„Hierarchien zu überwinden, Ungleichheit zu beseitigen“ Lukas Watzl, Schauspieler_ Wien 12.4.2021

Lieber Lukas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Da ich ziemlich genau seit einem Jahr nicht mehr Theater gespielt habe, ist mir viel an Struktur verloren gegangen. Die „Restrukturierung“ sieht so aus, dass ich versuche die viele freie Zeit für Schönes zu nutzen. Es versteht sich: Schönes dass ich allein tun kann. Was mir manchmal nur bedingt gelingt. Aber ich finde man muss nicht alles immer nutzen. Ich bin glücklich wenn ich viel Zeit zum Verschwenden habe. Ich versuche meist zur gleichen Zeit aufzustehen, je früher desto besser, trinke Kaffee und höre Ö1 – das Radio hat mir wirklich sehr geholfen im vergangenen Jahr. Danach zieh ich mich an, regelmäßig sogar Hemden und Anzüge, weil mir das Ausgehen abgeht und es gerade jetzt wichtig ist, nicht zu verwahrlosen. Dann gehe ich oft spazieren oder schaue aus dem Fenster oder lese. Eigentlich lese ich viel, paradoxerweise habe ich das im vergangenen Jahr deutlich weniger getan als sonst. Ich habe das Gefühl, dass mein Kopf schlechter funktioniert als gewöhnlich und bin froh wenn ich etwas mit meinen Händen tun kann: zum Beispiel backen und kochen – am liebsten für meine Freundin, die hat die gesamte Corona-Zeit über durchgearbeitet und das ziemliche Gegenteil von meinem Tagesablauf. Ohne sie hätte ich diese Zeit nur sehr schwer durchgestanden. Abends schauen wir uns oft Filme an. Durchaus auch banale Dinge – ich merke dass ich deutlich empfindsamer bin als sonst und sehr intensiv träume, also kann ich mir Tragisches, Brutales oder zu Spannendes kaum ansehen. Am liebsten Humorvolles! Dazwischen drehe ich im Moment sehr Unterschiedliches fürs Fernsehen und Kino. Und bin unglaublich glücklich, wenn ich arbeiten und Menschen um mich haben kann!

Lukas Watzl, Schauspieler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das ist eine schwierige Frage. Wenn ich sagen würde: Sich auf die positiven Aspekte der Situation konzentrieren, hilft das wahrscheinlich niemandem weiter. Vor allem den Menschen nicht, die einsam sind, die Probleme mit ihrer Psyche bekommen, deren Existenz bedroht ist: wirtschaftlich, privat odergesundheitlich. Ich bin kein Pessimist, aber ehrlich gesagt: Es ist eine Katastrophe! Was kann da helfen? Ablenkung? Für mich persönlich ist jeder Moment eine Erleichterung in dem ich nicht darüber nachdenken muss was da gerade vor sich geht. Das ist kein Plädoyer für Verdrängung aber ich halte es für gesund einen gewissen regelmäßigen Abstand zum Medienkonsum und den eigenen Ängsten zu wahren. Um konkreter zu werden: Besonders wichtig ist, dass jetzt der Frühling kommt, dass es heller und wärmer wird, dass etwas wird, wächst, gedeiht, das sich von nichts und niemandem aufhalten lässt!

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen.
Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/
Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Die Pandemie hat vieles was falsch läuft auf dieser Welt noch deutlicher sichtbar gemacht. Es wird daher umso mehr das wesentlich sein, was es auch davor war. Hierarchien zu überwinden, Ungleichheit zu beseitigen, für eine gerechtere Gesellschaft zu kämpfen. Für eine Gesellschaft, in der weder geografische, ethnische noch soziale Herkunft, Geschlecht, sexuelle Orientierung oder unser Alter darüber entscheiden ob wir die Chance bekommen ein geglücktes, selbstbestimmtes Leben zu führen. Ohne die Kunst als Raum der Reflexion, als Ort der Auseinandersetzung mit schwierigen und schmerzhaften Themen wird uns das nur schwer gelingen.


Was liest Du derzeit?
„Ich wollt, ich wär ein Eskimo“ eine Wilhelm Busch Biografie von Gudrun Schury, einiges an Lyrik, Michel de Montaigne und Epikur zum Trost und Märchen aus Tausend und einer Nacht zum Einschlafen.


Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht“
(Berthold Brecht)

Vielen Dank für das Interview lieber Lukas, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Lukas Watzl, Schauspieler

Foto_Antonia Renner

16.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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