Liebe Sarah, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Morgens meistens irgendwas mit Bewegung, Joggen oder Yoga, dann Frühstück und an den Laptop. Mails, neue Theater- und Hörspielideen, schreibe seit Jahren an einem Roman, den ich versuche fertigzustellen, … Am Nachmittag gehe ich oft nochmal an die frische Luft. Abends schaue ich ZIB oder Tagesschau und danach einen Film von dem Stapel mit den Filmen aus der Stadtbücherei.
Sarah Zaharanski, Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Sonnenlicht?
oder…
Im Gespräch bleiben, Fragen stellen, deren Antworten man nicht weiß und wahrscheinlich die All Time Classics des Menschseins: Lachen, Sonne, frische Luft.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Mainstream-unabhängiges Agieren, Inhalte statt Aufmachung, nachhaltiges, solidarisches Handeln anstelle von punktueller Scheinaktivität, Haltung einnehmen anstatt opportunes Sich Ausrichten.
Was liest Du derzeit?
„Die Katze und der General“ von Nino Haratischwili
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Was wir in diesen Prozessen fordern, ist, dass Menschen auch dann noch Recht von Unrecht zu unterscheiden fähig sind, wenn sie wirklich auf nichts anderes mehr zurückgreifen können als auf das eigene Urteil.“ – Hannah Arendt
Vielen Dank für das Interview liebe Sarah, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Es ist ein Werk, das Fragen nach Mensch, Welt, Hölle und Himmel im Horizont der Zeit und darüber hinaus verbindet. Der Enstehungszeitraum, das Mittelalter(14.Jhdt), ist während der Niederschrift gekennzeichnet vom Konflikt zwischen Papst und Kaiser. Es sind unsichere Zeiten, in denen ein Dichter über die großen Sinnkonzepte nachdenkt und diese poetisch durchwandert und beschreibt…
Die literarischen Horizonte sind dabei bis heute zeitlos geblieben. Diese Grundfragen des Menschseins finden über Jahrhunderte bis in die Gegenwart Anknüpfungspunkte und Wiederentdeckungen. Angst und Angstbewältigung im Woher, Wohin und Weiter des Lebens werden von Generation zu Generation lesend neu diskutiert. Ein wesentlicher Impuls kommt dabei aus der Mitte dieses zeitlosen Meisterwerkes…
Franziska Meier, Literaturwissenschafterin in Göttingen, legt mit „Besuch in der Hölle“ einen umfassenden Überblick zu Werk- und Werkgeschichte vor, welcher in wisschenscftlicher Information wie flüssiger Lesart beeindruckt. In 14.Kapitel werden Zeit und Leben des italienischen Dichters wie umfassend die Wirkungsgeschichte als „Bestseller“ und die grenzübergreifende poetische Botschaft geöffnet und spannend erläutert. Erschütternd sind auch Bezugspunkte zur Shoa wie auch der Katastrophen des 20.Jahrhunderts an sich.
Leserin und Leser bietet dieses außergewöhnliche Sachbuch ein Näherkommen zu einem „Jahrtausendbuch“ wie auch persönliche Impulse in herausfordernden Zeiten, die Sinn und Mut motivieren.
