 1980, 1989). So bin ich wohl tatsächlich ein (Bonsai-) Masochist. 1978 erinnere ich einen Disput, nach meiner Lesung, zwischen M.R.-R. und Adolf Muschg um die Bedeutung von Zwei Franken fünfzig in meinem Text. 1980: Joachim Kaiser und die Kritik an der Verharmlosung von Kinderängsten. Zuletzt, im Juni 89, sass ich ausgerechnet neben Wolfgang Hilbig in dem Augenblick, da der Gewinner des Bachmannpreises verkündet wurde. Ich spüre Hilbigs Pranke noch heute auf meiner rechten Schulter, zumindest mental.
Wie hat sich der Bachmannpreis auf Deinen weiteren literarischen, künstlerischen Weg ausgewirkt?
Meine ersten beiden Lesungen haben sicher die internationale Wahrnehmung meiner Schriftstellerexistenz befördert. Im Übrigen sind Schriftstellerfreundschaften geblieben, zumindest eine ganze Weile. An die Grammatik des Verschellens muss man sich in einem gewissen Alter gewöhnen.
Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?
Ab und zu wieder einmal eine Aufregung. Einen Rasierklingenschnitt, zumindest einen mentalen.
Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
Kümmert euch, beim gegenwärtigen Zustand der Welt, um die Ästhetik des Desasters.
Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!
Christoph Geiser, Schriftsteller
Zur Person: Christoph Geiser, 1949 in Basel geboren, lebt als freier Schriftsteller in Bern und Berlin. Seit 1968 veröffentlicht er Gedichte, Erzählungen und Romane, unter anderem die grossbürgerlichen Familienromane „Grünsee“ und „Brachland“, die Künstlerromane „Das geheime Fieber“ über den Barockmaler Caravaggio und „Das Gefängnis der Wünsche“ über den Marquis de Sade und Goethe. Zuletzt erschien 2019 im Secession Verlag, Berlin, ein Band mit Erzählungen unter dem Titel «Verfehlte Orte». Seit Herbst 2022 publiziert der Secession Verlag eine Gesamtausgabe aller Werke in 13 Bänden.
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.
Ingeborg Bachmann, Rom 1962
Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.
Kärnten
Wörthersee
Foto: Christoph Geiser _ Yvonne Böhler
Foto: Ingeborg Bachmann _ Garibaldi Schwarze
Fotos: Bachmannpreis/Kärnten/Wörthersee_ Walter Pobaschnig
im Interview _ Friedrich Hahn, Schriftsteller _ Wien
Bachmannpreisnominierter 1987
Lieber Friedrich, Du hast 1987 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan Deine erste Erinnerungen?
Der Tod meiner Mutter. Auf der Rückfahrt wurde ich 4 x geblitzt, bekam vier Strafmandate wegen Überschreitung der Höchstgeschwindigkeit.
Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
Das Auserwähltsein. Meine griechische Inselurlaubsbräune (ich war vor dem Wettlesen sechs Monate als selbstversorgender Aussteiger auf Kea)
Wie hast Du Deine Lesung, die Jurydiskussion und die Preisverleihung erlebt?
Kaum feedback. Nur Frau Schubert fand schließlich anerkennende Worte.
Wie hat sich der Bachmannpreis auf Deinen weiteren literarischen, künstlerischen Weg ausgewirkt?
Gar nicht. Vielleicht eines von 62 Büchern, u.a. mit ‚Rosenhügel‘, dem Text, den ich in Klagenfurt las…(?): KARST/edition Umbruch
Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?
Weiß nicht. Mehr renommierte, bekanntere AutorInnen? Weniger durchschaubare Klüngel der Jury?
Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.
Bachmannpreisgründer, langjähriger Juror, Autor und Journalist _ Humbert Fink
Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.
Wörthersee
Foto: Friedrich Hahn _ privat
Foto: Ingeborg Bachmann _ Garibaldi Schwarze
Fotos: Bachmannpreis/Klagenfurt_ Walter Pobaschnig
im Interview _ Gerald Szyszkowitz, Schriftsteller, Dramaturg _ Maria Enzersdorf/NÖ
Bachmannpreisnominierter 1982
Lieber Gerald, Du hast 1982 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind Deine Erinnerungen?
Bachmannpreisnominierter 1982
Lieber Walter Pobaschnig, Du fragst nach Erinnerungen … Das ist alles lange her … Aber ich versuch`s …
Ich arbeitete damals im ORF, als mein erster Roman DER THAYA bei Zsolnay erschien, und der Generalintendant des ORF, damals Gerd Bacher, hatte nicht nur eine sehr positive Kritik darüber in der FAZ gelesen, sondern er mochte den Roman auch wirklich …
Als ich dann meinen Text in Klagenfurt vorgelesen hatte, tobte aber sofort der Kritiker Reich-Ranicki los, … Das sei hier offenbar eine abgesprochene Sauerei, dass ein ORF-Mitarbeiter hier in Klagenfurt bei diesem ORF-Wettbewerb den BACHMANNPREIS bekommen soll… Ich hatte davor noch kein Wort ´von dieser Intige´ gehört … Und ich bin auch immer noch der Meinung, das hatte sich dieser ….Reich-Ranicki eingebildet … Der Gerd Bacher hätte so einen Blödsinn nie gemacht … Also sagte ich sofort, das sei wohl eine Fehlinformation, darauf brüllte Reich-Ranicki erst recht endlos weiter, bis er wütend auf den Gang hinaus rannte … Ich ging hinterher und wollte weiter mit ihm reden, er schrie aber nur weiter herum, es war einfach schrecklich … Ja, so ist es, aber diese Reich-Ranicki-Schreierei war für mich wirklich das einzig Besondere an diesem frühen Bachmannpreis … Im Jahr 1982, denk ich … Das ist jetzt also mehr als vierzig Jahre her …
Aber weil du fragst, was ich den heurigen Teilnehmern und vor allem dem Vorsitzenden Klaus Kastberger, den ich gut kenne, wünsche … Intelligente und begabte Texte … Und keinesfalls so eine deppate, völlig unberechtigte und auch ungerechte Schreierei wie die vom Reich-Ranicki damals … Herzlichst, Gerald
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.
Ingeborg Bachmann, Rom um 1970
Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.
Klagenfurt _ Alter Platz Ossiacher See/Kärnten
Foto: Gerald Szyszkowitz _ privat
Foto: Ingeborg Bachmann _ Garibaldi Schwarze
Fotos: Bachmannpreis/Klagenfurt/Ossiacher See_ Walter Pobaschnig