„Josef Winkler und die Rotweingläser des Bürgermeisters“ _ 50 Jahre Bachmannpreis _ Christoph Geiser, Schriftsteller _ Bern/Berlin 15.6.2026

50 Jahre Bachmannpreis _

Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt

im Interview _Christoph Geiser, Schriftsteller _ Bern/Berlin

Bachmannpreisnominierter 1978, 1980, 1989 Rekordteilnehmer!

Lieber Christoph, Du hast am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan Deine ersten Erinnerungen?

Begegnungen, Episoden, Anekdoten… Josef Winkler und die Rotweingläser des Bürgermeisters; Helmut Eisendle muss gerettet werden; Hermann Burgers Ausführungen über das Verschellen; Helmuth Karaseks Bonsai-Masochismus…

Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?

Begegnungen! Mitunter der dritten Art. Schreiben, jedermann weiß es, ist eine einsame Tätigkeit. Das Wettlesen in Klagenfurt ist eine der Gelegenheiten, einzutauchen in das Gewimmel des Literaturbetriebs – mit dem Vorteil, gegenüber den Großveranstaltungen von Buchmessen und internationalen Festivals, einer gewissen claustrophilen Intimität.

Wie hast Du Deine Lesung, die Jurydiskussion und die Preisverleihung erlebt?

Ich bin mutmaßlich der einzige Autor, der dreimal am Klagenfurter Wettlesen teilgenommen hat (1978, 1980, 1989). So bin ich wohl tatsächlich ein (Bonsai-) Masochist. 1978 erinnere ich einen Disput, nach meiner Lesung, zwischen M.R.-R. und Adolf Muschg um die Bedeutung von Zwei Franken fünfzig in meinem Text. 1980: Joachim Kaiser und die Kritik an der Verharmlosung von Kinderängsten. Zuletzt, im Juni 89, sass ich ausgerechnet neben Wolfgang Hilbig in dem Augenblick, da der Gewinner des Bachmannpreises verkündet wurde. Ich spüre Hilbigs Pranke noch heute auf meiner rechten Schulter, zumindest mental.

Wie hat sich der Bachmannpreis auf Deinen weiteren literarischen, künstlerischen Weg ausgewirkt?

Meine ersten beiden Lesungen haben sicher die internationale Wahrnehmung meiner Schriftstellerexistenz befördert. Im Übrigen sind Schriftstellerfreundschaften geblieben, zumindest eine ganze Weile. An die Grammatik des Verschellens muss man sich in einem gewissen Alter gewöhnen.

Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?

Ab und zu wieder einmal eine Aufregung. Einen Rasierklingenschnitt, zumindest einen mentalen.

Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?

Kümmert euch, beim gegenwärtigen Zustand der Welt, um die Ästhetik des Desasters.

Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!

Christoph Geiser, Schriftsteller

Zur Person: Christoph Geiser, 1949 in Basel geboren, lebt als freier Schriftsteller in Bern und Berlin. Seit 1968 veröffentlicht er Gedichte, Erzählungen und Romane, unter anderem die grossbürgerlichen Familienromane „Grünsee“ und „Brachland“, die Künstlerromane „Das geheime Fieber“ über den Barockmaler Caravaggio und „Das Gefängnis der Wünsche“ über den Marquis de Sade und Goethe. Zuletzt erschien 2019 im Secession Verlag, Berlin, ein Band mit Erzählungen unter dem Titel «Verfehlte Orte». Seit Herbst 2022 publiziert der Secession Verlag eine Gesamtausgabe aller Werke in 13 Bänden.

Weitere Informationen zum Autor unter: http://www.christophgeiser.ch 

Zum Verlag: www.secession-verlag.com

Bachmannpreis _ Lesesetting _ ORF Studio

Bachmannpreis

1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.

Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.

Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.

Kärnten
Wörthersee

Foto: Christoph Geiser _ Yvonne Böhler

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Fotos: Bachmannpreis/Kärnten/Wörthersee_ Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig, 12.6.26

https://literaturoutdoors.com

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