„Die Bachmanntage sind ein kleines soziales Wunder“ _ 50 Jahre Bachmannpreis _ Egon Christian Leitner, Schriftsteller _ Graz 15.6.2026

50 Jahre Bachmannpreis _

Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt

im Interview _ Egon Christian Leitner, Schriftsteller _ Graz

Bachmannpreisnominierter 2020

Kelag-Preisträger

Lieber Egon, Du hast 2020 am Bachmannpreis in Klagenfurt, dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum, teilgenommen. Was sind spontan erste Erinnerungen?

Spontan 1. Du hast mich 2020 beinahe unmittelbar vor dem Bachmannwettbewerb interviewt. Ich habe Dir, lieber Walter, damals wirklich alles gesagt, was ich mir dazu denke. Es war dann auch wirklich so. & es wird auch diesmal so sein. Das klingt vielleicht doof & anmaßend oder angeberisch von mir. Aber was soll’s. Schau nach. (Wenn ’s’ D’ halt magst.) Dein Interview mit mir könnte also problemlos bereits hier enden. Ich danke Dir jedenfalls für die Einladung.

Selbstverständlich habe ich z.B. nicht vergessen, auf welche Weise Neojuror Philipp Tingler, der ja zum ersten Mal mit von der Partie war, sich als Star zu profilieren & durchzusetzen trachtete. Das war damals jedoch weder mein erster Eindruck vom Bachmannwettbewerb mitsamt Atmosphäre & Ambiente noch machte der mich, meine Textur massiv attackierende Tingler auch nur den geringsten Eindruck auf mich & ich will eigentlich nicht mit meinen Tingler-Erinnerungen anfangen, obwohl die Deine Leserinnen & Leser vielleicht am meisten interessieren würden. Vielleicht auch, zumal Tingler mir bei der Abstimmung überraschenderweise seine Stimme gab. Nur so viel vorweg: Tingler kannte ich bereits – allerdings nicht mit seinem Namen – von einer Diskussion her, in der Jean Ziegler zu ihm „Mit Ihnen rede ich nicht mehr, denn Sie haben Unrecht“ sagte. Ziegler hatte zuvor ein Gedicht Pablo Nerudas vorgetragen. Ziegler, der mit Pierre Bourdieu befreundet war & Bourdieu anno 2000 auf mein erstes Bourdieu-Buch aufmerksam machte, hat mir übrigens einmal seine Freundschaft angeboten, worauf ich natürlich stolz bin. Tingler wusste & ahnte von derartigen Konstellationen ganz gewiss nichts. Sie waren mir in der Sache auch überhaupt nicht wichtig. Der Bachmannwettbewerb 2020 jedenfalls steckte für mich voller erstaunlicher Zufälle. Das muss jetzt für den Anfang einmal reichen, finde ich. & ob’s PR ist & der Reputation was bringt oder nicht, ist mir wirklich wurscht. Ich merke nur, dass ich mich gern erinnere. Passt!

Spontan 2. Wolfgang Borchert: „Stell dich mitten in den Regen, glaub an seinen Tropfensegen, spinn dich in das Rauschen ein und versuche gut zu sein! Stell dich mitten in den Wind, glaub an ihn und sei ein Kind – lass den Sturm in dich hinein und versuche gut zu sein! Stell dich mitten in das Feuer, liebe dieses Ungeheuer in des Herzens rotem Wein – und versuche gut zu sein.“ Ich kann die Verse halbwegs auswendig, weil’s das Lieblingsgedicht meiner Frau ist. VERSUCH ES heißt’s bekanntlich. Mein wahlverwandter österreichischer Lieblingssatz stammt aus dem Gesamtlebenswerk des legendären, in jeglicher Hinsicht ausgezeichneten österreichischen Arztes, Publizisten & Kreiskyvertrauten Werner Vogt, nämlich Unglück in Glück drehen. Apropos: Mir fällt jedes Mal, wenn ich der Künstler:innen-Portraits wegen in Dein perpetuum-mobile-artiges, lebhaft dahinsprudelndes, offenkundig nie versiegendes, enzyklopädisch überquellendes Literatur outdoors-Projekt schaue – in Dein quicklebendiges, Leben bewahrendes Archiv halt –, Borchert ein, Draußen vor der Tür.

