Erinnern ist ein ganz wesentlicher Baustein von Mensch und Gesellschaft. Gerade jetzt in Zeiten einer Pandemie wird uns dies ganz unmittelbar und eindringlich bewusst. Der Blick und die Gedanken gehen zurück in das Davor und lassen über Gegenwart und Zukunft nachdenken. Lassen Perspektiven gewinnen aus dem Erleben und Reflektieren des Gewordenen, um einen guten gemeinsamen Weg in die Zukunft gehen zu können.
Erinnern.at ist eine österreichische Plattform, die von PädagogInnen und HistorikerInnen getragen wird und sich der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit in Österreich wie der gesellschaftlichen, schwerpunktmäßig pädagogischen, Vermittlung in umfassender Weise widmet. Zu ihren Projekten gehören regelmäßige Veranstaltungen, Fortbildungen und Publikationen, die an Geschehnisse vor Ort erinnern, informieren wie Kontexte aufbereiten.
Das vorliegende Buch mit Schwerpunkt Kärnten ist ein Teil einer Österreich-Reihe, welche die historischen Voraussetzungen, Entwicklungen und den Verlauf der nationalsozialistischen Machtübernahme ausführlich in regionalen Zusammenhängen mit einer Fülle von ganz außergewöhnlichen Bild- und Textzeugnissen darstellt.
Der Kapitelaufbau ist chronologisch, von den Entwicklungen seit dem Ersten Weltkrieg, der nationalsozialistischen Machtübernahme, der gesellschaftlichen Umgestaltung, politischen Verfolgung und dem Ausblick danach bis zur Gegenwart, gestaltet.
Hervorzuheben ist die eindrucksvolle Aufbereitung und Darstellung von Text- und Bildquellen, die ganz unmittelbar Geschichte öffnen und wesentliche wie erschütternde Einblicke bieten. Ebenso ist die kompakte Gliederung hervorzuheben, die Ereignis und Geschehen veranschaulicht wie zusammenfassend informiert. Da verbindet sich Wissenstransfer und Aufmerksamkeit in bester pädagogischer wie schriftstellerischer Kunst.
Ein umfassender Anhang mit Textverweisen, Personen- und Ortsregister schließt dieses ganz besondere und wichtige Projekt des Erinnerns und der verantwortungsvollen Perspektive unserer Gesellschaft ab.
Lieber Clemens, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
„Trotz großer Leidenschaft für all mein Tun, würde ich meinen Tagesablauf derzeit als herausfordernd beschreiben. Zum einen bin ich gerade im letzten Jahr meiner Schauspielausbildung an der Wiener Schauspielschule Krauss. Bald beginnen hier die Proben für die letzte gemeinsame Produktion – die Abschlussproduktion. Dieses Projekt hat es dieses Jahr in sich, denn kein Geringerer als der Starautor, Regisseur und Bühnenbildner Igor Bauersima wird eigens für uns als Abschlussjahrgang ein Stück schreiben und anschließend auch inszenieren: POST SCRIPTUM. Es handelt vom World Wide Web und wir werden auf der Bühne eine Art >Timeline< nachstellen. Besonders ist auch der Aufführungsort, denn der Name „Igor Bauersima“ und der Begriff „Uraufführung“ weckte große Neugier beim Schauspielhaus Wien, wo die Premiere nunmehr am 2. Juni 2021 stattfinden wird – voraussichtlich.
Zum anderen stecke ich auch in den Vorbereitungen für anderweitige Projekte. Eines davon ist BORN TO FAKE – ebenfalls eine Uraufführung. Für den Text und die Regie zeichnet sich Josef Maria Krasanovsky verantwortlich. Im Mittelpunkt steht das Leben von dem berühmt-berüchtigten deutschen TV-Fälscher Michael Born. Die Premiere findet voraussichtlich am 16. Mai 2021 im Dom im Berg in Graz statt. Weiters werde ich im Sommer in meinem Heimatort Kärnten meine zweite eigene Theaterproduktion aufführen. Mehr Informationen dazu wird es in Kürze geben. Es gestaltet sich gerade also alles andere als einfach, alle Arbeiten unter einen Hut zu kriegen und trotzdem noch genügend Zeit für sich selbst zu haben, um einmal abzuschalten. Gefühlt hetze ich von der einen Probe zum nächsten Telefongespräch zur nächsten Zoom-Konferenz und so weiter und so fort. Ich kann und möchte mich aber wirklich nicht beklagen, denn andere Kolleg*innen haben nicht so viel Glück, derzeit beruflich so aktiv zu sein. Also freue ich mich auch sehr über die vielen Chancen, die sich gerade auftun.
