„Wir brauchen einen neuen Natur- und Gesellschaftsvertrag“ Philipp Weiss, Schriftsteller_Wien 21.11.2020

Lieber Philipp, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich wollte das ganze Jahr über reisen, um für mein neues Buch zu recherchieren. Meinen letzten Roman Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen sollte ich 2020 auf Lesungen in China und Japan präsentieren. Stattdessen sitze ich in meinem neuen Schreibatelier in Wien wie in einer Raumkapsel. Ich arbeite, esse und schlafe hier. Ich lese und schließe mich ans Netz an, sauge auf, was in der Welt passiert, spinne es fort. Kant hat sein gesamtes Werk in Königsberg geschrieben, Karl May seine orientalischen Reiseberichte irgendwo bei Zwickau, und ich glaube, Jules Verne ist zum Mond, zum Mittelpunkt der Erde und um die Welt gereist, ohne Frankreich zu verlassen. Ich lasse mich davon inspirieren und versuche meinen Weltroman in meiner Wiener Raumkapsel zu schreiben und mich dabei schwerelos zu fühlen. Borges nennt es ein „Aleph“ – ein Ort, der alle Orte enthält. Dabei empfinde ich es als großes Privileg, in dieser Zeit mit solchem Komfort und solcher Sicherheit die Welt beobachten zu dürfen.

Philipp Weiss, Schriftsteller _ „In der Raumkapsel“

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Es ist an der Zeit, eine Entscheidung zu treffen. Als Kollektiv. Wir sollten uns fragen, ob wir diesem Pfad ökologischer, ökonomischer und sozialer Eskalation weiter folgen wollen. Oder ob wir doch zu einer Verwandlung bereit sind. Covid-19 reiht sich ein in den Kreis der globalen Krisen. Es haben schon viele Stimmen darauf hingewiesen, dass das Auftreten einer Pandemie, wie wir sie heute erleben, keineswegs ein unvermeidliches Naturereignis ist, sondern vielmehr in direktem Zusammenhang steht mit unserem invasiven Naturverhältnis, nämlich mit der systematischen Zerstörung von Ökosystemen und folglich der Freisetzung in diesen gebundener Infektionskrankheiten. Im Fall von Covid-19 spielte etwa der grausame weltweite Handel mit Pangolinen eine entscheidende Rolle. Es ist darum sehr wahrscheinlich, dass in Zukunft weitere Pandemien folgen. Das Virus und noch mehr die Klimakrise sind nicht mehr kontrollierbare Rückkoppelungseffekte einer umfassenden Verfügbarmachung der Welt. Wir haben uns, ohne es zu merken, einem Todeskult überantwortet. Endlose Akkumulation, Wachstum, Beschleunigung und Steigerung führen in die Selbstzerstörung. Die Welt, schreibt der Soziologe Hartmut Rosa, ist uns zu einem Aggressionspunkt geworden. Alles, was erscheint, muss beherrscht, erobert, nutzbar gemacht werden. Nicht nur die Außenwelt, auch das eigene Selbst, der eigene Körper und unsere Beziehungen. Wir werden einander zu Aggressionspunkten: zu Konkurrenten oder zu imaginierten Gefahren. Der andere, dem wir heute auf der Straße begegnen, wird in unserer Wahrnehmung zur potentiellen Infektionsquelle oder zum potentiellen Terroristen. Wir machen einander Angst. Wir sind erschöpft. So wie die Ökosysteme erschöpft sind. Ein Impfstoff wird nur vordergründig Probleme lösen. Wenn wir weiter in einer so glücklichen Welt leben wollen, in der Literatur und  Kunst einen Platz haben, brauchen wir einen viel tiefgreifenderen Wandel, einen neuen Natur- und  Gesellschaftsvertrag, ein neues Verständnis von Relationen und Zusammenhängen und von unserem Platz im lebendigen Geflecht des Planeten. Es beginnt mit einer Transformation des Vorstellbaren. Können wir etwas anderes herbeisehnen als den alten zerstörerischen Normalzustand? Eine besonders schmerzliche Folge der Pandemie ist, dass die junge Klimabewegung und andere Widerstandsbewegungen rund um den Planeten abrupt unterbrochen wurden. Gerade jetzt bräuchte es Menschen auf den Straßen, Körper, die Reibung und Druck erzeugen. Eine neue Generation hat bereits begonnen, eine andere Welt zu entwerfen. Vielleicht könnten wir alle wieder zu Kindern werden, das Leben neu lernen. Wir müssten lernen, anders zu denken, anders zu bauen, anders anzubauen, anders zu wohnen, anders zu reisen, anders zu essen, anders herzustellen, das Bestehende anders zu verteilen, und anders Sorge zu tragen. Wenn wir dazu bereit wären, könnten wir sogar die uns zerfressende Angst wieder verlieren. Wir könnten Hoffnung fühlen. Und Spaß haben. Und die enormen Depots an Kreativität freisetzen, die in uns brachliegen. Menschen sind, wenn sie kooperieren und imaginieren, ungemein lösungsbegabte Wesen.     

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Literatur ist eine Schule der Empathie und eine Schule des Hinschauens, ein Möglichkeitsraum, um Verwandlungen zu erproben, ein Zukunfts- und Gemeinschaftslabor, eine Konfrontation und eine Schocktherapie, auch ein Fluchtraum und unerschöpflicher Trost und jedenfalls eine Netflix-Alternative, die uns nicht betäubt, sondern aktiviert und dabei hilft, der Sprachlosigkeit etwas entgegenzusetzen. Der Philosoph Günther Anders meinte schon Mitte des letzten Jahrhunderts, ein Grundproblem moderner Gesellschaften sei, dass diese mehr herstellen könnten als sie vorstellen könnten. Die Literatur kann da Abhilfe schaffen. Sie kann Imaginationsräume öffnen. Sie kann zuvor Undenkbares denkbar machen. Das ist politisch wichtig. Denn nur was wir erzählen können, können wir auch verändern. 

Was liest Du derzeit?

Ich bin ein erratischer Leser und lese nie einzelne Bücher, sondern Buchcluster. Einerseits zu bestimmten Themen, mit denen ich mich gerade befasse, andererseits zur Sprach- und Formsuche. Hier also die zufällige Liste der Bücher, die gerade vor mir oder neben mir stehen: Samanta Schweblin „Hundert Augen“, Leonora Carrington „Das Haus der Angst“, Clarice Lispector „Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau“, Jane Bennett „Lebhafte Materie“,  Hartmut Rosa „Unverfügbarkeit“, Peter Frankopan „Licht aus dem Osten“, Armin Nassehi „Muster“, Jim al-Khalili „Im Haus der Weisheit“, Jorge Luis Borges „Spiegel und Maske“, David Quammen „Spillover“, Jaron Lanier „Anbruch einer neuen Zeit“, Alexander Kluge „Russland-Kontainer“, Byung-Chul Han „Kapitalismus und Todestrieb“, George Dyson „Analogia“.

Philipp Weiss, Schriftsteller _ „In der Raumkapsel“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

»Wer Möglichkeitssinn besitzt, sagt nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muss geschehen; sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder müsste geschehen; und wenn man ihm von irgendetwas erklärt, dass es so sei wie es sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein.«

Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften

Vielen Dank für das Interview lieber Philipp, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Philipp Weiss_Schriftsteller

http://www.philippweiss.at/aktuell.html

Foto_privat

15.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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