Lieber Rudi, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Aufstehen, versuchen, wach zu bleiben, und nicht bis zum Ende der Pandemie zu schlafen, einen langen, wilden Traum zu träumen von schönen, neuen Wesen an digitalen Küsten.
Rudi Nuss, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Keine Ahnung! Ich fürchte nur, dies wird nicht die letzte Pandemie sein, sondern der Anfang einer Kargheit, die wir uns trotz aller dystopischen Fantasie der Gegenwart noch gar nicht wirklich vorstellen können oder wollen, weil wir zu hoffnungsvoll sind, mit all dem durchzukommen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Zwar kann ich es nicht mehr hören, aber: Leben neu denken. Es kommt mir immer illusorisch vor, der Kunst so große Bedeutung zu zuschreiben, weil wohl die Hoffnung bei mir zuerst stirbt. Doch wenn Kunst Lebenspraxis ist, kann sie zumindest immer zumindest ein Denken ändern, das der Künstler*in, von mir selbst! Das ist ja schon mal was…
Was liest Du derzeit?
T Fleischmann – Time Is The Thing A Body Moves Through
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
»Empathy connects us beyond our physical form. It feels like the unhinged body — like a slight, warm sadness, at seeing two clocks set to the same time, and knowing they slowly tick apart.« (T Fleischmann)
Vielen Dank für das Interview lieber Rudi, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Susanne, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Weil die Kinder im Moment noch kaum zur Schule und zur Kita gehen, begleiten sie mich meist durch den Tag und ich versuche, wenn sie ins Spiel vertieft sind, zu arbeiten und zum Schreiben zu finden. Die Tage sind dahingehend seit Wochen eintönig. Aber es gibt vereinzelt Lichtpunkte, wenn wir etwa draußen sind und neue Wege und Orte entdecken oder Spiele erfinden. Das hilft dabei, sich gegen die eigene Horizontverengung zu stemmen.
Susanne Wawer, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Früher war es das Schlimmste für mich, gewöhnlich zu sein. Ich wollte mich abgrenzen, einen möglichst exquisiten Geschmack entwickeln und guten Gewissens auf andere hinabschauen. Heute denke ich: Wie gut, dass wir Menschen einander so ähnlich sind, wie gut, dass fast alle leiden, wenn sie sich unverstanden und allein fühlen. Denn dadurch, dass viele unserer Bedürfnisse so menschlich und gewöhnlich sind, sind wir in der Lage, uns gegenseitig zu verstehen, zu helfen und der Tatsache zu versichern, dass wir nicht allein sind mit diesem kleinen Leben, aus dem wir versuchen, das Beste zu machen. Von daher ist es jetzt und immer besonders wichtig für uns alle, uns verstanden zu fühlen.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich stelle mir die eigene Welt gern wie von einem Tuch umspannt und von ihm begrenzt vor. Am Anfang des Lebens bilden unsere Eltern dieses Tuch, aber jeder Blick in fremde Welten, jede Erfahrung, die über diese Grenze hinausweist, dehnt das Tuch und weitet die eigenen Möglichkeiten, das Denken und das Verständnis. Nicht nur der Welt, sondern auch der Innenwelten. Kunst ist deshalb eine wichtige Schule für unser Fühlen, Denken und unsere Bereitschaft, Rücksicht zu nehmen, zu geben, zu helfen und dafür Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Die Berührung durch fremde Welten weitet unseren Blick und unser Fühlen, im Grunde die Voraussetzung für ein gelingendes Leben und für die Bewältigung derzeitiger gesellschaftlicher Missstände.
Was liest Du derzeit?
„Fühlen lernen. Warum wir so oft unsere Emotionen nicht verstehen“ von Dr. Carlotta Welding
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Der Mensch geht immer nur so weit, wie er glaubt, dass die Welt geht.“ — Thomas Bernhard, Buch Frost
Vielen Dank für das Interview liebe Susanne, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Buchprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Stefan, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Recht überschaubar. Zurzeit werde ich um 6 Uhr früh von meiner Tochter geweckt (ein Jahr alt!). Sie wird von mir eine Zeit lang bespaßt (inklusive Essen). Je nachdem, wie meine Partnerin und ich uns die Erziehung zeitlich einteilen, kann das auch stark variieren. Wir sind beide gerade zu Hause bzw. arbeiten von zu Hause aus. In meiner „kinderfreien“ Zeit schreibe ich primär Beiträge für das Wiener Online Magazin WARDA. Wenn es sich ausgeht, arbeite ich an einem neuen literarischen Text. Wenn es sich ausgeht…
Stefan Feinig, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Hm… Ich suche gerade nach passenden Schlagworten. Dann nach einem grandiosen Zitat. Mir fällt keines ein! Ich vermute einmal, dass es einstimmig für alle wichtig ist, (so erscheint mir das zumindest), dass der Lockdown endlich vorbei ist und das Problem „Corona“ endlich gelöst ist. Doch glaube ich, dass, nachdem dieses Problem gelöst sein wird, andere wichtige Themen auf uns zukommen werden. Es hat sich ja aufgrund von Corona sehr vieles verändert und ich habe so das Gefühl, dass es „danach“ nicht mehr wirklich so sein wird wie „davor“ – vor allem in der Arbeitswelt (u.a. Thema Homeoffice etc.). Man darf nur gespannt sein, was die Zukunft noch so bringt… „Sicherheit“, jetzt ist mir so ein Wort doch noch eingefallen, mit dem jeder und jede etwas anfangen kann. Was für ein tolles Wort! Das finden wir alle bestimmt besonders wichtig, das Gefühl von Sicherheit. Schon ein starkes Wort, in einer Welt in der vieles so unsicher geworden ist.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Das ist eine sehr schwierige Frage. Vor allem das Wort „Aufbruch“ wirkt so groß und gut und so positiv besetzt. Zurzeit wirkt es eher so, als versuche die Welt nicht im Chaos zu versinken. Niemand scheint so recht zu wissen, in welche Richtung es gehen wird. Vom Globalen zum Regionalen? Oder dann doch, sobald das Reisen wieder möglich ist, die exzessive Aufsuchung des Fernen, einfach nur aus Prinzip, weil man es wieder kann und etwas kompensieren muss oder weil die Flugtickets so katastrophal billig sein werden. Ich glaube nicht, dass die Menschheit „danach“ auf einmal besinnt sein wird. Ich glaube nicht, dass das ein „Aufbruch“ ist. Die Dinge werden sich nur ändern, haben sich schon geändert. Die Menschen werden jedoch versuchen, das Alte wieder heraufzubeschwören, das „davor“. Doch ist es zurzeit nicht absehbar, ob es dieses „davor“ jemals wieder so geben wird können. Das Gefühl der Angst scheint sich festgesetzt zu haben. Es ist natürlich genau das, was die Menschen mit Einfluss auch bewirken wollten. Angst. Wesentlich wird sein, sich eben nicht von Angst oder anderen Emotionen leiten zu lassen und aus diesen heraus die falschen Entscheidungen zu treffen.
