Mein Tagesablauf variiert. Häufig ist er aber so: Nach dem Aufstehen setze ich mich zuerst an den Schreibtisch. Dann frühstücke ich, lese Zeitung, erledige Dinge. Dann wieder Schreibtisch und abends gehe ich aus. Am Wochenende ist auch Gartenarbeit angesagt.
Bea Kemer, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Dass wir Kraft, Mut und Stimmung behalten.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Wesentlich wird sein, dass die Menschen zum Verzicht bereit sind. Dass sie sich vom Materiellen zum Immateriellen hinwenden. Da kann von der Kunst Anziehungskraft ausgehen.
Was liest Du derzeit?
Die Erfindung der Sprache von Anja Baumheier.
(ich lese Bücker nicht parallel)
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Vielleicht stellte sich durch einen Sichtwechsel Beruhigung ein?“ (Aus dem oben genannten Roman)
Vielen Dank für das Interview liebe Bea, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Bea Kemer, Schriftstellerin
Foto_privat.
18.5.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
25.Juni 2022. Es ist auf den Tag, oder auf die Nacht genau, der 96.Geburtstag Ingeborg Bachmanns, an dem Ihr Roman „Malina“ den Weg „nachhause“ findet. Da wo ein Leben, ein Schreiben, ein Sehen, ein Fragen und Benennen begann.
Der Uraufführungsort von „Malina“ ist ein Ort mit reicher, kulturell blühender – von der Gründung einer wegweisenden Bildungseinrichtung in der Reformationszeit bis zum Museum moderner Kunst in der Gegenwart – wie schmerzvoller Leidensgeschichte in der NS-Zeit, als die GESTAPO hier verfolgte, quälte, mordete.
Es könnte keinen besseren Ort für diesen Romanstoff geben, der genau in diese, immer wieder aufbrechenden, Wunden verdrängter Geschichte und deren unerbittlichen Folgen in unvergleichlicher Sprachwucht, und -kraft hineinstößt.
Mit Malina kehrt gleichsam Ingeborg Bachmann selbst für einen Abend als kritische, mahnende Stimme der Generationen im schweren Erbe von dunkler Vergangenheit und davon belasteter Gegenwart im zwischenmenschlichen Miteinander zurück. Das ist ein großartiger topographischer Prolog als Theaterkunstgriff der Produktion.
Die Inszenierung von Ute Liepold ist eine kraftvolle, direkte, die ganz auf die literarische Stimme setzt und diese im virtuosen beeindruckenden Wechselspiel der großartigen Schauspielerinnen Birgit Fuchs, Magda Kropiunig, Grischka Voss mit dem wunderbaren ausdrucksstarken Farbenspiel-Bühnenbild von Elisabeth Wedenig wirken lässt.
Es gehört sehr viel Mut dazu sich an diesen gleichsam „unspielbaren“ Prosatext zu wagen und eine Konzeption zu entwickeln, die in 90 Theaterminuten funktioniert. Und das tut es!
Leben, Liebe, Abgrund, Mord als wiederkehrende, weil nie verarbeitete, Todesarten werden in außergewöhnlicher Präsenz von Körper-, und Sprachspiel eindrücklich geöffnet.
Ein Abend, der mitreißend auf die Hochschaubahn von Liebe und Abgrund, Tragik wie Komik katapultiert!
„Ein grandioses Geburtstagsgeschenk an Ingeborg Bachmann wie an Mensch und Zeit!“
Gib mir die Schatten zurück, die sich wie Brücken verlängern
und unter unserem Dahinschreiten streckten, als hätte es nur richtige Wege gegeben, in der Vielzahl der Möglichkeiten.
In ihren entlegenen Rändern befand sich unsere Heimat.
Verdeckt von Übergängen, von Zeit, vom täglichen Geben und Nehmen, spürten wir unsere Schläfen und das Trommeln unserer Füße.
Es müssen Verzweifelte sein, die versuchen, Feuer in ihren Händen zu halten, ohne sich zu verbrennen.
Planspiele mit Petroleum oder Pferdeflüsterer? Präsidenten oder Premiers? Wir schalten die Nachrichten ab. Planeten gaben immer Orientierung, jetzt sind sie verdeckt vom Rauch unnützer Worte. Immer der Sonne nach, sagst du, während unsere Schuhe am heißen Asphalt kleben.
Ein Gedanke ist schon ein Gebet, denke ich, und in diesem Denken erfüllt sich die Aussage, und als ich dir davon erzählen will, sprichst du von deinen Gedanken, die die Spiegelung der meinigen sind, als könntest du Gedanken lesen.
Auf unseren Köpfen rieseln Kondensstreifen. Wir legen uns flach auf den Boden, als könnten wir so ausharren und eins werden mit dem Pulsieren der Erde.
Camouflage, flüsterst du, während unsere Köpfe eine Mulde in das Feld drücken und unsere Zungen den Humus berühren.
Eines Tages werden wir die Leere der Herzen begreifen, mit Träumen zu füllen versuchen, doch was ist jetzt?
Antworten suchen wir, die uns nicht den Mut nehmen, die im Wendekreis des Krebses der Freiheit ein Denkmal setzen.
