„Mojas Stimmen“ Ruth Loosli. Roman. Caracol Verlag.

Jetzt steht sie auf der Brücke und denkt an ihre Tochter. Der Fluss rauscht darunter. Und das tun auch die Gedanken. Das Fortgerissenwerden so plötzlich. Aus den gewohnten, sicheren Bahnen. Und dann dieses Schweben, diese Balance über den Abgrund. Den gemeinsamen Abgrund. Die Krankheit der Tochter. Das psychische Zerreißen. Da und dort. Hineinfallen? Was hält? Wie geht es weiter?

Jetzt geht die Mutter hinunter zum Fluss. Das Rauschen wird lauter. Die Eierschalen krachen am Baum. Die Zigarette. Und wie begann es?

„Du wirst im Frühling 26 Jahre alt. Als Dein Vater verunglückte, warst Du zwölf. Dein Bruder Jonas war siebzehn…“

Niemand weiß, warum es jetzt begann. Bisher war es so ein selbstbestimmtes Leben der Tochter. Und dann ist es da. Groß, dunkel, mächtig. Und zieht…

Jetzt stehen sie vor dem Krisenzentrum der Stadt. Die Mutter überredete die Tochter. Die Hoffnung auf Hilfe ist da…

Und jetzt gilt es Brücken zu bauen über den reißenden Fluss des Dunkles im Kopf…Tag für Tag….gemeinsam.

Ruth Loosli, Schweizer Schriftstellerin, legt mit „Mojas Stimmen“ ihren ersten Roman vor und dieser begeistert von den ersten Sätzen an in dramatischer Spannung und Sprachvirtuosität! Die Autorin führt die Sprache wie ein Florett in Esprit und Treffsicherheit, die einzigartig ist. Die sehr direkte narrative Form in Verbindung von anschaulichen, sehr zart wie bestimmt gesetzten, Szenencollagen erzeugt für die Leserin/den Leser eine Unmittelbarkeit, die Gefühl und Ergriffensein gleichsam im Sturm loslässt und hineinkatapultiert in Geschehen und Drama. Seite um Seite wird der Roman gleichsam zum Kinosaal, einer Leinwand, die mitreißend staunen, gebannt starren, weinen, lachen und nachdenken lässt.

„Ruth Looslis Sprache ist Dynamit. Eine Sensation!“

Walter Pobaschnig 4_21

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„Die Einzigartigkeit und Echtheit des unmittelbaren Bühnenmoments wieder wertschätzen“ Siri Wiedenbusch, Schauspielerin_ Stendal/ Sachsen-Anhalt 28.4.2021

Liebe Siri, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich hatte das Glück, die letzten Wochen über einen einigermaßen normalen Probenalltag gelebt haben zu dürfen. Die Premiere ist zwar auf das Jahr 2022 verschoben, aber die Zeit während der Proben hat sich immerhin ein bisschen angefühlt, als wär alles wie früher. Jetzt ist erst mal wieder Pause; ich bin viel in der Heimat, verbringe Zeit mit meiner Mutter und meiner besten Freundin. Die hat grade einen keinen Welpen bekommen – das ist ein bisschen wie Therapie für mich. Dieser kleine Hund kriegt von den seltsamen Zeiten, in denen wir gerade leben, vermutlich gar nichts mit. Der ist einfach nur voller Lebensfreude, und das überträgt sich. Da kann man mal für einen Moment die große Ungewissheit der Welt abschalten.

Siri Wiedenbusch, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Zusammenarbeiten, und nicht gegeneinander. Einander zuhören. Für einander da sein. Und nicht die Spaltung zwischen den verschiedenen Gruppen durch Hass noch weiter vorantreiben. Ob Impfgegner oder -befürworter, Querdenker oder Idealist, wir wollen doch eigentlich alle dasselbe – die Rückkehr in den normalen Alltag. Da hilft Kommunikation besser als sich anfeinden – und gemeinsam nach realistischen Wegen suchen, diese Rückkehr möglich zu machen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Die Kunst ist ja nicht weg. Die ist immer noch da und ohne die ging’s nicht. Selbst ein Mensch, der sich selbst gar nicht als kreativ oder kunstinteressiert bezeichnen würde, schaut abends vermutlich Netflix, und bedenkt gar nicht, dass das eine Form von Kunst ist, der er sich da gerade widmet.

Was das Theater betrifft, ist es schwieriger – ich habe das Gefühl, dass das Theater nicht in Vergessenheit gerät, weil wir jetzt in diesem Ausnahmezustand leben, sondern dass es schon weit davor die gesellschaftliche Bedeutung verloren hat, die es irgendwann mal hatte. Die Lockdowns waren nur der Auslöser für die KünstlerInnen, das zu erkennen. Hätten die Menschen gerade gar keinen Zugriff mehr auf Kunst, also auch nicht auf Filme oder Musik, dann würden auch viel mehr Menschen für die Unabdingbarkeit der Kunst, für ihre nicht zu widerlegende Notwendigkeit, einstehen. Aber dank Internet und Fernseher haben wir auch jetzt noch einen künstlerischen Ausgleich, können uns bilden oder ablenken. Das Theater „braucht“ es dazu irgendwie nicht. Das ist eine harte Erkenntnis, aber für mich keine neue. Ich hoffe, nach dieser langen Durststrecke sind auch die nicht Kunstschaffenden irgendwann wieder hungrig auf das soziale Erlebnis Theater – mit anderen gemeinsam in einem Raum sitzen und die Einzigartigkeit und Echtheit des unmittelbaren Bühnenmoments wertschätzen. Der ist vielleicht nicht überlebenswichtig, aber durch keinen Film der Welt zu ersetzen.

