„Liebe ist nur schwer beeinflussbar“ Dagmar Bernhard, Schauspielerin_ Romanjubiläum Malina_ Wien 2.9.2021

Dagmar Bernhard, Schauspielerin _
Romanschauplatz Malina_Wien

Orte haben viel erlebt und sie speichern das Geschehen, diese Energien verorten sich.

Orte spielen im Theater eine große Rolle. Es geht da ja vom Proberaum, der Besprechung, Erarbeitung zum Bühnenraum. Das Bühnenbild kann da noch alles komplett umstülpen.

Die Umgebung des Ortes ist für ein Bühnenstück sehr wichtig.

Der Romanschauplatz hier ist ein sehr offener, schöner Ort, an dem zu spüren ist, dass er mit vielen Geschichten getränkt ist.

Ingeborg Bachmann ist eine sehr starke Frau, die persönlich und künstlerisch ihren Willen durchgesetzt hat und bei ihrem Fokus blieb, unabhängig vom Mann an ihrer Seite bzw. den Männern um sie. Sie blieb sich immer treu.

Es sind wahnsinnig schöne Bilder im Schreiben Ingeborg Bachmanns. Sie sagte ja auch einmal, dass es in der Dichtung gilt, eigene Worte, Beschreibungen zu finden. Sie imponiert mir sehr.

Das Melancholische ist auch in ihren Gedichten zu spüren. Dies ist wohl auch ein Element der Zeit.

Literatur ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit als Schauspielerin. Es ist auch sehr schräg und erschütternd, wenn man über die Systemrelevanz von Literatur an sich diskutiert. Literatur gehört zur Bildung und zum Füttern des Geistes dazu.

In meiner Generation gehen Frauen ihre Wege ohne der Priorität einem Mann anzugehören. Das ist in der nun nachfolgenden Generation wieder manchmal etwas biederer und anders.

Es ist ein Wahnsinn, wie langsam unsere Gesellschaft im Rollenbild von Frau und Mann voranschreitet.

Es gibt unterschiedliche Lebens-, Liebescharaktere, die sich heute wie damals finden oder verlieren. Es gibt da viel mehr Freiheit heute. 

Das Verschwinden in einer Beziehung oder Beziehungen ist auch heute noch so. Hoffentlich durch die Tür und nicht durch die Wand (lacht).

Liebesemotionen verändern sich über die Zeit nicht wesentlich, egal wie weit Fortschritt und Technik sind.

Liebe ist zeitlos und es gibt von „es ist mir egal“ bis „ich komm` von ihr nicht los“ alles. Dies ist auch, bei aller persönlichen Stärke, oft nur schwer beeinflussbar.

In der idealen Beziehungsform ist Malina und Ivan, Intellektualität, Aufmerksamkeit und Leidenschaft in einem.

Ich habe Liebe gerne kompakt in einem Menschen und ich habe das auch zum Glück schon das eine oder andere Mal vorgefunden. (lacht).

Eine Leidenschaft hat immer Feuer und das Unerwartete. Das reizt, fasziniert und macht aber auch unbeständig.

Die Dauer der Liebe hat immer Seelenverwandtschaft in sich.

In der Liebe passiert eine Ganzheitlichkeit. Ein Gefühl davon, dass mit dem Menschen und mit Sehnsucht zusammenhängt. Wenn dieser nicht da ist, vermisst man etwas.

Eine Begegnung in Seelenverwandtschaft ist zu spüren. Ob es da einen Menschen oder mehrere gibt, ich weiß es nicht. In jedem Fall gibt es sie, aber bestimmt nicht viele.

Ich würde für Leben wie Kunst überall hingehen, weil ich gerne reise und Orte kennenlerne. Es ist Weltoffenheit, die da entsteht.

Wien hat alles und ist sehr eigen.

Wien ist wunderschön und hat irrsinnig viel Charme. Ich lebe sehr gerne hier.

Dagmar Bernhard, Schauspielerin _
Romanschauplatz Malina_Wien

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Dagmar Bernhard_Schauspielerin_Wien

https://www.dagmarbernhard.com/

Station bei Ingeborg Bachmann_Romanschauplatz_Malina.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_6_2020.

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„Keine Häme, kein Besserwissen“ Hanno Millesi, Schriftsteller_Wien 2.9.2021

Lieber Hanno, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wie bei einigen meiner Kolleginnen und Kollegen haben sich die Ereignisse der letzten Monate vor allem auf meine sozialen Kontakte bezogen. Die Arbeit an Texten hat das nicht so sehr betroffen. Ich bin froh, dass sich die Situation jetzt einigermaßen entspannt. Im Moment widme ich mich der Öffentlichkeitsarbeit für mein soeben erschienenes Buch „Der Charme der langen Wege“.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Uns nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Alles dafür tun, um möglichst bald wieder zu einem einigermaßen „normalen“ Alltag zurückzufinden. Keine Häme, kein Besserwissen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wie immer ist es an der Kunst und Literatur jene Nischen zu beleuchten, die dem allgemeinen Blick entgehen, das Denken zu erweitern, Stimmen, die meist überhört werden, hörbar zu machen.

Was liest Du derzeit?

Ich lese gerade „Das Salzfass“ von Simon Sailer und „Betriebsstörung“ von Gustav Ernst.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Wir verstehen euch am besten, wenn wir über uns nachdenken.