Carabiner, Colts, Caliber, Crediteintreiber. Calibrieren. Cretino. Cosa credi?
Hüzün. Am nächsten Tag sind wir der Traurigkeit verfallen, scharfe Paprika noch in der Kehle, es gibt keinen Ausweg. In der Wartehalle am Kai schauen wir den Katzen nach, bis die Fähre uns hinausträgt, in die Meerenge am goldenen Horn. Dann zählen wir die Wellen, sehen die Reflektionen des Ganzen, dazwischen den Rücken eines Delphins, der wie ein Seraphim beim Sprung aus den Wogen zu uns blickt, uns vorauseilt, in die Vielfalt der Wirklichkeit, wo die Sonne jetzt unser Verlangen liebkost.
Auf der anderen Seite der Stadt lernten wir mit Wunden zu leben.
Niemand ist Normalnull.
Cinderella stand als Name auf der eisernen Verkleidung, die in sich den Sprengstoff trug: Schau der Wirklichkeit ins Auge, sagten sie, aus Angst, aus Notwendigkeit, aus Gehorsam — sie halten alle Brenngläser in den Händen, haben das Apfelpflücken vergessen und lassen die Früchte auf den Bäumen verrotten.
Erst gestern standen wir abends neben den Anglern auf der Brücke, schauten ihnen zu und glaubten an ihre Zeichensprache, ihre endlose Geduld, während die Muezzinrufe das Dröhnen des Verkehrs durchdrangen. Die Angelleinen, die die Luft durchtrennten, bevor sie hinabsanken, führten geradewegs ins schwarze Wasser, bis ein Fisch anbeißen würde.
Liebe Rotraut, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Das einzige Fixe jeden Tag ist am Morgen, gleich nach Aufstehen und Katze füttern, durchs Gärtchen schlendern und alle Sinne auf den neuen Tag einstimmen, diese 10, manchmal wesentlich mehr, Minuten gehören allerdings schon seit Jahren zu meinem Tagesstart. Der restlichen Tagesablauf wird überwiegend von meinem Terminkalender strukturiert.
Rotraut Schöberl, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Wieder mit Menschen von Angesicht zu Angesicht kommunizieren und die Rituale der Coronazeit abzulegen.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Die Literatur ist die beste (und preiswerteste) Möglichkeit „barrierefrei“ Vieles zu verarbeiten, tröstlich auch von Anderen zu lesen und festzustellen: es gibt doch Viele, die so denken wie ich, haben Ähnliches erlebt – wie gehen sie damit um.
Die andere Seite sind die Möglichkeiten von neuen Denkmustern, die wir durch die Literatur und Kunst kennenlernen können, auf die wir selber nicht gekommen wären. Die Dinge anders zu betrachten ist immer ein guter Anfang, egal, worum es geht, sich neue Wege zu erschließen und Verständnis für Andere, Anderes und Fremdes zu entwickeln.
Was liest Du derzeit?
Elizabeth George, Meisterklasse.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
»Ich habe für bestimmte Dinge nicht mehr die Geduld. Nicht, weil ich arrogant geworden bin, sondern einfach, weil ich einen Punkt in meinem Leben erreicht habe, wo ich keine Zeit mehr vergeuden möchte mit Dingen, die mir missfallen oder weh tun. Ich habe keine Geduld mehr für Zynismus, übertriebene Kritik und Forderungen jeglicher Art. Ich unternehme keine Anstrengungen mehr, denjenigen zu gefallen, die mich nicht mögen, die zu lieben, die mich ablehnen und jenen zuzulächeln, die mir niemals ein Lachen schenken.
Diese Worte sind von José Micard Teixeira, werden aber oft Meryl Streep zugeschrieben.
Vielen Dank für das Interview liebe Rotraut, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Rotraut Schöberl, Schriftstellerin
Foto_Stefan Knittel
1.6.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Lieber Luis, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Nach dem Aufstehen in etwa um 7.00 einige Bewegungsübungen und dabei das Ö1 Morgenjournal hören. Danach die Sozialen Medien und Mails durchschauen, eventuell antworten und eigenes schreiben, dann zum Frühstück. Texte überarbeiten und an den letzten Kapiteln für den neuen Roman (Sein Genick brach nicht) schreiben.
Am Nachmittag und Abend eher aktuelle und künftige Projekte, sowie Termine bearbeiten und eventuell noch eine Runde gehen, Freund’innen treffen, Kulturevents besuchen. Bei eigenen Lesungen oder Moderationen liegt der Tages-Schwerpunkt auf diesen Aktivitäten.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Konzentrieren wir uns auf das Schöne, indem wir die Liebe an die Menschheit kreativ ausdrücken und darstellen. Vergessen wir dabei nicht die Liebe und die Notwendigkeiten für die Natur und die Tiere. Mischen wir uns ein, reden wir miteinander, kommunizieren wir übers Schreiben, lassen wir frühere Erfahrungen und Erkenntnisse einfließen. Stehen wir auf!
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Literatur schreiben und lesen ist unter anderem das Hineinversetzen in andere Charaktere und komplexe Figuren, sehr häufig anhand von Konflikten oder Spannungen.