Was liest Du derzeit?

„The First and Last Freedom“ von Jiddu Krishnamurti. Meistens irgendwo in der Sonne. Sehr inspirierend!

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„There is no „right time“, there is just time and what you choose to do with it.“ -unbekannt

und, aus dem Buch, das ich gerade lese:

„The revolution is now, not tomorrow.“ -Krishnamurti

Vielen Dank für das Interview liebe Siri, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Siri Wiedenbusch, Schauspielerin

Siri Wiedenbusch – Wikipedia

Foto_Julia Windischbauer

28.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ich finde es in Literatur und Kunst wichtig, nicht in eine Blase abzugleiten“ Silvia Pistotnig, Schriftstellerin_Wien 28.4.2021

Liebe Silvia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich wache, eingeklemmt zwischen meiner vierjährigen Tochter und meinem siebenjährigen Sohn, auf.

Dann bin ich Gepardin (manchmal auch Tigerin), Lokalgast, Tierwärterin, Bahnfahrerin, Wildererin und Forscherin. Zwischendurch versuche ich mich als Lehrerin (1. Klasse Volkschule, schaff ich gerade noch), Kindergärtnerin (anstrengend, die KindergärtnerInnen müssen mehr verdienen!), Köchin (schlecht, bestes Gericht: Nudel mit Butter und Salz), aufräumen und putzen (meist werfe ich das volle Joghurtschüssel hinunter) und meiner eigentlichen Erwerbsarbeit. Am Abend falle ich gegen 21 Uhr ins Bett.

Dabei bin ich keine Alleinerzieherin. Mein Lebensabschnittspartner (als nicht-verheiratet nennt man das so, oder? Kindsvater klingt so unsympathisch) und meine Eltern helfen mir. Wir haben Platz, haben den Job nicht verloren und sind absolut privilegiert. Trotzdem bin ich überfordert. Ich bewundere alle Menschen, die in dieser Situation nicht solche Bedingungen haben und es trotzdem schaffen.

Silvia Pistotnig_Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich kann nicht für alle sprechen. Mir ist wichtig, nicht in Selbstmitleid und Ohnmacht zu verfallen, in ein „ist eh alles Wurscht und umsonst“. Sonst finde ich es wichtig, nicht auf andere zu zeigen mit irgendwelchen plakativen Aussagen. „Wir müssen dies und wir müssen das“. Aber was ist mit meiner Verantwortung? Mit meinem Energieverbrauch? Mit meinem Handy aus wertvollen Rohstoffen und klimaschädigender Herstellung? Mit meiner Bequemlichkeit?

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Stehen wir vor einem Aufbruch? Dieses Virus ist nur ein Resultat unserer Leben – was wir daraus machen? Ich hoffe, etwas Sinnvolles, das den Lebenswert aller ErdbewohnerInnen verbessert.

Die Rolle der Literatur und Kunst: Ich finde es wichtig, nicht in eine Blase abzugleiten, die nur für sich selbst steht und sich zu wichtig nimmt. Die Kunst und Literatur stehen nicht darüber. Sie stehen mittendrin.

Ich freue mich über Literatur aus Ländern und von Menschen, die bis dato unterrepräsentiert waren.

Was liest Du derzeit?

Nachdem ich um 21 Uhr komatös einschlafe: Nix. Meine Leseliste wird dafür länger und länger. Wobei, ich lese Kinder- und Schulbücher (vor). Generell lese ich gern Literatur, die mir andere Lebensweisen näherbringt.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Das macht mich ganz nervös. Natürlich möchte ich sofort etwas besonders Kluges notieren. Etwas Schönes. Etwas Berührendes. Ein bisschen lustig wäre auch gut … „Kauft mein Buch“ trifft das wahrscheinlich nicht, oder? Fände ich aber trotzdem fein.

Vielen Dank für das Interview liebe Silvia, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Silvia Pistotnig, Schriftstellerin

Silvia Pistotnig – Teresa hört auf (milena-verlag.at)

Foto_privat.

8.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Du bist einfach da. Für die kleinen Menschen um dich. Genauso wie für die großen“ Christian Paul, Schauspieler_Wien 28.4.2021

Lieber Christian, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nachdem ich den glücklichen Umstand eines „Brot“jobs hab, darf ich in der Früh/am Vormittag gleich mal als Anspielmensch, Tröster, IndenArmnehmundzuhörkuscheltier, Windelwechsler, Ansprechperson, Essensausteiler, Zuhörer, Musikmacher, Blödsinntuer und vieles mehr unterwegs sein. Das geht oft bis am Nachmittag. Du bist einfach da. Für die kleinen Menschen um dich. Genauso wie für die großen. Hast ein offenes Ohr. Ein offenes Herz. Und lebst den Ablauf des Kinderalltags. Im Kindergarten.