„Ein unvergleichliches Meisterwerk im spannenden Überblick der Entstehung und der Wirkungsgeschichte“
Lieber Lukas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Da ich ziemlich genau seit einem Jahr nicht mehr Theater gespielt habe, ist mir viel an Struktur verloren gegangen. Die „Restrukturierung“ sieht so aus, dass ich versuche die viele freie Zeit für Schönes zu nutzen. Es versteht sich: Schönes dass ich allein tun kann. Was mir manchmal nur bedingt gelingt. Aber ich finde man muss nicht alles immer nutzen. Ich bin glücklich wenn ich viel Zeit zum Verschwenden habe. Ich versuche meist zur gleichen Zeit aufzustehen, je früher desto besser, trinke Kaffee und höre Ö1 – das Radio hat mir wirklich sehr geholfen im vergangenen Jahr. Danach zieh ich mich an, regelmäßig sogar Hemden und Anzüge, weil mir das Ausgehen abgeht und es gerade jetzt wichtig ist, nicht zu verwahrlosen. Dann gehe ich oft spazieren oder schaue aus dem Fenster oder lese. Eigentlich lese ich viel, paradoxerweise habe ich das im vergangenen Jahr deutlich weniger getan als sonst. Ich habe das Gefühl, dass mein Kopf schlechter funktioniert als gewöhnlich und bin froh wenn ich etwas mit meinen Händen tun kann: zum Beispiel backen und kochen – am liebsten für meine Freundin, die hat die gesamte Corona-Zeit über durchgearbeitet und das ziemliche Gegenteil von meinem Tagesablauf. Ohne sie hätte ich diese Zeit nur sehr schwer durchgestanden. Abends schauen wir uns oft Filme an. Durchaus auch banale Dinge – ich merke dass ich deutlich empfindsamer bin als sonst und sehr intensiv träume, also kann ich mir Tragisches, Brutales oder zu Spannendes kaum ansehen. Am liebsten Humorvolles! Dazwischen drehe ich im Moment sehr Unterschiedliches fürs Fernsehen und Kino. Und bin unglaublich glücklich, wenn ich arbeiten und Menschen um mich haben kann!
Lukas Watzl, Schauspieler
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Das ist eine schwierige Frage. Wenn ich sagen würde: Sich auf die positiven Aspekte der Situation konzentrieren, hilft das wahrscheinlich niemandem weiter. Vor allem den Menschen nicht, die einsam sind, die Probleme mit ihrer Psyche bekommen, deren Existenz bedroht ist: wirtschaftlich, privat odergesundheitlich. Ich bin kein Pessimist, aber ehrlich gesagt: Es ist eine Katastrophe! Was kann da helfen? Ablenkung? Für mich persönlich ist jeder Moment eine Erleichterung in dem ich nicht darüber nachdenken muss was da gerade vor sich geht. Das ist kein Plädoyer für Verdrängung aber ich halte es für gesund einen gewissen regelmäßigen Abstand zum Medienkonsum und den eigenen Ängsten zu wahren. Um konkreter zu werden: Besonders wichtig ist, dass jetzt der Frühling kommt, dass es heller und wärmer wird, dass etwas wird, wächst, gedeiht, das sich von nichts und niemandem aufhalten lässt!
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/ Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Die Pandemie hat vieles was falsch läuft auf dieser Welt noch deutlicher sichtbar gemacht. Es wird daher umso mehr das wesentlich sein, was es auch davor war. Hierarchien zu überwinden, Ungleichheit zu beseitigen, für eine gerechtere Gesellschaft zu kämpfen. Für eine Gesellschaft, in der weder geografische, ethnische noch soziale Herkunft, Geschlecht, sexuelle Orientierung oder unser Alter darüber entscheiden ob wir die Chance bekommen ein geglücktes, selbstbestimmtes Leben zu führen. Ohne die Kunst als Raum der Reflexion, als Ort der Auseinandersetzung mit schwierigen und schmerzhaften Themen wird uns das nur schwer gelingen.
Was liest Du derzeit? „Ich wollt, ich wär ein Eskimo“ eine Wilhelm Busch Biografie von Gudrun Schury, einiges an Lyrik, Michel de Montaigne und Epikur zum Trost und Märchen aus Tausend und einer Nacht zum Einschlafen.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben? „Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht“ (Berthold Brecht)
Vielen Dank für das Interview lieber Lukas, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Lukas Watzl, Schauspieler
Foto_Antonia Renner
16.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Christine, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Da ich mich gerade in einer Suchtklinik aufhalte, gibt es drei fixe Pfeiler in meiner Tagesstruktur: in der Schlange vor dem Speisesaal stehen, um 7, um kurz nach 12 und gegen halb sieben. Dazwischen Angebote, die dazu angetan sind, den fetten Panzer aufzusprengen, den Menschen, die sich über Jahre hinweg abgeschossen, betäubt oder weggebeamt haben, zwischen sich und die Realität geschoben haben. Wer sich von seinen Klischees über AlkoholikerInnen befreien will, kann mir hier ein bisschen Gesellschaft leisten: https://www.facebook.com/christine.koschmieder
Christine Koschmieder, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Alles, was schon vor „jetzt“ wichtig war und nach „jetzt“ wichtig bleiben wird: da hinzugucken und zuzuhören, wo Hingucken/Zuhören nötig ist, die Wurzeln der hässlichen Zustände dieser Welt zu verstehen und gegen sie anzugehen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Der Literatur und Kunst an und für sich kommt keine andere, neue Rolle zu. Schon gar keine, die ihr extern, parlamentarisch oder sonstwie zugewiesen werden müsste. Literaturschaffenden und KünstlerInnen stünde allerdings gut zu Gesicht, radikalere Konsequenzen für das, was sie ihre eigene Unentbehrlichkeit nennen, zu entwickeln. Bildet Banden!