Die derzeitige Gesellschaft akzeptiert und lebt Konflikte allerdings vorwiegend als geistige Spaltung und Krieg. Es liegt daher umso mehr an der Literatur, sich in andere hineinzuversetzen, das Verstehen anderer Positionen zu stärken, ohne dabei klare Haltungen aufzugeben, mit kritischen und reflektierten Texten soziales Denken zu fördern, sowie Ungerechtigkeiten, Diskriminierungen, Anhängigkeiten und Unterdrückungen zu hinterfragen.
Literatur und Kunst dürfen nicht aufhören, die emanzipatorische Bildungsarbeit über ihre Instrumente selbst zu betreiben und von den Politiker‘innen einzufordern. Wenn die Bereitschaft dafür nicht erreicht werden kann, wird die Beteiligung am gesellschaftlichen Widerstand ebenfalls zum Auftrag an die Kunst.
Was liest Du derzeit?
„Kilometer Null“, Stefan Kutzenberger,
„Fräulein Vilma und ihr Josef“, Josef Stockinger und
„Poemas de amor“, Mario Benedetti
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Wem dient Macht und was passiert, wenn wir sie ablehnen?“
Luis Stabauer_Schriftsteller
Vielen Dank für das Interview lieber Luis, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Paul, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich stehe früh auf, treffe mich mit Freund*innen zum Sport, vormittags schreiben, nachmittags lesen, abends raus – das ist der Sommerrhythmus. In der Wintersaison dreht es sich seit Pandemiezeiten eher um. Und weil ich neben meiner schriftstellerischen Tätigkeit an der Universität arbeite, ist mein Jahresablauf noch immer in Semester geteilt. Derzeit bedeutet das zum Beispiel, viel mit Studierenden zu sprechen und die Tage auch danach zu strukturieren.
Paul Ferstl, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Einsehen, dass es ein freies Ich nur in einem gemeinschaftlichen Wir geben kann, und die Zuversicht aufbringen, die es für ein Gelingen dieser Gemeinschaft braucht.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Literatur ist für mich persönlich die wichtigste Weltbewältigungs- und Weltgestaltungsweise, und ich bin davon überzeugt, dass Aufbrüche und Neuanfänge umso intensiver sind und weiter führen, je mehr sie mit Kunst und durch Kunst geschehen.
Was liest Du derzeit?
Flannery O’Connor, Wise Blood
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Sie sagten, die Schwester sei gekommen, also kletterte Pich aus dem Grab.“ – ist der erste Satz aus „Das Grab von Ivan Lendl“, meinem soeben erschienenen aktuellen Roman.
Vielen Dank für das Interview lieber Paul, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Paul Ferstl, Schriftsteller
Foto_privat.
17.5.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Lieber Christian, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Der Tag beginnt bei mir eigentlich fast immer mit einem Kaffee.
Doch seit dem Einmarsch der russischen Truppen gehe ich nach dem Aufwachen auf die ORF-Website, immer noch von der Hoffnung getragen, das Wort „Frieden“ zu lesen. Und werde jeden Morgen enttäuscht. Ich hoffe, nicht demnächst zu resignieren.
Christian Klinger, Schriftsteller/Jurist
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Genau diese Resignation nicht zuzulassen. Auch, wenn der/die Einzelne vielleicht nicht unmittelbar Einfluss auf den Lauf der Welt nehmen kann, so ist jeder noch so kleine Beitrag besser, als gar nicht zu handeln. Dies gilt aber in allen Belangen und nicht nur für Kriege (Syrien und der Jemen seien hier nur exemplarisch für die Vielzahl bestehender Kriege angeführt). Der Hunger und der Klimawandel müssen weiter bekämpft werden, Demokratisierung in autoritären Regimen angestrebt werden und noch vieles mehr.
Wir alle sollten uns überlegen, wie viel Konsum es braucht, und ob wir mit ein wenig Verzicht nicht schon eine Änderung bewirken können.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Eine Änderung zum Guten wird oft von wenigen eingeleitet, Erfolg ist diesem Bestreben aber nur beschieden, wenn es eine breite Unterstützung dafür gibt. Kunst, und dabei auch die Literatur, muss nicht unbedingt politisch sein, aber sie sollte einen Standpunkt beziehen. Kunst und Literatur stehen für Vielfalt und sollten eine Gleichströmigkeit hinterfragen und uns aus einer Gleichgültigkeit aufrütteln.
Was liest Du derzeit?
„Blauwal der Erinnerung“ von Tanja Maljartschuk und für Recherchezwecke „Bianchi. Una storia italiana“ von Daniele Marchesini
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Lernen Sie Geschichte“, das ist jetzt kein literarisches Zitat, aber ich denke, diese Kreisky zugeschriebene Aufforderung hat nach wie vor Gültigkeit. Geschichte eignet sich nicht als Vademekum, um Fehler aus der Vergangenheit nicht nochmals zu begehen, aber gewisse Parameter wiederholen sich oft und sollten uns als Warnung dienen, die Wirkungen genau dieser Wiederholung abzuschwächen.
Vielen Dank für das Interview lieber Christian, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!