Ansonst hab ich mein großes, seit etwa gefühlten 10jahrzehnten anhaltendes Projekt des Ausmistens zuhause. Und nein, ich bin noch keine hundert, auch wenn ichs mal als ein Ziel ansehe. (also, den Weg dorthin) Die Frage. Was brauch ich wirklich. (Ich steh halt auf alte Möbel und alte Gegenstände. Danke Opi.)

Hab, mit zuvor testen, auch immer wieder Theater- und Musikproben bzw. treff halt ausgewählte Menschen. Persönlich mit An- und Abstand, am liebsten in der Natur, wie auch via Zoom und Co. Und eine ganz tolle Sache, die Astro-Webinare vom Planetarium Wien. Die kommen dann meistens abends dran. Bzw. auch ein kleiner Serienjunkie.

Christian Paul, Schauspieler, Pädagoge

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Gute Frage. Ich glaub, sich vielleicht wieder mehr auf sich zu besinnen!? Ist vielleicht auch eher eine weitläufige Antwort, aber ich denk, dass es das immer ist. Sich auf sich zu besinnen. Zu atmen. Sich zu spüren. Wahrzunehmen. Und anzunehmen. Wie du bist. Mit allen Facetten, Seiten. Im jetzt. Und sich weiter zu ent-wickeln. Aus den Fäden der Vergangenheit für eine Gegenwart und somit auch für eine Zukunft.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich glaub, ein Teil der Antwort steht schon bei der vorigen Frage. Denk mir, dass es das Nachvornschauen ist. Allerdings mit einem hin und wieder nach hinten lugen und Wahrnehmen, Lernen und Leben des Ändern.

Theater. Schauspiel. Die Kunst an sich. Frag dich mal. Hast du ein Radio. Einen Fernseher. Ein Buch. Eine CD. Eine Schallplatte. Eine Kassette. (is so ein altes Ding, das ich mag.) Hörst du Spotify. Gehst du ins Museum. Schaust du dir Bilder an. Skulpturen. Serien. Filme. Menschen. Die andre Menschen darstellen.

Es wird nie ein Leben ohne Unterhaltung, ohne Kunst, ohne Theater und Schauspiel geben. Die Frage ist, wie sich die Kultur weiter entwickeln wird. Anpassung. Modifizierung. Ver-Änderung. Aber auch gleichzeitig sich treu bleiben. Bin ein großer Fan von Nias Theater im Park. Innovativ. Und gerade auch im letzten Jahr haben sich viele Künstler trotz der Misere immer wieder etwas einfallen lassen. Genau das macht die Kunst aus. Die kleinen Löcher, die sich durch gewissen Kot und Umstände auftun, zu füllen. Mit Lebensfreude. Mit Leichtigkeit. Mit Sein. Mit verspieltem und manchmal auch knallhartem Fokus auf das Leben selbst.

Was liest Du derzeit?

Lese oft mehrere Bücher nebeneinander, je nach Lust, Laune, Zeit und Interesse. Derzeit:

„Die Mitternachtsbibliothek“, Matt Heig.

„12 Rules for Life“, Jordan B. Peterson.

„Das Kind in dir muss Heimat finden“, Stefanie Stahl.

„Du muss nicht von allen gemocht werden“, Ichiro Kishimi.

Und im Kindergarten div. Kinderbücher 😉

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Hab vor kurzem auf Ö3 Walek wandert mit Thomas Brezina gehört. Abgesehen davon, dass Brezina seit Jahrzehnten die Kinderbuchwelt und Co in Atem hält, hat er eine Sache gesagt, die mich gerade beschäftigt. Und er hat sie sehr gut auf den Punkt gebracht: „Es geht nicht um Perfektion, sondern um Qualität.“

Und das in jeder Lebenslage.  

Vielen Dank für das Interview lieber Christian, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Christian Paul, Schauspieler, Pädagoge

Foto_privat

5.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Madrigal“ John Wray. Erzählungen. Rowohlt Verlag

Es ist das Wort, das verbindet. Jenes der Kindheit unter dem großen Elternhimmel. Und jetzt das Wort in der Welt. Im Alleinsein. Am Weg des Wortes. Am Weg des Buches. Des eigenen. Ambitioniert, träumend, zweifelnd und verzweifelnd…

Aber der Mittelpunkt ist das Leben. In der Begegnung. Im Wiedersehen. Wie geht es Dir? Und da geht es Maddy schon länger schlecht. Die Bilder im Kopf werden größer, dunkler. Da verblassen die Bilder des Konkurrenten am Buchmarkt bei Teddy. Dieser erhält die ersehnte Anerkennung und den Erfolg. Auch das nagt…

Und dann plötzlich am Nachhauseweg. Dieses Wesen vor Maddy. Groß, schillernd, furchterregend. Was geschieht hier?…

Sie geht nachhause und erzählt. Doch es beginnt erst…

Da sind Little Burr und sein Vater. Und dieser baut an einem Haus. Wer weiß schon wofür? Es geht etwas vor. Und wer kann das durchschauen? Wer kann schauen auf den Grund von Seele und Dunkelheit…

Da war die Wiese, die Rinder, die Brücke. Und Winkler und Moser. Die Wege und die Abschiede. Von Menschen und Tieren. Und darüber der Himmel. Seine Macht. Und sein Urteil….

