Liebe Miku Sophie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Das ist ja immer so eine Sache mit der Regelmäßigkeit, wenn man so eine Arbeit hat, wie ich; deshalb weiß ich eigentlich nur: von 15-17 Uhr mache ich in der Regel gar nichts, oder jedenfalls nichts wichtiges, weil mein Hirn da auf Pausenfunktion ist. Ich versuche, vormittags zu schreiben und war dankbar, dass im September die Bibliotheken noch geöffnet hatten. Das „noch“, welches man diesertage ja die ganze Zeit mitführt, lasse ich an dieser Stelle raus, denke es aber mit.
Miku Sophie Kühmel, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Durchhalten, womöglich. Und: sich nicht ärgern, wenn man zuhause bleiben muss, sondern froh sein, dass man ein Zuhause hat und nicht nur ein Zelt, das brennt.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Abstraktion und Einfühlung sind’s wohl nach wie vor. Vielleicht ist es möglich, manche Dinge, Topoi, Probleme, all das, besser zu begreifen in der Langsamkeit einer Lektüre, dem Moment einer Installation. Vielleicht kann die Kunst uns also helfen, zu verstehen, womöglich auch, indem sie uns erschreckt, den Spiegel vorhält, uns unsere Grundwerte in einem hermetisch abgeriegelten Raum bewusster betrachten und hinterfragen lässt – und wenn das Aushalten besonders schwer wird, dann hilft auch manchmal, sich Ablenkung zu erlauben.
Was liest Du derzeit?
Sandra Gugićs zweiten Roman Zorn und Stille. Lest ihn alle!
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Ich bin kein allzugroßer Hoffnungsmensch. Ich handle und erwarte unmittelbare Ergebnisse. Ich weiß – zu meinem Leidwesen – dass „hoffen“ in den meisten Situationen nicht weiterhilft. Deswegen hoffe ich nicht, sondern will und erwarte von der Europäischen Union Unterstützung. Ich erwarte, dass die EU mich schützt und Homophobie verbietet – sie in Polen einfach illegal macht.“ (Magdalena Korpas)
Vielen Dank!
De nada.
Vielen Dank für das Interview liebe Miku Sophie, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Robert, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Immer gleich, nämlich spontan und situationsentsprechend: Üben, Proben, Studium von Partituren, Unterricht, Meetings, Interviews, Fotoshootings u.a. geben jedem Tag eine andere Struktur.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Mensch bleiben. Das Leben leben (anstatt unsere Existenz auf bloßes „Corona-Reagieren“ zu reduzieren). Lieb zu uns selbst und den anderen sein. Jeglicher Hysterie und Panikmache ausweichen. Selbständig denken. Selbstverantwortlich agieren.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?
Platon hat die Musik als Ausdruck der Zeit bzw. als Medium zur Formung einer besseren Gesellschaft begriffen. Das hat sich nach bald 2.500 Jahren nicht geändert. – Kunst kann das Gute in uns wecken. Auch in der Erschütterung und aus dem Leid heraus geschaffen, kann wahre Kunst – durch Transformation – etwas Erhebendes vermitteln. Und Erhebung benötigen wir derzeit dringendst.
Was liest Du derzeit?
Neben meinem Bett liegen üblicherweise ein Dutzend und mehr Bücher. An jedem Abend greife ich zu einem anderen – stimmungsentsprechend: Humorvolles, Spirituelles, Fachliteratur, Belletristik…
Welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Gar keinen, außer alle guten Wünsche. – Wir nehmen uns mit unseren eigenen Meinung in der Regel zu wichtig, wir wollen sie anderen aufzwingen bzw. würdigen wir andere oft herab, wenn diese nicht so denken wie wir selbst. Derzeit leben wir in einem Meinungsbildungskrieg; echte Meinungsfreiheit gibt es im strengen Sinne nicht (auch wenn es damit woanders noch deutlich schlechter damit bestellt ist). Andere Meinungen werden heutzutage tendenziell als feindlich angesehen. Das ist sehr, sehr bedenklich.
In diesem Sinne maße ich mir nicht an anderen Ratschläge zu geben.