Naja… Und die Kunst? Ich kann dazu nicht wirklich viel sagen. Kunst ist für mich einfach alles! Doch scheint mir das eine Minderheitenmeinung zu sein. Wie wichtig Kunst wirklich ist, scheinen nur Menschen nachvollziehen zu können, die selbst künstlerisch tätig sind oder in deren Welt Kunst relevant ist. Ich fürchte fast, dass Kunst nicht wirklich eine Rolle spielen wird. Was schade ist.
Was liest Du derzeit?
Ich lese immer mehrere Sachen gleichzeitig. Was mich gerade in seinen Bann zieht, ist ein Buch über Bruegel – seine Bilder, vor allem aber die Ideen hinter seinen Werken, finde ich sehr anregend. Dann lese ich „Der Honigverkäufer im Palastgarten und das Auditorium Maximum“ von Peter Waterhouse. Waterhouse schafft es, meiner Meinung nach, wie sonst keine/r, der oder die mir bekannt ist, Räume zu öffnen und Klangwelten entstehen zu lassen. Dann lese ich auch einiges vom slowenischen Autoren Ludvik Mrzel. Die Beobachtungen in seiner Kurzprosa aus den 1930er Jahren finde ich sehr aktuell.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Vielleicht eine lustige Passage aus „Der Honigverkäufer…“ , die meiner Meinung nach gerade sehr passend ist, da sich gerade alles sehr um Geld dreht, wie eigentlich immer schon. Doch gerade jetzt sehr erschreckend – vor allem wenn man den Kauf billiger Impfungen bedenkt. Es wird eigentlich oft an den falschen Enden gespart. Wie dem auch sei, hier ein Zitat von Waterhouse:
„Wir müssen so leben wie die Astronauten – ohne Geld. Die Raketentechnik und die Raumkapseln und Raumstationen und die Satelliten mögen ja teuer sein, doch die Astronauten leben in den Stationen ohne Geld, vielleicht sogar ohne alles, aber im All.“
Vielen Dank für das Interview lieber Stefan, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Isabella, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tagesablauf hat sich grundlegend verändert. Ich gehe zeitig schlafen. Das liegt wohl daran, dass ich mir allgemein mit meinem Leben mehr Zeit lasse und auch versuche anderen diesen Raum zu geben. Ich wache dementsprechend früh auf und genieße den heraufziehenden Morgen. Noch bevor ich irgendetwas anderes angehe, schreibe ich. Manchmal entsteht eine Ideenskizze. Wenn möglich gleich noch im Bett. Vormittags arbeite ich dann in meiner kleinen Werkstatt oder ab und zu in der Glasmalerei Stift Schlierbach. Hin und wieder sind nun auch Termine auswärts möglich. Mittags oder am frühen Nachmittag, je nach Auftrag oder Arbeitsvorhaben, koche ich für mich und meine Familie. Am späten Nachmittag schreibe ich wieder, beantworte Mails, spanne Leinwände auf und grundiere sie oder kümmere mich um anfallende Arbeiten im Haus und Garten. Den Tag schließe ich mit Yoga oder kugle einfach auf der Matte herum und lasse den Tag an mir vorbeiziehen.
Isabella Minichmair_Bildende Künstlerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Respekt, Wertschätzung und Achtung gegenüber dem scheinbar anderen. Menschen stehen in verschiedenen Lebensrealitäten und erleben unterschiedliche Herausforderungen. Was dem einen logisch und klar erscheint, ist dem anderen unverständlich. Was dem einen große Kraft abverlangt, bedeutet für den anderen Entspannung. Zuversicht trifft auf Angst, Lebensfreude auf Trauer, Besonnenheit auf Wut, Stärke auf Verletzlichkeit. Zuhören, den anderen in seiner Lebensrealität annehmen und über die eigene Klarheit erlangen, sind Punkte, die uns stärken können.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Die systematische Abwicklung des Ausbildungs- und Arbeitslebens, sowie die planmäßige Gestaltung des privaten Bereichs haben in den vergangenen Jahrzehnten (eigentlich sind es mehr als zwei Jahrhunderte) an Fahrt zugelegt. Das Aufrechterhalten des hohen Tempos verlangt derzeit viel ab und stößt aufgrund der fehlenden Anbindung an ein lebendiges Miteinander an seine Grenzen. Trotz technischem Brückenschlag werden nun grundlegende Systemfehler sichtbar. Insofern die Planmäßigkeit und Kontrollierbarkeit in der Abwicklung, Lösung oder Vermittlung eines Inhalts bedeutender geworden sind als der Inhalt selbst. Diese Sichtbarkeit sehe ich als große Chance. Sie rückt das Leben an sich und die Werte, die wir davon ableiten, in den Fokus.