John Wray, vielfach ausgezeichneter Schriftsteller, 2017 mit dem Deutschlandfunk Preis in Klagenfurt, legt mit „Madrigal“ einen spannungsreichen wie hintergründigen Erzählband vor, der schon mit der titelgebenden Erzählung mit Raffinesse und Wortkunst begeistert. Der Autor lässt diesem beeindruckenden Auftakt weitere Sprachkunststücke folgen, die von der großen Ideen- wie Formkraft von Wrays Schreiben Zeugnis geben.

„Ein Erzählband, der Spannung und Sprachkunst eindrucksvoll verbindet“

Walter Pobaschnig 4_21

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„Perspektiven gestalten und in Kontakt bleiben“ Bernadette Huber, Bildende Künstlerin_OÖ 27.4.2021

Liebe Bernadette, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Sehr ähnlich wie auch in den letzten Jahren …

Mein Lebensinhalt ist die Bildende Kunst, die mich ernährt, beschäftigt, beflügelt und bewegt. Allein in meiner Atelierwohnung lebend und arbeitend war ich schon vor dem Lockdown im „home-office“. Daran schätze ich einerseits, dass ich in wichtigen Arbeitsphasen nicht gestört werde und in Ruhe an einer Sache dranbleiben kann, andererseits muss ich darauf achten, dass mir nicht die direkte Kommunikation und die persönliche Begegnung abhandenkommen.

Bernadette Huber, Bildende Künstlerin

Ganz wichtig ist mir deshalb in kreativen Prozessen immer der Austausch mit „meinem Kollektiv“ – einem Kreis kluger Freund*innen – die mir einen Blick von außen auf meine Arbeit geben und mich und meine künstlerischen Ideen mit vorantreiben. Das muss man sich als rasches multimediales Pingpong zu jeder erdenklichen Tageszeit vorstellen, bei dem auch sehr viel gelacht wird.

In den Tag starte ich bewusst mit meinen Morgenritualen, wie z.B. einem guten Frühstück, dem Einheizen meiner beiden schönen alten Kachelöfen und Morgenkultivierung. Erst dann tauche ich in die „Kunstwelt“ ein, da würde ich dann allerdings alles am liebsten gleichzeitig erledigen: Büroarbeit, Telefonate mit Gewerken, Projekttexte und Mails schreiben, und vor allem die künstlerische Arbeit am Computer (Videoschnitt, Entwürfe gestalten) oder physisch in der Atelierhalle, wobei die kreativen Entwicklungsprozesse am schwierigsten aber auch am spannendsten sind.

Trotz des Lockdowns arbeite ich zurzeit an unterschiedlichen Vorhaben wie Video- und Fotoarbeiten, Kunst am Bau-Wettbewerben, Arbeiten im öffentlichen Raum – „klassische“ Ausstellungsprojekte gab es in den letzten Monaten ja leider keine. Meine Ausstellungsbeteiligung im Mai im LENTOS Kunstmuseum Linz zum Thema „Wilde Kindheit“, auf die ich mich sehr freue, wird hoffentlich in der realen Wirklichkeit stattfinden können.

Ich möchte wissen, wo ich hingekommen bin! (Marlen Haushofer)
Ein aus Eigeninitiative entstandenes temporäres Kunstprojekt von Bernadette Huber im öffentlichen Raum in Steyr (OÖ), dem Lebensort von Marlen Haushofer von 1947 bis 1970. Der Marlen Haushofer-Kunstbus wird bis zum Herbst 2021 in Steyr auf Linie 5 unterwegs sein.

Mittags muss ich unterbrechen, denn ich versorge und betreue meine 91-jährige Mutter. Gesunde Ernährung ist mir dabei sehr wichtig, geistige Anregung durch positive Trigger und auch ein gemeinsamer Spaziergang stehen täglich am Programm; wenngleich meine Mutter sich da meist ein bisschen sträubt, kann ich sie so bei Laune und auch in Bewegung halten.

Am Nachmittag nach dem überlebenswichtigen Kaffee zieht sich Kunst
meist bis in den sehr späten Abend, weil mich die Projekte nicht loslassen und oft auch nachts im Traum noch beschäftigen. Der tägliche Vorsatz früher zu schlafen, scheitert meistens …

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Gesund bleiben, Perspektiven gestalten und in Kontakt bleiben – vor lauter Pandemie uns selbst nicht zu verlieren. Tun und nicht jammern, und vor allem die Zusammenhänge Mensch und Natur / Umwelt im Fokus behalten.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Gerade die Pandemie hat uns gezeigt, was wirklich wesentlich ist.