Clemens Janout, Schauspeler
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Es ist für uns alle wichtig, jetzt besonders auf unsere psychische Gesundheit und jene unserer Mitmenschen zu achten. Ich glaube, dass dieser Aspekt in jeglichen Corona-Debatten viel zu selten aufgegriffen wird. Denn neben einem Bewusstsein für die Pandemie und dem daraus resultierenden körperlichen Abstand zu anderen Individuen, kann sich schnell auch eine gefährliche >psychische Distanz< entwickeln. Es wäre absurd, den Versuch zu wagen, wegzudiskutieren, dass diese >pandemische Zeit< ohne psychische Spuren an uns vorübergeht. Ich schätze mich enorm glücklich, in einem sozialen Umfeld geborgen zu sein, welches mich auffängt, wenn es mir einmal schlecht geht und mir Trost spendet. Doch wir dürfen nicht vergessen, wie viele Menschen heutzutage alleine leben, in oder wegen der Pandemie eine Trennung durchgemacht haben, aufgrund der derzeitigen Situation Ängste entwickeln, die es ihnen nicht mehr möglich machen, einen Fuß vor die Türe zu setzen… Trotz der Wichtigkeit, in dieser Pandemie im Interesse unser aller (körperlichen) Gesundheit zu handeln, erachte ich es für essentiell, sich >neue< Gedanken zu machen: Gibt es eine Möglichkeit, Freund*innen zu treffen und trotzdem sicher dabei zu agieren? Ja, es gibt sie! Indem beispielsweise hier in Wien eine der Teststraßen genutzt und dann eine freundschaftliche Zusammenkunft veranstaltet wird, bei der alle eben kurz davor getestet wurden. Spätestens jetzt, ein Jahr nachdem Corona unser aller Leben auf den Kopf gestellt hat, wollen vor allem junge Menschen ihr Leben wieder zurück. Ich bin also für Aufklärung, neue Perspektiven und Selbstverantwortung! Wir dürfen außerdem nicht auf diejenigen vergessen, die sich bereits seit Aufkommen des digitalen Zeitalters mehr und mehr in eine absolute Einsamkeit begeben haben: nur mehr vor den Bildschirmen sitzen und das Leben wie aus einem Käfig beobachten. Wenn man bedenkt, dass dieser Trend des körperlichen Distanzierens bereits innerhalb der letzten Jahre schon bedenkliche Auswüchse erreicht hat, muss man sagen, dass er jetzt an einem Höhepunkt angekommen ist, ungeachtet der Gründe für diese Entwicklung.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Wir müssen Wege finden, um Sicherheiten zu schaffen und trotzdem unsere geliebte >Realität< wieder zurückzubekommen. Für die Kunst generell würde ich mir wünschen, dass sie seitens der Politik endlich die nötige Wertschätzung und Notwendigkeit bekommt, die sie auch verdient. Ich denke, dass es für unsere Gesellschaft gesamtheitlich von großer Bedeutung ist, neue Impulse durch die Kunst zu erhalten. Man blicke beispielsweise zurück auf die Anfänge des Theaters: Oftmals wurde das damalige alltägliche ortsgebundene Geschehen verarbeitet, indem Gemeinschaft am Theaterort geschaffen wurde. Folglich stimmt es mich traurig und wütend, dass trotz ausgefeilter und funktionierender Sicherheitskonzepte, Kunsträume in den letzten Wochen noch immer keine Öffnungsschritte erfahren haben – der Handel aber vor geraumer Zeit bereits wieder seine Pforten öffnen durfte. Es ist mir unbegreiflich, wie es möglich ist, dass die >Magie< der Kunst in dieser, für uns alle harten Zeit derartig unterschätzt wird. Denn ich bin überzeugt davon, dass die (Bühnen-)Kunst nicht nur einfach einmal vom tristen Alltag ablenken, sondern auch neue Perspektiven schaffen kann, die uns alle weiterbringen.
Was liest Du derzeit?
