Liebe Viola, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich stehe um halb sieben auf, mache Kaffee und dann Frühstück für meine Kinder. Wenn die zur Schule gegangen sind, mache ich mehr Kaffee, erledige gefühlt tausend Dinge und fange, wenn ich Glück habe, irgendwann an zu schreiben. Generell trinke ich zu viel Kaffee und tue zu wenige Dinge, die nichts mit Schreiben oder Arbeit zu tun haben. Wenn die Kinder aus der Schule kommen, haben wir meist Pläne und / oder spielen, kaufen ein, kochen und putzen die Wohnung.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Was immer für uns alle wichtig wäre: ein Gefühl des Aufgefangen-Werdens, der Sicherheit, wenn etwas oder alles schiefgeht. Das gibt es in unserer Gesellschaft nur für manche. Was für mich persönlich wichtig wäre: das Gefühl, unser direktes Umfeld mehr mitgestalten zu können, auch politisch. Meine Kieznachbar*innen reichen gerade eine Petition für bezahlbaren Wohnraum ein, die ich natürlich unterzeichnet habe, doch glaube ich nicht mehr daran, dass das wirklich eine funktionale Form politischer Teilhabe ist (Berlin hätte in Sachen sozialer Wohnungsbau von Wien lernen sollen, am Rande bemerkt).
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt gesellschaftlich und persönlich stehen. Welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Erst einmal hat Kunst den Job, einfach Kunst zu sein und sich selbst genug. Ich denke nicht, dass Kunst jemals einen Auftrag haben oder erfüllen sollte: sie macht ihre eigenen Maßstäbe. Es gibt aber natürlich dennoch gewisse Auswirkungen von Kunst und Literatur auf die Gesellschaft. Wenn es gesellschaftlich möglich sein soll, neu zu beginnen, das heißt also umzudenken, wie mit der Welt besser, anders umzugehen wäre, dann würde der Freiraum für diese Vorstellungskraft in kulturellen Formen vorbereitet, zum Beispiel in Kunst und Literatur. Das heißt nicht platt, dass etwa Romane vom Klimawandel handeln müssten. Es heißt, dass Weisen zu fühlen und zu denken durch literarische Formen ausprobiert werden können, so dass beispielsweise erfahrbar wird, wie eine Ideologie der Alternativlosigkeit funktioniert und wie sich dem gegenüber ein Umgang mit Utopien anfühlen könnte.
Was liest Du derzeit?
In verschiedenen Lese-Stadien habe ich am Start: Zora Neale Hurston, „Their Eyes were watching God“, Ursula LeGuin, „The Dispossessed“, und Emine Sevgi Özdamar, „Seltsame Sterne starren zur Erde“. Alle drei sind wunderbar, auf sehr unterschiedliche Weisen.
Welches Zitat, welche Textstelle möchtest Du uns mitgeben?
„Unmöglich, an dieser Stelle aufzuhören. Das kann ich erst, wenn ich einen bestimmten Punkt in der Vergangenheit erreicht habe, der momentan in der Zukunft meiner Erzählung liegt.“
Annie Ernaux, Erinnerung eines Mädchens
Vielen Dank für das Interview liebe Viola, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Kunst- und Kulturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Zuzana, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich nehme mir zurzeit viel Zeit für mich. Einen wirklichen Ablauf hab ich nicht, ich versuche zurzeit viel zu lesen, mich selbst zu finden, neue Sachen zu lernen, Sport zu machen, zu meditieren. Einfach jeden Tag aufzustehen, da zu sein und mich selbst mehr zu spüren.
Jedoch nehme ich mir jeden Tag eine kleine Sache vor, die ich erledige.
Im Gegensatz zum Sommer, in dem ich so eingedeckt mit einer Produktion war, nehme ich mir jetzt auch heraus ein bisschen Urlaub mit mir selbst zu machen und eigene Projekte, die mir am Herzen liegen, anzugehen. Ganz ohne Druck.
Zuzana Cuker, Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Nicht aufzugeben. Es war vorher schon schwer, als freischaffende Künstlerin.
Durch die aktuelle Situation ist es derzeit noch um einiges schwieriger. Gerade wenn man nicht an einem der staatlichen Theater arbeitet. Es ist besonders schwierig, weil Off-Produktionen und kleine Theater einfach nicht das notwendige Budget haben, um solch eine Krise zu überstehen. Mir wurden viele Jobs abgesagt. Ich glaube zurzeit geht es allen so. Wir müssen uns gegenseitig unterstützen und Solidarität zeigen. Petitionen unterschreiben. Machen. Kultur darf nicht still werden.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Was mich besonders ärgert, und schon immer geärgert hat, ist, das der Bereich Bühne oft als Hobby abgestempelt wird, und auch wurde. Ich finde Theater hat einen Bildungsauftrag. Ich bin mit Theater aufgewachsen, und es hat stark mein kritisches Denken und meine emotionale Intelligenz geprägt. Den Umgang mit Situationen, meine Wahrnehmung. Sich in die Welt einer anderen Figur zu versetzen, prägt die Empathie. Ich glaube wir stehen vor einer sehr schwierigen Zeit in der der Kapitalismus die Kunst niederschmettert. Mich persönlich beschäftigt das sehr.