3. Du willst ja spontane Erinnerungen. Hiermit teile ich Dir meine Erinnerung an die damalige Unbefangenheit meiner Wenigkeit bei, vor & nach dem Bachmannwettbewerb mit. Ich war wirklich unbefangen & bin’s geblieben. Ich war auch unbeeindruckt & ich blieb unenttäuscht. Ich habe bezüglich der unmittelbaren Veranstaltungstage tatsächlich keinerlei Enttäuschung erlebt, sondern ganz reale Chancen auf real mögliche happy ends, nur Gutes sozusagen. Was Borchert mit GUT meines Empfindens meint … meinte ich bei den Bachmanntagen meiner Meinung nach auch. Literaturbetriebsshows meinte Borchert vermutlich bis ganz gewiss nicht mit GUT, sondern eben existenziell all die Lebenssituationen, in denen es wirklich um etwas geht. Nämlich eben darum, Unglück in Glück zu drehen. Mich, mein Zeugs mit Borchert oder Vogt oder deren Lebenswerk zu vergleichen, hab ich ganz gewiss nicht im Sinn. Schäme mich jetzt fast, ohne zu wissen, warum & wofür & vor wem. Maßgebende Menschen für viele unserer Zeitgenoss:innen waren & sind Borchert & Vogt jedenfalls mit Sicherheit. & beim Bachmannpreis geht’s halt auch ums Gute. Oder? Daher also wohl meine spontanen Assoziationen auf Deine Frage. Apropos spontan: Ich frage jetzt Dich, lieber Walter, nämlich den sichtlich & erlebbar guten Lehrer Pobaschnig getraue ich mich das zu fragen: Omnia sponte fluant, absit violentia rebus … von wem ist das? Ich halte diese beiden Sätze, diese Weise der Spontaneität, für die Lösung sämtlicher Probleme, die der Bachmannwettbewerb strukturell hat. Lieber, weil meines Erachtens zutreffender, würde ich sagen: haben  t u t .

4. In der Vorbereitung auf die VA sind mir 2020 nur freundliche & zumindest in ihrem jeweiligen Bereich umsichtige Menschen begegnet; professionell mag ich derlei nicht nennen, obwohl das Ganze wohl viel mit hochgradig perfektionierter Technik zu tun hatte, zumal inmitten der Coronamaßnahmen. Genervt hat mich vorweg, sozusagen im Vorlauf, nichts & niemand. Witzig war, dass bei den Aufnahmen zu meinen Beiträgen, also im Vorstellungsvideo & im Video der Lesung, verflixt viele & verschiedenortige Kirchen vorkamen; die meisten Leute, das Publikum, bewertende Kritiker:innen meinten, das sei Absicht. War es von mir aus überhaupt nicht, sondern reiner Zufall. Ich wollte eigentlich bloß einen neutralen, ruhigen, in diesem Sinne guten Ort irgendwo. Von mir aus wäre nichts Kirchliches wahrnehmbar gewesen in den Videos. Wehrte mich dann aber nicht gegen die zuständigen freundlichen Kameraleute usf. Kirchenglocken haben meine Lesung, die ja eben wegen Corona voraufgenommen & dann beim Wettbewerb eingespielt wurde, sogar gestört; akustisch. Da absolut nichts manipuliert oder wettbewerbsverzerrend zurechtgeschnitten wurde, ließen wir das alles sozusagen live. & es hat dann aber genau so gepasst; ästhetisch & überhaupt. Witzig ist’s aber schon, wenn von Kritikern oder Publikum Echtes & Ehrliches für Schein &Schmäh gehalten wird. Der Spruch Ein jegliches Buch liest seinen Leser gilt somit fürs Filmische & Melodische, kommt mir halt vor, auch. Dergestalt ist das eben mit Wahrnehmungen, Wertungen, Gedanken. Mit fixen Ideen sowieso & Vorurteilen. Wegen der Kirchenglocken hätte regelgemäß meine Lesung wiederholt werden dürfen. Ich lehnte ab. Für behindert und/oder sozial eher minderwertig haben mich auch ein paar literarisch angeblich resp. tatsächlich wichtige Leute gehalten aufgrund meiner Beiträge & waren entsetzt über mich. Als ich etwas gewonnen habe, waren die dann mürrisch & sagten z.B., sie freuen sich für mich, wüssten aber nicht, ob’s Literatur sei. Wieder andere haben sich wirklich gefreut: Mir wildfremde Menschen z.B. haben mir ein paar Tage später in Graz auf der Straße spontan applaudiert oder gesagt, wie schön die Lesung war. Die waren erfreulich, ein paar Mal war das & völlig zufällig & en passant. Unaufdringlich erfreulich waren die meines Empfindens. Junge, Ältere, Männer, Frauen. Ja, das war sehr, sehr nett. Daran erinnere ich mich natürlich gern.