Ich lese derzeit hauptsächlich Werke, mit denen ich beruflich zu tun habe. Darunter befinden sich unter anderem >Egmont< von Johann Wolfang von Goethe, verschiedenste Gedichte von Else Lasker-Schüler und Rainer Maria Rilke, >Zirkus Sardam< von Daniil Charms oder >dosenfleisch< von Ferdinand Schmalz.
Welches Zitat, Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„dass wir erst dann zu leben anfangen, wenn wir aufhören zu funktionieren.“ — Aus >dosenfleisch< von Ferdinand Schmalz
Clemens Janout, Schauspeler
Vielen Dank für das Interview lieber Clemens, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Alicia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Immer sehr unterschiedlich. Wenn es ein Tag ist wo ich Zeit habe, stehe ich früh auf, trinke Tee, schreibe meine Morgenseiten und notiere meine Träume von der Nacht an die ich mich noch erinnern kann. Manchmal mach ich dann Yoga (im Moment nicht sehr oft) oder tanze in meiner Wohnung rum. An manchen Tagen tu ich sogar Derwischtanzen und dreh mich 40 Minuten im Kreis – dafür braucht man glücklicherweise nicht viel Platz.
Alicia Edelweiss_Musikerin
Vor kurzem habe ich begonnen Musikproduktion zu studieren und somit hab ich jetzt viele Zoom Meetings unter der Woche, einmal die Woche geh ich sogar zur Uni. Es ist schon wieder fast zu viel los bei mir, aber ich sehs als eine gute Zeit um mich weiterzubilden. Als selbstständige Künstlerin gibt es dann auch immer irgendwelche Sachen zu tun, leider auch viel am Computer.
In der Früh versuche ich also eine Routine einzuhalten, aber der Rest des Tages läuft dann meistens total chaotisch und immer anders ab, je nachdem was zu tun ist oder worauf ich Lust habe. Was ich im Moment jedenfalls besonders gerne und oft mache ist am Hernalser Friedhof spazieren gehen, Musik hören und Zeit mit meinem Freund verbringen.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Die Zeit zu nutzen die wir mit uns alleine haben (wenn möglich), um uns weiterzuentwickeln. Alte Dinge loslassen und Träume angehn die wir schon seit langer Zeit aufschieben. Kritisch und offen bleiben und unsere Mitmenschen nicht verurteilen weil sie anderer Meinung sind. Nicht alles einfach hinnehmen und nie aufhören zu Hinterfragen. Ganz wichtig ist es jetzt den eigenen Instinkten und der eigenen Intuition zu vertrauen.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?
Ich denke, dass in der Zukunft die Kunst aufblühen wird, die tatsächlich etwas zu sagen hat, die auf ihre eigene Art und Weise zu einer besseren Welt beiträgt und die Menschen inspiriert – das Leben, das nach vorne gehen fördert. Für mich ist Kunst manchmal auch wie eine Wegweiserin oder wie eine Spinnerin von Utopien. Sie ist voller Visionen und Ideen, sie gibt Vorschläge ans Jetzt, sie sagt „Schaut, so könnten wirs machen! Ich war dort und habs gesehn, es war toll!“ Das heißt nicht, dass Kunst nicht auch wehtun und hässlich sein kann, aber sie sollte zu unserer Transformation beitragen und uns Leben zufließen lassen – manche würden es auch Licht nennen.
Was liest Du derzeit?
„Skywriting by Word of Mouth“ by John Lennon.
Welches Zitat, Textimpuls möchtest Du uns mitgeben? „You can kill people with sound. And if you can kill, then maybe there is also the sound that is opposite of killing. And the distance between these two points is very big. And you are free – you can choose. In art everything is possible, but everything is not necessary.“ – Arvo Pärt
und … „Die Gedanken sind frei!“
Alicia Edelweiss_Musikerin
Vielen Dank für das Interview liebe Alicia, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Petra, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tag beginnt oft in der Nacht. Da ist alles möglich, da kann alles passieren. Allesmögliche. Ein Wort, ein Ton, ein Text, eine Melodie, ein Gedanke. Zwischenwelten, Inspiration, Stille, Klarheit. Und/oder das Zelebrieren dessen, dass es nichts (?) davon gibt. Und gelegentlich dann dieses „Verstehen“, das nicht nur von „Verstand“ kommt – da ist es meist sehr ruhig und leise.
Diese Erfahrungen begleiten in den Tag und bei anderen Formen der Arbeit. Helfen mir, die Welt und Menschen für-wahr-zu-nehmen. Der Abend gestaltet sich dann mitunter von selbst, je nachdem, wie laut der Tag war.