Was liest Du derzeit?
Nanni Balestrini: Der Verleger (Assoziation A)
Adrienne Rich: What is found there. Notebooks on poetry and politics (Norton & Company)
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„And perhaps this is the hope: that poetry can keep ist mechanical needs simple, its head clear of the fumes of how `success´ is concocted in the capitals of promotion, marketing, consumerism, and in particular in the competition that pushes `the star´ at the expense of the culture as a whole, that makes people want stardom rather than participation, association, exchange, and improvisation with others.“(Adrienne Rich, a.a.O.)
Vielen Dank für das Interview liebe Christine, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Christine Koschmieder, Schriftstellerin
Foto_Antje Kroeger.
11.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Lieber Nils, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Kurz nach sechs: ich halte die Hand, die ich stets halte; wir trinken eine Tasse Kaffee (schwarz), lesen einige Seiten. Dann stehe ich auf, meditiere. Irgendwann gongt es. Ich sitze jetzt auf dem Stuhl, der Blick: auf den Backsteinturm, das pampelmusenfarbene Haus, den Flachbau (moosig, begrünt); die Birke neigt den Kopf, tänzelt (und der Stamm: wie Milch); es ist bald sieben Uhr. Ich schreibe stets am Morgen: kurz nach dem Traum und bevor alles beginnt: für eine Stunde oder anderthalb. Den Tag über arbeite ich. Am Abend: die Hand, die ich stets halte; wir kochen, spazieren, lesen; manchmal schauen wir eine Reportage: neulich über das Baekdusan-Gebirge in Korea; wir schlafen meist bei der Hälfte ein. Ich habe mich gut eingerichtet in der Monotonie: die Dinge wiederholen sich, zart und dankbar. An den Wochenenden spazieren wir länger. Manchmal kaufe ich Tulpen.
Nils Langhans, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Dass der Frühling beginnt: dass es flort und sprießt und ploppt. (Und dass das Impfen funktioniert.)
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?
Die Situation ist für sehr viele sehr schwierig, bedrohlich: gesundheitlich, psychisch, ökonomisch. Ich verstehe aus diesem Mangel heraus die Projektion eines Neubeginns, Aufbruchs. Allein: ich glaube nicht so sehr daran; jedenfalls nicht auf gesellschaftlicher Ebene. Ich teile hier Armin Nassehis Perspektive: Gesellschaften (und ihre Institutionen) sind seit jeher einigermaßen träge – und deutlich wandlungsresistenter als man es sich vielleicht wünscht.
Zur Rolle der Literatur: Literatur muss nichts, darf alles. Punkt. Die Rolle der Literatur, aber auch die der Schriftstellerin und des Schriftstellers sollte – insbesondere in Zeiten der Krise – nicht in irgendeiner Weise definitorisch eingehegt, verengt werden.
Was liest Du derzeit?
