„Wie auf einer Zeitreise in die 1950er, wie ein Heimchen am Herd“ Eva-Lena Lörzer, Schriftstellerin, Berlin 10.4.2021

Liebe Eva-Lena, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Einen klassischen Tagesablauf gibt es nicht. Den hatte ich durch meine verschiedenen Brotjobs und freien Projekte aber auch vorher nicht.

Eva-Lena Loerzer, Schriftstellerin Foto_Miriam Zepp

Verändert hat sich nur der Radius, in dem ich mich bewege. Seit Monaten ist meine Außenwelt bis auf seltene Treffen mit Freunden und Interviewtermine auf Spaziergänge im benachbarten Wald und Naturschutzgebiet reduziert.

So kontemplativ, wie das klingt, ist es nicht: Ich hatte seit Mitte Dezember tagsüber insgesamt hochgerechnet 20 Stunden für mich, musste Brotarbeit und Schreiben mit den Bedürfnissen meiner Tochter vereinbaren und habe mich dabei oft gefühlt wie auf einer Zeitreise in die 50er, wie ein Heimchen am Herd.

Das Flanieren und Beobachten von menschlichem Treiben, aus dem ich sonst Inspiration ziehe, fiel weg. Ich wohne am Berliner Stadtrand. In unmittelbarer Nähe meiner Wohnung gibt es nur Wildschweine, Schafe und Rehe. Das Streifen durch die Natur war immer mein Ausgleich. Nun ist es mein Alltag. Statt Außeneindrücke aufzusaugen, höre ich in mich rein. Und bin dankbar, durch „Berlin Viral“, eine Corona-Kolumne der taz, ein Outlet für das zu haben, was ich an mir und meinem direkten Umfeld in dieser Pandemie wahrnehme.

Foto_Christian Lindner für FEZ-Berlin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Solidarität und Gemeinschaft. Humor. Ein Bewusstsein dafür, dass die Pandemie endlich ist. Dass wir alle an einem Strang ziehen und achtsam uns selbst und anderen gegenüber sind. Ansprüche und Erwartungen runterschrauben. Die Dinge nehmen, wie sie kommen. Sich aufs Wesentliche besinnen und an kleinen Dingen freuen. An Schnee, Frühlingsknospen, einem Austausch mit Freunden. Akzeptieren, dass wir Teil eines Ganzen sind. Nicht nur aufs unmittelbare Umfeld und aufs eigene Land gucken. Die eigenen Privilegien checken. Und nicht die Menschen aus dem Blick verlieren, die von der Pandemie ungleich härter getroffen werden wie beispielsweise Menschen in Flüchtlingslagern, Wohnungslose, Behinderte, Alte, Alleinerziehende.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wenn wir nicht wachsam sind und aktiv gegensteuern, verschärft die Pandemie das soziale Ungleichgewicht und den Rechtsruck sowie die Unvereinbarkeit von Familie und Beruf, die Errungenschaften der Emanzipationsbewegung. Gerade jetzt gilt es, sich zumindest im Kleinen zu engagieren. Das Verfolgen der Infektionszahlen darf nicht von Menschenrechtsverletzungen und Klimawandel ablenken. Kunst und Kultur können als gesellschaftlicher Spiegel dienen, Zeitgeist, Missstände und Möglichkeiten eines besseren Miteinanders aufzeigen, marginalisierten Stimmen Gehör verschaffen, andere Blickwinkel bieten, zum Nachdenken anregen. Gerade jetzt im Lockdown ist Kunst wichtig, als Ausgleich zu Arbeit und Lernen. Als Gedankenfutter. Inspiration. Utopie in einer dystopischen Realität. Was würden wir ohne Bücher, Filme, Serien machen? Wie sehr fehlen Galerien, Museen, Konzerte, Lesungen, Theater? Dennoch würde ich von der Kunst nichts verlangen: Kunst muss frei sein. Um Kunst machen zu können, müssen Künstler*innen allerdings auch adäquate Rahmenbedingungen haben. Die Frage sollte meines Erachtens nach daher eher lauten: Wie lässt sich gegensteuern, dass Kultursterben nicht zum Kollateralschaden der Pandemie wird?

Was liest Du derzeit?

Dadurch, dass ich meine Tage mit meiner siebenjährigen Tochter verbringe und die Nächte zum Schreiben nutze, lese ich mehr vor, als selber zu lesen. Dabei habe ich die Klassiker meiner Kindheit wiederentdeckt: alles von Astrid Lindgren und Erich Kästner. Das letzte Erwachsenenbuch, dass ich zu Lesen geschafft habe, war „Ein Spalt Luft“ von Mischa Mangel, gerade bei Suhrkamp erschienen und bislang seltsamerweise noch nicht groß besprochen. Eine ehemalige Kommilitonin hat es mir lieberweise geschickt. Ich habe es sofort verschlungen und wünsche dem Buch sehr viele weitere Leser*innen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Was sind das für Zeiten wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist. Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!“

Aus: „An die Nachgeborenen“ von Bertolt Brecht

„Alles, was an Großem in der Welt geschah, vollzog sich zuerst in der Phantasie des Menschen.“                                                                                                

„Und man muss ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen.“                                                                                                                      

Astrid Lindgren

Vielen Dank für das Interview liebe Eva-Lena, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Textprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Vielen Dank!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Eva-Lena Lörzer, Schriftstellerin

Lörzer, Freie Journalistin, Journalismus (evalenaloerzer.de)

Fotos_Eva-Lena Lörzer; andere gekennzeichnet.

14.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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