5. Leitner beim Bachmannwettbewerb war meines Erachtens & in meiner Erinnerung eine Art Experiment. Ich wollte ja etwas. Der Menschen- und Wirklichkeitswissenschafter Max Weber sagte zwar einmal, die Österreicher seien alle sehr nett, nur wollen dürfe man nichts. & vor einer Verösterreicherung Europas hat er auch gewarnt. Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg lebte er kurz in Wien. 2020 hat unter anderem jedenfalls doch auch meine tatsächliche Wenigkeit etwas gewollt beim Bachmannwettbewerb. Den Sinn für Humor haben mir übrigens auch irgendwelche unmittelbaren Kommentatoren aufgebracht abgesprochen; ich hatte den aber, mit Verlaub. Meines Erinnerns & Empfindens sogar deutlich mehr als z.B. der mir sympathische Buster Keaton. Ironischerweise geriet z.B. just ein irgendwie beruflich & geldlich kommentierender Hölderlinfan meinetwegen aus der Fassung & schien mir angewidert. Armer Hölderlin, dachte ich mir in der Folge. Ich sah & meine das, Schmäh ohne, ohne jeden Spott. Vielmehr hätte ich gerne mit besagtem Kommentator geredet. In Tapferkeit vor dem Freund, da der Kommentator & ich ja einen gemeinsamen Freund haben, meines Erachtens, nämlich Hölderlin. Von Freund zu Freund hätt’ i gern mit dem Herrn gesprochen. Komm, ins Offene, Freund. Steht ja so geschrieben bei Hölderlin, oder? Bleierne Zeit war damals gerade, oder? & anno 20020 ja eh auch. & für ein paar Leute war allein schon, dass ich seit Jahrzehnten an einem Sozialstaatsroman arbeite, eine Provokation, genauer gesagt: das Wort „Sozialstaat“ oder gar „Sozialstaatsvolksbegehren“. Wirklich, das war so. Die sagten das selber. Meine Textur, die ich im Wettbewerb vorlas, hieß Immer im Krieg. Wiederum eine Provokation. Warum, weiß ich nicht. Ah ja, vielleicht weil kein Krieg war. Angeblich nicht. Jedenfalls war meine Wenigkeit = meine Textur dazumal, 2020, meiner Meinung nach nicht blöd, sondern, mit Verlaub, ideologiekritisch & ziemlich präventiv. 2020 fand infolge der Pandemie der Wettbewerb, die Auseinandersetzung, für die Vorlesenden & für die Juror:innen wie gesagt nicht unmittelbar in Klagenfurt statt, sondern quasi vom jeweiligen Zuhause aus. Vor Ort hätte man – wer immer man ist, ich z.B. – vielleicht anders miteinander & mit dem interessierten Publikum reden können. Weniger gelockdowned, also weniger eingesperrt in den idola specus & theatri & fori & tribus. Das sind bekanntlich nach wie vor treffliche Begriffe aus der Geschichte der wissenschaftlichen Ideologiekritik. Stattdessen sagt man heutzutage aber Blase, was mich abstößt. Der Begriff „Blase“ wäre freilich eh uralt, aus der Antike & dem Mittelalter & der Renaissance. Das würde mir zwar eh passen. Denn dabei ging’s z.B. um die Zerbrechlichkeit von Menschen & um rettende Behutsamkeit. Diejenigen hingegen, die heutzutage meines Empfindens oberg‘scheit von Blasen reden (wohl aufgrund von & in nach wie vor gieriger Analogie zum Börsengeschehen & Kommunikationstechnikboom), haben von Tuten & Blasen = Geistes- & Mentalitätsgeschichte meines Empfindens meistens nicht gar so viel Tau. Du wolltest eine spontane Antwort. Ich habe halt ganz einfach viele Erinnerungen zugleich. Gleichursprüngliche = erste. „Gleichursprünglich“, den Begriff hat, glaube ich, Karl Jaspers gern verwendet. Die geistige Situation der Zeit ist bekanntlich auch von ihm & aus den 1920er, 1930er Jahren. In denen stecken wir wieder. Vielleicht würde mehr Jaspers was dagegen nützen. Helfen. Auch beim Bachmannwettbewerb. Existentielle Kommunikation, Chiffren der Transzendenz.