In meiner Sommerproduktion spielten wir immersives, interaktives Theater mit MNS . Im Jahr 1914. Anfangs dachte ich das wäre ein schlechter Scherz. Aber ich fand das war eine Interessante Herausforderung und hat dann irgendwo auch total gepasst.
Wir hatten einen Corona- Beauftragten Arzt, ein ausgearbeitetes Hygienekonzept, und es hat funktioniert.
Was liest Du derzeit?
Stefanie Sargnagels Buch „Dicht“ .
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Das war eben, aber das hier ist jetzt, und dann ist dieses Jetzt vorbei, und es ist ein neues Jetzt.“
(Siri Hustvedt, „Was ich liebte“)
Vielen Dank für das Interview liebe Zuzana, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Zuzana Cuker, Schauspielerin
Foto_Raoul Bruck
21.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Lieber Philipp, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich wollte das ganze Jahr über reisen, um für mein neues Buch zu recherchieren. Meinen letzten Roman Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen sollte ich 2020 auf Lesungen in China und Japan präsentieren. Stattdessen sitze ich in meinem neuen Schreibatelier in Wien wie in einer Raumkapsel. Ich arbeite, esse und schlafe hier. Ich lese und schließe mich ans Netz an, sauge auf, was in der Welt passiert, spinne es fort. Kant hat sein gesamtes Werk in Königsberg geschrieben, Karl May seine orientalischen Reiseberichte irgendwo bei Zwickau, und ich glaube, Jules Verne ist zum Mond, zum Mittelpunkt der Erde und um die Welt gereist, ohne Frankreich zu verlassen. Ich lasse mich davon inspirieren und versuche meinen Weltroman in meiner Wiener Raumkapsel zu schreiben und mich dabei schwerelos zu fühlen. Borges nennt es ein „Aleph“ – ein Ort, der alle Orte enthält. Dabei empfinde ich es als großes Privileg, in dieser Zeit mit solchem Komfort und solcher Sicherheit die Welt beobachten zu dürfen.
Philipp Weiss, Schriftsteller _ „In der Raumkapsel“
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Es ist an der Zeit, eine Entscheidung zu treffen. Als Kollektiv. Wir sollten uns fragen, ob wir diesem Pfad ökologischer, ökonomischer und sozialer Eskalation weiter folgen wollen. Oder ob wir doch zu einer Verwandlung bereit sind. Covid-19 reiht sich ein in den Kreis der globalen Krisen. Es haben schon viele Stimmen darauf hingewiesen, dass das Auftreten einer Pandemie, wie wir sie heute erleben, keineswegs ein unvermeidliches Naturereignis ist, sondern vielmehr in direktem Zusammenhang steht mit unserem invasiven Naturverhältnis, nämlich mit der systematischen Zerstörung von Ökosystemen und folglich der Freisetzung in diesen gebundener Infektionskrankheiten. Im Fall von Covid-19 spielte etwa der grausame weltweite Handel mit Pangolinen eine entscheidende Rolle. Es ist darum sehr wahrscheinlich, dass in Zukunft weitere Pandemien folgen. Das Virus und noch mehr die Klimakrise sind nicht mehr kontrollierbare Rückkoppelungseffekte einer umfassenden Verfügbarmachung der Welt. Wir haben uns, ohne es zu merken, einem Todeskult überantwortet. Endlose Akkumulation, Wachstum, Beschleunigung und Steigerung führen in die Selbstzerstörung. Die Welt, schreibt der Soziologe Hartmut Rosa, ist uns zu einem Aggressionspunkt geworden. Alles, was erscheint, muss beherrscht, erobert, nutzbar gemacht werden. Nicht nur die Außenwelt, auch das eigene Selbst, der eigene Körper und unsere Beziehungen. Wir werden einander zu Aggressionspunkten: zu Konkurrenten oder zu imaginierten Gefahren. Der andere, dem wir heute auf der Straße begegnen, wird in unserer Wahrnehmung zur potentiellen Infektionsquelle oder zum potentiellen Terroristen. Wir machen einander Angst. Wir sind erschöpft. So wie die Ökosysteme erschöpft sind. Ein Impfstoff wird nur vordergründig Probleme lösen. Wenn wir weiter in einer so glücklichen Welt leben wollen, in der Literatur und Kunst einen Platz haben, brauchen wir einen viel tiefgreifenderen Wandel, einen neuen Natur- und