Vielen Dank für das Interview lieber Hanno, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Hanno Millesi, Schriftsteller

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Foto_Stefan Sandner

6.8.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Bekehrung der Welt“ Eine Geschichte der christlichen Mission in der Neuzeit. Bernhard Maier. C.H.Beck Verlag

Zum Wesen des modernen Menschen wie des Menschen in seiner Geschichte an sich gehört Bewegung und Austausch. Der soziale Kontakt und das Miteinander sind dabei auch von den Fragen nach Sinn begleitet. Dies betrifft individuelle wie gesellschaftliche Anschauungen und Werte. Der Religion kommt dabei im Laufe der Menschheitsgeschichte wesentliche Bedeutung zu. Sie ist wesentliche Beziehungsrelation wie -dynamik von Mensch und Gesellschaft.

Religion greift dabei über die Individualität hinaus und stiftet soziale Identität. Das Innere verbindet sich mit dem Äußeren. Die Frage nach Sinn wird zur Mitteilung und Interaktion. Was glaubst Du? Was hat für dich Wert und Sinn? Dies wiederum kann sich im Begriff der „Mission“ akzentuieren und damit zur Intention werden. Dabei geht es dann um Übertragung bzw. Transformation von Wert- und Sinnsystemen. Dies spielt in der Geschichte des Christentums wie Religion an sich eine bedeutende Rolle.

Bernhard Maier, Tübinger Professor für Allgemeine Religionswissenschaft gibt nun in seinem neuesten Buch „Die Bekehrung der Welt“  einen kompakten Überblick über Grundlagen, Motive und Entwicklungen von Mission in der Kulturgeschichte der Menschheit.

Das Buch ist in 12.Kapitel gegliedert, die von einer ausführlichen Einleitung wie einem Rückblick/Ausblick wie Anhang mit weiterführenden Informationen/Erklärungen begleitet sind. Der Schwerpunkt liegt auf der internationalen christlichen Mission in der Neuzeit, berücksichtigt aber ebenso Prozesse und Dynamiken der Weltreligionen.

Beeindruckend ist der weite geschichtliche wie kulturelle Bogen des Buches, welches für Interessierte wie Fachleute eine Fülle an Informationen bereithält. Der gut lesbare Stil ist ebenso hervorzuheben.

„Ein Überblickswerk über wesentliche Prozesse modernen Kulturgeschehens in der Perspektive moderner Missionsbestrebungen“

Walter Pobaschnig 8_21

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„Dranbleiben, flexibel bleiben“ Dana Csapo, Regisseurin_ Wien 1.9.2021

Liebe Dana, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe im Moment Ferien, das heißt nur Einreichungen vorbereiten, lesen, mit meinen Kindern reden, Sport machen endlich wieder.

Dana Csapo_Regisseurin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dranbleiben, flexibel bleiben, mit allem was da kommt bestmöglich umgehen. Ich persönlich bin geimpft, aber ich finde, dass das jeder für sich entscheiden darf. Ich hoffe natürlich sehr, dass die Theater und die künstlerischen Veranstaltungen weiter geöffnet bleiben können. Ich selbst hab eine Jahresförderung fürs Wiener Klassenzimmertheater bekommen und würde wahnsinnig gerne wieder in die Schulen dürfen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich denke die Aufgabe von Kunst ist immer das sich auseinandersetzen mit uns, unserem Leben, unseren Beziehungen und unserer Umwelt. Das wird nie aufhören auch wenn zeitweise Lockdowns sind.

Was liest Du derzeit?

ich lese gerade mehrere Bücher, wie immer, -wie das Gehirn heilt, n.doiges,  -einen krimi von Arne Dahl, und -Pompeji von Mary Beard, weil wir nach Pompeji fahren im Urlaub.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich glaube das Wichtigste im Moment, das ist aber sicher nicht jedem möglich es so zu sehen, ist die Situation, die Pandemie als die geringste Katastrophe zu sehen, die in unsere Zeit fällt. Jede Generation hatte bis vor Kurzem einen Krieg, den nächsten Generationen droht der Klimakollaps, da haben wir es hier zumindest mit der Pandemie noch um einiges leichter. Wenn man es in diesem Rahmen sehen kann, ists leichter.

Dana Csapo_Regisseurin

Vielen Dank für das Interview liebe Dana, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater-, Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

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Dana Csapo, Regisseurin

Dana Csapo

Fotos_1 privat; 2-3 klassenzimmer.at

12.8.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Unser persönliches Frausein hat viele Seiten“ Julia Raich, Sängerin_Romanjubiläum Malina_ Wien 31.8.2021

Julia Raich, Sängerin _
Romanschauplatz Malina_Wien

Ich bin beruflich immer viel gereist, etwa bei meinen Engagements auf Kreuzfahrtschiffen, und viele Häfen, Orte der Welt begleiten mich daher in der Erinnerung. Ein Ort hat aber dann eine tiefe persönliche Bedeutung, wenn man dies mit jemanden teilen kann. Es ist der Wunsch an einem besonderen Ort jemand bei sich zu haben und zu sehen und zu genießen.

Jeder Ort hat auch die Sehnsucht nach dem Zuhause in sich. Das wird immer so sein.

Ich bin ein sehr neugieriger Mensch und gehe mit offenem Blick durchs Leben. So versuche ich auch Orten so zu begegnen.

Musik ist für mich Leben. Und Leben ist Musik.

Ich kann mich in der Musik ausdrücken, meine Emotionen. Und ebenso ist das so, wenn ich andere Musik höre. Es ist mein Lebenselixier.

Ich bin in einer sehr musikalischen Familie aufgewachsen. Musik hat mich da immer begleitet.

Mich inspirieren Begegnungen, Orte, Erinnerungen. Besonders aus Erinnerungen schöpfe ich sehr viel für meine Musik.

