„Perspektiven gestalten und in Kontakt bleiben“ Bernadette Huber, Bildende Künstlerin_OÖ 27.4.2021

Liebe Bernadette, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Sehr ähnlich wie auch in den letzten Jahren …

Mein Lebensinhalt ist die Bildende Kunst, die mich ernährt, beschäftigt, beflügelt und bewegt. Allein in meiner Atelierwohnung lebend und arbeitend war ich schon vor dem Lockdown im „home-office“. Daran schätze ich einerseits, dass ich in wichtigen Arbeitsphasen nicht gestört werde und in Ruhe an einer Sache dranbleiben kann, andererseits muss ich darauf achten, dass mir nicht die direkte Kommunikation und die persönliche Begegnung abhandenkommen.

Bernadette Huber, Bildende Künstlerin

Ganz wichtig ist mir deshalb in kreativen Prozessen immer der Austausch mit „meinem Kollektiv“ – einem Kreis kluger Freund*innen – die mir einen Blick von außen auf meine Arbeit geben und mich und meine künstlerischen Ideen mit vorantreiben. Das muss man sich als rasches multimediales Pingpong zu jeder erdenklichen Tageszeit vorstellen, bei dem auch sehr viel gelacht wird.

In den Tag starte ich bewusst mit meinen Morgenritualen, wie z.B. einem guten Frühstück, dem Einheizen meiner beiden schönen alten Kachelöfen und Morgenkultivierung. Erst dann tauche ich in die „Kunstwelt“ ein, da würde ich dann allerdings alles am liebsten gleichzeitig erledigen: Büroarbeit, Telefonate mit Gewerken, Projekttexte und Mails schreiben, und vor allem die künstlerische Arbeit am Computer (Videoschnitt, Entwürfe gestalten) oder physisch in der Atelierhalle, wobei die kreativen Entwicklungsprozesse am schwierigsten aber auch am spannendsten sind.

Trotz des Lockdowns arbeite ich zurzeit an unterschiedlichen Vorhaben wie Video- und Fotoarbeiten, Kunst am Bau-Wettbewerben, Arbeiten im öffentlichen Raum – „klassische“ Ausstellungsprojekte gab es in den letzten Monaten ja leider keine. Meine Ausstellungsbeteiligung im Mai im LENTOS Kunstmuseum Linz zum Thema „Wilde Kindheit“, auf die ich mich sehr freue, wird hoffentlich in der realen Wirklichkeit stattfinden können.

Ich möchte wissen, wo ich hingekommen bin! (Marlen Haushofer)
Ein aus Eigeninitiative entstandenes temporäres Kunstprojekt von Bernadette Huber im öffentlichen Raum in Steyr (OÖ), dem Lebensort von Marlen Haushofer von 1947 bis 1970. Der Marlen Haushofer-Kunstbus wird bis zum Herbst 2021 in Steyr auf Linie 5 unterwegs sein.

Mittags muss ich unterbrechen, denn ich versorge und betreue meine 91-jährige Mutter. Gesunde Ernährung ist mir dabei sehr wichtig, geistige Anregung durch positive Trigger und auch ein gemeinsamer Spaziergang stehen täglich am Programm; wenngleich meine Mutter sich da meist ein bisschen sträubt, kann ich sie so bei Laune und auch in Bewegung halten.

Am Nachmittag nach dem überlebenswichtigen Kaffee zieht sich Kunst
meist bis in den sehr späten Abend, weil mich die Projekte nicht loslassen und oft auch nachts im Traum noch beschäftigen. Der tägliche Vorsatz früher zu schlafen, scheitert meistens …

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Gesund bleiben, Perspektiven gestalten und in Kontakt bleiben – vor lauter Pandemie uns selbst nicht zu verlieren. Tun und nicht jammern, und vor allem die Zusammenhänge Mensch und Natur / Umwelt im Fokus behalten.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Gerade die Pandemie hat uns gezeigt, was wirklich wesentlich ist.

Da steht an erster Stelle der soziale Zusammenhalt, bei allem räumlichen Distanzhalten ist die soziale Nähe und die Verantwortung füreinander für mich immer deutlicher geworden und zwar sowohl im persönlichen als auch im globalen Sinne.

Wirtschaftliches Profitdenken und gesteigertes Konsumbegehren ohne Rücksicht auf Sozial- oder Umweltstandards stoßen an ihre Grenzen, und wir hatten in den letzten Monaten alle Zeit darüber nachzudenken, wie wir uns ein wirklich glückliches, zufriedenes Leben vorstellen.

Was die Kunst da tun kann? Sie schafft eine über das rein materielle hinausreichende Wertigkeit, die den Menschen nicht nur als Konsumenten von Waren, sondern als Wesen wahrnimmt, das menschliche Nähe, geistige Anregung, Schönheit, Witz und eben Kunst braucht.

Was liest Du derzeit?

Nachrichten und Fachliteratur zu Kunst. – Im Moment komme ich wenig zum Lesen, weil ich inmitten einiger Projekte stehe und da nicht zu viel abgelenkt werden möchte. Ich habe gerade ein Kinder- bzw. Bilderbuch zu Zaha Hadid gelesen (Zaha Hadid. Little People, BIG Dreams).
Daniela Strigls Biografie zu Marlen Haushofer wartet zur neuerlichen Lektüre auch auf mich.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Nachdem mich in den letzten Monaten ein äußerst fatalistisches Zitat von Marlen Haushofer sehr beschäftigt hat: Ich möchte wissen, wo ich hingekommen bin!  versuche ich dem entgegenzusetzen, dass ich es sein muss, die entscheidet, welchen Bus sie nimmt.

Vielen Dank für das Interview liebe Bernadette, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Bernadette Huber, Bildende Künstlerin

Bernadette Huber. HUBERnadette. art in progress

Fotos_Archiv_Bernadette Huber.

29.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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