Gesellschaftsvertrag, ein neues Verständnis von Relationen und Zusammenhängen und von unserem Platz im lebendigen Geflecht des Planeten. Es beginnt mit einer Transformation des Vorstellbaren. Können wir etwas anderes herbeisehnen als den alten zerstörerischen Normalzustand? Eine besonders schmerzliche Folge der Pandemie ist, dass die junge Klimabewegung und andere Widerstandsbewegungen rund um den Planeten abrupt unterbrochen wurden. Gerade jetzt bräuchte es Menschen auf den Straßen, Körper, die Reibung und Druck erzeugen. Eine neue Generation hat bereits begonnen, eine andere Welt zu entwerfen. Vielleicht könnten wir alle wieder zu Kindern werden, das Leben neu lernen. Wir müssten lernen, anders zu denken, anders zu bauen, anders anzubauen, anders zu wohnen, anders zu reisen, anders zu essen, anders herzustellen, das Bestehende anders zu verteilen, und anders Sorge zu tragen. Wenn wir dazu bereit wären, könnten wir sogar die uns zerfressende Angst wieder verlieren. Wir könnten Hoffnung fühlen. Und Spaß haben. Und die enormen Depots an Kreativität freisetzen, die in uns brachliegen. Menschen sind, wenn sie kooperieren und imaginieren, ungemein lösungsbegabte Wesen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Die Literatur ist eine Schule der Empathie und eine Schule des Hinschauens, ein Möglichkeitsraum, um Verwandlungen zu erproben, ein Zukunfts- und Gemeinschaftslabor, eine Konfrontation und eine Schocktherapie, auch ein Fluchtraum und unerschöpflicher Trost und jedenfalls eine Netflix-Alternative, die uns nicht betäubt, sondern aktiviert und dabei hilft, der Sprachlosigkeit etwas entgegenzusetzen. Der Philosoph Günther Anders meinte schon Mitte des letzten Jahrhunderts, ein Grundproblem moderner Gesellschaften sei, dass diese mehr herstellen könnten als sie vorstellen könnten. Die Literatur kann da Abhilfe schaffen. Sie kann Imaginationsräume öffnen. Sie kann zuvor Undenkbares denkbar machen. Das ist politisch wichtig. Denn nur was wir erzählen können, können wir auch verändern.
Was liest Du derzeit?
Ich bin ein erratischer Leser und lese nie einzelne Bücher, sondern Buchcluster. Einerseits zu bestimmten Themen, mit denen ich mich gerade befasse, andererseits zur Sprach- und Formsuche. Hier also die zufällige Liste der Bücher, die gerade vor mir oder neben mir stehen: Samanta Schweblin „Hundert Augen“, Leonora Carrington „Das Haus der Angst“, Clarice Lispector „Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau“, Jane Bennett „Lebhafte Materie“, Hartmut Rosa „Unverfügbarkeit“, Peter Frankopan „Licht aus dem Osten“, Armin Nassehi „Muster“, Jim al-Khalili „Im Haus der Weisheit“, Jorge Luis Borges „Spiegel und Maske“, David Quammen „Spillover“, Jaron Lanier „Anbruch einer neuen Zeit“, Alexander Kluge „Russland-Kontainer“, Byung-Chul Han „Kapitalismus und Todestrieb“, George Dyson „Analogia“.
Philipp Weiss, Schriftsteller _ „In der Raumkapsel“
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
»Wer Möglichkeitssinn besitzt, sagt nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muss geschehen; sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder müsste geschehen; und wenn man ihm von irgendetwas erklärt, dass es so sei wie es sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein.«
Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
Vielen Dank für das Interview lieber Philipp, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Eduard, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Da ich in meinem Atelier in Wien meistens alleine lebe (meine Freundin lebt in Salzburg), bin ich Frühaufsteher. Ein Kaffee muss sein, dann geht’s schon ab ins Atelier. Meistens beginnt mein Alltag mit dem Checken meiner Kontakte zur sogenannten Außenwelt.
Nachdem ich viel mit Modellen arbeite, sind ab der Zeit des Lockdowns bei mir eine Anzahl von Objekten entstanden, die direkt mit dem Erlebten und Erfahrenen dieser Zeit im Zusammenhang stehen.
