„Ich liebte Literatur sehr, kannte mich aber im „Literaturbetrieb“ überhaupt nicht aus“ _ 50 Jahre Bachmannpreis _ Silvia Szymanski, Schriftstellerin _ Aachen/D 16.6.2026

50 Jahre Bachmannpreis _

Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt

im Interview _ Silvia Szymanski, Schriftstellerin _ Aachen/D

Bachmannpreisnominierte 1998

Liebe Silvia, Du hast 1998 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan erste Erinnerungen?

Ich fand es super, dass ich gleich am Anfang die Kollegen John von Düffel und Leander Scholz kennen gelernt habe. Sie waren auch nominiert, und wir haben uns gut verstanden. Peter Wawerzinek erzählt ja in deinem Interview, wie unbekannt ihm der Preis und überhaupt die ganze Szene war. Bei mir war das ganz ähnlich. Ich liebte Literatur sehr, kannte mich aber im „Literaturbetrieb“, wie viele das nannten, überhaupt nicht aus. Aber der Wörthersee war malerisch, und es war mir eine Ehre, darin zu schwimmen. Ich erinnere mich an ein gemütliches Restaurant; da waren kurz zuvor Fische in den Aquarien gestorben, weil der Blitz eingeschlagen war. Ich hab auch mit vielen Kollegen auf einem Platz in der Stadt die Live-Übertragung eines wichtigen Fußball-WM Spiels gesehen – und das traditionelle Amateurfußballspiel der Literaturleute gegen den ORF, auf einem kleinen Fußballplatz in Klagenfurt, bei dem mein sehr netter und lustiger Lektor Rainer Moritz Schiedsrichter war.

Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?

Für mich war es die Festivalatmosphäre, in die die ganze Stadt involviert war. Und für die Leute, die den Literaturbetrieb schon kannten, war die Veranstaltung wie eine Klassenfahrt. Sie trafen viele Bekannte, man war viel draußen, saß unter Bäumen. Ich mag es im Grunde sogar, dass der Bachmannpreis ein Wettbewerb ist. Das macht es spannend. Allerdings kann man das nur genießen, wenn man es als Spiel sehen kann. Mir gelang das damals, weil ich ein Neuling war und mit so einer Einladung überhaupt nicht gerechnet hatte. Es war mir egal, dass ich letztlich nichts gewonnen habe Wenn man aber schon länger dabei ist und um Anerkennung kämpfen muss, ist es härter. Da kann ich die KollegInnen verstehen, die unter manchen Geringschätzigkeiten der Jurys gelitten haben.

Wie hast Du deine Lesung und die Jurydiskussion erlebt?

Auch da gebe ich Peter Wawerzinek recht: Die eigentliche Veranstaltung (also abgesehen von dem charmanten Drumrum) hatte, zumindest damals, auch was Biederes. Die Jury bestand aus vielen Leuten, die studierter und versierter waren als ich und denen mein Stoff – ein Girl in einer kleinstädtischen Chemischen Reinigung, das sich nach der weiten Welt der Rockmusik sehnte – eher fremd war. Ich hatte bei der recht autobiographischen Story an Irmgard Keun gedacht und mir mit ihren Büchern Mut gemacht. Ich freute mich über die verständnisvolle Bemerkung Robert Schindels in der Jury, er hätte sich in meinem Text noch einen Huckleberry Finn gewünscht, als Kontrapunkt zu meinem weiblichen Tom Sawyer. Das kam dem, was ich im Sinn hatte, ziemlich nahe.

Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?

Ich habe ihn zu lange nicht mehr gesehen und kann das nicht beantworten.

Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?

Habt Spaß, seid freundlich, und lasst alles andere von euch abperlen!

Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!

Silvia Szymanski, Schriftstellerin

Zur Person: Silvia Szymanski, 1958 in Merkstein bei Aachen geboren, war u. a. Sängerin/Songwriterin der Band „The Me-Janes“ und veröffentlichte 1997 ihren Debutroman „Chemische Reinigung“. Weitere Romane, Storys und Artikel folgten. Seit 2011 schrieb sie zudem regelmäßig u. a. für das Online-Filmmagazin „Hard Sensations“. Seit 2025 ist sie Redakteurin des Online-Filmmagazins „critic.de“.

 ORF Studio _ Klagenfurt _ vor der Preisverleihung 2015

Bachmannpreis

1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

Ingeborg Bachmann auf Ihrer Terrasse in Rom, Bocca de Leone, um 1970

Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.

Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.

Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.

Elisabethbrücke _ Lendkanal Klagenfurt

Fotos: Portraits_Silvia Szymanski: 1 Silvia Szymanski; 2 Eberhard Schoenle

Foto: Ingeborg Bachmann _ Garibaldi Schwarze

Fotos: Bachmannpreis/Klagenfurt_ Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig, 12.6.2026

https://literaturoutdoors.com

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