Es ist schön in der Kunst Ideen an- und aufnehmen zu können. Und auch das Vertrauen zu haben, dass die Ideen ihren Weg finden werden, wenn man sich öffnet.

Ich identifiziere mich mit dem starken Frausein bei Ingeborg Bachmann. Stärke ist dabei für mich, sich der Bandbreite des Lebens zu öffnen. Den eigenen Weg gehen, weitergehen und nicht aufgeben. Mit Mut und viel Lebenslust.

Ich bin heute als Frau und Künstlerin dankbar dafür, dass ich jetzt vieles leben darf, wofür Frauen vorangegangener Generationen gekämpft haben. Das ist ein ganz wichtiger Punkt.

Wir müssen heute als Frauen noch immer kämpfen aber wir leben die bisher gewonnen Freiheiten, unser persönliches Frausein.

Emanzipiert sein ist für mich ganz Frausein. Und dieses hat viele Seiten. Da stehe ich total dahinter, auch zu der sexy Seite als Künstlerin.

Die Situation im Roman, der Liebhaber im Nachbarhaus, ist zeitlos.

Es ist ein unrealistisches Bild der Liebe in einem Menschen alles finden zu können/wollen. Das wäre dann Perfektion oder einfach langweilig.

Liebe ist eine lebenslange Suche nach sich selbst und der Verbindung mit anderen Menschen.

Ich arbeite derzeit an meinem zweiten Album und versuche Auftritte zu absolvieren und mit meiner Musik möglichst viele Menschen zu erreichen.

Julia Raich, Sängerin _
Romanschauplatz Malina_Wien

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Julia Raich_Sängerin_Wien 

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Station bei Ingeborg Bachmann_Romanschauplatz_Malina.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_9_2020.

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„Authentisch und mit Freude Musik zu machen“ Cozy Friedel, Jazzgeigerin_Wien 31.8.2021

Liebe Cozy, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Einen festen regelmäßigen Tagesablauf gibt es nicht. Mehr eine Freiheit, die selbst gefüllt und variabel strukturiert werden will. Es gibt übergeordnete Ziele, für die ich selbst wähle, wie ich sie erarbeite. Manchmal würde ich mir wünschen, einen von außen gegebenen strukturierten Alltag zu haben. Also z.B. wie manche Menschen ins Büro zur Arbeit zu gehen und dann Feierabend zu haben. Aber so etwas gibt es nicht bei mir. Eigentlich ist nie so richtig Feierabend, weil eins zum anderen kommt und es immer Dinge gibt, die man für das künstlerische Schaffen erledigen könnte. Selbst im Bett liegt man dann manchmal und die Gedanken gehen weiter, man übt mental auf dem Instrument weiter oder komponiert mental weiter, wenn einen eine bestimmte Sache nicht loslässt.

Cozy Friedel_Jazzgeigerin,Sängerin

So beneidenswert für andere diese Freiheit, seinen Alltag selbst einzuteilen, auch erscheinen mag, – manchmal denke ich mir, dass gerade im Geschenk der Freiheit über den eigenen Tagesablauf die größte Herausforderung liegt. Denn oft ist man nicht so motiviert, kreativ oder diszipliniert, die selbst gesetzten Aufgaben Tag für Tag zu erledigen. Denn oft gibt es kein Muss, keinen Chef, für den man etwas einreichen muss oder klar definierte äußere Zielpunkte, für die man etwas ebenso klar Definiertes erledigen muss. Man tut es mehr oder weniger für sich selbst und das ist manchmal nicht ganz so leicht.

Wie oben erwähnt, gibt es übergeordnete Ziele, für die man sich selbst einen individuellen Weg sucht, sie zu erreichen. Die heiligsten Ziele in meinem Leben sind, und das mag jetzt vielleicht ein wenig naiv klingen, aber ehrlich; Musik machen mit anderen für andere und die Energie, die daraus entsteht, anderen zu schenken. Hauptsache ehrlich, authentisch und mit Freude, also dem Grund, aus dem man angefangen hat, Musik zu machen. Von der Musik leben bzw. Überleben zu können. Mich gesund und fit zu fühlen. Meine Freundschaften zu pflegen, also mich in einem gegenseitig erfüllenden, intakten und sozialen Miteinander zu bewegen.

Um diese Ziele zu erreichen, tue ich jeden Tag etwas, was auch immer das ist. Meistens tue ich das, worauf ich gerade Lust habe, aber dann richtig.

Ein klassischer Tag, sieht z.B. so aus: Aufstehen, Geige üben, eine Runde Sport, zur Probe gehen und abends Freunde treffen, auf ein Konzert gehen oder für Mjam (mein Nebenjob) Essen mit dem Fahrrad ausfahren…oder komponieren..oder zeichnen..oder Booking Arbeiten verrichten..es ist sehr flexibel. Wenn dann Konzerte zu spielen sind oder Uni ist, sieht das alles wieder ganz anders aus.

Um mein Leben von der Musik finanzieren zu können, ist für mich klar, dass ich immer üben muss, um fit zu bleiben und weiter zu kommen. Mindestens genau so wichtig ist für mich dabei aber auch die soziale Vernetzung und die Arbeit an kreativen Projekten, dafür zu komponieren und zu organisieren. Daher versuche ich jeden Tag etwas von meiner Zeit mit dieser Art von Arbeit zu füllen. Einer meiner wichtigsten Lehrer hat diesbezüglich mal Worte gesagt, die sich in meinem Kopf festgebrannt haben. Diese Worte scheinen immer dann auf, wenn ich mal deprimiert bin und denke, dass meine Arbeit gerade überhaupt nichts bringt – z.B. dass ich gestern effektiver geübt habe, heute aber nichts geht:

„Es ist egal, wie gut du gerade meinst, etwas zu tun. Allein der Versuch, sich damit auseinander zu setzen, bringt dich in jeder Hinsicht weiter auf deinem Weg – weiter, als aus Angst vorm Scheitern, nichts zu tun. Es ist alles in ein Ziel investierte Energie, in welcher Form auch immer, die dich weiter bringt, auch wenn du das nicht gleich merkst.“

Was ist jetzt gerade für uns alle besonders wichtig?

