„Das Theater wird gefordert sein, sich mit dem Thema Kontakt und Kontaktlosigkeit auseinanderzusetzen“ Stefan Altenhofer, Schauspieler_Wien 26.4.2021

Lieber Stefan, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Als freier Schauspieler und Trainer hat mir diese Pandemie, der die Welt zu Beginn die Rolle einer Epidemie nur zugestand, vielerlei Formen von möglichen und unmöglichen Tagesabläufen bereits abverlangt.

Stefan Altenhofer, Schauspieler, Trainer

Beinahe unter Schock von Pressekonferenz zu Pressekonferenz am Bildschirm verharrend zu Anfang der Auswirkungen der Pandemie, war eine Form von Prägung meines Tagesablaufs. Eine weitere Version war auch die: auf eben diese Bildschirme zu starren und eben diese Pressekonferenzen zu verfolgen, diesmal unter Schock die Auswirkungen der Lockdowns, Absagen und Verschiebungen im Kulturbereich zu begreifen. Ebensolche Formen eines Tagesablaufes hat mir diese Pandemie als Möglichkeit geboten und für bestimmte Phasen habe ich solche Angebote auch angenommen. Genaugenommen sind diese Phasen in Wellen gekommen, wie die Epidemie selbst. Nur die Anziehungskraft der Pressekonferenzen hat kontinuierlich, entgegen aller Wellenbewegungen stetig abgenommen.

Genau in solche Phasen erinnerte ich mich aber auch immer daran, wie Pandemie freie Tagesabläufe waren und wie wertvoll diese mir erscheinen. Dorthin zu kommen schien und scheint die Übung zu sein. Diese gelingt mir immer dann besonders gut, wenn Beziehung, Natur, Sport, Schreiben, Lesen oder Information abseits von Corona viel Platz in meinem Tagesablauf finden. Was Natur und Sport betrifft habe ich meine unmittelbare Umgebung neu entdecken können –  per Rad und pedes neu kennenlernen.  

Auch die Weiterbildung als Trainer in der Erwachsenbildung findet immer wieder Platz im Tagesablauf, oder dieser ist ohnedies mitgestaltet durch digitale Seminare und dergleichen. Da viele (physische) Termine wegfallen, entsteht auch mehr Ruhe, die mir gut tut. Telefonate und Zoom runden die Übung „Tagesablauf“ ab. Möge sie mir gelingen!  

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Besonders wichtig scheint es zu sein, individuelle Wege zu finden mit persönlichen Verlusten umzugehen, und dies zusätzlich zu finanziellen Entbehrungen oder Einbußen. Für Monate „das Theater“, die Bühne, den Kontakt zu KollegInnen, das Publikum und vieles mehr zu verlieren, um es dann, wie in meinem Fall, im Herbst‘ 20 für kurze Zeit wieder zu gewinnen und nun abermals zu akzeptieren, dass all dies und noch viel mehr in weite Ferne zu rücken droht, ist eine Herausforderung für einen Schauspieler. Und mit solchen Herausforderungen sind wir alle in welcher Form auch immer konfrontiert.

Und doch hat derlei keine Relevanz, wenn Verlust das Verlieren eines Menschenlebens meint. Und genau davon können wir alle aber betroffen sein oder werden. Zugegeben: mit oder ohne Pandemie. Dass diese Überlegungen, auch bezüglich individueller Lösungswege und vielem mehr, auch in Pandemie freien Zeiten Gültigkeit und Relevanz hätten, verstärkt die Wichtigkeit solcher Gedankenspiele, in diesem Fall Rund um Verlust oder drohendem Verlust, da sie dazu führen, dass wir uns mit unseren Bewertungen einmal mehr auseinandersetzen müssen. Hier sind wir aufgefordert, dass wir unsere gewohnten Bewertungen hinterfragen und bis dato „Selbstverständliches“ einen neuen Wert geben. Auch dieses Angebot macht uns die Pandemie. Möge uns die Übung gelingen.      

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Wie gut uns persönlich ein sogenannter Neubeginn gelingt, hängt maßgeblich mit der Bereitschaft zusammen eigene Bewertungen zu hinterfragen und womöglich neu zu definieren. Dies bedeutet auch ganz salopp formuliert, wieder besser zu wissen, was mir wichtig ist und was für mich persönlich einen hohen Stellenwert hat, oder auch, durch die Erfahrungen der Pandemie, worauf ich auch in Zukunft leichter verzichten kann.  

In der Gesellschaft gibt es viele Strömungen, die diese Verschiebungen und Veränderungen des individuellen und gesellschaftlichen „Bewertens“ aufgreifen und reflektieren. Die Kunst mit all ihren Formen sollte diese „Bewegungen neuer Bewertungen“ aufgreifen, thematisieren und zur Schau stellen. Das Theater, als eine Kunstform, wird gefordert sein, sich mit dem Thema Kontakt und Kontaktlosigkeit auseinanderzusetzen, da diese Verlusterfahrung bis tief in die Gesellschaft durch die Pandemie erlebt wurde und Theater selbst eben kontaktlos in seiner Wirkung stark eingeschränkt oder nicht vorhanden war.  Zuletzt, auch um neue Bewertungen zu ermöglichen, muss Kunst und hier im Besonderen Theater wieder emotional Berühren. Hier scheint Kontaktmöglichkeit zum Publikum von essentieller Bedeutung. Wir müssen dies wieder Üben (dürfen).  Möge uns dies gelingen.

Was liest Du derzeit?

„Ganz im Gegenteil.“, Matthias Varga von Kibed

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Was ist Verlust, wenn so der Mensch in seiner eignen Welt sich findet? In uns ist alles!“

Friedrich Hölderlin

„Möge uns die Übung gelingen!“

Stefan Altenhofer, Schauspieler, Trainer

Vielen Dank für das Interview lieber Stefan, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Stefan Altenhofer, Schauspieler, Trainer

https://www.schauspielervideos.de/fullprofile/schauspieler-stefan-altenhofer.html

Fotos_Florian Keppelmüller

29.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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