Erst wenn sich ein Hungergefühl einstellt, gehe ich in die Küche …
Spätnachmittags mach ich meistens eine Ehrenrunde durchs Viertel (Mariahilfmir – über die Grenze Richtung MQ)
Auch spätabends hänge ich noch immer an der Nadel.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Das ist ziemlich komplex und sehr schwierig zu beantworten.
Spontan fällt mir dazu wie folgt ein: Achtsamkeit – Empathie – demokratisches Handeln und miteinander umgehen – sich nicht von Medien oder der Politik komplett verunsichern zu lassen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Wichtig ist für mich, dass meine künstlerischen Prozesse nach wie vor nicht von wirtschaftlichen Zwängen und gesellschaftlichen Vorgaben abhängig sein sollen.
Dazu gehört auch die gegenseitige Wertschätzung der unterschiedlichsten Berufssparten, nicht nur der Kunst. Letztendlich hängen wir alle voneinander ab.
Was liest Du derzeit?
Robert Seethaler „ Die weiteren Aussichten“
Mario Vargas Llosa „Das Paradies ist anderswo“
Carlos Ruisz Zafon „ Der Schatten des Windes“
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Von Nirgendwo nach Irgendwo …“
frei nach dem Motto „alles okay – keiner weiß Bescheid“ (passend zu 2020)
„Was habe ich denn gesagt?“
Da küsste ich sie, ohne nachzudenken, leicht auf die Lippen.
Aus :“Der Schatten des Windes“ von Carlos Ruiz Zafon
Vielen Dank für das Interview lieber Eduard, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Kirstin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Für Autorinnen, die wie ich in ihren Nebenberufen nicht fest angestellt sind, läuft der Tag in Zeiten von Ausgangsbeschränkungen gar nicht so anders ab als sonst. Ich bin jeden Tag froh, wenn ich schreiben kann. Und ich bin derzeit jeden Tag froh, dass mein Talent nicht in darstellenden Künsten liegt. Beim Schreiben ist man notwendigerweise alleine und kann niemanden anstecken – außer mit Worten, Bildern und Geschichten, Gedanken und Ideen. Auch meinen körperlichen Ausgleich zur Schreibtischtäterei, Yoga, kann ich zu Hause problemlos ausüben. Aber ich leide darunter, Yoga zum ersten Mal seit 25 Jahren nicht unterrichten zu dürfen – oder nur online. Dieser direkte Austausch mit Menschen gehört für mich zum seelischen Gleichgewicht, denn beim Schreiben, sei das jetzt literarisch oder journalistisch, hat man oft das Gefühl, in eine Black Box zu rufen. Es kommt kein Feedback zurück. Das ist beim Yogaunterrichten anders.
Kirstin Breitenfellner, Schriftstellerin _
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Für Menschen, die wie ich in freien Zeiten aufgewachsen sind, ist es schwer, von außen reglementiert zu werden. Die Parole unserer Kindheit lautete: Sei du selbst! Dass man unabhängig von den anderen ist – im positiven wie im negativen Sinn –, war aber schon immer eine Illusion. Es kann hilfreich sein, einzusehen, dass der Einzelne relativ machtlos ist. Und nicht gegen Windmühlen zu kämpfen. Aber es ist genauso wichtig, wachsam zu bleiben und nicht alles hinzunehmen, was man für ungerecht, kontraproduktiv oder schlicht gefährlich hält. Gefährlich wird es für mich, wenn man keine Argumente mehr austauschen kann, wenn das Gespräch schon am Beginn durch gegenseitige Verurteilungen und Argumente „ad hominem“ abgewürgt wird. Wenn es nur noch darum geht, wer Recht hat und der bessere Mensch ist. Das ist derzeit allzu oft der Fall.
Da ich über Opfer gearbeitet habe („Wie können wir über Opfer reden?“, Passagen 2018), bin ich besonders sensibilisiert für Sündenbockprozesse. Wenn man plötzlich meint, dass Jugendliche, die feiern, die Hauptschuldigen am Anstieg der Infektionen sind, der schon seit Monaten für den Beginn der kalten Jahreszeit prognostiziert wurde. Oder Menschen, die ihre Maske nicht tragen. Wenn man meint, dass man ohne das Fehlverhalten dieser „Schuldigen“ alles im Griff gehabt hätte.
Wir haben uns eine unmögliche Aufgabe gestellt: Ein Virus zu kontrollieren. Den Tod zu kontrollieren. Das Leben zu kontrollieren. Wenn Gesellschaften etwas zu sehr kontrollieren wollen, was man nicht kontrollieren kann, artet es am Schluss unweigerlich in Sündenbockprozesse aus. Denn irgendjemand muss ja schuld daran gewesen sein, dass es nicht geklappt hat … Damit will ich nichts gegen konkrete Maßnahmen sagen. Auch ich trage meine Maske, halte Abstand und verstoße nicht gegen die sich immer schneller ändernden Bestimmungen.