Ich persönlich möchte in mir in Balance bleiben und die richtige Mischung finden mich dort zu Wort zu melden, wo es Sinn macht, und mich dort zurück zu nehmen, wo reine Polemik oder Intelligenz-tötende Angst herrschen und man durch Wortmeldung nichts weiter als die in dieser Zeit vorherrschende Aggression und Spaltung in der Gesellschaft nur verstärkt. – Bleiben wir positiv!
Vielen Dank für das Interview lieber Robert, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Manches ist gleichgeblieben. Aufstehen, Kaffee trinken mit meinem Partner, Dinge am PC erledigen, sich an die Arbeit machen.
Anderes, wie zb. Lesungen, Auftritte, Organisationsarbeiten, Kommunikation ist anders geworden bzw. weniger geworden. Lesungen sind ja viele ausgefallen. Damit natürlich auch Einnahmen.
Und wir, also das fröhliche Wohnzimmer, betreiben ja das Glücksschweinmuseum, das auch ein Ort der Begegnungen ist, das war natürlich auch geschlossen und hat jetzt wieder offen, jetzt mal einen Tag in der Woche, mit Maske.
Zugleich ist es eben schon eine psychische Belastung, so eine Ausnahmesituation, in der viele Menschen an ihre Grenzen kommen, sei es gesundheitlich oder existentiell und wo sich gesellschaftliche Probleme verstärkt zeigen.
Ich habe versucht, ganz normal weiterzuschreiben, aber ich habe schon gemerkt, dass ich etwas gebremst war und bin.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Sich der Ungleichheiten und Diskriminierungen bewusst zu werden und dagegen die Stimme zu erheben.
Die eigene Situation zu reflektieren.
Das Gesundheitssystem zu verbessern.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Sie ist eine Möglichkeit der Wahrnehmung. Eine Möglichkeit der Kommunikation. Eine Möglichkeit, die Welt zu erleben und zu verändern.
Was liest Du derzeit?
Ocean Vuong: Nachthimmel mit Austrittswunden.
Eleonore Weber: In den Sätzen
Egon Christian Leitner: Des Menschen Herz (Sozialstaatsroman)
(Das ist Teil des Projekts, das er beim Bachmannpreis vorgestellt hat, habe mir heuer den Bachmannpreis nach Jahren wieder angesehen.)
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„… ein verletztes oder zorniges Gefühl in sich zu haben ist sehr häufig im normalen Lebenˮ (aus: Gertrude Stein: „The Making of Americansˮ.)
„… die Mutlosigkeit ist der Beweis dafür, dass man auch Mut haben kannˮ (aus: Eduardo Galeano: Geschichtenjäger.)
Vielen Dank für das Interview liebe Ilse, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielfältigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Julia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Wie immer – Kinder zur Schule fahren, selbst zur Arbeit, abends kann ich mich austoben: zwischen Haushalt und Hausaufgaben, Lesen und Putzen, Schreiben und Bügeln, Sozialleben ist ins Virtuelle gerückt 🙂
Julia Grinberg, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Cool bleiben, Regeln folgen. Viele Wissenschaftler forschen auf Hochtouren, auch Politiker tun ihr Bestes in der ungewissen Situation. Und wir sollen auf Zustände im Kulturbereich unermüdlich aufmerksam machen. Cool bleiben. Es wird schon wieder.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Lyrik, Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich denke wir werden dauerhaft neue Medien nutzen müssen. Es ist erstmal eine große Umstellung und hat definitiv Nachteile. Aber auch – definitiv Vorteile und da müssen wir uns neue Formate ausdenken, sodass Kunst und Literatur im Internet zugänglicher, populärer für Interessierte und professioneller (sprich – verdienstfähig) für Autoren/Künstler werden. Nur auf dem Weg bekommen sie auch eine immer größere Rolle. Stichwort: Kreislauf.
Im Sommer viel entspannter als vor Covid-19 – da ich meine Teilzeit-Lohnarbeit zu Hause erledigte, war viel mehr Zeit für Kind, Arbeit, Haus, Garten, mich selbst übrig.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Besonders wichtig wäre es mir, dass sich Einzelne immer wieder vergegenwärtigen würden, was Wissenschaft eigentlich ist: Ein überprüfbarer Prozess, in welchem stets neue Erkenntnisse einfließen. Wissenschaftliche Erkenntnisse verändern sich deshalb zwangläufig kontinuierlich. Es wäre sehr schön, wenn nicht große Teile der Bevölkerung dies als «Beweis» dafür ansehen würden, dass Wissenschaftler lügen, Teil einer Verschwörung, oder «gekauft» sind. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, die auf die Wissenschaft hört, und dementsprechend handelt, sei das nun in Bezug auf Covid-19 oder auf die globale Klimakatastrophe.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?
