„1997 hatte ich die Illusion, dass der Wettbewerb eine Fortsetzung der einstigen Tagungen der Gruppe 47 sei“ _ 50 Jahre Bachmannpreis _ Leopold Federmair, Schriftsteller _ Hiroshima/JPN 15.6.2026

50 Jahre Bachmannpreis _

Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt

im Interview _ Leopold Federmair, Schriftsteller _ Hiroshima/JPN

Bachmannpreisnominierter 1997 und 2012

Lieber Leopold, Du hast 1997 und 2012 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan erste Erinnerungen?

2012 war es in diesen Tagen extrem heiß. Im überfüllten Zug nach Klagenfurt war die Klimatisierung ausgefallen, und die Fenster ließen sich nicht öffnen. Ich dachte mehrmals, auch dann im ORF-Studio: Hoffentlich überlebe ich das.

1997 dachte ich, ich hätte besser allein hinfahren sollen (damals in meinem Auto). Ich hatte zwei Begleiterinnen.

Meiner Erinnerung nach sind beide Teilnahmen eher unglücklich für mich verlaufen.

Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?

Keine Ahnung. Wahrscheinlich die Mediatisierung. Der Bachmannpreiswettbewerb wurde und wird da und dort nachgeahmt (öffentliche Jurygespräche etc.), aber die Medienpräsenz ist nirgends so stark wie in Klagenfurt.

Wie hast Du deine Lesung und die Jurydiskussion erlebt?

Lesung 2012: ganz normal. Jurydiskussion: Im Rückblick scheint mir, dass ich da zum ersten Mal in Konflikt gekommen bin mit einer stark ideologisch und moralisch ausgerichteten Literaturkritik. Eine Kritikerin hatte anscheinend eine Erzählung von mir erwartet, die in Japan spielt. Vielleicht hätte ich tatsächlich etwas „Japanisches“ auswählen sollen, um die Erwartungen dieser Leute zu erfüllen? Olga Martynova hat damals gewonnen, zurecht, wie mir schien. Der positivste Aspekt meiner Teilnahme war, dass ich mich mit ihr anfreunden konnte. Wir haben später gemeinsam ein Buch herausgegeben.

1997 war vor dem Bachmannpreisbewerb im deutschen Feuilleton von einem „Fräuleinwunder“ die Rede gewesen. Tatsächlich nahmen am Bewerb damals zwei oder drei sehr junge Frauen teil. Ich kam am Ende ins „Rittern“ mit zwei von ihnen (vielleicht waren auch nur diese zwei ganz jungen dort, ich weiß es nicht mehr). Natürlich habe ich verloren. Ich war schon zu alt, obwohl ich mich mit 39 noch recht jung fühlte. Wenig später hat sich diese Rede vom Fräuleinwunder wieder verloren.

Wie hat sich Deine Teilnahme auf Deine literarische Öffentlichkeit wie Deinen weiteren persönlichen literarischen Weg, Deinen Schreibstil, ausgewirkt?

Ich glaube nicht, dass sie einen großen Einfluss hatte. Auf meinen Schreibstil sicher nicht. 1997 hat der unglückliche Verlauf meiner Teilnahme dazu beigetragen, dass ich in eine tiefe persönliche Krise geraten bin. Es hat mich viel Kraft gekostet, aus diesem Loch wieder herauszukommen. Eine indirekte Folge war, dass ich zuerst nach Buenos Aires und dann nach Japan gegangen bin. Dort habe ich mich besser gefühlt als „zu Hause“.

2012 war ich einigermaßen gefestigt, flog zurück nach Japan und machte dort weiter, wo ich ein Woche vorher aufgehört hatte.

Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Zukunft?

Ich sehe nicht fern und verfolge den Wettbewerb kaum, kann daher kaum eine Antwort geben. 1997 hatte ich die Illusion, dass der Wettbewerb eine Fortsetzung der einstigen Tagungen der Gruppe 47 sei. Und ich hatte die – wie ich heute nach der Lektüre von Ingeborg Bachmanns Briefen weiß – Illusion, jene Tagungen seien kollegiale Arbeitsgespräche gewesen.

Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?

Ich kann da nicht viel raten oder wünschen. Vielleicht, dass die Teilnehmer ihre Teilnahme nicht allzu ernst nehmen sollten. Also mit ein bisschen Ironie.

Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!

Leopold Federmair, Schriftsteller

Aktueller Gedichtband von Leopold Federmair:

„Mit Ein Schrein auf dem Kaufhausdach legt der in vielen Sprachen und Kulturen versierte Autor, Übersetzer und Essayist Leopold Federmair, der seit 2006 zwischen Hiroshima und Wien pendelt, einen Lyrikband der anderen Art vor: In über 100 Gedichten versucht er, der japanischen Kultur, ihrem Geist und Lebensstil auf die Spur zu kommen, ohne dabei Postkartenmotive auch nur zu streifen, und setzt sie in Beziehung zu eigener Lektüre und Erinnerungen. Sein genauer Blick fängt Unspektakuläres ein und macht es zu etwas
Besonderem – und damit die Lektüre seiner vielgestaltigen Gedichte zu einem speziellen Erlebnis.

Verweile beim Gedicht
(auch wenn es lang ist),
geh nicht durch es hindurch,
laufe nicht Amok wie
durch den letzten Roman.“
(Pressetext Verlag)

„Ein Schrein auf dem Kaufhausdach“ Shinto-Gedichte. Leopold Federmair. Edition Tandem.

140 Seiten, gebunden | € 22,00

ISBN 978-3-903516-28-1

Ein Schrein auf dem Kaufhausdach – Edition Tandem – Verlag Salzburg Wien

großes Publikumsinteresse _ ORF Studio

Bachmannpreis

1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

Ingeborg Bachmann in Rom, um 1970

Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.

Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.

Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.

Gerlitzen _ Kärnten

Foto: Leopold Federmair _ Station bei Malina _ Walter Pobaschnig 1/26

Foto: Ingeborg Bachmann _ Garibaldi Schwarze

Fotos: Bachmannpreis/Klagenfurt/Gerlitzen _ Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig, 12.6.2026

https://literaturoutdoors.com

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