Ich finde, das schließt sich jetzt an das oben Erwähnte an: Einfach weiter tun, im Sinne der eigenen innersten ehrlichen Ziele. Auch wenn gerade eine nicht so leuchtende Zeit in vieler Hinsicht ist – was haben wir davon, uns hängen zu lassen und davon runter ziehen zu lassen. Auch wenn die Umstände manchmal etwas als unmöglich erscheinen lassen oder uns die Angst vorm Scheitern am bloßen Versuch, etwas zu tun, hindert, ist das Gefühl, es doch versucht zu haben, egal wie gut, am Ende unbezahlbar. Und das macht auf lange Sicht stärker, positiver und die Welt ist wieder bunter 🙂 Und wir beeinflussen ja auch andere mit unserer Energie. Wenn wir eine so positive Energie ausstrahlen, dann werden vielleicht auch Menschen um uns herum motiviert, wieder mit mehr Elan ans Werk zu gehen und durch die Welt zu schreiten.

An den äußeren Umständen können wir vielleicht nichts ändern, aber an der Art, wie wir damit umgehen. Aber nicht nur für uns alleine kämpfen find ich gerade wichtig, sondern auch, füreinander da zu sein. Zuzuhören und einfach auch mal mehr das Miteinander zu feiern. Wir sind soziale Wesen und das Bedürfnis danach ist in den letzten Zeiten ziemlich zu kurz gekommen. Miteinander zu sein, Erlebnisse zu teilen, sich auszutauschen, miteinander zu lachen – das ist so etwas Wunderschönes und daraus Energie zu gewinnen, ist so ziemlich eine der besten Sachen der Welt. Ich glaube, gerade jetzt nehmen wir das viel intensiver und mit größerer Wertschätzung wahr, als vorher.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Der Aufbruch und Neubeginn haben in meinen Augen schon längst begonnen. Ich fand es wichtig, sich während der Zeiten des Lockdowns neu zu orientieren. Für mich war das eine Art „Metamorphose – Zeit“. Genug Zeit, um zu sich zu finden, mit sich selbst gut auszukommen, sich vorzubereiten auf das, was kommt, wenn diese Zeit zu Ende ist. Wenn es gerade nicht möglich ist, die sonst gewohnten Dinge zu tun, dann muss man eben schauen, die Zeit für anderes zu nutzen. Vielleicht ist gerade diese Zeit dann viel optimaler für Dinge geeignet, die sonst immer auf der Strecke geblieben sind.

Natürlich ist es nie zu spät, von Neuem loszulegen, aber ich persönlich habe es nie so gesehen, neu beginnen zu müssen. Es war eine Phase, in der sich andere Dinge, aufbauend auf denen zuvor, entwickelt haben. Ich wollte nie stagnieren, auch wenn das oft nicht leicht ist, wenn alles um einen herum es zu tun scheint. Aber ich hatte einfach keine Lust, wenn die ganzen Lockdowns vorbei sind aus einer Art Winterschlaf aufzuwachen und die Welt nicht wieder zu erkennen. Aber natürlich müssen wir jetzt alle nach vorne schauen. Gemeinsam. Und das, was passiert ist, akzeptieren und jetzt das Beste daraus machen. Man kann sich natürlich über all das aufregen, was schief und ungerecht gelaufen ist, aber das würde uns in der Gegenwart nur zurückwerfen, finde ich.

Die Kunstszene aber auch so viele andere Bereiche sind stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Besonders trauert es mich um die vielen langjährig gewachsenen Kulturzentren, von denen sich während der Lockdowns einige nicht mehr über Wasser halten konnten und so von der Bildfläche verschwunden sind. Das ist nicht mehr rückgängig zu machen. Darum ist es jetzt besonders wichtig, dass Neues entsteht und gefördert wird, wie auch Bestehendes.

Der Kunstszene kommt in meinen Augen im Sinne der Rückgewinnung sozialer Lebensqualität eine besonders wichtige Rolle zu. Für unsere physische Gesundheit haben wir unsere Ärzte, aber für unsere mentale Gesundheit, für die Wachheit unseres Geistes, dafür gibt es einen anderen Doktor, einen unsichtbaren – das ist für mich die vielseitige Kunst. Das ist mindestens genauso wichtig, wie uns um unseren Körper zu kümmern, den Geist und Körper beeinflussen sich bekanntlich gegenseitig 🙂

Was liest du derzeit?

Ich lese prinzipiell leider wenig. Zurzeit lese ich Lead Sheets 😉

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest du uns mitgeben?

„Denke nie gedacht zu haben, denn das Denken der Gedanken ist gedankenloses Denken, denn wenn du denkst, du denkst, denkst du nur du denkst, aber denken tust du nie.“ (Unbekannt, vermutlich Erich Kästner)…also weniger denken, mehr tun! :

Cozy Friedel_Jazzgeigerin, Sängerin

Vielen Dank für das Interview liebe Cozy, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Cozy Friedel, freischaffende Jazzgeigerin und Sängerin

Alle Fotos_Walter Pobaschnig 8_21.

26.8.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Was wir scheinen“ Hildegard E.Keller. Roman. Eichborn Verlag.