Da steht an erster Stelle der soziale Zusammenhalt, bei allem räumlichen Distanzhalten ist die soziale Nähe und die Verantwortung füreinander für mich immer deutlicher geworden und zwar sowohl im persönlichen als auch im globalen Sinne.

Wirtschaftliches Profitdenken und gesteigertes Konsumbegehren ohne Rücksicht auf Sozial- oder Umweltstandards stoßen an ihre Grenzen, und wir hatten in den letzten Monaten alle Zeit darüber nachzudenken, wie wir uns ein wirklich glückliches, zufriedenes Leben vorstellen.

Was die Kunst da tun kann? Sie schafft eine über das rein materielle hinausreichende Wertigkeit, die den Menschen nicht nur als Konsumenten von Waren, sondern als Wesen wahrnimmt, das menschliche Nähe, geistige Anregung, Schönheit, Witz und eben Kunst braucht.

Was liest Du derzeit?

Nachrichten und Fachliteratur zu Kunst. – Im Moment komme ich wenig zum Lesen, weil ich inmitten einiger Projekte stehe und da nicht zu viel abgelenkt werden möchte. Ich habe gerade ein Kinder- bzw. Bilderbuch zu Zaha Hadid gelesen (Zaha Hadid. Little People, BIG Dreams).
Daniela Strigls Biografie zu Marlen Haushofer wartet zur neuerlichen Lektüre auch auf mich.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Nachdem mich in den letzten Monaten ein äußerst fatalistisches Zitat von Marlen Haushofer sehr beschäftigt hat: Ich möchte wissen, wo ich hingekommen bin!  versuche ich dem entgegenzusetzen, dass ich es sein muss, die entscheidet, welchen Bus sie nimmt.

Vielen Dank für das Interview liebe Bernadette, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Bernadette Huber, Bildende Künstlerin

Bernadette Huber. HUBERnadette. art in progress

Fotos_Archiv_Bernadette Huber.

29.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Steh auf, Frau, um Himmels willen, steh auf!“ Birgit Fuchs, Schauspielerin_50 Jahre Malina_ Wien 27.4.2021

Text und Darstellung von Birgit Fuchs, Schauspielerin

Ivan

„Ich sehne mich nach dir. Ich sehne mich nach dir in jedem Augenblick, in dem du nicht bei mir bist. Du hast mich in Besitz, weil ich mich voll und ganz nach dir richte. Du hast mich gefangen. Ich warte auf deinen nächsten Anruf, auf deine nächste Nachricht, auf das nächste Wiedersehen…

Birgit Fuchs, Schauspielerin

Und wenn du Zeit hast, für mich, hab ich sie für dich. Ich verschiebe wichtiges für die Arbeit, um mir die Zeit freizuräumen, die du für mich hast. Ich ersehe, den Moment, in dem die Klingel läutet, mein Herz schlägt, ich bin süchtig. Ich bin abhängig. Ich hänge von dir ab. Ich hänge davon ab, ob du da bist, ob du mich willst, wie du mit mir umgehst…

Wenn du mich liebevoll behandelst, schwebe ich im Glück. Wenn du mich kritisierst, bin ich zwar zerstört, weil alles was deinen Mund verlässt, wahr ist, aber es kommt aus DEINEM Mund und es geht um mich…

Du kannst mich dumm nennen, es sind deine Worte. Es ist deine Sprache, die mir so sagt, dass ich dir wertvoll bin. Egal was du sagst, du sagst es zu mir, du bist bei mir. Ich hänge an dir. Ich hänge ab von dir. Ich bin abhängig…

Und ich merke, dass es Irrsinn ist. Dass es zerstörerisch ist.

Das ich mich hingebe und du es ausnützt. Du weißt, welche Macht du über mich hast und genießt es, mich gefangen zu haben. Du weißt, du kannst tun was du willst, du weißt, ich werde her kriechen. Ich kniee vor dir. Ich bete dich an. Das weißt du. Und du? Du benützt es, du nützt mich aus. Und ich lasse es geschehen…

Zerrissenheit in mir, doch nur, wenn du weg bist. Bist du da, ist alles klar. Mein Suchtmittel. Natürlich gebe ich mir so viel ich nur kann. Am liebsten würde ich in dir aufgehen, dich einnehmen, nein, mich von dir einnehmen lassen. Ich will, dass du mich voll und ganz lenkst. Ich will Teil von dir sein. Ich will du sein und ich bleiben. Aber in dir. Oder du in mir. Ganz egal, verschmelzen…

Und deshalb hast du mich in der Hand und es ist offensichtlich, dass du dir deiner Macht bewusst bist. Ich bin dein Zuchttier. Ich bin deine Puppe. Ich degradiere mich. Wissentlich. Wollentlich. Dein Besitz…

Was macht mich so unterworfen? Was strahlst du aus, dass mich so zähmt, dass mich so klein macht, mich nur groß fühlen lässt, wenn du mir Größe zusprichst? Was ist diese Fessel, die du mir angelegt hast?…

Ich kann nicht durchblicken. Ich bin verwirrt und glücklich. Dann zu Tode betrübt, wenn du gehst, wenn ich warte, bis du dich wieder auseinandersetzen magst mit mir. Und in dieser Zeit schwingen deine Worte in mir nach. Egal welche. Ich richte es mir so, wie ich es brauche. Hauptsache deine Worte, Hauptsache du…

Ich bin nicht mehr Herrin meiner selbst. Ich bin keine starke Frau mehr. Ich bin erobert, bin geschlagen, bin am Sterben…

Ich gratuliere dir zu deinem Sieg. Von unten. Tief unten. Ich blicke zu dir hinauf, mein Held, mein König, mein Alles…

Es ist nicht richtig! Es ist nicht richtig! Steh auf, Frau, um Himmels willen, steh auf!