Petra Hehenberger_
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Anzu-erkennen, dass die Welt nicht eindeutig ist. War sie nie.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?
Vermutlich ist es auch meinem Soziologiestudium zuzuordnen, dass ich bei dieser Frage ins Wanken komme (eines, das mit Ermüdung zu tun hat). So querverweise ich auf die vorhergehende Antwort und schreibe – bevor der Punkt des Schweigens kommt, was in diesem Kontext wenig ergibt:
Kunst hilft bei der Überwindung der Trennung von Gesellschaftlichem und Persönlichem, beim ´uns und einander er-kennen´. Sie trennt nicht. Das hilft auch bei „Hybris“ (dass ich beim etymologischen Strawanzn dieses Wortes auf ´Herkunft ungeklärt´ treffe, macht mich irgendwie froh).
Was liest Du derzeit?
(mühelos) STÜSSELCHENS von Dominik Steiger
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Lass es einmal gut sein“ meinte meine Großmutter. Mehr und mehr ahne ich, was sie da gesagt hat. Das mache ich nun mit den 5 Antworten einer Künstlerin und bedanke mich für (die) Fragen.
Vielen Dank für das Interview liebe Petra, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Petra Hehenberger, schreibende und musizierende Ahnungsforscherin
Lieber Jonny, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Sehr unstet: Mal gibt es an einem Tag sehr viel zu tun und anderen gar nichts, auf jeden Fall haben die Tage und Wochen deutlich weniger Struktur, als vielleicht noch vor einem Jahr.
Ich bin bewusst Freiberufler und arbeite gerade an eigenen Texten, spiele und gestalte digitales Theater, mache Hörspielaufnahmen und drehe, den größten Teil davon in Eigenregie, vor allem was die Struktur der Arbeit angeht.
Jonny Hoff, Schauspieler
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Geduld und Besonnenheit! Was zunehmend schwer fällt. Dieses Virus wird unser Wertesystem noch länger auf die Probe stellen und wir müssen lernen damit einen Umgang zu finden, dessen Motor und Motivation nicht die Wut auf das Verpasste und Vergangene sein kann.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Ich glaube einige verschiedene: Die Kunst kann uns all den Horror vor der eigenen Haustür für ein paar Stunden vergessen machen und ein wenig für Zerstreuung sorgen. Sie kann uns Möglichkeiten der Lösung und Auseinandersetzung mit dieser Krise aufzeigen und vielleicht Dialoge ermöglichen, die in der aktuellen Tagespolitik keinen Platz finden. Aber vor allem sollte sie sich zuständig fühlen für die Gesellschaft aus der sie geboren wurde und sich nicht an Äußerlichkeiten aufhalten, die sie daran hindern ihren Job zu machen – der Spiegel der Gesellschaft zu sein.
Was liest Du derzeit?
Platonow von Anton Tschechow
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Drei, ich konnte mich nicht entscheiden 🙂 :
„Das liegt daran, dass ich sehr selten denke; so stauen sich zahllose kleine Metamorphosen in mir an, ohne das ich darauf achte, und dann, eines schönen Tages, kommt es zu einer regelrechten Revolution.“
„Das Wahrscheinliche verschwindet zur gleichen Zeit wie die Freunde.“
„Sie sind ein schwarzes Loch an Bedürfnissen“
Vielen Dank für das Interview lieber Jonny, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Jonny Hoff, Schauspieler
Foto_Laura Westermann
25.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Lieber Federico, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Zuallererst habe ich Glück, weil ich nicht zu Hause bleiben muss. Normalerweise unterrichte ich morgens Physik, während ich mich nachmittags mit Kunst und Literatur beschäftige. Das Gedichtbuch, an dem ich arbeite, heißt „EIS“. Es erzählt die Geschichte eines isländischen Gletschers. In dem Buch verflechten sich verschiedene Sprachen und asemische Schriften. Ein Gletscher ist schließlich die verschiedenen Aggregatzustände von Wasser.
Ich wohne fast in der Nähe eines Waldes von Eichen, Kiefern und Buchen. Seine Stimme ist mir sehr nahe, sie beschäftigt mich den ganzen Tag. Abends gehe ich oft im Wald spazieren.