Es geht darum, darauf zu achten, durch Maßnahmen nicht mehr Schaden anzurichten als zu verhindern, darauf zu achten, dass niemand stellvertretend geopfert wird, und anzuerkennen, dass es möglich ist, sich geirrt zu haben – denn auch Kollektive können irren, wie die Massenbewegungen des 20. Jahrhunderts eindrücklich vor Augen geführt haben.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich glaube nicht, dass wir vor einem Aufbruch stehen, denn der Mensch hat sich durch wie auch immer geartet Krisen noch nie geändert, geschweige denn „gebessert“. Das Management der Pandemie produziert Gewinner und Verlierer, das öffnet für die Zukunft Neid und Missgunst Tür und Tor. Manche Branchen stehen vor dem Ruin, wie die Gastwirte, Fitness- und Yogastudios etc., während andere keinen Solidarbeitrag zahlen, wie Beamte oder jene, von Mieten leben. Welche Parteien werden die tatsächlichen oder gefühlten Verlierer wählen? Das macht mir Sorgen. Ich denke aber auch an die Jugend, die Schülerinnen und Schüler, die derzeit keine Unterstützung von zu Hause haben, sowie diejenigen, die gerade mit der Schule fertig sind und im Regen stehen gelassen werden von der Gesellschaft, aber in Zukunft unsere Schulden abbezahlen sollen. Auch sie gehören zu den Verlierern der Krise …
Unsere Hauptaufgabe wird sein, den gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht zu verlieren. Eine Diskussionskultur zurückzugewinnen, in der jeder die Argumente des anderen anhört und man dann versucht, das Überzeugendere zu tun bzw. einen Kompromiss zu finden.
Kunst und Literatur kann solche Missstände und Aufgaben nur aufzeigen, lösen müssen sie alle gemeinsam.
Was liest Du derzeit?
Ich habe sehr spät die Erzählungen und Gedichte von Christine Lavant entdeckt, in denen eine eigentümliche Kraft und Unerschrockenheit zu spüren ist, die überrascht und beeindruckt, vor allem, wenn man weiß, dass Lavant von Krankheit geschlagen war, und Fotos von ihr kennt: In dieser zarten, asketisch wirkenden Frau mit den traurigen Augen wohnte ein großer, unabhängiger, ja rebellischer Geist.
Außerdem lese ich im Zuge einer Romanrecherche Biografien von und über Frauen in den 1950er und 1960er Jahren in Wien: Maria Lassnig, Ingrid Wiener, Rosemarie Philomena Sebek u.A. Diese Frauen hatten mit noch viel mehr Gegenwind seitens einer sie abwertenden und ausschließenden Männergesellschaft zu kämpfen als wir heutigen Frauen
…
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Literatur beschäftigt sich mit den großen Menschheitsfragen, auch wenn das anhand von konkreten Geschichten passiert. Ich denke derzeit viel über Angst nach, zu der der renommierte Neurophysiologe Gerald Hüther soeben ein Büchlein vorgelegt hat, das auch über die Coronakrise hinaus relevant bleiben wird. Denn er hat dabei die weise Entscheidung getroffen, die derzeitige Krise zu beschreiben, ohne konkrete Personen und Entscheidungen zu kritisieren oder Ereignisse zu rekapitulieren („Wege aus der Angst. Über die Kunst, die Unvorhersehbarkeit des Lebens anzunehmen“, V&R 2020). Es geht ausschließlich darum, zu verstehen, was Angst mit dem Einzelnen und mit Gesellschaften macht.
„Alle Vorstellungen, die wir Menschen herausbilden, um unser Leben zu bewältigen, erweisen sich bei genauerer Betrachtung als Vorstellungen davon, wie es uns gelingen kann, die Angst zu besiegen. Und wir haben allergrößte Angst davor, dass diese einmal gefundenen, Halt bietenden Überzeugungen ins Wanken geraten.
Am weitesten verbreitet ist die Vorstellung, wir könnten alles, was uns bedroht, durch geeignete Maßnahmen unter Kontrolle bringen. Deshalb betreiben wir Wissenschaft, suchen Rat bei Experten und versuchen uns so viele Fähigkeiten wie möglich anzueignen. Getragen wird dieses Bemühen von der Überzeugung, wir könnten irgendwann einmal alles kontrollieren, was uns bedroht. Alles, was darauf hindeutet, dass diese verständliche Vorstellung unzutreffend sein könnte, macht uns Angst.