Die Kunst birgt ja das Element der Vergegenwärtigung. Sie holt den Menschen sowohl beim Schaffen als auch beim Rezipieren zu sich selbst zurück und lässt ihn das andere als Teil des eigenen erkennen. Die Illusion des Getrennt-Seins fällt. Das halte ich noch immer für eine ihrer wesentlichen Aufgaben.
Was liest Du derzeit?
Erneut Erich Fromm „Haben oder Sein“ und „Wege aus einer kranken Gesellschaft“
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Rainer Maria Rilke in einem Brief an Franz Xaver Kappus
Worpswede bei Bremen, am 16. Juli 1903
Über die Geduld
Man muss den Dingen die eigene, stille ungestörte Entwicklung lassen, die tief von innen kommt und durch nichts gedrängt oder beschleunigt werden kann, alles ist austragen – und dann gebären…
Reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt und getrost in den Stürmen des Frühlings steht, ohne Angst, dass dahinter kein Sommer kommen könnte. Er kommt doch!
Aber er kommt nur zu den Geduldigen, die da sind, als ob die Ewigkeit vor ihnen läge, so sorglos, still und weit…
Man muss Geduld haben.
Mit dem Ungelösten im Herzen, und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben, wie verschlossene Stuben, und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.
Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages in die Antworten hinein.
Vielen Dank für das Interview liebe Isabella, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Ramona, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Es hat sich, bis auf den Wegfall diverser Termine, nicht so viel an meinen Tagesabläufen verändert. An den Tagen, wo ich mit den Künstler/innen aus Gugging arbeite, stehe ich sehr früh auf und unterstütze die Künstler/innen im offenen Atelier. Eine klare Tagesstruktur- für sie, aber auch für mich!
An den restlichen Tagen bin ich mir selbst überlassen. Ich stehe später auf, rede mit meinem Freund viel über Nahrungsaufnahme und andere, noch wichtigere, Gedankenkonstrukte und Ideen.
Vormittags arbeite ich am Computer und ab ca. 16 Uhr gehe ich in mein Atelier, das zum Glück nur zwei Stockwerke entfernt ist. Das geht dann bis in die Nacht. Dort kann ich gut fokussieren, und egal wie groß die Motivation ist, es geht immer etwas weiter. Ein magischer Ort.
Ramona Schnekenburger_Künstlerin
Immer wieder sehe ich die Menschen, die mir wichtig sind, per Zoom und im real life, ich war auch schon auf einem ‚Soft-Opening‘ einer Ausstellung und interessant daran war, dass es sich so viel mehr anfühlt durch die Seltenheit.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Es ist schwierig eine Aussage für alle zu treffen, da es besonders derzeit so unglaublich viele, verschiedene Lebenssituationen und Betroffenheiten gibt. Und gleichzeitig gilt diese Pandemie tatsächlich ALLEN, nämlich der ganzen Welt.
Trotzdem: Die Hoffnung und den Mut nicht zu verlieren, und den eigenen Fähigkeiten im Umgang mit dem Leben zu vertrauen, scheint mir eine wichtige Sache zu sein im Moment. Und damit meine ich nicht verdrängen, auch Gefühle wie Wut, Verzweiflung und Unverständnis brauchen ihren Raum.
Ramona Schnekenburger_Dickhäuter,80x120cm, Öl, Bleistift und Asche auf Leinwand,2021
Das Leben wird weitergehen und es wird ein ‚nach Corona‘ geben. Dieses Danach wird anders sein, ganz einfach deshalb, weil wir alle jetzt diese neue Erfahrung der kollektiven Verletzbarkeit haben.
Und vielleicht, also ich persönlich glaube fest daran, werden wir aus dieser Erfahrung Erkenntnisse gewinnen, die die Zukunft bereichern und uns alle im Umgang mit dem eigenen Leben und der Welt, die uns umgibt, klüger machen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
In dieser Pandemie, und auch der Reaktion der jeweiligen Regierungen auf die Pandemie, sind einige Realitäten ans Licht gekommen.
Dinge, die wir bereits gespürt und geahnt haben, sind zu Fakten geworden.
Wie zum Beispiel die Wertschätzung und Wichtigkeit unterschiedlicher Arbeits- und Lebensbereiche.
Der Kulturbereich wurde geopfert und als verzichtbar bewertet, ebenso wissen jetzt alle, dass die in der Pandemie für die Basisversorgung unabdinglichen Arbeitsbereiche wie der Gesundheitssektor insgesamt, aber auch der Handel, genau die sind, die schlecht bezahlt werden. Die Nationalstaaten ziehen sich in einer Notlage wieder auf sich zurück, die Meinungsdiversität in der Bevölkerung wird nach dem Motto ‚Augen zu und durch‘ abgeblockt, obwohl sie einen grundlegenden Wert der Demokratie darstellt.