Federico Federici _ Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Es ist wichtig, wachsam zu bleiben. Wie Norbert Wiener immer sagte, „wiederholte Kommunikation führt erhöhtem Rauschen zu“.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ein tiefgreifender Paradigmenwechsel in der Gesellschaft wäre erforderlich. Das Trugbild vom verschwindenden Staat hat seine Nachteile deutlich gezeigt. Wenn ich die Welt als ein komplexes System betrachte, erkenne ich das Missverständnis der Globalisierung: keine harmonische Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Teilen, sondern ein einziges Teil, das nur eines tun muss, nämlich die Gesetze des Marktes zu befolgen.
Kunst und Wissenschaft sollten wirklich im Zentrum der kulturellen Entwicklung stehen, anstatt der leeren Folklore der sozialen Netzwerken. Sie sollten das Fazit einer Weltanschauung darstellen.
Was liest Du derzeit?
„Bees. Their Vision, Chemical Senses and Language.“ von Karl von Frisch, ein Buch über die soziale Organisation von Bienenvölkern und ihre Sprache.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
“We live in a world where there is more and more information, and less and less meaning.” Jean Baudrillard
Vielen Dank für das Interview lieber Federico, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Renate, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tagesablauf hat sich wenig verändert, da ich schon vor der Pandemie viel in meinem Atelier und von Zuhause aus gearbeitet habe.
Eingeschränkt sind die Arbeitssituationen im Hörspielstudio und auf Probebühnen. Performances und Reisen zu Konzertauftritten finden mal statt, mal fallen sie den diversen Beschränkungen zum Opfer.
Was mir fehlt, das ist der face-to-face Austausch mit den Künstlerfreund*innen und Student*innen und der Kaffeetratsch am Yppenplatz.
Renate Pittroff, Regisseurin, Medienkünstlerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Die Nerven bewahren. Empathie zeigen. Die allgemeine Gereiztheit nicht ins Private hinübernehmen.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Es fällt mir schwer, zu beurteilen, wie die Kunst und die Literatur nach der Pandemie dastehen wird. Traditionelle Kunstformen verschwinden oder werden schwer wieder herstellbar sein. Ein Auf- und Umbruch ist an sich auch eine Chance.
Die Rolle der Kunst und Literatur sehe ich darin, die demokratischen Verfahren und Strukturen, die jetzt schwer in Mitleidenschaft gezogen sind, zu stärken. Und wachsam zu sein, dass die gesellschaftlichen Umbrüche, die sich durch die momentane Digitalisierung und Datenvernetzung entwickeln, nicht „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ zerstören.
Was liest Du derzeit?
Ich lese „Designing Beauty – The Art of Cellular Automata“ von Andrew Adamatzy und Genaro J.Martinez, den Essay „Macht“ aus der Schriftenreihe der Vontobel-Stiftung von Rainer Hank mit Illustrationen von Luis Murschetz, „Intelligenz der Pflanzen“ von Stefano Mancuso, außerdem beschäftige ich mich mit Programmiersprachen „Python“ und „C++“.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Jean Paul schrieb: Nur der Mensch, der schon einmal einen Vogel gezähmt hat, sollte Kinder erziehen dürfen.
Mir gefällt an diesem Zitat, wie Jean Paul hier den Gap zwischen Freiheit und Anpassung benennt.Und er zeigt den Freiheitswillen, aber auch die Zerbrechlichkeit des Menschen auf.Ich wünsche mir Leader der relevanten gesellschaftlichen Bereiche, die diesen Satz beherzigen.