„Was wir scheinen“ Hildegard E.Keller. Roman. Eichborn Verlag.

1975. Der letzte Sommer. Sie ist im Zug ins Tessin. Das stickige Raucherabteil und das Grün vor dem Fenster. Die quietschenden Bremsen. Die Stadt und die Berge. Das Unterwegssein und die Gedanken im Kopf. Es ist – als ob ein Leben vorbeizieht…ein letztes Mal…

Dann die Stimme des Schaffners und das Herausgerissenwerden aus einem Traum. Immer derselbe seit vielen Jahren. Genau seit 1961. Damals, als die Philosophin, Historikerin und Journalistin von April bis Juni in Jerusalem beim Prozess gegen den NS-Kriegsverbrecher Adolf Eichmann anwesend war und für den „The New Yorker“ berichtete und eine Generation wie das Wesen des Menschen schonungslos offenlegte. Ihre Analysen sind gleichsam die Summe und das Destillat ihres philosophischen Denkens. Eines Weges durch die Abgründe des Menschseins und einer Gesellschaft und deren männlicher Machtwelt, die grausamst in der Shoa gipfelte. Und jetzt in aller Banalität hinter Glas vor ihr saß. Und dieses zerschlägt sie in Wahrheit und Mut. Sie drückt damit auch aus, was ihr zeitlebens wichtig war und was Denken sein sollte – Bemühen um Klarheit und Mut zum Denken in Wort, Ausdauer und Konsequenz.

Doch jetzt kehrt sie noch einmal in den Sommer zurück und sitzt am Tisch im wunderbaren Garten des Hotels in Tegna. Begegnungen begleiteten ihr ganzes Leben und so ist es auch jetzt. Und sie geht offen darauf zu, auf das Unerwartete, Überraschende, Begleitende wie sie es ein ganzes Leben getan hatte. Als mutige Denkerin wie als suchende, liebende Frau. Die letzte Reise zu Grund und Abgrund des Menschseins in Erinnerung, Traum und Gespräch wie Konfrontation beginnt…

Die Schriftstellerin, Universitätsprofessorin und langjährige sehr geschätzte Jurorin des Klagenfurter Bachmannpreises Hildegard E.Keller legt mit „Was wir scheinen“ einen Roman über das Leben der Philiosophin, Historikerin und Journalistin Hannah Arendt (1096 – 1975) und deren biographischen wie politischen Lebensstationen vor, der in Spracheleganz, Erzählkraft wie inhaltlicher Tiefgründigkeit begeistert. Die Autorin beweist sehr viel Mut sich dem Leben und Wirken einer der bedeutendsten Persönlichkeiten moderner Philosophie und Gesellschaftstheorie literarisch zu nähern. Das literarische Konzept im Schwerpunkt der Lebensjahre der Aus- wie Nachwirkungen des Eichmannprozess ist äußerst gut durchdacht und geht vollends auf. In Reflexion und Rückschau kommt auch der Humor nicht zu kurz. In wunderbarer Leichtigkeit werden Alltagsgespräche mit Witz und Esprit dargestellt. Köstlich etwa auch wie die Philosophin einen Artikel über den Rennfahrer Clay Regazzoni in einer Zeitschrift entdeckt. Die Autorin geht hier einen ganz selbstbewussten literarischen Weg, der Hannah Arendt gleichsam aus der umfassenden politischen Theorie direkt ins Leben zurückholt und so Tiefsinnigkeit wie Menschlichkeit eines Lebens in aller Sehnsucht, Unsicherheit wie auch Zerbrechlichkeit darstellt. So ist der Roman ein Lesevergnügen mit sehr spannenden Annäherungen und Impulsen zu Leben, Werk und Zeit Hannah Arendts wie zu Mensch und Gesellschaft in Weg und Entscheidung an sich. Eine Frau – klug, mutig, zerbrechlich im Sturm der Zeit dargestellt – literarisches Experiment gelungen – chapeau!

„Hildegard E.Keller ergreift fulminant Herz und Seele einer mutigen wie zerbrechlichen Frau. Ein literarisches Ereignis!“

Walter Pobaschnig 8_21

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„Lasst uns alle Kultursuperspreader sein!“ Markus Köhle, Schriftsteller_Wien 30.8.2021

Lieber Markus, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Jetzt ist Ende August. Hoffentlich die Ruhe vor dem Buchungssturm. Ich sitze am Schreibtisch und arbeite Notizen und Fragmente der letzten Wochen auf, versuche aus den Sommergedankensplittern was Brauchbares zu machen, und mich langsam wieder an Arbeitsalltag zu Hause zu gewöhnen. Ich bin an sich ein Vormittagsschreiber. Konzentrierte zwei-drei Stunden am Vormittag schreiben, dann was kochen oder Essen gehen, am Nachmittag dann (korrektur-) lesen, Büroarbeit oder sonst was machen, abends dann im Idealfall selbst auftreten oder eben Kolleg*innen zuschauen.

Markus Köhle, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Solidarität.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wirklich? Ist nicht vielmehr zu befürchten, dass alles wie gehabt nur in bestimmten Punkten schlechter wird, weil das „Koste-es-was-es-wolle“ vor allem auch der Kunst (den prekär in der Kunst arbeitenden) auf den Kopf fallen wird? Diese Veränderungen gilt es festzuhalten, aufzuzeichnen, aufzuzeigen. Stoff ist da, die Form, diesen zu Literatur zu machen, gilt es noch zu finden.

Was liest Du derzeit?