6. Damit ich’s nicht vergesse, mein angeblich mangelhafter Sinn für Humor: Du möchtest ein aktuelles Foto. Kann sein, ich maile Dir eines, wo ich sehr ernst & traurig schaue. Das ist, weil ich gerade ein Röllchen naschen wollte während des Fotografiertwerdens & mir der Zugriff jäh & schroff untersagt wurde. Darum schaue ich so, so schaue ich dann aus & das schwarze Band auf meinem weißen Strohhut hat sowieso überhaupt nichts zu bedeuten. Schmäh ohne war für mich bei meiner Teilnahme an den Klagenfurter Tagen der deutschen Literatur auch eine Übung in Lachyoga wesentlich: Hahaha, Hehehe, Hihihi, Hohoho, Huhuhu soll man sagen. Hahaha hilft, heißt’s, sofort gegen jede Angst. Hihihi, auf dass das Gehirn munter ist. Hehehe für die eigene Immunität & den eigenen Hals. Hohoho gegen Groll, fremden wie vergeblichen eigenen, & Huhuhu fürs Gedärm in jeglicher Hinsicht. Was ich von den Anonymen Alkoholikern gelernt habe, obwohl ich meiner Seel’ keiner bin, habe ich auch praktiziert, probiert, beim Bachmannwettbewerb, & zwar wie wohltuend die AAs miteinander reden, unaufdringlich nämlich. Ein Buch meines Sozialstaatsromans habe ich übrigens nach ihnen benannt, nämlich Furchtlose Inventur. Darin geht’s darum, wie’s zugehen kann. Um Anomien in Hilfseinrichtungen. Um deren Hilflosigkeit somit usf.

Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?

1. Dass es ihn überhaupt gibt. Dass so etwas überhaupt möglich ist. Aber vielleicht hat der Bachmannpreis andererseits in Wirklichkeit bloß ein kapitalistisches Monopol. Ich persönlich würde dieses Monopol dem Bewerb aber vergönnen. Denn die Bachmanntage sind gut gegen Entfremdung. Bringen zwischendurch den Kapitalismus in Schieflage. Nein? Doch, doch! Ab & zu schon. Der Bachmannwettbewerb wirft die Marktwirtschaft in ihrer kapitalistischen Form über den Haufen. Beim Bachmannwettbewerb wird nämlich in Gegenwart & unter Mitwirkung der Öffentlichkeit demokratisch gewählt; die Entscheidungen werden begründet, die Vorgänge sind allesamt transparent. So stellt der kleine Egon sich das vor. Idealiter = realiter. Es ist ja auch in hohem Maße immer wieder wirklich so. Wie immer aber gilt dennoch Ernst Bloch, und zwar eben doppelt: Überall ist das Noch-Nicht zu finden & überall steckt zugleich der Wurm drinnen. Beides hat Bloch konstatiert. Und die Bourdieu-Schemata, z.B. die Kapitalsorten, gelten selbstverständlich auch. Heißt: die Machtkämpfe, Regeln, Spielaufstellungen, Ressourcen, Einsätze, Hirngrenzen. Die Hirngrenzen sind ausdrücklich das, was bei Bourdieu –  „habitus“ – heißt und das Mitspielen, Mitmachen heißt „illusio“, Illusion. Zu all dem wird, wurde eh ein bisserl bis viel geforscht bislang & publiziert seitens der Germanistik. Gerade auch zum Bachmannwettbewerb. Literatursoziologisch. Existenziell & literaturfinanziell meines Wahrnehmens jedoch nicht.

