„Ihre Werke lassen sich nicht einfach so lesen. Sie wollen bewusst und langsam gelesen werden.“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Regina Lehrkind, Schriftstellerin _ Hagen NRW 18.10.2026

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Im Interview _ Regina Lehrkind, Autorin, BuchMentorin, Hagen NRW

Liebe Regina, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

Erste Begegnungen mit Ingeborg Bachmann hatte ich während meiner Schulzeit – vorwiegend mit ihren lyrischen Werken. Ich war fasziniert von ihrer Sprache. Für mich Sprachkunst, geboren aus Sensibilität und Sehen. Ein enger Dialog mit den Erlebnissen aus ihrem eigenen Leben (Krieg, Gewalt, Einsamkeit, Liebe).

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Ingeborg Bachmann hat ihr Ziel zu Schreiben konsequent verfolgt. Das zu einer Zeit, in der es wenig publizierende Frauen gab und über die gesprochen wurde. Ihre Werke lassen sich nicht einfach so lesen. Sie wollen bewusst und langsam gelesen werden. Sie hinterlassen Spuren. Es ist eine Entdeckungsreise, die immer wieder Neues zu Tage und einen zum Nachdenken bringt.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

Für mich die „Gestundete Zeit“, als erste Begegnung mit den Werken von Ingeborg Bachmann. Malina – ein Werk in einer Form, die für mich ungeformt erscheint. Ich nehme es immer wieder gerne in die Hand und stöbere in den Zeilen.

Ihre Gedichte lassen mich in diesen von Hektik und Schnelllebigkeit gefluteten Zeiten in andere Welten abtauchen. Sie ermöglichen mir in Sprachräumen durchzuatmen. Sie werden mich immer begleiten.

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Malina ist für mich ein gutes Beispiel, wie aktuell die Gesellschaftskritik von Ingeborg Bachmann ist. Im Laufe der Jahre scheint es kaum Veränderung gegeben zu haben. Frauen scheinen sich in der patriarchalen Welt anzupassen. Diese Welt ist geprägt von Selbstzerstörung und Zerstörung, Gewalt wird geleitet, statt beendet. Ein kranker Zustand.

Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?

In Punkto Liebe/lieben hatte Ingeborg Bachmann wenig Einfluss auf mich. Liebe ist weit mehr als nur ein romantisches Ideal. Liebe setzt sich aus Respekt, Wertschätzung, Vertrauen, Ehrlichkeitkeit, u.s.w. zusammen. Dazu sollte man sich selbst sehr gut kennen, sich selbst lieben und wissen, was man für sich möchte. Liebe ist ein dauerhafter Prozess aus Loslassen, Anerkennen, Reflexion und bewussten Entscheidungen.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Das ist mir zu allgemein. Kunst ist so viel mehr … Sie vermittelt Freude, Provokation, Leidenschaft, ästhetisches Miteinander. Eine Bereicherung des Lebens mit neuen Perspektiven.

Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?

Schreiben ist Handwerk. Das ist in ihren Werken spürbar (schleifen, feilen, hämmern…). Es macht Mut und spornt an, immer wieder den Bleistift zu spitzen und sich zu verbessern.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Ich hätte mich für ihr wunderbares Werk bedankt. Hat die Liebe zu Italien, das Lebensgefühl, deine Werke beeinflusst? Hast du dich heimatlos gefühlt?

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Derzeit arbeite ich an meinem dritten Band GenussHappen gemeinsam mit Christine Carus. Erfolgscode: Geniales Business ist gerade erschienen. Ein weiteres Projekt formt sich.

Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?

»Lesen ist ein Laster, das alle anderen Laster ersetzen kann oder zuweilen an ihrer Stelle intensiver allen zum Leben verhilft, es ist eine Ausschweifung, eine verzehrende Sucht. Nein, ich nehme keine Drogen, ich nehme Bücher zu mir, Präferenzen habe ich freilich auch, viele Bücher bekommen mir nicht, einige nehme ich nur am Vormittag ein, andere nur in der Nacht, es gibt Bücher, die ich nicht loslasse, ich ziehe herum in der Wohnung mit ihnen, trage sie vom Wohnzimmer in die Küche, ich lese stehend im Korridor …«

Aus dem Roman Malina

Herzlichen Dank für das Interview!

Regina Lehrkind, Schriftstellerin

Zur Person: Regina V. Lehrkind, geboren in Trepuzzi / Italien, aufgewachsen in Hagen / Westfalen.
Nach dem Abschluss der Lehre zur Rechtsanwalt- und Notarsgehilfin, studierte sie an der ISL Hamburg BWL / Marketing mit dem Schwerpunkt Absatzwirtschaft. Im Folgenden bildete sie sich zur geprüften Personalmanagerin weiter. Regina Lehrkind ist selbstständig in den Bereichen Personalmanagement, Marketing und Officemanagement.

Seit 1986 schreibt Regina Lehrkind Lyrik und Kurzprosa. Sie war Mitglied der Autorengruppe Bleisatz in Hagen, war 1. Vorsitzende der Autorinnenvereinigung e.V. und ist Mitglied der Lyrikgesellschaft e.V.Leipzig, Lesungen u. a. in Flensburg (D), London (GB), Retz (A). Autorin – Regina Lehrkind 27.7.26

Website: Start – Regina Lehrkind

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Foto: Regina Lehrkind _Studioline Photography

Walter Pobaschnig, 26.7.2026

https://literaturoutdoors.com

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