Wichtig wäre es, gesamtgesellschaftlich spaltende Einflüsse wie Social Media viel stärker zu reglementieren, um zu einem normaleren, weniger hasserfüllten Diskurs zurückzufinden. Wichtig wäre es auch, die größeren Probleme wie die Klimakatastrophe nicht wegen der Pandemie aus den Augen zu verlieren und politisch entsprechend zu wählen / abzustimmen / auf die Barrikaden zu gehen. Stattdessen protestieren einige Menschen dagegen, eine Maske tragen zu müssen.
Der Literatur kommt aktuell die Aufgabe zu, in Krisenzeiten auch via des vielverteufelten (warum eigentlich?) Eskapismus zu trösten, gleichzeitig aber auch unangenehme Realitäten erfahrbar abzubilden und insbesondere für jeden Einzelnen: Kreativ sein zu können in Zeiten, in denen man sich oft auf sich selbst und die unmittelbaren Liebsten konzentrieren muss. Jeder kann allein oder zu mehrt ein absurdes Nonsens-Gedicht, Limericks oder einen Liedtext verfassen. Wer kreativ ist, hat in diesem Moment keine Angst. Und Lachen, da lohnt es sich wieder, auf die Wissenschaft zu hören, stärkt das Immunsystem und hält gesund. Literatur ist eigentlich eine Mehrfachmedizin für schlechte Zeiten.
Was liest Du derzeit?
Tucholsky. Wie immer mal wieder. Und ein paar Krimis parallel. Wie immer. Und ich hab grade die wunderbaren Gedichte von Boris Rhyzy entdeckt, leider nur in deutscher und englischer Übersetzung. Jetzt bedauere ich, dass ich kein Russisch kann.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ottos Mops von Jandl! Und jetzt: Selbst weiterdichten. Vielleicht mit «Noahs Boa» oder einer «kriminellen Forelle»?
Vielen Dank für das Interview liebe Sylvia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Severin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich nehme morgens ein Bad in meinem Geldspeicher, leite vormittags mit der kleinen Zehe meines linken Fußes einen weltumspannenden humoristischen Weltkonzern, Mittagessen, berate nachmittags Bundeskanzler Kurz in Fragen der Menschlichkeit und trete abends vor 2000 zahlenden russischen Oligarchen auf und mache Witze über schwul-lesbische MundnasenschutzträgerInnen.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Natürlich die 5G:
Geld
Gesundheit
Geilheit
Gonsum
Ganzheitliches Erleben meiner gosmischen Seele
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Kabarett, der Kunst an sich zu?
Die übliche Rolle: Bittsteller, Pausenclown und Feigenblatt
Was liest Du derzeit?
Die AGBs.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Wer über gewisse Dinge seinen Verstand nicht verlieret, der hat keinen zu verlieren.“
– Gotthold Ephraim Lessing in „Emilia Galotti“
Vielen Dank für das Interview lieber Severin, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kabarettprogramme, Schauspiel- und Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Christian, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Tagesablauf wie immer seit Juni 2019. Schlafe, lese, schreibe zuhause, fahre nachmittags in mein Schreibbüro, arbeite dort weiter, organisiere für 2 Vereine. Lesungsreihen, Poetry Slams, Buch-Edition. Koche auch mal dort, telefoniere, erledige Post, sehe ZiB, plane Ausstellungen und Lyrikbände und fahre um 23.30 nach Hause und gehe ins Bett. Manchmal gehe in charmanter Gesellschaft essen. Denn im chaotischen Büro und ebensolcher Wohnung empfange ich nicht.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Besonders wichtig wären entschlossene Maßnahmen gegen die Seuche. Wir Kreativen, angewiesen auf öffentliche Veranstaltungen, können nicht dulden, dass diese Seuche/Misere sich noch vergrößert und jahrelang hinzieht, aufgrund schlapper populistischer, nicht ausreichender Gegenmaßnahmen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Literatur, der Kunst an sich zu?