Positiv fällt mir auf, dass durch die Pandemie als Folge unseres weltweiten Umgangs mit der Natur, nun EIGENTLICH niemand mehr sagen kann, dass es ihn/sie nichts angeht. Es braucht diesbezüglich einschneidende Veränderungen, die auch jedem/r Einzelnen ein bisschen weh tun werden.
Auch im persönlichen Bereich, unsere Beziehungen und Lebensgestaltung betreffend, haben sich durch die Erfahrung der Isolation und gleichzeitig höchster Dichte an Nähe (zu den Haushaltsangehörigen) viele Verschiebungen ergeben. Ich bin schon sehr gespannt darauf, wie wir weiterleben werden. Ich könnte mir vorstellen, dass mein Leben insgesamt etwas langsamer und ausgewählter wird.
Nun zur KUNST AN SICH: Ich hätte es sehr begrüßt, wenn genau dieser Kunst- und Kulturbereich in Zeiten der Pandemie geöffnet und sogar forciert geworden wäre. Es wäre eine Chance gewesen, dass auch die, die sonst nie ins Theater, Museum oder in eine Lesung gegangen sind, auf die Idee gekommen wären.
Für mich ist das kulturelle Erleben eine Notwendigkeit und die Verbindung zur tieferen Beschäftigung mit den großen Menschheitsthemen (das heißt auch mir selbst). Immer wieder, wenn ich zum Beispiel eine gute Ausstellung sehe oder einen Beitrag im Radio höre, der mich zum Denken und/oder Handeln anregt, sage ich laut in den Raum: ‚Ich bin so dankbar für diese Tausendheit an Menschen, die mir ihr Wissen und ihre Beschäftigung mit den Dingen, die sie interessieren, zur Verfügung stellen. Was wären wir ohne Kultur!‘
Die Erkenntnisse aus der Pandemie sollten uns Kunstschaffende nicht resignieren lassen, sondern ganz im Gegenteil dazu anregen uns mehr selbst zu organisieren, uns UND ANDEREN zu begegnen und zu zeigen was Kunst und Kultur eigentlich kann, nämlich Kraft und Verbindung schaffen.
Was liest Du derzeit?
Ich lese wieder seit der Pandemie!
Und zwar ‚Die Eroberung Amerikas‘ von Franzobel.
Kann es gar nicht mehr aus der Hand legen. Eine wundervolle Möglichkeit gedanklich in eine andere Welt und Zeit abzutauchen und immer wieder laut aufzulachen dabei.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
‚Es gibt nichts Gutes, außer man tut es‘
Erich Kästner
Für einen entscheidungsschwachen Menschen wie mich ein wichtiges Mantra.
Vielen Dank für das Interview liebe Ramona, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebes Duo Flüsterzweieck, wie sieht jetzt Euer Tagesablauf aus?
Ulrike: Aufstehen, Essen, Mails beantworten, Yoga, Arbeit (falls vorhanden), Essen, spazieren, wieder essen, Wein.
Antonia: Eigentlich ist eh alles wie immer, nur am Abend gibt’s zur Zeit weniger Scheinwerferlicht, dafür mehr Online-Biertrinktreffen.
Flüsterzweieck_Kabarettduo_Wien
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ulrike: Geduld. Und den Moment mit Inhalt füllen. Und nett zueinander sein, wir habens grad alle nicht leicht.
Antonia: Den Verstand behalten.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Kabarett, der Kunst an sich zu?
Ulrike: Es wird weder schlecht noch gut werden, das was passiert, differenziert zu beleuchten, halte ich für wesentlich. Und das Kabarett soll das, was differenziert oder nicht differenziert wird, noch differenzierter benennen.
Antonia: Die Ungerechtigkeiten auf globaler und nationaler Ebene, die durch die Pandemie unvertuschbar geworden sind, ernsthaft beheben versuchen. Und die Kunst soll dabei ungemütlich bleiben und sich nicht zum Kaschieren hinreißen lassen.
Was lest Ihr derzeit?
Ulrike: Paul Auster „The New York Trilogy“
Antonia: „Weiber“ von Toyah Diebel und die Take-Away-Speisekarte von meinem Lieblingsgasthaus Automat Welt
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtet Ihr uns mitgeben?
Vielen Dank für das Interview liebe Ulrike, liebe Antonia, liebes Duo Flüsterzweieck, viel Freude weiterhin für Eure großartigen Kabarettprogramme und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Ulrike Haidacher und Antonia Stabinger gründeten Flüsterzweieck im April 2009 im Zuge ihrer Teilnahme beim Kleinkunstwettbewerb „Grazer Kleinkunstvogel“. Bereits nach ihrem ersten gemeinsamen Auftritt, der ihnen den 1. Preis der Jury einbrachte, titelte die Presse: „Klarer Sieg mit skurrilem Sprach-Stakkato“. Seitdem haben sie vier Programme auf die Bühne gebracht, die erfolgreich in Österreich, Deutschland, Italien und der Schweiz gespielt werden. Außerdem arbeiten sie für Radio und Fernsehen. 2017 wurden sie mit dem Österreichischen Kabarettpreis ausgezeichnet. Bei ihrem fünften Bühnenprogramm “Kult” führt Dieter Woll Regie.
In der Schulzeit begegnete mir Ingeborg Bachmann als Fixpunkt deutschsprachiger Literatur. Sie war und ist eine sehr starke Frau in allem. Es braucht Frauen wie sie jetzt und zu aller Zeit.
Elisabeth Blutsch_Schauspielerin, Sängerin
Der Roman „Malina“ spielt in Wien und hat ein sehr gutes Auge für Orte, Menschen dieser Stadt. Da ist sehr viel Aufmerksamkeit, sehr viel Kritik wie Liebe drin. Da ist Bachmann ganz „Wienerin“.