Es ist viel leichter zu dir aufzusehen und geschehen zu lassen.

Du grinst…

Ich interpretiere es als ein Lächeln, ein liebevolles Lächeln, dass mich aufnimmt in meiner Schwäche, in meiner Bedürftigkeit, in meiner tiefsten Begierde. Und weiß doch, es ist ein böses Erheben deiner Mundwinkel, der Jäger hat seine Beute erlegt…

Malina

Ich habe dich bei mir. Du bist der Starke von uns. Ich glaube zu wissen und du stellst in Frage. Ich brauche dich. Und doch bist du mir unheimlich. Ich staune, ich blicke zu dir empor. Und ich denke, das muss so sein…

Wer bin ich? Wer bin ich ohne dich? Was ist es, das mich nicht alleine leben lässt? Ohne deine gleichmütige Sicht der Dinge, was heißt Dinge…der Welt, wäre ich schon zerbrochen und doch sterbe ich immer mehr in deinem Dasein. Du bist mächtig. Du widersprichst, hinterfragst mich so oft, dass ich an mir zu zweifeln beginne. An meinen Erinnerungen, an meinem Sein, an meiner Zukunft…

Welche Zukunft? Welches Sein? Welche Erinnerungen? Es vernebelt, wie der Rauch immer weniger sichtbar ist, nachdem die Flammen erlöschen….

Du hinterfragst mich, jedes Wort. Ich komme nicht an gegen dich. Du verdrehst mir meine Worte, meine Sprache…

Gesagtes. Gedachtes. Ich versuche dich zu verstehen, mich zu verstehen, mich zu artikulieren, was ich meine und dann doch…bin ich mundtot.“

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann.

Text und szenische Darstellung: Birgit Fuchs _Schauspielerin _Wien.

Willkommen auf der Homepage von Schauspielerin Birgit Fuchs – Birgit Fuchs Schauspielerin, Sprecherin, Yogalehrerin, Fotografin, Autorin, Model, Managerin

Station bei Ingeborg Bachmann _ Malina_Romanschauplatz Wien_

Alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_3_2021

Birgit Fuchs_Interview_5 Fragen

„Was im Leben wirklich wichtig ist – das ist ein Prozess und ich denke, der ist auch nie zu Ende“ Birgit Fuchs, Schauspielerin _ Wien 28.11.2020 | Literatur outdoors – Worte sind Wege

Walter Pobaschnig _ 4_2021

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„Es könnte eine Zäsur sein. Ein wildes Oszillieren, ohne Attraktor“ Harald Gsaller, Bildender Künstler, Autor_Wien 27.4.2021

Lieber Harald, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf hat sich nicht so sehr geändert. Das Aufstehen fällt mir nach wie vor schwer. Ich habe gesundheitlich seit geraumer Zeit zu kämpfen und ich schaffe, so es gelingt, Werke, in meinem Fall Grafiken, Bilder und kurze Texte. Kunst hilft! Künstler-Sein hilft! Familie hilft! Dann wieder kommuniziere ich per Telefon oder Mail oder Facebook mit einigen Freundinnen und Freunden. Immer wieder ein Erlebnis, wie Gesagtes, Geschriebenes, Gezeichnetes, Gepostetes Gemeinschaft schaffen kann, oder auch nicht.

Harald Gsaller, Bildender Künstler, Autor

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich könnte nicht sagen, was es wäre. Die kollektiven Neurosen, wir werden jetzt; man sollte jetzt; etc. habe ich zulange erlebt … Für die Menschen, mit denen ich umgehe, die ich kenne, die wählen, mit mir zu kommunizieren, scheint sich herausgeschält zu haben, dass im Denken an die schlimmsten Aspekte von Covid, kurz, dem im Westen so stark verdrängten Tod, also vor dem befürchtete letzten Chaos, dass also da ein ausweitbarer Raum für Kommunikation bleibt. Politisch würde man sagen, der muss gestaltet werden. – Da bin ich skeptisch. All dies ununterbrochene Gestalten, zum Wohle der Menschheit.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Auch hier: Warum davon ausgehen, dass wir vor einem Aufbruch stehen? Es könnte genauso gut ein Niedergang sein. Eine Zäsur. Ein wildes Oszillieren, ohne Attraktor (systemisch gesprochen). Im Chinesischen, genauer im Daoismus, dem ich nahe stehe, gibt es das Prinzip „Wu wei (er wu bu wei)“ / „Nichtstun (und nichts bleibt ungetan)“. Wobei das Westliche „die Gelegenheit beim Schopfe Packen“ durchaus eingepreist ist. Die Rolle der Kunst? Als es in der Kulturrevolution zu Genosse Maos Zeiten den letzten verbliebenen Taoisten nahezu unmöglich wurde, ihre Kunst auszuüben, praktizierten (und lehrten) sie im Verborgenen.

