„Jetzt ist die Zeit, neue Formate und Formen der Kunst zu finden“ Brigitta Höpler, Schriftstellerin _Wien 19.11.2020

Liebe Brigitta, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Gar nicht so anders als sonst auch. Im Frühling allerdings, als alle Cafés und Bibliotheken geschlossen waren, habe ich meine „nomadischen Arbeitsplätze“ vorübergehend verloren. Dafür habe ich die Stadt und den öffentlichen Raum auf eine ganze neue Art und Weise bewohnt, habe Zwischenräume und „Leos“ gefunden.

Mein Rhythmus war mehr von mir selbst und weniger vom Außen bestimmt, was meiner Arbeit sehr gut getan hat. Ich bin draufgekommen, dass ich weit mehr Rückzug brauche als ich dachte oder mir zugestanden habe. In den letzten Monaten habe ich so viel geschrieben und visuell-poetisch gearbeitet wie nie zuvor.

Ich telefoniere, skype und zoome nicht gerne, hatte aber schreibend intensiven Gedankenaustausch mit anderen Künstlerinnen und Freundinnen.

Brigitts Höpler _ Frühling 20 _ unter dem Kastanienbaum (1)

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube für jeden, für jede ist etwas anderes wichtig. Mir ist wichtig, mich nicht verwirren zu lassen, von den vielen herumschwirrenden Meinungen und Emotionen, sondern selbst zu denken und möglichst klar zu bleiben. Auch in der Sprache genau zu sein.

Der Begriff „Augenblicksglück“ aus einem Gedicht von Rose Ausländer hat für mich eine neue Bedeutung bekommen. Ich bin dankbar für das Ende meiner Illusionen, alles planen, machen und kontrollieren zu können.

Wichtig finde ich auch, den öffentlichen Raum neu zu verteilen, – zugunsten von Gehenden, Flanierenden, Verweilenden und Radfahrenden.

Interessant finde ich, dass das Virus offenlegt, wie verbunden wir alle miteinander sind. Jeder, jede ist Teil des Problems, und Teil der Lösung. Ich mag den alten Begriff „Wohlwollen“. In einer freundlichen Gesinnung einander Gutes wollen, um die Verbundenheit wissen.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Schon immer fand ich Kunst, Poesie, Literatur im Stadtraum, in der Landschaft interessanter und konzentrierter als in „klassischen“ Ausstellungs- und Veranstaltungsorten. Literatur, die das Blatt verlässt, Malerei die Leinwand, Skulpturen, Installationen und Performances, die sich im Raum ausdehnen. Jetzt ist die Zeit, neue Formate und Formen zu finden.

Wir könnten den Begriff „kuratieren“ neu leben, „sich kümmern, Sorge tragen.“ Uns liebevoll um Texte, Kunstwerke, Künstler, Künstlerinnen, Orte, Räume kümmern.

Kunst und Literatur trösten, erfreuen, erhellen, erschüttern, weiten, verwurzeln, klären, deuten, entzünden, stärken – sind einfach notwendige Lebensmittel, im Sinne von Not wendend.

 

Was liest Du derzeit?

Roter Affe, Kaśka Bryla 
Beskiden-Chronik, Andrzej Stasiuk
Laute Paare, Margret Kreidl

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein Schritt nach dem anderen
egal wie groß oder wie klein
ein Schritt nach dem anderen
und es muss immer nur
der nächste sein.

Aus dem Album „Alles bleibt“ von Violetta Parisini

Brigitta Höpler _ Literatursalon 1

 

Vielen Dank für das Interview liebe Brigitta, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Danke für die Einladung und die Fragen!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Brigitta Höpler, Autorin, Kunsthistorikerin, Schreibpädagogin

www.brigittahoepler.at

Fotos:

1_ Brigitta Höpler_Moderation Literatursalon 1_

2_Brigitta Höpler_Unter dem Kastanienbaum_Frühling 2020.

Fotos_privat.

26.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

 

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