Und natürlich sehr viel Kultur, Kunst, Gespräch. Wien ist ja eine Kulturhauptstadt. In Geschichte und Gegenwart. Das begleitet bei jedem Schritt. Real wie im Wien_Roman Malina.
Wien wird immer meine Lieblingsstadt sein. Ich bin in Ottakring aufgewachsen und lebe auch heute hier. Da ist auch sehr unmittelbar das alte Wien zu spüren. Etwa die 10er Marie, einer der ältesten Heurigen. Ich liebe auch die Wiener Art, das legere wie das grantige.
Ich liebe auch die „Bachmann Stadt“ Klagenfurt. Ich spielte am wunderschönen Stadttheater. Und die Wege, Straßen, Plätze – die Bahnhofstraße, Radetzkystraße, Parkanlangen und den See, liebe das. Da geht mein Wiener-Herz auf bzw. fremd (lacht).
Die unmittelbare Publikumsbühne des Theaters steht ja derzeit leider still. Ich hatte im Februar/März Projekte mit der ORF Produktion „starmania“ wie Werbedrehs, darüber war/bin ich sehr froh. KollegInnen am Theater proben in der Ungewissheit der Premiere. Die Generalprobe findet statt und dann ist die Abreise. Das ist sehr schwierig und unangenehm.
Ich habe Projektplanungen für den Sommer und hoffe, dass diese stattfinden können – ich glaube fest daran, dass sie stattfinden.
In der Besetzung von Theaterrollen ist es oft sehr oberflächlich. Eine gewisse Typologie ist gefragt. Du kannst singen, tanzen, schauspielen aber dann ist die Haarfarbe, Größe, Körpergewicht wesentliches Kriterium. Das ist ärgerlich.
Bei Auditions geht es dann oft ab einen gewissen Level nicht darum wer am Besten spielt, singt sondern ob der Typ passt.Ich versuche dann positiv nach Vorne zu blicken und sage mir, dann soll es jetzt in dieser Produktion nicht sein. Ich akzeptiere es.
Bei den großen Häusern, den großen Produktionen weiß ich oft schon, dass einfach ein gewisses Aussehen gefragt ist, das über der künstlerischen Qualität steht, und ich bewerbe mich dann gar nicht mehr. Da suche ich lieber kleinere Häuser, Produktionen, wo in den Auditions/Gesprächen schon merke, da geht es um die Person, um die Kunst, nicht wir groß ich bin und ob ich blonde Locken habe oder nicht.
Das Showbusiness funktioniert so. Wenn ich ein Teil davon sein will, muss ich mitspielen. Das war wohl auch zur Zeit Bachmanns so, auf der Literaturbühne.
Eine gute Beziehung zu den eigenen Emotionen ist in unserem Beruf ganz wesentlich. Emotionen sind die Basis unserer Arbeit. Das Spiel mit Emotionen. Da geht es um Dramatik. Es ist ein Dialog mit eigenen Erfahrungen, Erlebnissen und dem künstlerischen Text. Selbstreflexion ist dabei sehr wichtig. Für jeden Menschen.
Wir wenden uns sehr oft nur der Schönheit von Emotionen zu. Aber es gibt auch das Dunkle, Verdrängte. Und das Eine gibt es nicht ohne das Andere.
Wir dürfen Emotionen fühlen, hell und dunkel. Diese Gegensätze sind zu akzeptieren und zuzulassen. Emotionen sind nicht wegzuschließen.
Ich liebe weinen.
Ich weine oft, hauptsächlich wenn ich gerührt bin. Da weine ich sehr schnell. Ich finde weinen hervorragend.Weinen würde ich nie als etwas Negatives empfinden. Es ist etwas Befreiendes wie Lachen. Ein Ventil vor der Explosion von Emotionen.
Mentale Gesundheit gewinnt immer mehr an Bedeutung und das ist sehr wichtig.
Ich freue mich auch sehr gerne über Alltägliches. Das fällt auf und mir fällt dann auf, dass es nicht so häufig ist.
Wir alle haben die Angst negativ aufzufallen. Da wird das angepasste „Mitschwimmen“ vorgezogen.
Menschen trauen sich oft nicht „aus sich rauszugehen“ obwohl sie es gerne würden in Freude und Traurigkeit. Es ist schade, dass dies nicht zugelassen wird. Ingeborg Bachmann geht da in „Malina“ einen ganz anderen Weg. Der Roman ist ein Feuerwerk, eine Achterbahn der Emotion. Da bleibt nichts verborgen.
Sich aus einer „toxischen“ Beziehung zu lösen, war zur Zeit der Romanentstehung sehr schwer möglich. Die finanziellen Abhängigkeiten waren etwa bei einer Ehescheidung sehr groß.
Vieles hat sich gesellschaftlich zum Besseren verändert. Aber auch heute gibt es Abhängigkeiten in der Liebe.
Es betrifft heute Frauen und Männer, die sich aus toxischen Beziehungen nicht lösen können.
Eine toxische Beziehung ist immer ein Hineinschlittern. Am Anfang zeigen wir nur die besten Seiten von uns. Es ist eigentlich eine Show, eine Bühne. Dahinter beginnt dann das tägliche Leben abseits des Scheinwerferlichts des ersten Verliebtseins. Dann kann das Toxische Raum greifen und erdrücken. Das Gewalttätige, Manipulative, das Drama. Bachmanns Roman Malina erzählt eindringlich davon.