Was liest Du derzeit?

Viele der wunderbaren Kolleginnen und Kollegen haben in dieser Interview-Reihe angegeben, sie kämen wieder mehr zum Lesen. Fein, ich auch!

Im letzten Jahr immer wieder herangezogen: Pema Chödrön „When things falls apart“ (Shambala Publications)

In Facebook habe ich mich für die öffentliche Gruppe „Paul Klee“ eingetragen: Jetzt poppen in meinem Feed jeden Tag 2-3 Klee-Bilder zum Dechiffrieren auf.

Im Alltag versuche ich, in den Gesichtern der Wiener, inklusive der neu Zugezogenen, zu lesen.

Oft und gerne: „Daoism Handbook“ (Brill), edited by Livia Kohn.

Und ab 22:00 Uhr gibt’s, wie seit 40 Jahren, den Abend-Film.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Statt eines Zitates, gebe ich gern ein Bild aus der Serie „Cosmic Eggs“ mit der korrespondierenden Bild-Legende:

Harald Gsaller „Cosmic Egg (in Outer Space)“ (2020)

“Cosmic Egg (in Outer Space)” (2020)
Digitally created artwork. The photograph of this Egg system was delivered by the European Southern Observatory’s Very Large Telescope in Chile in April 2020. It shows a very large egg system. Major semi-axis nearly 1,4 light years.
Several Cosmic Eggs appear or are found in different places and at different times of the year on Earth/in the sky.
They are like drawings/sculptures/diagrams showing a (chaotic) order, resembling planetary systems.–But it’s definitely not our solar system we are looking at!

Vielen Dank für das Interview lieber Harald, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunst-, Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Harald Gsaller, Bildender Künstler, Autor

https://haraldgsaller.at/

Foto_privat.

29.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Sie nannten es Arbeit“ Eine andere Geschichte der Menschheit. James Suzman. Beck Verlag

Es sind Herausforderungen im Lebensalltag und Organisation vor denen die Menschheit zu jeder Zeit steht. Von der Steinzeit bis heute.

Im Moment ist es eine Pandemie, die größte Anstrengungen erfordert und deren weitere Entwicklungen und Auswirkungen noch nicht abzusehen sind. Mensch und Gesellschaft suchen Wege der Eindämmung und der Neuorganisation. Politisch ist von einem „Comeback“ die Rede.

Doch wie erging es dem Menschen vor der Pandemie? Was bestimmte und bestimmt moderne Lebenswelten? Wie war dies bisher in Geschichte und Gesellschaft und was sind aktuelle Perspektiven des Menschen am Weg durch die Zeiten…

James Suzmann, Sozialanthropologe und Direktor am Robinson College der Cambridge University, legt mit „Sie nannten es Arbeit“ einen beeindruckenden Überblick über die Entwicklung von Mensch und Gesellschaft vom Anbeginn ersten Lebens und menschlichen Gruppenlebens bis zur hochspezialisierten Organisation der Gegenwart vor.

Das Buch ist in vier Hauptkapitel gegliedert, beginnend mit den ersten Lebensformen und Überlebensformen der Erde, fortschreitend zu den ersten menschlichen Organisationsformen in verschiedenen Kontinenten und deren spezifischen Anforderungen und Lösungsprofilen, bis zum modernen Leben in Stadt und Technik und deren Bedürfnissen und Voraussetzungen.

Der Autor verbindet Fachwissen mit anschaulicher Darstellung in Beispiel und Gegenwartsbezug und ermöglicht so ein spannendes interessantes „Mitwandern“ mit Mensch und Geschichte in vielen wichtigen Fragen und Impulsen zur Zeit.

„Ein Buch, das wesentliche Fragen zu Menschsein und Menschwerden stellt und einlädt kritisch in den Spiegel zu blicken“

Walter Pobaschnig 4_21

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„Das Theater wird gefordert sein, sich mit dem Thema Kontakt und Kontaktlosigkeit auseinanderzusetzen“ Stefan Altenhofer, Schauspieler_Wien 26.4.2021

Lieber Stefan, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Als freier Schauspieler und Trainer hat mir diese Pandemie, der die Welt zu Beginn die Rolle einer Epidemie nur zugestand, vielerlei Formen von möglichen und unmöglichen Tagesabläufen bereits abverlangt.

Stefan Altenhofer, Schauspieler, Trainer

Beinahe unter Schock von Pressekonferenz zu Pressekonferenz am Bildschirm verharrend zu Anfang der Auswirkungen der Pandemie, war eine Form von Prägung meines Tagesablaufs. Eine weitere Version war auch die: auf eben diese Bildschirme zu starren und eben diese Pressekonferenzen zu verfolgen, diesmal unter Schock die Auswirkungen der Lockdowns, Absagen und Verschiebungen im Kulturbereich zu begreifen. Ebensolche Formen eines Tagesablaufes hat mir diese Pandemie als Möglichkeit geboten und für bestimmte Phasen habe ich solche Angebote auch angenommen. Genaugenommen sind diese Phasen in Wellen gekommen, wie die Epidemie selbst. Nur die Anziehungskraft der Pressekonferenzen hat kontinuierlich, entgegen aller Wellenbewegungen stetig abgenommen.