Die Trilogie (»études«, »cahier«, »fleurs«) aus dem immer furioser werdenden Alterswerk von Friederike Mayröcker; Roland Barthes Essay »Am Nullpunkt der Literatur«; die Vorlesungen von Anselm Kiefer am Collège de France (»Die Kunst geht knapp nicht unter«, editiert von Heiner Bastian); einen Text von Georg Simmel über die Ruine (PDF, irgendwo in den geöffneten Tabs verschüttet). Und, und: neulich wieder, kurz touchiert, ironischerweise in der Nacht darauf davon geträumt: Schnitzlers Traumnovelle.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
»Anders gesagt: in Bezug auf die Objekte selbst ist die Literatur grundlegend und ihrer Konstitution nach irrealistisch. Die Literatur ist das Irreale selbst. Oder genauer: die Literatur ist weit davon entfernt, eine analogische Kopie des Wirklichen zu sein, sie ist im Gegenteil das Bewußtsein vom Irrealen der Sprache. Die wahre Literatur ist die, die sich ihrer Irrealität bewusst ist, insofern sie sich wesentlich als Sprache versteht, sie ist die Suche nach einem vermittelnden Stand zwischen den Dingen und den Wörtern, sie ist jene Spannung eines Bewußtseins, das gleichzeitig von den Wörtern getragen und von ihnen begrenzt wird und das durch sie hindurch über eine zugleich absolute und unwahrscheinliche Macht verfügt.« – Roland Barthes, Literatur oder Geschichte
Vielen Dank für das Interview lieber Nils, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Leopold, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Früh aufstehen und Frühstück für die ganze Familie machen. Danach ins Atelier, Aufträge erledigen, dann eigene Projekte vorantreiben. Dazwischen Luft schnappen im Garten, mittags kochen für die ganze Familie. Abends fernsehen und lesen.
Leopold Maurer, Künstler
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Was immer wichtig ist: versuchen nicht vorschnell zu (ver)urteilen und Verständnis für alle Seiten zu haben – auch wenn es oft schwerfällt, da schon im engeren Bekanntenkreis bei manchen eine überraschende Radikalisierung zu beobachten ist. Und unbedingt der Wissenschaft vertrauen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Ich bin mir nicht sicher, ob es Aufbruch und Neubeginn geben wird – eher ein Zurück zur alten Normalität, sobald das möglich ist. Die Rolle der Kunst bleibt dieselbe: verschiedene Blickwinkel auf gesellschaftliche Realitäten zu ermöglichen und dabei jede Seite schonungslos auszuleuchten. Interessant wird, wie Künstler diese Erfahrung mit der Pandemie in ihre Kunst einfließen lassen, für viele ist das ja die erste spürbare globale Katastrophe, die sich unmittelbar auf das Leben jedes Einzelnen auswirkt.
Was liest Du derzeit?
Fegefeuer der Eitelkeiten von Tom Wolfe und das sehr empfehlenswerte Comic Tunnel von Rutu Modan
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Mein Lieblingszitat, das immer und überall passt:
‚Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.‘ (Karl Valentin)
Vielen Dank für das Interview lieber Leopold, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
-Unspektakulär. Im Idealfall mit dem Rad auf die Donauinsel, 20 Km laufen, ins Wasser, auch im Winter, zurück, und sich von den Endorphinen fluten lassen, und produktiv sein, Schreiben, zeichnen, Sticken. Im schlechten Fall eine Kette von Prokrastinationen, Bares für Rares schauen, und sich in Schrott und Müll verlieren. Nichts essen, trinken, vor sich hin brüten. Warten.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
-Warten. Und so tun, als sei nichts und sei nichts gewesen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen.Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
-Keine. Ich würde mir wünschen, dass Kunst, welcher Art auch immer, eine essentielle Rolle spielen würde, aber bezweifle es, und fürchte, dass sie „danach“ eine noch kleinere Rolle spielen wird.
Was liest Du derzeit?
-Nichts, ich bin ein sehr langsamer Leser, kann mich schlecht konzentrieren, aber ich hab die Kopenhagentrilogie von Tove Dietlevsen zuletzt wie in Trance gelesen, dh ich hab sie eher nicht gelesen, sondern sie hat mich eingesaugt, eine einfache, sehr moderne Sprache (auch wenn die Bücher schon viele Jahrzehnte alt sind) mit soviel Wucht und existenzieller Präzision findet man wohl selten, alles was davor war und danach kommen könnte, ist erstmal irrelevant.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
-„Weltmeister im Scheißereden“ (aus „Sherlock Holmes“, Auftragsstück für das Werk X, soll angeblich im Herbst Premiere haben.