Der Aufbruch und Neubeginn wird langsamer vonstatten gehen als gedacht. Damit wir auf einen status quo ante gelangen, muss die Seuche entschlossen bekämpft werden. Nach dem verfrühten Abbruch des Lockdown sehe ich kaum Licht am Ende des Tunnels.
Beispiel: Wir müssen nun, vor Veranstaltungen eruieren, wie viel Publikum kommen wird. Bei Lesungen und Poetry Slams kriege ich nie solch exakte Zusagen zusammen. Und in einem Saal mit 60 Plätzen, kriege ich, bei Einhaltung der Abstandsregeln, grade mal die Slammer, die Moderatorin und den Veranstalter hinein. Und das ändert sich nicht, ehe wir die Neuinfektionen auf praktisch Null drücken.
Was liest Du gerade?
Soeben habe ich zu Ende gelesen: Leo Tolstoi: Krieg und Frieden. (Passt!) Und Andrej Szczypiorskij: Die schöne Frau Seidenmann. (Handelt ebenfalls von Krieg, Schuld und dem Verhältnis mehrerer Völker zueinander)
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Mir fällt ein Satz ein, den ich vor 40 Jahren schrieb, und der stündlich aktueller wird: „Die Menschheit ist hoch auf ihre Maschinerie geschnallt und fürchtet um den Zustand ihrer Fesseln.“
Vielen Dank für das Interview lieber Christian, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Clemens, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Nicht viel anders als vor der Pandemie. Ich hatte das Glück, auch schon in den Monaten zuvor einigermaßen zurückgezogen leben zu können. Es ist ein wenig paradox: Obwohl ich als sogenannter Hartz-IV-Empfänger relativ arm bin, wird mir momentan dennoch der Luxus zugestanden, möglichst wenig Menschen persönlich begegnen zu müssen. Ich gehe für meine Mutter (Risikogruppe) und mich einkaufen, treffe draußen gelegentlich einen Freund oder eine Freundin, suche ab und zu eine Arztpraxis auf (nicht wegen Corona) – das war es jedoch schon! Ach ja … Hin und wieder gehe ich jetzt nachts spazieren. Ich mag die menschenleeren Straßen in meinem Kiez. Vor der Pandemie war Berlin-Friedrichshain das reinste Vergnügungs- bzw. Party-Viertel. Das ist nun ein Stück weit vorbei. Und ich mag es – auch wenn es mir leidtut für die Gastronomie hier. Die Ruhe hat fast etwas von einem Generalstreik. Aber es ist natürlich kein Generalstreik. Es kommt auch nicht von ungefähr, dass genau die Branchen (Kultur, Gastronomie etc.) in den Lockdown geschickt wurden, die sich gewerkschaftlich am wenigsten wehren können. Es hat alles mehr mit politischen als mit medizinischen Entscheidungen zu tun, denke ich. Aber ich bin weder ein Politiker noch ein Mediziner.
Clemens Schittko, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich weiß nicht, was jetzt FÜR UNS ALLE besonders wichtig ist. Ich kann eigentlich nur FÜR MICH sprechen. Es gilt, abzuwarten und durchzuhalten. Doch selbst wenn es Mitte nächsten Jahres für alle einen Impfstoff geben sollte, befürchte ich, dass wir wohl dauerhaft mit dem Virus leben müssen, so wie wir es gelernt haben, mit der Grippe zu leben. Ich denke, dass das möglich ist, zumal in einem so reichen Land wie Deutschland. Man gewöhnt sich auch an so vieles. Und die wirklichen Katastrophen dürften uns noch bevorstehen. Wie den Klimawandel stoppen? Oder auch das Artensterben? Dafür müsste man vermutlich den Kapitalismus überwinden. Manchmal denke ich, die Pandemie wird benutzt, um vom Kapitalismus abzulenken und davon, dass die Kluft zwischen Arm und Reich weiter wächst. Denn die letzten Krisen haben doch gezeigt, dass die Reichen reicher geworden sind und die Armen ärmer.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich denke, es wird keinen Aufbruch oder Neubeginn geben. Man will im Grunde zurück zu einem Zustand vor der Pandemie. Deshalb wird jetzt sehr viel Geld ins System „gepumpt“, um die alten Strukturen zu erhalten. Es war aber gerade der Zustand vor der Pandemie, der in die Pandemie geführt hat. Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass wir in wenigen Jahren neue Pandemien erleben werden. Und was die Literatur bzw. die Kunst an sich betrifft: Ich hoffe, dass ihr überhaupt keine Rolle zukommt. Denn immer dort, wo Kunst eine wichtige Rolle zukam und -kommt, in Diktaturen zum Beispiel, gibt es Zensur und werden die Künstler*innen verfolgt. So gesehen wäre es das beste, die Kunst könnte sich allen Erwartungen und Zuschreibungen entziehen. Kunst kann umso mehr sagen, je weniger sich für sie interessieren.