2. Ich persönlich jedenfalls halte den Bachmannwettbewerb für potentiell durch & durch demokratisch & für eine vorbildliche Chance auf & als Exempel für eine wirklich offene Gesellschaft. Auf Popper & Bloch sozusagen Hand in Hand, also Händchen haltend. & auch mit Bourdieu. & mit Hans Kelsen! Alle Händchen haltend miteinander! Keine ekstatischen Orgien, sondern schlichte Demokratie.

3. Himmlische Nüchternheit ist das Besondere am Bachmannwettbewerb. Dass Werturteile begründet & diskutiert werden müssen & können, sozusagen heilig nüchtern, fasziniert mich. Womit wir wieder bei Hölderlin wären, der sowohl unbestritten Literatur ist als auch ein armer, armer Mensch gewesen. Die Bachmanntage erscheinen mir des Weiteren, um wieder ein Wort Bourdieus zu verwenden, ein kleines soziales Wunder zu sein. Eventuell. Eben dass es dieses Event, diese Institution überhaupt gibt! Dass derlei möglich ist. Nämlich, dass es kreativ & spontan zugeht & fair & abwägend & begründungspflichtig.

4. Mir ist in den ersten Jahren, Jahrzehnten des Bachmannpreises aufgefallen, dass die Juror:innen auf die oftmalige Kritik, sie vernichten Menschen, Talente sowieso, immer wieder antworteten, sie hören & sehen die Texte ja zum ersten Male, kennen sie vorher nicht, sondern äußern sich spontan & aus dem Stegreif; & dass sich die Autor:innen ja ohnehin auch selber zu Worte melden dürfen, quasi das letzte Wort nach der Diskussion & der Kritik selber haben. Im Laufe der Zeit wurden diese Regeln meines Wissens ja immer wieder geändert, sowohl das abschließende freie Rederecht der Autor:innen als auch die völlige Unbekanntheit der Texte. Zurzeit kennen alle Juror:innen alle Texte & das Rederecht der Autor:innen ist auch gewahrt. Soweit ich weiß. Obwohl also die Kritiker:innen ja eigentlich wissen müssten, was sie gelesen haben & nun laut(stark) bewerten & öffentlich analysieren, geschieht dies aber keineswegs automatisch auf fairem & interessantem Niveau. & die Gewalt werden die einfach nicht los bei dem Ganzen. Sehr oft nicht, meines Erachtens. Beides sollte man aber, finde ich, doch wohl schaffen: Gewaltfreiheit & Niveau. Demokratie hiermit.

Wie hast Du deine Lesung und die Jurydiskussion erlebt?

Würde ich gerne unbeantwortet lassen. In der Hoffnung, dass jemand dadurch dermaßen interessiert ist, dass er oder sie sich statt meiner unterbliebenen Antwort die Leitner-Lesung & die Diskussionen & das Vorstellungsvideo im ORF-Internet-Archiv selber anschaut & anhört. Aber da würde ich mich völlig verspekulieren. Also: so war’s, ich bin Zeuge:

1. In übertragenem Sinn hat Philipp Tingler probiert, mich zu köpfen. Am Ende wie gesagt hat er dann aber, sozusagen freundlicherweise, für mich gestimmt. Seine Begründung: weil er Courage und Dialogbereitschaft schätzt, meine z.B. Darauf habe ich mir nichts eingebildet, zumal es vielen missfallen hat, dass & wie ich mich zu Wort gemeldet habe. Mir war da aber überhaupt nichts peinlich. In Rage war ich auch nicht. Friedlich wollte ich sein, friedlich war ich. Dass Tingler derweilen hinter sich die ganze Zeit des Bachmannwettbewerbes lang ein Foto von Margaret Thatcher stehen hatte, habe ich weder gesehen noch hat es mir jemand mitgeteilt. Später dann sagte er von sich, jubilierend, er sei die Margaret Thatcher der deutschen Literatur. Der sagte nicht einmal Literaturkritik, der sagte Literatur. Frohlockte. Wirklich, das war so. Wenige Tage nach dem Bachmannwettbewerb war das, in seiner eigenen Literaturtalksendung; eingeleitet wurde die mit dem Geschrei, das er über meine Textur & mich erhoben hatte. Es war tatsächlich Geschrei gewesen, sehr laut. Weil er ja angeblich so außer sich war, wie er ja – gegen mich und meine Art – die Literatur verteidigen musste. Seine amüsierte Co-Moderatorin war letztlich entzückt von ihm. Als ob laut & lauter dasselbe wären. Die Thatcher! Aber just mich erklärte der de facto zum Ideologen & Dogmatiker! There is no alternative, hat die Thatcher bekanntlich immer gesagt. Aber mir warf er’s fälschlich vor statt ihr zu Recht! Habe Tingler übrigens im Sommer 2020 angeschrieben wegen eines Gesprächs, weil er ja irgendwie gesagt hatte, er wolle eines. Keine Antwort. Nichts. Über so viel hätte ich gerne geredet mit ihm, grad auch beim Bachmannwettbewerb. Es stünde also dafür, finde ich, sich die Lesung samt Diskussion nochmals anzusehen; auch die Abstimmung. Der hochangesehene Sozialpsychologe Moscovici hat vor Jahrzehnten vorbeschrieben, wie Tingler agiert hat. Lustigerweise war Moscovici eher linksalternativ & riet, wie sich Minderheiten durchsetzen könnten. Just der rechte Tingler hat’s praktiziert. Meine Gesprächsangebote sind übrigens prinzipiell immer echt, ich mache niemanden zum Mittel zum Zweck; Tingler hingegen wollte nicht reden, begründen schon gar nicht. So war das. Man sollte also wirklich selber nochmals nachschauen im ORF-Archiv. Man würde m.M.n. etwas Systemisches & Systematisches bezüglich Wettbewerb, Jury & Politik erkennen. Mir fällt auch noch ein: weil ich mit Tingler bei meiner Wortmeldung ja wirklich reden wollte, also auf ihn eingehen, habe ich anders argumentiert, als mir ums Herz war. Hätte ich von Thatcher gewusst, hätte ich mich auf Erich Fromms Objektivitätsbegriff & literaturgeschichtlich, stilistisch & inhaltlich auf Erasmus’ Adagien & Canettis Der Beruf des Dichters berufen & vermutlich ein paar Punkte mehr bekommen. Ich redete sozusagen Tingler zuliebe stattdessen von Fromms Objektivität, Meister Eckhart, Cato, vom alttestamentlichen Pseudo-Login & vor allem von Gorgias & der antiken Rhetorik. Da setzte ich zu viel voraus an präsentem allgemeinem Bildungsniveau. Tingler hatte, hat, wette ich, keine Ahnung, wie sehr & wie existenziell die antike Rhetorik, die ja eben wesentlich auf den Redner Gorgias zurückgeht, auf den europäischen Roman nachgewirkt hat & sogar in die Musik, z.B. auf Bachs Kompositionskunst. & außerdem bedeutet Gorgias, mit Verlaub, die Auseinandersetzung mit dem Nichts. Die Überwindung desselben. Eh zirka wie bei Canetti.