Vielen Dank für das Interview lieber Tex, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Theater-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Diese Frage beantworte ich gerne mit diesem kürzlich geschriebenen Gedicht:
Persönliche Tagesschau; Spätausgabe
1 x Traum aufgeschrieben
(er gewährte mir Einblick in das
Buch der Verletzten)
1 x Linsen gekocht
(zuvor Kaffee getrunken)
1 x Laufgitter skizziert
(nach Iris von Roten)
1 x im Zug gesessen
(die Augen geschlossen)
Danach Brot gekauft
Briefe eingeworfen
Ausstellung besucht
Nachgedacht, gedacht, ge
laufen, laut klickklack, leise
durch das Wäldchen der Dachs
hörte mich trotzdem ich beugte mich
zu seinem Eingang und bedachte den
Bärlauch mit meinem Lob, dass er
wieder wächst; wächst
danach diese Orange geschält
Stimmen gehört das Durcheinander
erzeugt Kopfschmerzen, es ist 23:59,
liege wach, suche nach einer Technik
im Raum die mich den materiellen
Räumen entbindet. Also Traum.
Also Exodus.
(1 Tag in meinem Leben
Corona 2021)
Ruth Loosli, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Dass wir in eine Balance kommen. Als Weg zum Ziel. Das Ziel als Weg, ich weiß es nicht, aber das Ungleichgewicht – politisch und gesellschaftlich – ist derart groß geworden, dass es den Planeten gefühlt schier aus seiner Umlaufbahn spickt. Jedenfalls die Menschheit aus ihrem Menschsein. Das scheint mir eine Bedrohung, die auch auf die Natur übergreift. Natürlich kann die Natur ohne die Spezies „Mensch“ leben. Sie würde sich besser erholen als mit ihm. Aber welcher Reichtum würde verloren gehen. Daran glaube ich immer noch, dass das Experiment „Mensch“ in seiner Evolution etwas eigenartig Einzigartiges ist. Und: An das Ausbalancieren. Damit wir nicht vergessen, wie die Freiheit schmeckt.
Die Kunst hat dabei eine wichtige Aufgabe. Sie ist in sich bildend, ohne pädagogisch daherkommen zu müssen. Doch sie trägt eine Mitverantwortung, in welche Richtung wir uns als globale Gesellschaft entwickeln.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Grade finde ich es ganz schwierig einzuschätzen, welche Rolle die Kunst, die Literatur auch in Zukunft einnehmen wird. Es stellt sich sicher die Frage, ob die Menschen weiterhin genügend Geld zur Verfügung haben, sich Kunst zu leisten. Also von Seiten derjenigen, die Kunst kaufen möchten in Form von Veranstaltungen oder von denjenigen, die selber Kunst machen.
Die Kunst ist unser Triebmittel. Das schöpferische Tun ist auch in der Wissenschaft wichtig, wird wieder wichtiger werden, damit selbstvergessen sich neue Lösungsansätze finden lassen. Davon bin ich überzeugt. Das ist meine Hoffnung für die kommende Generation/ Generationen mit all den drängenden Fragen.
Was liest Du derzeit?
Dana Grigorcea, Romana Ganzoni, Dragica Rajcic, Martina Clavadetscher, Patricia Büttiker, Seraina Kobler, Ariela Sarbacher: alles Schweizer Autorinnen, die kürzlich oder brandneu ihr neues Werk herausgegeben haben. Daneben Sachbücher über Psychologie und welche über den Hahn. Da gärt ein neues Projekt (Kinderbuch) und ich muss noch mehr Bescheid wissen über das Sozialverhalten dieser Federvögel.
In der letzten Nacht habe ich den dritten Band, «Abhängigkeit», der Trilogie von Tove Ditlevsen gelesen. Ich konnte nicht mehr aufhören damit.
