„Ein Gefühl der Demut vor dem Leben auf dieser Erde“ Tamara Labas, Schriftstellerin _ Frankfurt/Main _ 2.12.2020

Liebe Tamara, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Dieser hat sich bei mir nicht besonders verändert. Ich nehme mir morgens Zeit, den Tag zuerst mit einem Espresso zu beginnen und dann Sport zu machen. Da ich immer viele Projekte parallel laufen habe, lege ich morgens fest, welche drei Aufgaben ich an diesem Tag erledigen möchte. Diese Selbstmanagement-Technik gibt ein positives Gefühl, trotz einer noch langen To-Do-Liste. Derzeit konzentriere ich mich mehr auf meine kreativen Schreibwerkstätten und die Inszenierung ihrer Inhalte. Meine aktive Schreibphase hatte ich letztes Jahr und mein neuer Lyrikband „durst der krieger. liebesgedichte“ hätte im April 2020 erscheinen sollen. Im Moment schreibe ich an meiner neuen Idee nur sporadisch und möchte mich zunächst um mein aktuelles Buch kümmern. Dann wird wieder eine aktive Schreibphase folgen. Was sich tatsächlich verändert hat, sind die vielen ruhigen Abende zu Hause, die ich sehr genieße. Denn wenn der Tag zur Ruhe kommt, arbeite ich gerne an meinen kreativen Projekten bis in die späte Nacht hinein.

Tamara Labas, Lyrikerin, Autorin _Skulptur von Jaume Plensas „Body of Konwledge“, die sich auf dem Campus Westend der Johann-Wolfgang-Goethe Universität Frankfurt befindet.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich denke, dass die meisten Menschen eine Art Verlangsamung oder gar Ausbremsung ihres Lebens verspüren. Und wir wurden ein Stück weit auf das Wesentliche reduziert. Wahrscheinlich haben die meisten Menschen hier gespürt, dass das Leben weder planbar noch sicher ist. Ich glaube, dass das ein guter Ausgangspunkt ist, sich die Frage zu stellen, „was ist jetzt für mich besonders wichtig?“. Ich vertraue darauf, dass Menschen, die sich diese Frage stellen, zu keinen egoistischen Antworten kommen, sondern das Wesentliche für sich und damit für die Allgemeinheit erkennen. Wenn ich mir selbst diese Frage stelle, dann kommt bei mir als erstes ein Gefühl auf. Ein Gefühl der Demut vor dem Leben auf dieser Erde.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Krisen bieten Chancen zur persönlichen und gesellschaftlichen Weiterentwicklung. Angesichts der vielen Probleme in der Welt, die ich ursächlich in der Komplexität des menschlichen Wesens sehe, fällt es mir manchmal schwer, an meine Vision vom friedvollen Leben im Einklang mit diesem Planenten zu glauben. Noch schlimmer aber wäre, diese Vision aufzugeben. Wir brauchen Visionen. Also finde ich, sollten wir uns die Frage stellen, welche Weltengemeinschaft wir sein möchten. Bei der Beantwortung der Frage sollten wir lokal und global zugleich denken und dabei Achtung vor der Natur und den kulturellen Errungenschaften haben, um zu ausgewogenen Antworten zu kommen. Wenn ich mir gerade meine eigene Forderung vorstelle, merke ich, wie viel Arbeit noch vor uns liegt. Aber der Blick zurück in die Geschichte oder in andere Teile der Welt heute, zeigt mir nicht nur, dass ich zu einer recht guten Zeit und an einem recht guten Ort der Welt als Frau und Mensch lebe, er zeigt mir auch, dass gesellschaftliche Entwicklungen und Veränderungen möglich sind. Das lässt mich hoffen. Literatur und Kunst haben sich schon immer diese Fragen gestellt und Entwürfe von Antworten gegeben. Dies werden sie auch weiter tun und unser menschliches Wesen, unsere Sehnsüchte, unsere Visionen, aber auch unsere Schrecken erkunden, verarbeiten und uns berühren.

Was liest Du derzeit?

Den schönen Roman von Iris Wolff. Ich durfte vor fast genau drei Jahren Iris kennenlernen und freue mich mit ihr über ihren großen Erfolg.

Außerdem lese ich Pankaj Mishras „Das Zeitalter des Zorns“. Ich denke, es ist ein wichtiges Buch.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Die Tage hielt ich mal wieder Gedichte von Mascha Kaléko in den Händen…

Die frühen Jahre

Ausgesetzt

In einer Barke von Nacht

Trieb ich

Und trieb an ein Ufer.

An Wolken lehnte ich gegen den Regen.

An Sandhügeln gegen den wütenden Wind.

Auf nichts war Verlaß.

Nur auf Wunder.

Ich aß die grünenden Früchte der Sehnsucht,

Trank von dem Wasser das dürsten macht.

Ein Fremdling, stumm vor unerschlossenen Zonen,

Fror ich mich durch die finsteren Jahre.

Zur Heimat erkor ich mir die Liebe.

Vielen Dank für das Interview liebe Tamara, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Danke dir, lieber Walter! Es war für mich bereichernd, mir Gedanken zu deinen Fragen machen zu dürfen.

5 Fragen an KünstlerInnen:

Tamara Labas, Lyrikerin, Autorin

Foto_Stefanie Kösling_Skulptur von Jaume Plensas „Body of Konwledge“

2.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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