Ebenfalls verbreitet ist die Vorstellung, es gäbe besonders kluge, umsichtige und kompetente Personen, die besser als wir wissen, was in schwierigen Situationen zu tun ist, die uns Halt und Sicherheit bieten und uns aus der Gefahr herausführen. Auch diese Vorstellung erweist sich allzu oft als unzutreffend. Und wenn wir feststellen, dass solche Anführer die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllen konnten, bekommen wir Angst.
Sicher gibt es noch mehr solcher Vorstellungen, die uns helfen, unsere Ängste zu beschwichtigen – bis sie sich als ungeeignet erweisen. Dann befällt uns eine noch größere Angst. Deshalb geht es in diesem Buch nicht um das Besiegen von Angst. Was ich hier gemeinsam mit Ihnen herausfinden möchte, sind mögliche Wege, die uns herausführen aus der Gefangenschaft unserer eigenen Vorstellungen und Überzeugungen davon, wie sich die Angst besiegen lässt.“ (S. 10f.)
Eine lohnende Lektüre!
Vielen Dank für das Interview liebe Kirstin, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte – Deinen neuen Gedichtband „Gemütsstörungen“ (lieferbar ab Montag 23.11.2020)
Lieber Philip, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich sorge dafür, dass die Kinder gut essen, etwas lernen, an die frische Luft kommen, anschließend wiederhole ich das alles mit meinen Buchprojekten. Beides bedarf einer großen Menge Geduld und Liebe.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Die anderen. Und überbordende Geschichten gegen geistige und emotionale Verkümmerung. Das sowieso und immer.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Mit dem Lockdown hat unsere Regierung bewiesen, dass sie zum Schutz ihrer Bürgerinnen und Bürger flott und effektiv heftige Einschnitte vornehmen kann. Aber warum dann Klimakrise, Unsicherheit und Prekariat bei sozialer und kultureller Arbeit, das Ganze Tohuwabohu im nationalen und internationalen Miteinander? Geht da nicht auch was, genauso flott und effektiv? Und warum eigentlich dieser ungesunde Drang bisher, diese Geschwindigkeit, wenn man doch eben erlebte, dass man auch ohne gut funktioniert? Dieses Bewusstsein müssen wir uns erhalten. Lesen hilft dabei. Jedes Buch, jede Geschichte macht eine Welt an Möglichkeiten auf. Z.B. Science-Fiction, die uns nicht nur zeigt und in die Zukunft verlängert, was heute schiefläuft, sondern auch, was wir noch dagegen tun können. Unser utopisches Potential ist beinahe unbegrenzt, wir finden nur zu oft Ausreden, um es nicht nutzen zu müssen.
Was liest Du derzeit?
Den Hackerroman „Kryptozän“ von Pola Oloixarac zum Aufwachen und „Narrenleben“ von Schädlich, um am Ende des Tages runterzukommen – all die Namen und Jahreszahlen, enorm meditativ.
Welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Siehe meine Antwort oben: Science-Fiction! Ich schlage vor: Ursula K. Le Guin, Samuel R. Delany oder unseren hiesigen Dietmar Dath.
Vielen Dank für das Interview lieber Philip, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Es ist eine Zeit der Unsicherheiten und Ungewissheiten was die Zukunft betrifft. Umso mehr tut es gut auf das zu sehen, was war, ist und was unser Leben in Geschichte und Gegenwart trägt und prägt. Die sehr bemerkenswerte Reihe „100xÖsterreich“ des Amalthea Signum Verlages setzt in sehr anschaulicher wie spannender Weise gesellschaftliches Werden und Sein eines Landes ins Bild und Wort und lässt staunend zurück und nach vorne blicken.
Im neu erschienen Band „100xÖsterreich – Judentum“ lässt die studierte Politikwissenschaftlerin, Journalistin und nunmehrige Direktorin des Jüdischen Museum Wien, Dr.Danielle Spera, das jüdische Leben Österreichs in bunter Vielfalt begeisternd anschaulich werden.
Es ist die pointierte informative Darstellung in Wort und Bild, die neugierig blättern und vertiefend verweilen lässt. Persönlichkeiten, Orte, Ereignisse in Stadt und Land kommen in das Blickfeld und lassen diese ganz neu (wieder)entdecken.
Sehr rare Fotografien, etwa des türkisch-israelitischen Tempels in der Zirkusgasse (1920) oder des Rothschild Spitals am Währinger Gürtel wie das Kaufhaus Gerngross (um 1920) in Wien oder die Synagoge in Lackenbach/Burgenland (um 1920) sind Kostbarkeiten einer reichen Stadt- und Landesgeschichte, die nun kompakt vorgestellt werden.