Was liest Du derzeit?
Momentan recht wenig an „klassischer“ Literatur. Stattdessen surfe ich derzeit viel im Internet herum auf der Suche nach neuem Material für kommende Gedichte.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Vor ein paar Tagen ist die 8. Ausgabe der Literaturzeitschrift „Maulhure“ erschienen. Darin befindet sich in einem Text des kürzlich verstorbenen Autors Jürgen Ploog folgender Satz: „Wenn die Geranien auf dem Fensterbrett zum Thema eines Gedichts werden, ist es Zeit, die Koffer zu packen.“ Das hat mir irgendwie gefallen, sodass ich lachen musste. Und dass man bei deutschsprachiger Literatur lachen muss, kommt leider sehr selten vor.
Clemens Schittko, Schriftsteller
Vielen Dank für das Interview lieber Clemens, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Clemens Schittko_Schriftsteller
Alle Fotos_privat.
17.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Tamara, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Dieser hat sich bei mir nicht besonders verändert. Ich nehme mir morgens Zeit, den Tag zuerst mit einem Espresso zu beginnen und dann Sport zu machen. Da ich immer viele Projekte parallel laufen habe, lege ich morgens fest, welche drei Aufgaben ich an diesem Tag erledigen möchte. Diese Selbstmanagement-Technik gibt ein positives Gefühl, trotz einer noch langen To-Do-Liste. Derzeit konzentriere ich mich mehr auf meine kreativen Schreibwerkstätten und die Inszenierung ihrer Inhalte. Meine aktive Schreibphase hatte ich letztes Jahr und mein neuer Lyrikband „durst der krieger. liebesgedichte“ hätte im April 2020 erscheinen sollen. Im Moment schreibe ich an meiner neuen Idee nur sporadisch und möchte mich zunächst um mein aktuelles Buch kümmern. Dann wird wieder eine aktive Schreibphase folgen. Was sich tatsächlich verändert hat, sind die vielen ruhigen Abende zu Hause, die ich sehr genieße. Denn wenn der Tag zur Ruhe kommt, arbeite ich gerne an meinen kreativen Projekten bis in die späte Nacht hinein.
Tamara Labas, Lyrikerin, Autorin _Skulptur von Jaume Plensas „Body of Konwledge“, die sich auf dem Campus Westend der Johann-Wolfgang-Goethe Universität Frankfurt befindet.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich denke, dass die meisten Menschen eine Art Verlangsamung oder gar Ausbremsung ihres Lebens verspüren. Und wir wurden ein Stück weit auf das Wesentliche reduziert. Wahrscheinlich haben die meisten Menschen hier gespürt, dass das Leben weder planbar noch sicher ist. Ich glaube, dass das ein guter Ausgangspunkt ist, sich die Frage zu stellen, „was ist jetzt für mich besonders wichtig?“. Ich vertraue darauf, dass Menschen, die sich diese Frage stellen, zu keinen egoistischen Antworten kommen, sondern das Wesentliche für sich und damit für die Allgemeinheit erkennen. Wenn ich mir selbst diese Frage stelle, dann kommt bei mir als erstes ein Gefühl auf. Ein Gefühl der Demut vor dem Leben auf dieser Erde.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Krisen bieten Chancen zur persönlichen und gesellschaftlichen Weiterentwicklung. Angesichts der vielen Probleme in der Welt, die ich ursächlich in der Komplexität des menschlichen Wesens sehe, fällt es mir manchmal schwer, an meine Vision vom friedvollen Leben im Einklang mit diesem Planenten zu glauben. Noch schlimmer aber wäre, diese Vision aufzugeben. Wir brauchen Visionen. Also finde ich, sollten wir uns die Frage stellen, welche Weltengemeinschaft wir sein möchten. Bei der Beantwortung der Frage sollten wir lokal und global zugleich denken und dabei Achtung vor der Natur und den kulturellen Errungenschaften haben, um zu ausgewogenen Antworten zu kommen. Wenn ich mir gerade meine eigene Forderung vorstelle, merke ich, wie viel Arbeit noch vor uns liegt. Aber der Blick zurück in die Geschichte oder in andere Teile der Welt heute, zeigt mir nicht nur, dass ich zu einer recht guten Zeit und an einem recht guten Ort der Welt als Frau und Mensch lebe, er zeigt mir auch, dass gesellschaftliche Entwicklungen und Veränderungen möglich sind. Das lässt mich hoffen. Literatur und Kunst haben sich schon immer diese Fragen gestellt und Entwürfe von Antworten gegeben. Dies werden sie auch weiter tun und unser menschliches Wesen, unsere Sehnsüchte, unsere Visionen, aber auch unsere Schrecken erkunden, verarbeiten und uns berühren.
