„Literatur darf alles“ Nils Langhans, Schriftsteller_Berlin 11.4.2021

Lieber Nils, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Kurz nach sechs: ich halte die Hand, die ich stets halte; wir trinken eine Tasse Kaffee (schwarz), lesen einige Seiten. Dann stehe ich auf, meditiere. Irgendwann gongt es. Ich sitze jetzt auf dem Stuhl, der Blick: auf den Backsteinturm, das pampelmusenfarbene Haus, den Flachbau (moosig, begrünt); die Birke neigt den Kopf, tänzelt (und der Stamm: wie Milch); es ist bald sieben Uhr. Ich schreibe stets am Morgen: kurz nach dem Traum und bevor alles beginnt: für eine Stunde oder anderthalb. Den Tag über arbeite ich. Am Abend: die Hand, die ich stets halte; wir kochen, spazieren, lesen; manchmal schauen wir eine Reportage: neulich über das Baekdusan-Gebirge in Korea; wir schlafen meist bei der Hälfte ein. Ich habe mich gut eingerichtet in der Monotonie: die Dinge wiederholen sich, zart und dankbar. An den Wochenenden spazieren wir länger. Manchmal kaufe ich Tulpen.

Nils Langhans, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass der Frühling beginnt: dass es flort und sprießt und ploppt. (Und dass das Impfen funktioniert.)

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

Die Situation ist für sehr viele sehr schwierig, bedrohlich: gesundheitlich, psychisch, ökonomisch. Ich verstehe aus diesem Mangel heraus die Projektion eines Neubeginns, Aufbruchs. Allein: ich glaube nicht so sehr daran; jedenfalls nicht auf gesellschaftlicher Ebene. Ich teile hier Armin Nassehis Perspektive: Gesellschaften (und ihre Institutionen) sind seit jeher einigermaßen träge – und deutlich wandlungsresistenter als man es sich vielleicht wünscht.

Zur Rolle der Literatur: Literatur muss nichts, darf alles. Punkt. Die Rolle der Literatur, aber auch die der Schriftstellerin und des Schriftstellers sollte – insbesondere in Zeiten der Krise – nicht in irgendeiner Weise definitorisch eingehegt, verengt werden.

Was liest Du derzeit?

Die Trilogie (»études«, »cahier«, »fleurs«) aus dem immer furioser werdenden Alterswerk von Friederike Mayröcker; Roland Barthes Essay »Am Nullpunkt der Literatur«; die Vorlesungen von Anselm Kiefer am Collège de France (»Die Kunst geht knapp nicht unter«, editiert von Heiner Bastian); einen Text von Georg Simmel über die Ruine (PDF, irgendwo in den geöffneten Tabs verschüttet). Und, und: neulich wieder, kurz touchiert, ironischerweise in der Nacht darauf davon geträumt: Schnitzlers Traumnovelle.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

»Anders gesagt: in Bezug auf die Objekte selbst ist die Literatur grundlegend und ihrer Konstitution nach irrealistisch. Die Literatur ist das Irreale selbst. Oder genauer: die Literatur ist weit davon entfernt, eine analogische Kopie des Wirklichen zu sein, sie ist im Gegenteil das Bewußtsein vom Irrealen der Sprache. Die wahre Literatur ist die, die sich ihrer Irrealität bewusst ist, insofern sie sich wesentlich als Sprache versteht, sie ist die Suche nach einem vermittelnden Stand zwischen den Dingen und den Wörtern, sie ist jene Spannung eines Bewußtseins, das gleichzeitig von den Wörtern getragen und von ihnen begrenzt wird und das durch sie hindurch über eine zugleich absolute und unwahrscheinliche Macht verfügt.« – Roland Barthes, Literatur oder Geschichte

Vielen Dank für das Interview lieber Nils, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Nils Langhans, Schriftsteller

Nils Langhans

Foto_privat.

15.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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