Der Autorin gelingt mit diesem Buch ein beeindruckender gesellschaftlicher Lebens- und Kulturbogen von Gestaltung und Impuls jüdischer Identität in Österreich. Eine Zeitreise wie ein Ausblick, die in dieser Zeit ganz besondere Bedeutung haben.
„Ein sensationeller Überblick über die jüdische Geschichte und das jüdische Lebens Österreich in spannenden, informativen Mosaiksteinen“
Liebe Brigitta, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Gar nicht so anders als sonst auch. Im Frühling allerdings, als alle Cafés und Bibliotheken geschlossen waren, habe ich meine „nomadischen Arbeitsplätze“ vorübergehend verloren. Dafür habe ich die Stadt und den öffentlichen Raum auf eine ganze neue Art und Weise bewohnt, habe Zwischenräume und „Leos“ gefunden.
Mein Rhythmus war mehr von mir selbst und weniger vom Außen bestimmt, was meiner Arbeit sehr gut getan hat. Ich bin draufgekommen, dass ich weit mehr Rückzug brauche als ich dachte oder mir zugestanden habe. In den letzten Monaten habe ich so viel geschrieben und visuell-poetisch gearbeitet wie nie zuvor.
Ich telefoniere, skype und zoome nicht gerne, hatte aber schreibend intensiven Gedankenaustausch mit anderen Künstlerinnen und Freundinnen.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich glaube für jeden, für jede ist etwas anderes wichtig. Mir ist wichtig, mich nicht verwirren zu lassen, von den vielen herumschwirrenden Meinungen und Emotionen, sondern selbst zu denken und möglichst klar zu bleiben. Auch in der Sprache genau zu sein.
Der Begriff „Augenblicksglück“ aus einem Gedicht von Rose Ausländer hat für mich eine neue Bedeutung bekommen. Ich bin dankbar für das Ende meiner Illusionen, alles planen, machen und kontrollieren zu können.
Wichtig finde ich auch, den öffentlichen Raum neu zu verteilen, – zugunsten von Gehenden, Flanierenden, Verweilenden und Radfahrenden.
Interessant finde ich, dass das Virus offenlegt, wie verbunden wir alle miteinander sind. Jeder, jede ist Teil des Problems, und Teil der Lösung. Ich mag den alten Begriff „Wohlwollen“. In einer freundlichen Gesinnung einander Gutes wollen, um die Verbundenheit wissen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Schon immer fand ich Kunst, Poesie, Literatur im Stadtraum, in der Landschaft interessanter und konzentrierter als in „klassischen“ Ausstellungs- und Veranstaltungsorten. Literatur, die das Blatt verlässt, Malerei die Leinwand, Skulpturen, Installationen und Performances, die sich im Raum ausdehnen. Jetzt ist die Zeit, neue Formate und Formen zu finden.
Wir könnten den Begriff „kuratieren“ neu leben, „sich kümmern, Sorge tragen.“ Uns liebevoll um Texte, Kunstwerke, Künstler, Künstlerinnen, Orte, Räume kümmern.
Kunst und Literatur trösten, erfreuen, erhellen, erschüttern, weiten, verwurzeln, klären, deuten, entzünden, stärken – sind einfach notwendige Lebensmittel, im Sinne von Not wendend.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ein Schritt nach dem anderen
egal wie groß oder wie klein
ein Schritt nach dem anderen
und es muss immer nur
der nächste sein.
Aus dem Album „Alles bleibt“ von Violetta Parisini
Vielen Dank für das Interview liebe Brigitta, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Alexander, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Als freischaffender Schauspieler und Regisseur ist man es eigentlich gewöhnt, seine Tagesstruktur immer wieder selber planen zu müssen.
Daher wird man gerade jetzt wieder sehr daran erinnert, dass wir Menschen sowas wie regelmäßige Abläufe brauchen und wir sie auch selbstständig erarbeiten können.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Dass wir zusammenhalten und Gott behüte nicht beginnen uns gegeneinander auszuspielen. (Herr Schröder???) Kunst und Kultur sind ohnehin und völlig zu Unrecht Waisenkinder in unserem System, wir sollten sie pflegen und immer wieder zum Blühen bringen, weil die Fantasie es ist, die uns über die schlimmsten Zeiten retten kann.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, dem Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Die Frage habe ich, glaub ich, schon vorher beantwortet.
Lasst uns einfach nicht aufhören zu spielen, zu lachen und das Herz sprechen zu lassen.
Was liest Du derzeit?
Der Schauspieler und das Ziel von Declan Donnellan und Erde von Wolf Wondratschek
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Macht brauchst du nur, wenn du Böses vorhast!