Genau in solche Phasen erinnerte ich mich aber auch immer daran, wie Pandemie freie Tagesabläufe waren und wie wertvoll diese mir erscheinen. Dorthin zu kommen schien und scheint die Übung zu sein. Diese gelingt mir immer dann besonders gut, wenn Beziehung, Natur, Sport, Schreiben, Lesen oder Information abseits von Corona viel Platz in meinem Tagesablauf finden. Was Natur und Sport betrifft habe ich meine unmittelbare Umgebung neu entdecken können –  per Rad und pedes neu kennenlernen.  

Auch die Weiterbildung als Trainer in der Erwachsenbildung findet immer wieder Platz im Tagesablauf, oder dieser ist ohnedies mitgestaltet durch digitale Seminare und dergleichen. Da viele (physische) Termine wegfallen, entsteht auch mehr Ruhe, die mir gut tut. Telefonate und Zoom runden die Übung „Tagesablauf“ ab. Möge sie mir gelingen!  

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Besonders wichtig scheint es zu sein, individuelle Wege zu finden mit persönlichen Verlusten umzugehen, und dies zusätzlich zu finanziellen Entbehrungen oder Einbußen. Für Monate „das Theater“, die Bühne, den Kontakt zu KollegInnen, das Publikum und vieles mehr zu verlieren, um es dann, wie in meinem Fall, im Herbst‘ 20 für kurze Zeit wieder zu gewinnen und nun abermals zu akzeptieren, dass all dies und noch viel mehr in weite Ferne zu rücken droht, ist eine Herausforderung für einen Schauspieler. Und mit solchen Herausforderungen sind wir alle in welcher Form auch immer konfrontiert.

Und doch hat derlei keine Relevanz, wenn Verlust das Verlieren eines Menschenlebens meint. Und genau davon können wir alle aber betroffen sein oder werden. Zugegeben: mit oder ohne Pandemie. Dass diese Überlegungen, auch bezüglich individueller Lösungswege und vielem mehr, auch in Pandemie freien Zeiten Gültigkeit und Relevanz hätten, verstärkt die Wichtigkeit solcher Gedankenspiele, in diesem Fall Rund um Verlust oder drohendem Verlust, da sie dazu führen, dass wir uns mit unseren Bewertungen einmal mehr auseinandersetzen müssen. Hier sind wir aufgefordert, dass wir unsere gewohnten Bewertungen hinterfragen und bis dato „Selbstverständliches“ einen neuen Wert geben. Auch dieses Angebot macht uns die Pandemie. Möge uns die Übung gelingen.      

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Wie gut uns persönlich ein sogenannter Neubeginn gelingt, hängt maßgeblich mit der Bereitschaft zusammen eigene Bewertungen zu hinterfragen und womöglich neu zu definieren. Dies bedeutet auch ganz salopp formuliert, wieder besser zu wissen, was mir wichtig ist und was für mich persönlich einen hohen Stellenwert hat, oder auch, durch die Erfahrungen der Pandemie, worauf ich auch in Zukunft leichter verzichten kann.  

In der Gesellschaft gibt es viele Strömungen, die diese Verschiebungen und Veränderungen des individuellen und gesellschaftlichen „Bewertens“ aufgreifen und reflektieren. Die Kunst mit all ihren Formen sollte diese „Bewegungen neuer Bewertungen“ aufgreifen, thematisieren und zur Schau stellen. Das Theater, als eine Kunstform, wird gefordert sein, sich mit dem Thema Kontakt und Kontaktlosigkeit auseinanderzusetzen, da diese Verlusterfahrung bis tief in die Gesellschaft durch die Pandemie erlebt wurde und Theater selbst eben kontaktlos in seiner Wirkung stark eingeschränkt oder nicht vorhanden war.  Zuletzt, auch um neue Bewertungen zu ermöglichen, muss Kunst und hier im Besonderen Theater wieder emotional Berühren. Hier scheint Kontaktmöglichkeit zum Publikum von essentieller Bedeutung. Wir müssen dies wieder Üben (dürfen).  Möge uns dies gelingen.

Was liest Du derzeit?

„Ganz im Gegenteil.“, Matthias Varga von Kibed

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Was ist Verlust, wenn so der Mensch in seiner eignen Welt sich findet? In uns ist alles!“

Friedrich Hölderlin

„Möge uns die Übung gelingen!“

Stefan Altenhofer, Schauspieler, Trainer

Vielen Dank für das Interview lieber Stefan, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Stefan Altenhofer, Schauspieler, Trainer

https://www.schauspielervideos.de/fullprofile/schauspieler-stefan-altenhofer.html

Fotos_Florian Keppelmüller

29.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com