Vielen Dank für das Interview liebe Renate, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Michael, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Seit ich vor etlichen Jahren einmal Writer-in-Residence und Gastprofessor an einem College in den USA war und in der Nähe des dortigen Sportzentrums wohnte, zu dem auch eine Schwimmhalle gehörte, habe ich es mir angewöhnt, egal wo ich gerade bin, am frühen Morgen, sozusagen bevor das Leben beginnt, also vor dem Frühstück, eine halbe Stunde lang zu schwimmen, wenn denn ein Meer, irgendein Gewässer oder eben eine Schwimmhalle zur Verfügung steht. Zur Zeit sind in Bremen alle Hallenbäder dicht und verrammelt. Um draußen zu schwimmen, ist es noch zu kalt…also steige ich Corona bedingt jeden Morgen aus dem Bett aufs Fahrrad und strample am Ufer der Weser entlang, die knapp 150m hinter unserem Haus in Richtung Nordsee fließt. Das ist eigentlich auch schon der heftigste Einschnitt im Tagesablauf, denn der Rest des Tages verläuft auch jetzt wie vor der Pandemie: home office….Schreibtisch, Computer, Zettelei, Korrespondenz, Recherche, Collage-Utensilien, Schere, Stempelkasten und -kissen usw. Und natürlich: Gedicht-Lektüre zu allen Tageszeiten, nach dem von meinem bayerischen Freund Leitner geklauten Motto: Ein gutes Gedicht rettet den Tag! Was anders ist und mich als Phantomschmerz quält: das Reisen, bzw. die abgesagten, ausgefallenen, unmöglich gewordenen Reisen und Treffen mit den Kollegen und Kolleginnen in aller Welt! Die schönen und lebenserhaltenden Unterbrechungen des Alltags: Buchmessen, Lesungen, Buchpremieren, Festivals. Die Poesiefestivals in Bukarest, Marrakesch und Belgrad, auf die ich mich wahnsinnig gefreut hatte: abgesagt oder zur Zoomkonferenz verkommen.
Michael Augustin_Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Dass wir, während wir darauf achten, den überlebenswichtigen Abstand einzuhalten, doch nah genug beieinanderbleiben, um nicht der Länge nach einsam auf die Schnauze zu fallen.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Als Optimist gehe ich davon aus, dass nach all den gesammelten und angehäuften Erfahrungen des Pandemiejahres unser kaputt gespartes und zu Tode rationalisiertes Gesundheitssystem an Haupt und Gliedern repariert werden wird und den dort Beschäftigten endlich die angemessene Wertschätzung zukommt. Und dass unserer marodes Bildungssystem zukünftigen Herausforderungen ähnlich der Coronakrise gewachsen sein wird. Der Mensch ist nämlich äußerst lernfähig. Als Pessimist weiß ich allerdings, dass Optimisten nicht alle Tassen im Schrank haben. Der Literatur und Kunst wird auch in Zukunft die Rolle von Literatur und Kunst zukommen. Sagen im Chor: der Optimist und der Pessimist.
Was liest Du derzeit?
Heinrich Mann: Abrechnungen
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Wenn dir heute nicht gefällt, dann nimm doch einfach morgen. Da ist eh wieder heute.
Vielen Dank für das Interview lieber Michael, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Penny, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Wir befinden uns seit dem 2. Dezember in Lockdown hier in England – einschliesslich Weihnachten. Daher tagtäglich: eine Mischung aus Bearbeiten und Abwarten. Bearbeiten von Theaterstücken für Radio oder ein Stück mit mehrfachen Besetzung auf ein Einpersonenstück. Abwarten auf immer wieder verschobene Premieren. Im Detail: Aufstehen, eine Stunde chanten (bin Buddhistin), frühstücken (ich versuche im Lockdown das in Wien gelernte erste und zweite Frühstück auf einen einziges Frühstück einzuschränken!), vormittags schreiben, nachmittags übersetzen, abends kochen und viel viel Lesen. Ab und zu Netflix, Bett. Endlos wiederholen.
Penny Black_Schriftstellerin und Übersetzerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Durchatmen, Geduld praktizieren, denken und denken lassen, den Alltag geniessen, Freunde und Familie schätzen, sich Standhaftigkeit gestalten. So nach dem englischen Spruch: Keep Calm and Carry On, was eher banal klingt aber unter den jetztigen Umständen……..
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Literatur, der Kunst an sich zu?
Von seiner Geburt an, wurde das Leben von William Shakespeare (1564-1616) in gefährlichem Aussmass von der Pest betroffen. Wiederholte Pestausbrüche führten zu wiederholten Theaterschliessungen, was wiederum dazuführte, dass zwischen 1606 und 1610 sein eigenes Theater nur neun Monaten offen hatte. In jener Zeit hat Shakespeare selbst einige seiner besten Theaterstücke geschrieben, darunter Macbeth, Antony und Cleopatra, Das Wintermärchen und Der Sturm. Ein exemplarisches Vorbild für AutorenInnen.
Ich bin kein echter Fan von gestreamten Theater, nichtsdestotrotz meine ich, dass wir das Wort Hybridität immer mehr hören und benutzen werden. Die Zeit ist da, dass das Theater doch mit den neuesten Technologien zusammenwirkt. Demnächst werde ich mit einer Videodesignerin zusammenarbeiten, und sehe schon jetzt wunderbare ästhetische und erzählkünstlerische Möglichkeiten vor mir.