Was liest Du derzeit?
Den schönen Roman von Iris Wolff. Ich durfte vor fast genau drei Jahren Iris kennenlernen und freue mich mit ihr über ihren großen Erfolg.
Außerdem lese ich Pankaj Mishras „Das Zeitalter des Zorns“. Ich denke, es ist ein wichtiges Buch.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Die Tage hielt ich mal wieder Gedichte von Mascha Kaléko in den Händen…
Die frühen Jahre
Ausgesetzt
In einer Barke von Nacht
Trieb ich
Und trieb an ein Ufer.
An Wolken lehnte ich gegen den Regen.
An Sandhügeln gegen den wütenden Wind.
Auf nichts war Verlaß.
Nur auf Wunder.
Ich aß die grünenden Früchte der Sehnsucht,
Trank von dem Wasser das dürsten macht.
Ein Fremdling, stumm vor unerschlossenen Zonen,
Fror ich mich durch die finsteren Jahre.
Zur Heimat erkor ich mir die Liebe.
Vielen Dank für das Interview liebe Tamara, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Danke dir, lieber Walter! Es war für mich bereichernd, mir Gedanken zu deinen Fragen machen zu dürfen.
Liebe Katarina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Im 1.Lockdown sind einige Produktionen abgesagt bzw auf 2021 verschoben worden, so hatte ich die Zeit an meinem Album zu arbeiten und habe das Lied „Die Welt steht still“ geschrieben und mit Karen Asatrian aufgenommen. Kann man sich auf YouTube gerne anschauen&anhören. So, dass ich die Zeit gut genutzt habe, um meine eigenen Projekte weiter zu bringen.
Derzeit habe ich das Glück, dass ich noch mitten in den Proben bin. Wir müssen zwar die Premiere verschieben, aber ich darf arbeiten&das ist in so einer Zeit keine Selbstverständlichkeit und ich bin sehr dankbar dafür.
Katarina Hartmann, Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Besonders wichtig ist es jetzt zusammenzuhalten und Solidarität zeigen. Ich habe Krebskranke Eltern und ich versuche so gut wie möglich Soziale Kontakte zu meiden um sie zu schützen. Wir müssen jetzt einfach aufeinander acht geben und die Nerven bewahren. Durchhalten, denn auch diese Pandemie wird vorübergehen.
Was aber die Kunst und Kultur angeht, so muss ich sagen, dass viele meiner Kollegen in Sorge sind, weil sie nicht wissen, wie es für sie weitergeht. Wir brauchen auf jeden Fall Perspektiven. Leider werden wir von der Politik als Freizeitgeschäft gesehen. Aber Kunst und Kultur ist mehr.
„Die Kunst ist eine Vermittlerin des Unaussprechlichen.“
(Johann Wolfgang von Goethe)
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Bedeutung kommt dabei dem Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Kunst kann und darf alles sein, vor allem aber kritisch. Kunst wird immer allgegenwärtig und präsent sein, denn die Menschen sehnen sich danach, überhaupt in Zeiten wie diesen.
Was liest Du derzeit?
So zwischen durch mal immer wieder „DIE ZEIT“ ansonsten konzentriere ich mich derzeit eher auf das Schreiben meiner Lieder.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„In schweren Zeiten ist Menschlichkeit und Mitgefühl sowie Miteinander das wichtigste, was wir täglich tun können!“
Vielen Dank für das Interview liebe Katarina viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspiel-, Musikprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!