Komme gerade zurück aus Griechenland, habe in den drei Wochen Sommerakademie dort folgende Bücher gelesen:

Dalibor Markovic: Pappel

Ivan Repila: Der Feminist

Nora Gomringer: Poesiealbum

Sebastian Ingenhoff: Ghosting

Verena Güntner: Power

Wanda Coleman: Strände. Warum sie mich kaltlassen

und als nächstes nehm ich mir Adas Raum von Sharon Dodua Otoo vor.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Lasst uns alle Kultursuperspreader sein!

Vielen Dank für das Interview lieber Markus, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Markus Köhle, Schriftsteller

Zur Person:

Foto_privat.

24.8.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Immer wieder innezuhalten, um sich zu spüren“ Marcela Selinger, Sängerin_Wien 29.8.2021

Liebe Marcela, wie sieht jetzt dein Tagesablauf aus?

Was meinen Tagesablauf betrifft, könnte ich jetzt einen halben Roman schreiben – allerdings denke ich nicht, dass das besonders aufregend ist! Was ich vielleicht darüber sagen kann ist, dass mein Alltag relativ unterschiedlich gehandhabt wird, je nach Situation. Mein Leben ist ziemlich dynamisch. Ich habe ein Schulkind zu Hause und in den Ferien ist natürlich alles sehr locker und ich kann mich hauptsächlich auf meine Dinge fokussieren. Nach dem Aufstehen kümmere ich mich meistens erstmal um mein körperliches Wohlbefinden- Wasser trinken, Sport, etc. währenddessen wird die To-Do-Liste gecheckt (von der ich meistens die Hälfte vergesse) und die Struktur für den Tag klargestellt. Dazu gehören Formalitäten, die Vorbereitung für Auftritte, Organisation, Studium, diverse Sidejobs, Kommunikation, kochen, putzen, raus gehen, meine Tochter unterstützen in zB schulischen Angelegenheiten. Dazwischen sozialisiere ich auch viel – ich mag den Austausch mit Menschen. Generell könnte man sagen- es herrscht immer viel Bewegung- innerlich wie äußerlich. Und manchmal ist es einfach ruhig.

Marcela Selinger, Sängerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich denke momentan befinden wir uns in einer Zeit, in der die Spaltung in der Gesellschaft besonders offensichtlich wird und sich leider immer mehr verstärkt. Gesellschaftliche Ungleichheiten gibt es seit eh und je- jedoch geht das momentane Geschehen weit darüber hinaus. Ich empfinde die Entwicklung als sehr gefährlich. Menschen feiern geradezu den Umstand sich gegenseitig durch den Dreck zu ziehen, sich auf Seiten zu positionieren- die andere Seite ins Lächerliche zu ziehen, ja- sogar Schadenfreude wird gefeiert. Und das für mich Erschreckendste daran ist, dass das verbindende Element, Neugier, aufeinander zugehen, offen zu bleiben für Anderes, völlig in den Hintergrund tritt. Ich empfinde die Entwicklung als sehr verhärtet- immer mehr. Mag es an der Informationsflut liegen, an der Unfähigkeit alles aufnehmen zu können. Wir sind sehr schnell sehr voll, was zu Überforderung führt- und somit fällt es schwer innezuhalten, zur Ruhe zu kommen und zu reflektieren. Es ist fast wie ein hormonelles High. In diesem Sinne denke ich, dass es besonders wichtig ist uns darauf zu besinnen, was uns verbindet:  Die Fehlerhaftigkeit, das Mensch-Sein, das Wachstum, Gefühle von Einsamkeit und die Nützlichkeit des tiefen Wunsches nach Verbindung, Zuneigung und Verständnis für Unterschiedlichkeit – jeder Mensch braucht das Gefühl angenommen zu sein, als der/die man einfach ist. Es sind wohl Empathie, Umsicht, Achtsamkeit Respekt und Behutsamkeit, die den Teppich bilden um einem anderen Menschen auch in schwierigen Gesprächen tatsächlich begegnen zu können- wenn man das denn will. Den Fokus auf das Miteinander halte ich für elementar um sich weiterzuentwickeln und oftmals wird man sich nicht einig. Ich denke auch nicht, dass das notwendig ist, nur leider ist das für viele Menschen ein Grund um Andersdenkenden den Respekt zu entziehen- natürlich mit vielen klaren „Gründen“. Aber wie heißt es so schön: wer ein Miteinander will, findet einen Weg, und wer nicht, der findet einen Grund. Und damit meine ich nicht, dass man jeden zum Freund haben muss- dennoch muss man sich niemanden zum Feind machen.

Vor einem Aufbruch werden wir nun alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Nun, vieles habe ich ja bereits oben erwähnt. Allerdings habe ich vergessen die Gesundheit zu erwähnen – denn ich denke, damit steht und fällt alles. Wir haben nun die Möglichkeit uns unseres Körpers bewusster zu werden und ich finde, das sollte man nutzen. Achtsam mit sich und den eigenen Ressourcen umgehen- eventuell fällt es dann auch leichter achtsam mit der Umwelt und seiner Umgebung zu sein. Trennende Gedanken nicht zu füttern, sondern durch ein Ankommen bei sich selbst die Grundlage für ein gutes Miteinander zu schaffen – frei von Abwertung und Schuldsuche. Wenn man bedenkt wieviel- äh wenig- Kapazität vom Gehirn genutzt wird, umgesetzt, dann muss wohl jeder Mensch zugeben, dass das eigene Mikrouniversum nicht die letztendliche Wahrheit sein kann. Auch wenn es sich so anfühlen mag. Die Gesellschaft befindet sich momentan auf jedem Fall in einer Transformation. Ich denke, niemand kann sagen wie die weitere „Ent-Wickelung“ vonstatten gehen wird und genau deswegen finde ich es besonders wichtig immer wieder innezuhalten, sich zu spüren und nicht in Gedanken zu verlieren, die von Angst geprägt sind, da einfach so vieles ungreifbar und angreifbar ist. Das ist eine große Herausforderung- wir Menschen sind ja „Gewohnheitstiere“ – Veränderung fällt uns nicht leicht, auch wenn wir danach streben!