Um alles andere zu tun reicht Liebe“
(Charlie Chaplin)
Vielen Dank für das Interview lieber Alexander, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Es ist eine Resignation, die jetzt in dieser Situation als Schauspielerin stattfindet. Eine Resignation, dass nichts mehr möglich ist. Das ist eigentlich das Letzte, das man haben sollte.
Ines Schiller, Schauspielerin_Palais Auersperg _ Wien
Aus dieser Resignation geht dann aber eine unglaubliche Kraft hervor, weil es kein konkretes Ziel mehr gibt.
In diesem unkonkreten wabernden Zustand kommen wir gleichsam wieder an „Grunddinge“ unseres Wesens – dass wir wieder dem Leben vertrauen.
Im Vertrauen auf dieses „nackte“ Leben kommt es zu einem Weg, der unabhängiger ist von den Umständen.
Bei mir hat sich jetzt Resignation in Ruhe umgewandelt.
Diese Zeit, das Leben jetzt ist vielleicht mit dem Fasten vergleichbar. Du isst regelmäßig Fette, Öle, Salze und irgendwelche Zusatzstoffe. Und wenn Du dann beginnst nur noch Reis und Kartoffeln zu essen, also puristisch, dann führt dies auch zu elementaren Grundprozessen des Körpers und Grunddingen des Geistes zurück. Da ist Liebe dabei. Aber auch Angst und Schmerz. Diese sind alle teil unseres Wesens als Mensch
Wenn wir Angst, Liebe, Schmerz empfinden können, dann ist immer etwas da vom Leben!
Wir müssen wissen, dass immer etwas da ist vom Wesen des Lebens. Und dass es in Bewegung ist. Das nichts statisch bleibt sondern sich verändert.
Und die Liebe – wenn man die zulassen kann, dann hat man zumindest die Sicherheit, dass man lieben kann. Und mehr geht eh nicht.
Ohne Liebe können wir nicht leben. Jedes Lebewesen, Mensch oder Tier, empfindet immer Liebe.
Ein Ort inspiriert einfach. Es passiert. Das Denken verändert sich.
Der Mensch verhält sich immer zum Raum.
Je klarer die Räume sind, je fantastischer, je geschichtlicher, desto mehr verhält sich der Mensch zum Raum. Auch wenn er es nicht will.
Das Palais Auersperg ist wie ein geheimer Garten in Wien. Ein „secret garden“ in Raum und Licht. Es ist wunderbar!
Ich bin mit Schauspiel, Theater, Kabarett aufgewachsen. Meine Tante Ingrid Schiller ist Schauspielerin. Ich lernte schon Texte mit sieben Jahren.
Ich war in Mexico und mir ging das Geld aus. Ich machte Pantomime auf der Straße für die Touristen. Als ich zurückkam, wusste ich, ich will Schauspielerin werden.
Dann machte ich die Aufnahmsprüfung am Konservatorium und ich wurde genommen. Ich konnte es gar nicht glauben als mein Name da genannt wurde. Wir standen in einer Reihe, fünfundzwanzig, und dann wurde mein Name aufgerufen und ich habe nach rechts und links geschaut. Ich habe meinen eigenen Namen nicht mehr verstanden, so sehr habe ich mich gefreut (lacht).
Dann war ich im dritten Jahr nach dem Studium schon am Volkstheater München engagiert, dann machte ich „Feuchtgebiete“. Es gab immer viele Engagements. Ich konnte mich da manchmal auch nicht schützen als es zu viel wurde.
Außerhalb von dem was wir sehen, findet sehr viel statt – wenn wir hinschauen. In Mensch. Ort. Welt.
Der Mensch kann sich nicht für jemanden opfern. Das ist masochistisch. Es gibt Hingabe, Liebe – aber dazu muss es Reserven geben. Es braucht Kompetenz und Kraft. Dann ist es sinnvoll. Wenn ich etwas nicht mehr kann, dann gehe ich. Sonst geht es nur um etwas Perfides.
Wien, das sind meine Freunde. Mein Freund, der für die Liebe aus Paris hierherzog. Und dann Quarantäne (Im März, Anm.), bumm. Dieser enge Raum und es beginnen auch Streitereien, Kleibürgerkriege. Ist dumm, aber passiert.
Ich bin im Liebesstreit die Amazone. Da muss man in Deckung geben. Ich habe auch Pfeil und Bogen zuhause (lacht).
Ausdiskutieren geht nicht in einer Streitsituation. Da ist es ja ein Mittendrin. Da wird es nur schlimmer. Kurz weggehen und dann ist es wieder gut.
Ich war jetzt drei Jahre am Landestheater in Linz. Ich entdecke Wien gerade erst. Es ist schwierig jetzt unter den Umständen.
Ich kenne Wien eigentlich noch gar nicht. Ich bin neugierig.