Besser betrogen, belogen zu werden als allein zu sein. Auch diese emotionale Abhängigkeit ist Alltag heute, 50 Jahre nach Malina.
„Ich behandle dich jetzt so, weil es für dich das Beste ist!“ – da heißt es (spätestens) Ciao zu sagen.
Zu erkennen was gerade passiert in einer Beziehung ist ein harter, schwerer Weg.
Ich habe einen Wert und ich weiß das. Allein oder in einer Beziehung. Ich bin ich. Damit gehe ich in oder aus einer Beziehung.
Dass wir einen Wert haben, als Frau und Mann, kann und darf uns niemand wegnehmen. Genau darum geht es ja auch in „Malina“.
Selbstbewusstsein ist Beziehungsvoraussetzung.
Jede Frau, die aus einer toxischen Beziehung entkommt, hat meinen größten Respekt.
Das ist grundsätzlich ein gesellschaftlicher Auftrag. Aber oft ist es der Weg allein in die Wand, wie im Roman von Bachmann. Durch die Wand hin zur Realität.Eine „Todesart“ wie Bachmann es nennt.
In einer Beziehung ist immer auch emotionaler „Waschtag“. Fein- und Kochwäsche des Täglichen, das ist gut so. Leider kann aber auch massive Gehirnwäsche dabei sein – da braucht es dann die Stopptaste.
Die hohe gegenwärtige Scheidungsraten ist auch eine Errungenschaft.
Die Rolle der Frau ist immer eine anerzogene. Niemand wird für den Herd geboren.
Erziehung ist immer ein Stück Freiheit oder eine Kette der Unfreiheit.
Wir müssen an diesem vorgegebenen „mindset“ der gesellschaftlichen Rolle arbeiten – ob Frau oder Mann.
Liebe auf den ersten Blick gibt es nicht. Es gibt Anziehung aber Liebe entsteht.
Ich konnte noch nie am Anfang einer Beziehung sagen, ich liebe dich. Es kommt zuerst das Kennenlernen. Liebe muss entstehen, davon bin ich überzeugt.
Wie lange es braucht, um „Ich liebe dich“ zu sagen? Das ist nicht genau zu sagen, es kommt auf das Zusammenspiel an. Wenn ich um eine Zeitangabe gefragt werde – so rund ein halbes Jahr.
„Ich liebe dich“ auszusprechen ist für mich ein Miteinander von Empfindung und Wort. Ich empfinde es früher als ich es sage. Das mache ich bewusst, weil ich es da noch für mich behalten möchte. Dass es wachsen und mich erfüllen kann bis es zur Welt, zur Welt der Sprache kommt. Bis es raus muss in die Welt. In all der Schönheit aber auch Herausforderung und Verantwortung.
Wir sollten alles mit Empfindung und Bewusstsein tun. In der Liebe und im Leben.
Eine Fernbeziehung ist eine Beziehung zum Handy.
In der Liebe muss Gegenwart und Zukunftsausblick passen.
Liebe muss Geborgenheit vermitteln.
Das Warten auf einen Anruf, eine Nachricht charakterisiert eine Beziehung. Da hat sich seit Malina nichts verändert. Nur die Technik.
Da sind diese vielen Gedanken im Warten – Was macht er gerade? Warum meldet er sich nicht? – und dann kommt der Anruf und es geht einem gut. Da ist eine Freude aber auch eine Wahrnehmung von Abhängigkeit.
Glücklich bist du immer allein. Das ist ein Wert, gerade auch in einer Beziehung.
Beziehung ist für mich Bestimmung.
In der Beziehung müssen alle Karten auf den Tisch. Ich hasse betrügen.
Wenn dem Partner etwas fehlt und er spricht es aus, ist das ganz wichtig. Auch wenn es schwer ist für beide. „Dieses, es reicht nicht was wir haben“ auszusprechen und zu benennen, ist eine große Herausforderung aber unumgänglich.
Ich möchte in einer Partnerschaft immer die Möglichkeit zum Reagieren haben. Eine Affäre nimmt die Möglichkeit der Reaktion. Das ist unfair.
Polygamie und Beziehung funktioniert für mich nicht. Da ist es wichtig zu sagen, du hättest es gerne so aber ich schaffe es nicht.
Es ist sehr wichtig voreinander, miteinander zu weinen. Männer können, dürfen, müssen weinen.
Männer haben es schwer in ihrem Selbstbild. Darüber wird zu wenig gesprochen.
Männlichkeit wie Weiblichkeit muss authentisch sein.Der Roman ist dabei ja wie ein Lehrbuch.
Mann und Frau müssen nichts können. Nichts muss – alles kann, darf sein.
Ingeborg Bachmann lesen heißt, an die eigene Stärke zu glauben.
Ingeborg Bachmann lesen heißt – sich nichts dreinreden lassen.
Stärkerwerden ist eine Entscheidung.
Elisaberth Blutsch_Sängerin, Schauspielerin
50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch:
Elisabeth Blutsch, Schauspielerin, Sängerin _Wien.
Lieber Michael, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Jeden Tag anders. Seit März des Jahres hatte ich Wiederaufnahmeproben für zwei Stücke in der Josefstadt, die von ORFIII aufgezeichnet und am 9. und 16. April im Hauptabendprogramm gesendet werden: die Komödien DER VORNAME und DIE LIEBE GELD – letzteres ist eine Uraufführung von Daniel Glattauer, die wir im Oktober rausgebracht und bislang nur neunmal gespielt haben. Der ORF bietet mit seiner Reihe WIR SPIELEN FÜR SIE eine tolle Chance, all denen Theater zu zeigen, die es seit Monaten so schmerzlich vermissen.
