
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
im Interview _ Melitta L. Roth, Schriftstellerin und Bloggerin
Liebe Melitta, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
In einer Zeit, in der Frauen nur als Beiwerk galten, hat sie ein eigenes Werk geschaffen. Und was für eins. War es Glück, wars Charisma, war es die Wirkung auf andere, sie konnte sich jedenfalls durchsetzen mit ihrem Können. Das bewundere ich. So viele andere sind untergegangen.
Ich habe ihre Dichtung eher spät kennengelernt. Leider. Wünschte, ich hätte sie mit zwanzig schon entdeckt.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Sie erfindet nicht, sie kommt zum Kern. Für mich wirkt es als gäbe es darin kein Beiwerk, aber Kristallsätze.
Sie bringen etwas in Schwingung.
Wie wenn sie eine Bildhauerin wäre, die aus einem unbehauenen Stück Holz oder Stein etwas herausarbeitet, indem sie etwas abschlägt. Bis die Essenz hervorscheint. Nicht aufbauen, sondern etwas wegnehmen.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?
Nein. Aber in ihren Gedichten scheint immer etwas durch, das mich berührt. Selbst nach so vielen Jahren noch. Ihre Poesie spricht mich eher an als die Prosa.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich würde sie gern fragen, wie es war genau in dieser Familie aufzuwachsen, nach dem Krieg, mit diesem Vater. Was es mit ihr gemacht hat.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Im Moment arbeite ich mich am Thema Wohnen ab, am Wohnen und seiner Krise, am Unbehaustsein. Es entstehen längere Passagen, kurze Texte. Prosa, keine feinsinnigen Gedichte. Und fast dadaistische Wuttexte, die sich deklamieren lassen. Aber mehr so Brecht oder Majakowski als Bachmann.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
aus „Was wahr ist“
„Du haftest in der Welt, beschwert von Ketten,
doch treibt, was wahr ist, Sprünge in die Wand.
Du wachst und siehst im Dunkeln nach dem Rechten,
dem unbekannten Ausgang zugewandt.“
aus „Lieder auf der Flucht“ (XV)“
„Die Liebe hat einen Triumph und der Tod hat einen,
die Zeit und die Zeit danach.
Wir haben keinen.“
Beide aus „Anrufung des Großen Bären“, Gedichte, Ingeborg Bachmann, 1956 (Piper)
Herzlichen Dank für das Interview!

Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann
Foto: Melitta L. Roth _ privat.
Walter Pobaschnig 11.4.26