Kunst war immer ein Ausdruck von Freiheit und Diversität – momentan spüre ich das nicht. Es ist, als wurde alles gemutet und unter viele Deckmäntel gestellt. In jeder Zeit der Geschichte wurde Kunst beschimpft, geliebt, geteilt, kritisiert und zensiert – aber sie hat berührt und gerüttelt. Den Künstlern ging es nicht primär darum, ob sie das “Richtige“ oder „Falsche“ darstellen. Es wurde einfach dargestellt und hat Wellen geschlagen- in alle Richtungen. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass das mittlerweile nicht mehr „erwünscht“ ist, sogar unter den Künstlern teilweise.  Aber: War es denn je wichtig was „erwünscht“ ist oder nicht? Es erscheint mir fast wie eine Paralyse in der Kunst. Nach wie vor denke ich, dass es die Aufgabe der Künstler auf jedem Gebiet ist, darzustellen, sich zu zeigen, in Frage zu stellen und zu provozieren. Kunst ist ein Raum, um das „Andere“ anzubieten, der Künstler nutzt diesen und setzt es um.

Was liest du derzeit?

Brene´Brown – „Braving the wilderness“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Your are only free when you realize you belong no place – you belong every place, no place at all. The price is high, the reward is great.“ Maya Angelou

Vielen Dank für das Interview liebe Marcela, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Marcela Selinger, Sängerin

http://www.marcy.at/

Alle Fotos_Walter Pobaschnig

23.8.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Nicht nur ein Foto in der Auslage eines Cafès“ Valerie Anna Gruber, Schauspielerin_ Station bei Peter Alexander _Wien 29.8.2021

Valerie Anna Gruber _ Schauspielerin _ reenacting Peter Alexander _
an den Lebensorten des Schauspielers und Sängers _Wien

Meine Eltern haben die Filme von Peter Alexander sehr geschätzt und daher begleiteten diese mich in der Kindheit. Der Tod von Peter Alexander 2011 war dann für mich ein weiterer Impuls seiner Kunst wie Persönlichkeit nachzugehen.

Peter Alexander schaffte es in seinen TV-Shows die ganze Familie vor dem Fernseher zu vereinen.

„Das kleine Beisl“ (1976) ist eines der prägnantesten Lieder von Peter Alexander, welches das Lebensgefühl der Zeit ausdrückt.

Die „Beisl“ Kultur ist heute Nostalgie. Da hat sich gesellschaftlich viel verändert. Das ist der Wandel der Zeit.

Ich schätze am Sänger Peter Alexander sein Lächeln in der Stimme, das ist ein Alleinstellungsmerkmal seiner Musik. In seinen Parodien wechselte das natürlich und er ist da fast gar nicht zu erkennen, das ist auch faszinierend.

Seine Musik ist so intensiv, ergreifend, auch nostalgisch, da braucht es eine bestimmte Stimmung für mich.

Ich mag auch die Filme von Peter Alexander sehr. Einen Lieblingsfilm zu nennen, ist da schwierig, weil es so viele sind (lacht). Der Film „Die Abenteuer des Grafen Bobby“ (1961) ist aber definitiv ein Liebling, der mich seit meiner Kindheit begleitet und fasziniert. Das ist ganz tolles Komödienhandwerk des Duos Peter Alexander und Gunter Philipp. Ich kann mir diesen Film alle paar Monate ansehen und immer darüber lachen. Die Begeisterung für Peter Alexander wurde in mir über seine Filme geweckt.

Am Beeindruckendsten ist für mich bei dem Schauspieler und Sänger Peter Alexander seine Ausstrahlung, Präsenz auf der Bühne, man schaut da einfach sofort hin. Es ist faszinierend, wenn Künstler sofort diese Aufmerksamkeit auf sich ziehen können. Dahingehend ist Peter Alexander auch ein großes Vorbild für mich als Schauspielerin.

Seine Parodie des Jazzsängers Al Jolson gehört für mich zu seinen beeindruckendsten künstlerischen Projekten. Es ist faszinierend wie in Stimme, Ausdruck bis zu Mikrobewegungen eine Verwandlung stattfindet. Diese Schauspielkunst der Verwandlung beherrschte Peter Alexander ganz beeindruckend.

Ich lese derzeit auch seine Biographie, heuer ist ja sein zehnter Todestag (Peter Alexander *1926 in Wien +2011 ebenda). In seiner Kindheit war Peter Alexander ja schon sehr musikalisch, sein Großvater hatte auch ein Musikgeschäft in Pilsen. Er war dann ja auch ein hervorragender Pianist, Jazz-Pianist, da hatte er unglaubliche Fähigkeiten und ist da etwas verkannt worden. Das ist ja kaum bekannt, weil der Schlager dann ganz in den Mittelpunkt der Produktionen rückte. Ich finde es persönlich schade, dass das Schlagerbusiness den vielseitig begabten Musiker Peter Alexander nicht so sichtbar machte.

Es gibt auch einen familiären Bezug meinerseits zu Peter Alexander. Mein Großvater war mit ihm bei der Kriegsmarine im II.Weltkrieg. Peter Alexander soll auch da schon sein Talent in Musik und Unterhaltung gezeigt haben. Es ist eine Fähigkeit, in solchen Situationen den Humor nicht zu verlieren.

