„Wie sich gegenüber einer Ideologie der Alternativlosigkeit ein Umgang mit Utopien anfühlen könnte“ Viola Nordsieck, Autorin_ Berlin 21.11.2020

Liebe Viola, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich stehe um halb sieben auf, mache Kaffee und dann Frühstück für meine Kinder. Wenn die zur Schule gegangen sind, mache ich mehr Kaffee, erledige gefühlt tausend Dinge und fange, wenn ich Glück habe, irgendwann an zu schreiben. Generell trinke ich zu viel Kaffee und tue zu wenige Dinge, die nichts mit Schreiben oder Arbeit zu tun haben. Wenn die Kinder aus der Schule kommen, haben wir meist Pläne und / oder spielen, kaufen ein, kochen und putzen die Wohnung.

Viola Nordsieck

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Was immer für uns alle wichtig wäre: ein Gefühl des Aufgefangen-Werdens, der Sicherheit, wenn etwas oder alles schiefgeht. Das gibt es in unserer Gesellschaft nur für manche. Was für mich persönlich wichtig wäre: das Gefühl, unser direktes Umfeld mehr mitgestalten zu können, auch politisch. Meine Kieznachbar*innen reichen gerade eine Petition für bezahlbaren Wohnraum ein, die ich natürlich unterzeichnet habe, doch glaube ich nicht mehr daran, dass das wirklich eine funktionale Form politischer Teilhabe ist (Berlin hätte in Sachen sozialer Wohnungsbau von Wien lernen sollen, am Rande bemerkt).

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt gesellschaftlich und persönlich stehen. Welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Erst einmal hat Kunst den Job, einfach Kunst zu sein und sich selbst genug. Ich denke nicht, dass Kunst jemals einen Auftrag haben oder erfüllen sollte: sie macht ihre eigenen Maßstäbe. Es gibt aber natürlich dennoch gewisse Auswirkungen von Kunst und Literatur auf die Gesellschaft. Wenn es gesellschaftlich möglich sein soll, neu zu beginnen, das heißt also umzudenken, wie mit der Welt besser, anders umzugehen wäre, dann würde der Freiraum für diese Vorstellungskraft in kulturellen Formen vorbereitet, zum Beispiel in Kunst und Literatur. Das heißt nicht platt, dass etwa Romane vom Klimawandel handeln müssten. Es heißt, dass Weisen zu fühlen und zu denken durch literarische Formen ausprobiert werden können, so dass beispielsweise erfahrbar wird, wie eine Ideologie der Alternativlosigkeit funktioniert und wie sich dem gegenüber ein Umgang mit Utopien anfühlen könnte.

 

 

Was liest Du derzeit?

In verschiedenen Lese-Stadien habe ich am Start: Zora Neale Hurston, „Their Eyes were watching God“, Ursula LeGuin, „The Dispossessed“, und Emine Sevgi Özdamar, „Seltsame Sterne starren zur Erde“. Alle drei sind wunderbar, auf sehr unterschiedliche Weisen.

 

 

Welches Zitat, welche Textstelle möchtest Du uns mitgeben?

„Unmöglich, an dieser Stelle aufzuhören. Das kann ich erst, wenn ich einen bestimmten Punkt in der Vergangenheit erreicht habe, der momentan in der Zukunft meiner Erzählung liegt.“

Annie Ernaux, Erinnerung eines Mädchens

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Viola, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Kunst- und Kulturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Viola Nordsieck_Autorin und Philosophin

Viola Nordsieck

Foto_privat

 

25.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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