2. „Warum gibt es in der Schule kein Unterrichtsfach, das Helfen heißt, und warum im Fernsehen kein Friedensprogramm? In der Schule ein Lernfach, das Helfen heißt, und im Fernsehen ein paar Stunden pro Woche ein Friedensprogramm! Auf jedem Sender die Analysen, was man wo tun kann, und in jeder Schule Helfen als Pflichtfach für da hier.“ Diese Passage habe ich im Wettbewerb 2020 vorgetragen. Falsch war daran nichts. Tingler jedoch beanstandete die Dringlichkeit meines Stils & meiner Inhalte & dass ich polarisiere. Mit der Dringlichkeit hatte ich natürlich = leider recht; polarisiert hat einzig er. Hat seine Vorwürfe immer wieder wiederholt, alle anderen Mitglieder der Jury widersprachen ihm. Er tat dennoch wie gesagt weiterhin, was Moscovici rät. Berief sich dabei ohne Begründungen oder auch bloß Erörterung oder Benennung auf seine vorgeblich hohen Maßstäbe angeblich wirklich wertvoller Literatur; versuchte zu mobben & zu bossen. Profilierte sich auf diese Weise als höheren Werten dienend. Kam damit durch. Die eben zitierte Lesungspassage – wie überhaupt mein Wettbewerbstext insgesamt – war & ist übrigens nicht zuletzt das Ergebnis meiner jahrelangen Auseinandersetzung & Kooperation mit dem Kriegsberichterstatter Fritz Orter, in Besonderheit mit seinem Buch Warum lebe ich noch? … & auch mit dem Lebenswerk Werner Vogts, nachlesbar in dessen Mein Arztroman, einer Art Biographie des österreichischen Sozialstaates der Zweiten Republik. Des Weiteren mit dem Sozialstaatsökonomen & Konjunkturforscher Marterbauer, jetzt Finanzminister, der in seiner Budgetrede vom10. d.M. sowohl verschlüsselt als auch ausdrücklich die sogenannte antifaschistische Wirtschaftspolitik zum Ziel erklärt hat. Kapiert wurde es von den Medien bislang noch nicht wirklich. Meinem verstorbenen Freund Adolf Holl hat meine Bachmanntagetextur m.M.n. auch viel zu verdanken, geistig, wie man so sagt, vielleicht das Jesusverständnis nämlich. Worüber sich ein paar Leute sehr geärgert haben, war meine Darstellung von Intelligenz; überhaupt meinte man, ich hätte viel Schlimmes erfunden. Z.B. wirtschaftliche, finanzielle, psychologische Zusammenhänge, z.B. bei Schulungen. Nein! Nichts habe ich erfunden! Dass ich eine Frau sterben, verhungern, habe lassen, hat auch jemand aus dem Literaturbetrieb beanstandet. Aber sie ist wirklich verhungert. Ich lasse niemanden sterben. Ein solches, mir unterstelltes, Literaturverständnis ist mir fremd. & unheimlich. & der, der’s mir literaturbetrieblich en passant unterstellt hat, war’s mir auch.

3. Zur Verdeutlichung dessen, worum’s mir beim Wettbewerb 2020 ging: 2002 realisierte Werner Vogt zum Beispiel zusammen mit Johanna Dohnal ein Sozialstaatsvolksbegehren. Ein österreichweiter Diskussions- & Lernprozess quer durch die Bevölkerungsgruppen, Berufe, Lebenswelten hätte es werden sollen zum Zwecke der gemeinsamen Prävention vor künftigen Katastrophen. Im Gesundheits-, Pflege-, Bildungswesen, Wirtschaftsgebaren & Arbeitsleben. Die Sicherung ausreichender Grundversorgung in allen Bereichen. Geschützt dies durch die Verfassung. Wäre die Idee, es zu wiederholen, in den letzten bald 25 Jahren nicht ständig am internen Konkurrenzkampf von Parteien, Verbänden, Interessensvertretungen gescheitert, wäre viel jetzige Unbill erspart geblieben. Ebenso durch Fritz Orters Schule als Lernort des Helfens & Orters Friedensfernsehen. Weder öffentliche noch private Sender waren interessiert.

4. In meinem Schlusswort habe ich ganz zuletzt Tingler & allen Verantwortlichen vorgeschlagen, man möge doch alle Preisgelder zusammen in einen Topf werfen & dann zu gleichen Teilen an alle lesenden Teilnehmer:innen verteilen. Das kam gar nicht schlecht an. Eigentlich hatte ich sagen wollen, sämtliche Preisgelder & sämtliche Juror:innenhonorare in einen Topf und dann verteilen! War vielleicht besser, dass ich die harmlosere Variante wählte. Ich hab mit dem Vorschlag des gemeinsamen Preisgeldes jedenfalls eine Idee Bourdieus angewandt, nämlich dass man, wo einem nur irgend möglich, den Konkurrenzkampf außer Kraft setzen soll.

Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?

Gute Juror:innen m.M.n. & so wenig Technik samt Plastik wie nur irgend möglich. & die Lesungen & Diskussionen allesamt im Freien = unter freiem Himmel. Bilde mir ein, dass Verdi seine Opern prinzipiell dergestalt enden lässt: unter freiem Himmel. Somit gut. Auch daher sind seine Opern dermaßen gut. Der Bachmannwettbewerb könnte also von Verdi lernen. & gute Juror:innen, wie gesagt, lesen die Texte wirklich & reden wirklich über eben diese. Mehr brauchen die gar nicht zu tun. & ein Miteinander halt das Ganze. Alles, was der Bachmannwettbewerb braucht, wäre da. Ist ja eh da. Die Menschen nämlich. Der braucht in Wahrheit nichts sonst. Hugh! Ah, doch noch nicht Hugh: Unter freiem Himmel die VA ist schwierig, weil zu der Zeit immer schon der heiße Sommer herrscht; woher also da den Schatten nehmen. Deshalb die Wettbewerbstage verlegen vielleicht in den Frühling, ein Frühlingsfest daraus machen. Verdi würde das gewiss gefallen & der Bachmann unter Garantie sowieso. Die Bachmann ehren also im milden Frühling. Den gibt’s ja & die Menschen gibt‘s. Erwachendes Leben beim Bachmannpreis, lesend, scherzend, tändelnd, Abhilfe schaffend! Von Lachyoga & von den Anonymen Alkoholikern und deren furchtloser Inventur & von meinem auf Bourdieu zurückgehenden 2020er-Live-Vorschlag, alle Preisgelder zusammenzuzählen & durch die Teilnehmer:innenanzahl zu dividieren & dergestalt auszubezahlen, habe ich Dir im Interview da hier jetzt ja schon gemailt, lieber Walter.

Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?

LOKAH SAMASTAH SUKHINO BHAVANTU … heißt übersetzt: Tapferkeit vor dem Freund, wirkliche nämlich, & dass Böhmen wirklich am Meer liegt & dass der Salamander wirklich durch jedes Feuer geht. Wirklichkeit eben durch & durch, wünsche ich, bittesehr, allen Beteiligten. Von wem ist A poem should not mean but be? Z.B. dass dem wirklich so ist, wünsche ich herzlich detto. & brutto für netto.

Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!

Danke, kann ich gut gebrauchen, weil: Anfang 2027 kommt mein neues Buch heraus. Heißt Einfache Wunder, erfreuliche Wahrheiten. Genretitel: Talisman.

Zur Person: EGON CHRISTIAN LEITNER, geb. 1961, lebt in Judendorf-Straßengel bei Graz, Studium der Philosophie & Klassischen Philologie; Sprachkenntnisse des Weiteren in Arabisch, Farsi, Hebräisch, Sanskrit, Spanisch, Vietnamesisch; arbeitete in der Kranken- & Altenpflege sowie Flüchtlingshilfe. Mitbegründer von Bourdieus Raisons d‘agir in Österreich.

Preise u.a. KELAG-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Preis 2020;

Herausgeber der Reihe Auswege; Eigenbezeichnung für sein literarisches Genre bzw. Hauptwerk: Sozialstaatsroman, davon in Fertigstellung jüngster Titel Einfache Wunder, erfreuliche Wahrheiten.

Bücher u.a.: Bourdieus eingreifende Wissenschaft. Handhab(ung)en, 2000; Des Menschen Herz. Sozialstaatsroman, 2011/12;

Ich zähle jetzt bis 3 und dann ist Frieden, 2021.

Essays u.a.: Was in die Katastrophen führt und was hingegen heraus und was wir einander also schulden. Rezension von Martin Schürz, Überreichtum, in: Wirtschaft und
Gesellschaft, Heft 1, 2020

Bachmannpreis _ ORF Studio-Setting

Bachmannpreis

1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.

Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.

Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.

Klagenfurt _ Alter Platz
Wörthersee

Fotos: Portrait/Buch _ privat

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Fotos: Bachmannpreis/Klagenfurt/Wörthersee_ Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig, 12.6.2026

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