Dazu habe ich eine Menge Interviews, Streams etc. zu meinen neuen Büchern: ORANGEN FÜR DOSTOJEWSKIJ (Braumüller Verlag) und ANFISA ZU DIR – BRIEF AN MEINE TOCHTER (Amalthea Verlag). Und immer wieder Aufnahmen für Ö1 oder demnächst wieder ORF/UNIVERSUM.
Sollte ich mal frei haben – und natürlich kommt das häufiger vor als normalerweise – stehe ich trotzdem früh auf, schreibe, beschäftige mich mit musikalisch-literarischen Projekten, die auf mich zukommen, spiele viel Klavier und schaue erwartungsfroh dem Frühling entgegen.
Michael Dangl, Schauspieler, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Nicht die Zuversicht zu verlieren, dass wir die meisten unserer liebgewonnenen Lebensumstände zurückbekommen werden. Den Glauben zu behalten, dass das Leben durch diese nun einjährige Zäsur nicht minderwertig geworden ist. Umso liebevoller, freundlicher miteinander umzugehen. Weil wir wissen, dass Jeder es – Jeder in seinem Bereich und in seiner subjektiven Wahrnehmung – schwer hat.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Literatur, der Kunst an sich zu?
In der Welt der Kunst haben wir die Gelegenheit, zu erkennen, dass Gegensätze nichts Trennendes sind oder sein sollten. Nach diesem Jahr dürfte nun wirklich Jeder verstanden haben, dass wir alle voneinander abhängig und füreinander verantwortlich sind. Dieses Bewusstsein sollte keine Gräben aufwerfen oder Mauern errichten, sondern Brücken bauen und Wege ebnen. Gegensätze sind Inspiration, Erweiterung, Bereicherung. Ich bin dankbar für alles, was mir fremd ist. Weil es mir das Ausmaß der eigenen Bedeutung relativiert. Es gibt kein Recht haben und kein Drüberstehen. Nur ein intensives Eintauchen in den Moment. Und in den nächsten. Und den nächsten. Theater vergrößert und feiert den Moment. Theater ist die Kunst des Augenblicks.
Was liest Du derzeit?
DIE PFINGSTROSENLATERNE von Sanyutei Encho. Eine „Gespenstergeschichte“ aus dem Japan des 17. Jahrhunderts.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Engel werden nicht müde, antwortete der Engel, weil sie nicht mit ihren Kräften haushalten. Wenn du nicht mehr daran denkst, dass deine Kraft zu Ende gehen könnte, wirst du auch nicht müde werden. Wisse, Arsenij: Nur, wer keine Angst hat, zu ertrinken, kann auf dem Wasser wandeln.“
Aus „Laurus“ von Sergej Wodolaskin, einem russischen Roman über einen mittelalterlichen Wunderheiler.
Vielen Dank für das Interview lieber Michael, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspiel-, Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Peter, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
An meinen Tagesablaufsgewohnheiten- bzw.Notwendigkeiten hat sich nicht allzu viel geändert. Schlafstörungsbedingt schlafe ich wann immer ich schlafen kann. Wenn ich wieder „weltkompatibel“ bin, arbeite ich regelmässig im Atelier, wie ich das die meiste Zeit meines Lebens getan und gehalten habe. Ich arbeite gegenwärtig an Kohle/Tusche Zeichnungen, die ich zu großformatigen Collagenbildern zusammenzufügen versuche. Ich beschäftige mich unter anderem mit den , in meiner Lebensumgebung im Waldviertel, landschaftsverändernden Großschlägerungen der vom Borkenkäfer geschädigten Waldlandschaften. Das Waldviertel wird wohl bald „Kahlviertel“ heißen müssen. Was weltweit geschieht, geschieht auch unmittelbar vor meiner/unserer Haustüre. Dazwischen wird gelesen und mitunter spazieren gegangen.
Peter Laher, Künstler
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich formuliere im Konjunktiv, Austausch wäre wichtig, reden über das, was rundherum allenthalben geschieht und das gemeinsam abzuwägen und zu beratschlagen, was konkret zu tun wäre. Weil das aber entsprechend Gesprächspartner bräuchte und die nicht immer und überall zu haben sind, ist das notfalls auch als „Selbstgespräch“ zu führen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?
Wir sind ja existentiell angewiesen auf „Sinnproduktion“, anders ist die Welt ja in ihren Erscheinungsformen nicht auszuhalten. War wohl auch nie anders, kann wohl auch nicht anders sein. Deshalb sind Kunst und Literatur so wichtig, gegenwärtig kommt mir das noch dringlicher vordem je. Nach Lesungen, Vernissagen, Kino-oder Theaterbesuchen hat man immer ein gesteigertes Bedürfnis sich darüber auszutauschen, was man soeben gesehen hat, wie einem das gerade Erlebte jeweils „vorgekommen“ ist. Ich glaube fest an die Notwendigkeit von gegenseitigen „Erzählungen“.
Was liest Du derzeit?
Immer gleichzeitig mehrere Bücher über den „Tag“ verteilt. Gegenwärtig sehr angetan von John Burnside „What light there is- Über die Schönheit des Moments“, Michelle Houellebeques Essays „ Ein bisschen schlechter“, daneben habe ich seine beiden Gedichtbände „ Wiedergeburt“ und der „Sinn des Kampfes“ aus dem Regal geholt und lese zwischendurch wieder hinein. Und schließlich Max Beckmann „ Die Realität der Träume in den Bildern“ und Werner Hofmann „Die Grundlagen der modernen Kunst“, das ich 25 Jahre nicht mehr in der Hand hatte.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Den letzten Satz den ich gestern bevor mir die Augen dann endlich doch zugefallen sind bei John Burnside auf S.146 noch bewußt gelesen habe :
„Der Himmel kann warten, alles andere aber ist um uns, zeugt von den Grenzen unseres Verweilens hier, beschreibt die Pose zwischen dem Ich und dem Anderen, die eine Heimat schafft, erinnert an die Existenz von Licht und der prachtvollen Last der Farbe“.