Die Kunst war Peter Alexander in die Wiege gelegt. Die familiären Pläne waren wohl andere. Er hat aus Liebe, Räson zum Vater an der Universität Wien das Medizinstudium inskribiert aber keine einzige Vorlesung besucht. Er folgte seiner Begeisterung für Kunst konsequent, wo er spürte, da geht es hin für mich.

Die Schulzeit war für Peter Alexander schon Bühne. Streiche und Lehrerparodien werden ihm da ja schon nachgesagt. Der Unterhaltungsdrang zeigte sich schon stark.

Seine Mutter ermöglichte ihm in jungen Jahren einen Konzertbesuch von Frank Sinatra in London. Das war wohl ein weiterer Impuls für die Musikkarriere wie er später oft erzählte. Das Gewinnen eines Musikwettbewerbes in Wien, er sang da einen cover song, war dann sicherlich ein wichtiger Baustein in Selbstbewusstsein und Mut am Weg zur Bühne.

Peter Alexander ist in Wien/Alsergrund in der Sechsschimmelgasse aufgewachsen. Später war sein Wohnsitz eine Villa in Döbling/Paul-Ehrlich Gasse, die leider abgerissen wurde. Es ist derzeit Brachland und auch innerlich bewegend, dies zu sehen. Man kann sich nur wundern, dass es da nicht möglich war, für jemanden, der in Wien und weltweit so bekannt war, einen unmittelbaren Gedenkort am Lebensort zu ermöglichen.

Es gibt für Peter Alexander ja keine größere Gedenkstätte in Wien. Es gibt zwar den Peter-Alexander Platz in Döbling, der sehr schön ist, aber keine weiteren, anschaulicheren Gedenkplätze, etwa an seinen künstlerischen wie biographischen Bezugspunkten, in Wien.

In Döbling wäre wohl auch ein Museum am Villenstandort möglich gewesen, das bestimmt viele Besucher angezogen hätte.

Zum 100.Geburtstag des Wiener Künstlers wünsche ich mir schon eine Anerkennung, eine sichtbare Form des Gedenkens, etwa eine Gedenktafel am Haus in der Sechsschimmelgasse in Wien/Alsergrund und nicht nur ein Foto in der Auslage des Cafès im Haus. Es ist schade, dass es für so einen großartigen Künstler derzeit nicht mehr an sichtbarem Gedenken gibt.

Peter Alexander verkörperte den Wiener Charme. Das kam gerade auch in Deutschland sehr gut an. Das Galante und das Spitzbübische in einem.

Seine Frau und Managerin, die Schauspielerin Hildegarde Haagen (*1922+2003, Heirat 1952), war wesentlicher Teil seiner umfassenden Karriere. Sie plante seine Stationen und Präsenzen in der sich verändernden Medienwelt sehr überlegt und zielsicher.

Seine Frau war ein starker künstlerischer Antrieb für Peter Alexander, sie war wichtige Motivationsgeberin.

Das Künstlerleben von Peter Alexander war sicherlich wahnsinnig anstrengend. Diese unglaubliche Fülle an Filmen, Lieder, Shows, das ist wohl heute in dieser Form nicht mehr vorstellbar. Etwa in kürzester Zeit vier Hauptrollen pro Jahr zu spielen. Diese konzentrierte künstlerische Energie und auch dieses Level über so lange Zeit zu halten, ist zu bewundern.

Eine work-life Balance hatte Peter Alexander im heutigen Sinne wohl nicht und dies war sicher sehr kräftezehrend. Vielleicht ist sein Rückzug aus der künstlerischen wie Öffentlichkeit an sich damit verstehbarer.

Die Unterhaltungsbranche war sicherlich auch damals zur Zeit Peter Alexanders gnadenlos. Als feinfühliger Künstler ist das kein leichtes Pflaster. Das hat sich nicht geändert.

In meiner persönlichen work-life Balance genieße ich jetzt als Schauspielerin die Produktionen, die jetzt endlich nach so langer Corona-Ruhe wieder stattfinden sehr aber die Urlaubszeit ist dann auch sehr willkommen.

Das Spannende für mich am Schauspiel ist, dass die Energie, die man investiert auch wieder zurückkommt, wenn es gut läuft.

Die Lieder Peter Alexander hatten ja auch gesellschaftskritische Inhalte, etwa „Hier ist ein Mensch“ (1970) oder „Die süßesten Früchte“ (1953), das wurde inhaltlich ja gar nicht so wahrgenommen.

Peter Alexander war politisch interessiert und auch sozial engagiert, etwa im Bau einer Schule in Afrika. Er hat das nie nach außen getragen.

Peter Alexander war und ist für mich eine ganz starke Inspirationsquelle in seinem Entertainment Talent, seiner Ausstrahlung und seiner Konsequenz. Ich bin dankbar für die Begegnung mit seiner Arbeit in meinem Leben.

Wenn es mir nicht so gut geht, schaue ich mir einen Peter Alexander Film und die Welt ist wieder in Ordnung.

Das Werk Peter Alexander und seine Künstlerpersönlichkeit sind außergewöhnlich und Vorbild. Mein Wunsch ist, dass Peter Alexander nicht in Vergessenheit gerät.

Lieber Peter Alexander, Dankeschön, Sie waren bezaubernd, Dankeschön!

literaturoutdoors_Station bei Peter Alexander_Schauspieler, Sänger (1926-2011) Wien

Valerie Anna Gruber, Schauspielerin_Wien 

https://www.valerieannagruber.com/

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _8_2021

https://literaturoutdoors.com