Was liest Du derzeit?
Going to Meet the Man von James Baldwin (Kurzgeschichtensammlung), Homegoing von Yaa Gyaasi, Fierce Bad Rabbits von Clare Pollard.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Schwierigkeit hat nichts mit Tiefsinn zu tun, Schwierigkeit ist nicht gleich Kunst, und Unverständlichkeit an sich besitzt kein Wert.“
Laxmi Prasad Devkota.(1909-59)
Vielen Dank für das Interview liebe Penny, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater-, Hörspiel-, Literatur- und Übersetzungsprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Penny Black_Schriftstellerin
Foto_Layla Murga.
27.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Christina, wie sieht jetzt dein Tagesablauf aus?
Als Künstlerin und Mutter von 2 kleinen Kindern bin ich rund um die Uhr gefordert- Das ist manchmal nicht leicht, aber machbar. Ich brauche nicht mehr so viel Schlaf wie früher, um mich fit zu fühlen- und habe über die Jahre hinweg gelernt mit der Ressource Zeit sinnvoller umzugehen. Für mich steht in der Kunstproduktion Qualität immer noch vor Quantität.
Ich bin viel in der Natur, lasse mich von der Natur inspirieren- der Wald und einige Seen liegen vor meiner Haustüre. Meine Kinder klettern jeden Tag auf Bäumen und bauen Tipis. Es ist uns wichtig, dass sie so aufwachsen können- und für mich ist es der ideale Ort, mich auf die nächsten Ausstellungen vorzubereiten.
Christina Starzer, Künstlerin – Portrait mit Skulptur wireheart_2019
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Jenen unter die Arme greifen, die es wirklich brauchen. Contenance. Herzenswärme. Nächstenliebe. Erdung. Den richtigen Fokus finden. Das eigene Wertesystem überdenken, und zurechtrücken. Viel in die Natur gehen, Kraft tanken, das Licht ins Leben lassen!
Skulptur wireheart, 2019 – Christina Starzer
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Fährt man bewusst durch viele Ortschaften Österreichs und öffnet die Augen dann wird man merken, dass die Rollläden alle heruntergefahren sind. Die Menschen lassen das Licht nicht mehr in ihren Lebensraum. Das ist sehr traurig, und ein Zeichen für eine kollektive Depression. Wo viel Licht ist, gibt es viel Schatten. Aber wenn das Licht aus ist, dann ist nichts mehr da.
Die Zahl der Selbstmorde ist stark in die Höhe gegangen, die Menschen sind verunsichert, sie sind völlig entwurzelt, und viele werden sprichwörtlich verrückt. Sie ertragen ihren Alltag nicht mehr, denn dieser hat sich ja verschoben. Also muss man sich selbst auch weiterbewegen.
Die Kunst könnte eine „neue“ Rolle fernab des Kunstmarktes bekommen. Damit meine ich nicht die NFT´ s, oder ähnliche Entwicklungen- die zugegebenermaßen in vielen Gesellschaftsbereichen spannend zu beobachten sind. „Jeder Mensch ist ein Künstler“- Vielleicht ist es ein Vordenker wie Beuys, auf den wir uns in diesen Tagen besinnen können.
Denn Kunst kann auch wieder zentrieren und erden- eine therapeutische Funktion haben, wenn Sie so wollen. Sie ist immer das Abbild der jeweiligen Zeit. Der Zugang zur Kunst sollte kein Privileg mehr sein- Jeder Mensch darf ein Künstler sein, wenn er möchte.
Auch die Kunst braucht wieder Licht, mehr denn je!
Portrait mit object drawing/ painted giger- bemalter Ingwer, ein Jahr später 2020-2021 _ Christina Starzer
Was liest du derzeit?
Das kleine Einhorn Funkelstern, das Traumfresserchen,
Käthe Kollwitz- die Tagebücher 1908-1943.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest du uns mitgeben?
„Auf so manches in der Welt
Lernt der Mensch verzichten.
Was vom Leben übrigbleibt
Sind Bilder und Geschichten“
(Goethe)
object drawing, Wasserfarben auf Pappe, bemalte Nuss _Christina Starzer, Künstlerin
Vielen Dank für das Interview liebe Christina, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!