Vielen Dank für das Interview lieber Peter, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Emily, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich stehe unter der Woche kurz vor 7 auf. Bis 8 Uhr morgens erleben wir den üblichen Familienwirbelsturm, den man hat, wenn man Kinder pünktlich zur Schule bringen muss. Danach fahre ich in mein kleines Studio im 2. Bezirk, meistens mit dem Rad aber wenn ich Zeit habe mache ich kurze Spazierpausen dazwischen um die Stadt ein bisschen zu genießen. Dann erledige ich Email kram, oder schreibe ein paar Ideen auf, oder fang an zu üben, hängt davon ab was mir in dem Moment durch den Kopf geht – wobei ich gestehen muss, dass ich in letzter Zeit sehr unkreativ und unproduktiv war. Zum Glück habe ich jetzt neue Projekte auf die ich hinarbeiten kann, und ich freue mich sehr wieder konkrete Aufgaben zu haben. In nächster Zeit muss ich mich mehr aufs komponieren konzentrieren, eine willkommene Herausforderung. Da ich gerade wieder studiere muss ich auch für die Uni einiges lesen und vorbereiten. Hin und wieder treffe ich gute Freunde und Bekannte zum spazieren und Ideen auszutauschen – in den Fällen gibt es zusätzlich den mittlerweile üblichen Corona-Test-Boxenstopp. An manchen Tage kann es die eine oder andere Studioaufnahme geben. Aber grundsätzlich ist die musikalische Arbeit mit anderen eher selten.
Emily Stewart, Violinistin
Am Nachmittag hole ich die Kinder ab und dann ist wieder Wirbel.
Ansonsten gibt es Wäsche. Wäsche, sowohl schmutzige als auch saubere, ist ein großer Bestand meines Lebens. Jede(r), der/die in einem Haus mit Kindern lebt wird mir Recht geben: Sysiphus hat mit dem Stein Glück gehabt.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich würde sagen Ruhe und Geduld. Es sind nicht unbedingt meine Tugenden, aber ich versuche sie zu verinnerlichen. Es gibt zurzeit zu viele Dinge, die man nicht ändern kann, dagegen zu kämpfen ist verlorene Energie. Je ruhiger und geduldiger man ist, nicht nur mit der Außenwelt sondern mit sich selber, umso einfacher ist es einen positiven Ausblick zu bewahren – und das brauchen wir auf alle Fälle.
Wichtig ist aber auch der Kontakt zu anderen Menschen zu pflegen, in welcher Form auch immer. Es ist gerade sehr leicht zu vereinsamen und in Depressionen zu fallen. Ein Anruf, ein Brief, eine Nachricht können den Tag unglaublich versüßen, sogar retten – hier gilt wirklich „a little goes a long way“. Es ist für jede(n) wichtig wahrgenommen zu werden, zu wissen, dass die eigene Existenz zählt.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?
Die moderne, globalisierte Welt hat vor allem uns im Westen ein sehr sicheres, komfortables Leben geschenkt. Ich behaupte wir sind dadurch etwas träge geworden. Wir können alles zu jeder Zeit haben. Wir brauchen wieder Ecken und Kanten. Die Musik hat es oft geschafft, diese zu zeichnen. Musik hat innerhalb der Künste eine besondere Kraft, weil sie in uns eindringt und Gefühle herauskitzelt, die vielleicht lang nicht mehr greifbar waren. Sie hat einen viszeralen Effekt, wir reagieren intuitiv auf sie auf. Ich denke Musik muss wieder in der Lage sein uns alle wieder wach zu rütteln und nicht mehr so selbstgefällig zu sein.
Ich glaube was mir derzeit am meisten fehlt ist Inhalt. Wir reden alle von „Content“ aber gemeint ist hauptsächlich die Optik – und dies nicht nur in der Kunst sondern auch im Alltag. Wir sind dennoch gesättigt von diesem Übermaß an sogenannte Perfektion und Illusion. Es berührt einem nicht. Und um an einem Aufbruch teil zu nehmen muss man eine gewisse Dringlichkeit spüren, sich angesprochen fühlen, die Dinge beim Namen nennen können. Kunst und Musik haben es z.B. in den 60ern geschafft die Stimmungen der Zeit zu erfassen und gesellschaftliche Impulse zu geben, die tatsächlich was bewirkten. Ich hoffe das passiert wieder.
Was liest Du derzeit?
Ich lese oft mehrere Bücher parallel. Gerade sind es Eddie Izzards Autobiographie „Belive Me – a memoir of love, death, and jazz chickens„, „A Season in Hell“ von Arthur Rimbaud, und gerade am Start „England, My England“ von D.H.Lawrence. Nebenbei habe ich als Corona Projekt alle Bücher von Raymond Chandler zu lesen – derzeit ist „The High Window“ im Programm.
Welches Zitat, Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Listen to the hummingbird
Whose wings you cannot see
Listen to the hummingbird
Don’t listen to me“
– Leonard Cohen
Emily Stewart, Violinistin
Vielen Dank für das Interview liebe Emily, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!