Und natürlich immer Gedichte. Da gab es im letzten Jahr geradezu eine Flut im deutschsprachigen Raum von ausgezeichneten Lyrikbänden. Ich habe selten so viele Bücher gekauft wie in den letzten Monaten.
Kommt dazu, dass ich eine grosse Bewunderin von Kate Tempest bin. Ihre Art, die Dinge beim Namen zu nennen, berühren mich direkt, ohne Umweg in mein Denken und Fühlen hinein. Dazu kommt ihr Sound, die musikalische Begleitung ihrer Band, die eine Mixtur erschafft, die auf mich wie eine Droge wirkt. Ich kann alles ringsum vergessen. Ganz nebenbei und praktisch: Die Bände im Suhrkamp Verlag sind zweisprachig erschienen: deutsch/englisch. Laut lesend im Original, kann ich mit dem anderen Auge auf die Übersetzung schielen. Und lerne englisch dabei.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Wer kennt Ko Un in unseren Breitengraden? Oder Rumi? Der erste schöpft aus dem buddhistischen Gedankengut und der zweite aus dem islamischen. Beiden ist eine Hingabe an das Kleinste eigen, das sich im Grössten (im Geliebten, im Unnennbaren) spiegelt. Da verliert der Name der religiösen Tradition seinen dogmatischen Machtanspruch. Das ist ein zentrales Anliegen in meinem Denken und Schreiben, denn nur so finden wir in ein Miteinander, Synonym „Solidarität“, das wir dringend benötigen; jede(r) mit ihrem Talent.
Und dann gibt es natürlich wiederum die Dichterinnen und Denkerinnen der heutigen Zeit. Sie begleiten und ermutigen mich täglich.
Zitat 1: „Mein Herz schlägt so stark, dass die Außenwelt wackelt.“ Maria Lassnig
Zitat 2: „Wer sich nicht bewegt, spürt seine Fesseln nicht.“ Rosa Luxemburg
Zitat 3: „Worte nicht in giftige Buchstaben wickeln.“ Meret Oppenheim
Vielen Dank für das Interview liebe Ruth, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Verändert hat sich nur der Radius, in dem ich mich bewege. Seit Monaten ist meine Außenwelt bis auf seltene Treffen mit Freunden und Interviewtermine auf Spaziergänge im benachbarten Wald und Naturschutzgebiet reduziert.
So kontemplativ, wie das klingt, ist es nicht: Ich hatte seit Mitte Dezember tagsüber insgesamt hochgerechnet 20 Stunden für mich, musste Brotarbeit und Schreiben mit den Bedürfnissen meiner Tochter vereinbaren und habe mich dabei oft gefühlt wie auf einer Zeitreise in die 50er, wie ein Heimchen am Herd.
Das Flanieren und Beobachten von menschlichem Treiben, aus dem ich sonst Inspiration ziehe, fiel weg. Ich wohne am Berliner Stadtrand. In unmittelbarer Nähe meiner Wohnung gibt es nur Wildschweine, Schafe und Rehe. Das Streifen durch die Natur war immer mein Ausgleich. Nun ist es mein Alltag. Statt Außeneindrücke aufzusaugen, höre ich in mich rein. Und bin dankbar, durch „Berlin Viral“, eine Corona-Kolumne der taz, ein Outlet für das zu haben, was ich an mir und meinem direkten Umfeld in dieser Pandemie wahrnehme.
