„Was wir scheinen“ Hildegard E.Keller. Roman. Eichborn Verlag.

„Was wir scheinen“ Hildegard E.Keller. Roman. Eichborn Verlag.

1975. Der letzte Sommer. Sie ist im Zug ins Tessin. Das stickige Raucherabteil und das Grün vor dem Fenster. Die quietschenden Bremsen. Die Stadt und die Berge. Das Unterwegssein und die Gedanken im Kopf. Es ist – als ob ein Leben vorbeizieht…ein letztes Mal…

Dann die Stimme des Schaffners und das Herausgerissenwerden aus einem Traum. Immer derselbe seit vielen Jahren. Genau seit 1961. Damals, als die Philosophin, Historikerin und Journalistin von April bis Juni in Jerusalem beim Prozess gegen den NS-Kriegsverbrecher Adolf Eichmann anwesend war und für den „The New Yorker“ berichtete und eine Generation wie das Wesen des Menschen schonungslos offenlegte. Ihre Analysen sind gleichsam die Summe und das Destillat ihres philosophischen Denkens. Eines Weges durch die Abgründe des Menschseins und einer Gesellschaft und deren männlicher Machtwelt, die grausamst in der Shoa gipfelte. Und jetzt in aller Banalität hinter Glas vor ihr saß. Und dieses zerschlägt sie in Wahrheit und Mut. Sie drückt damit auch aus, was ihr zeitlebens wichtig war und was Denken sein sollte – Bemühen um Klarheit und Mut zum Denken in Wort, Ausdauer und Konsequenz.

Doch jetzt kehrt sie noch einmal in den Sommer zurück und sitzt am Tisch im wunderbaren Garten des Hotels in Tegna. Begegnungen begleiteten ihr ganzes Leben und so ist es auch jetzt. Und sie geht offen darauf zu, auf das Unerwartete, Überraschende, Begleitende wie sie es ein ganzes Leben getan hatte. Als mutige Denkerin wie als suchende, liebende Frau. Die letzte Reise zu Grund und Abgrund des Menschseins in Erinnerung, Traum und Gespräch wie Konfrontation beginnt…

Die Schriftstellerin, Universitätsprofessorin und langjährige sehr geschätzte Jurorin des Klagenfurter Bachmannpreises Hildegard E.Keller legt mit „Was wir scheinen“ einen Roman über das Leben der Philiosophin, Historikerin und Journalistin Hannah Arendt (1096 – 1975) und deren biographischen wie politischen Lebensstationen vor, der in Spracheleganz, Erzählkraft wie inhaltlicher Tiefgründigkeit begeistert. Die Autorin beweist sehr viel Mut sich dem Leben und Wirken einer der bedeutendsten Persönlichkeiten moderner Philosophie und Gesellschaftstheorie literarisch zu nähern. Das literarische Konzept im Schwerpunkt der Lebensjahre der Aus- wie Nachwirkungen des Eichmannprozess ist äußerst gut durchdacht und geht vollends auf. In Reflexion und Rückschau kommt auch der Humor nicht zu kurz. In wunderbarer Leichtigkeit werden Alltagsgespräche mit Witz und Esprit dargestellt. Köstlich etwa auch wie die Philosophin einen Artikel über den Rennfahrer Clay Regazzoni in einer Zeitschrift entdeckt. Die Autorin geht hier einen ganz selbstbewussten literarischen Weg, der Hannah Arendt gleichsam aus der umfassenden politischen Theorie direkt ins Leben zurückholt und so Tiefsinnigkeit wie Menschlichkeit eines Lebens in aller Sehnsucht, Unsicherheit wie auch Zerbrechlichkeit darstellt. So ist der Roman ein Lesevergnügen mit sehr spannenden Annäherungen und Impulsen zu Leben, Werk und Zeit Hannah Arendts wie zu Mensch und Gesellschaft in Weg und Entscheidung an sich. Eine Frau – klug, mutig, zerbrechlich im Sturm der Zeit dargestellt – literarisches Experiment gelungen – chapeau!

„Hildegard E.Keller ergreift fulminant Herz und Seele einer mutigen wie zerbrechlichen Frau. Ein literarisches Ereignis!“

Walter Pobaschnig 8_21

https://literaturoutdoors.com

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