Foto_Christian Lindner für FEZ-Berlin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Solidarität und Gemeinschaft. Humor. Ein Bewusstsein dafür, dass die Pandemie endlich ist. Dass wir alle an einem Strang ziehen und achtsam uns selbst und anderen gegenüber sind. Ansprüche und Erwartungen runterschrauben. Die Dinge nehmen, wie sie kommen. Sich aufs Wesentliche besinnen und an kleinen Dingen freuen. An Schnee, Frühlingsknospen, einem Austausch mit Freunden. Akzeptieren, dass wir Teil eines Ganzen sind. Nicht nur aufs unmittelbare Umfeld und aufs eigene Land gucken. Die eigenen Privilegien checken. Und nicht die Menschen aus dem Blick verlieren, die von der Pandemie ungleich härter getroffen werden wie beispielsweise Menschen in Flüchtlingslagern, Wohnungslose, Behinderte, Alte, Alleinerziehende.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Wenn wir nicht wachsam sind und aktiv gegensteuern, verschärft die Pandemie das soziale Ungleichgewicht und den Rechtsruck sowie die Unvereinbarkeit von Familie und Beruf, die Errungenschaften der Emanzipationsbewegung. Gerade jetzt gilt es, sich zumindest im Kleinen zu engagieren. Das Verfolgen der Infektionszahlen darf nicht von Menschenrechtsverletzungen und Klimawandel ablenken. Kunst und Kultur können als gesellschaftlicher Spiegel dienen, Zeitgeist, Missstände und Möglichkeiten eines besseren Miteinanders aufzeigen, marginalisierten Stimmen Gehör verschaffen, andere Blickwinkel bieten, zum Nachdenken anregen. Gerade jetzt im Lockdown ist Kunst wichtig, als Ausgleich zu Arbeit und Lernen. Als Gedankenfutter. Inspiration. Utopie in einer dystopischen Realität. Was würden wir ohne Bücher, Filme, Serien machen? Wie sehr fehlen Galerien, Museen, Konzerte, Lesungen, Theater? Dennoch würde ich von der Kunst nichts verlangen: Kunst muss frei sein. Um Kunst machen zu können, müssen Künstler*innen allerdings auch adäquate Rahmenbedingungen haben. Die Frage sollte meines Erachtens nach daher eher lauten: Wie lässt sich gegensteuern, dass Kultursterben nicht zum Kollateralschaden der Pandemie wird?
Was liest Du derzeit?
Dadurch, dass ich meine Tage mit meiner siebenjährigen Tochter verbringe und die Nächte zum Schreiben nutze, lese ich mehr vor, als selber zu lesen. Dabei habe ich die Klassiker meiner Kindheit wiederentdeckt: alles von Astrid Lindgren und Erich Kästner. Das letzte Erwachsenenbuch, dass ich zu Lesen geschafft habe, war „Ein Spalt Luft“ von Mischa Mangel, gerade bei Suhrkamp erschienen und bislang seltsamerweise noch nicht groß besprochen. Eine ehemalige Kommilitonin hat es mir lieberweise geschickt. Ich habe es sofort verschlungen und wünsche dem Buch sehr viele weitere Leser*innen.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Was sind das für Zeiten wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist. Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!“
Aus: „An die Nachgeborenen“ von Bertolt Brecht
„Alles, was an Großem in der Welt geschah, vollzog sich zuerst in der Phantasie des Menschen.“
„Und man muss ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen.“
Astrid Lindgren
Vielen Dank für das Interview liebe Eva-Lena, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Textprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Rudi, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Aufstehen, versuchen, wach zu bleiben, und nicht bis zum Ende der Pandemie zu schlafen, einen langen, wilden Traum zu träumen von schönen, neuen Wesen an digitalen Küsten.
Rudi Nuss, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Keine Ahnung! Ich fürchte nur, dies wird nicht die letzte Pandemie sein, sondern der Anfang einer Kargheit, die wir uns trotz aller dystopischen Fantasie der Gegenwart noch gar nicht wirklich vorstellen können oder wollen, weil wir zu hoffnungsvoll sind, mit all dem durchzukommen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Zwar kann ich es nicht mehr hören, aber: Leben neu denken. Es kommt mir immer illusorisch vor, der Kunst so große Bedeutung zu zuschreiben, weil wohl die Hoffnung bei mir zuerst stirbt. Doch wenn Kunst Lebenspraxis ist, kann sie zumindest immer zumindest ein Denken ändern, das der Künstler*in, von mir selbst! Das ist ja schon mal was…
Was liest Du derzeit?
T Fleischmann – Time Is The Thing A Body Moves Through
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
»Empathy connects us beyond our physical form. It feels like the unhinged body — like a slight, warm sadness, at seeing two clocks set to the same time, and knowing they slowly tick apart.« (T Fleischmann)
Vielen Dank für das Interview lieber Rudi, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!