„Immer wieder innezuhalten, um sich zu spüren“ Marcela Selinger, Sängerin_Wien 29.8.2021

Liebe Marcela, wie sieht jetzt dein Tagesablauf aus?

Was meinen Tagesablauf betrifft, könnte ich jetzt einen halben Roman schreiben – allerdings denke ich nicht, dass das besonders aufregend ist! Was ich vielleicht darüber sagen kann ist, dass mein Alltag relativ unterschiedlich gehandhabt wird, je nach Situation. Mein Leben ist ziemlich dynamisch. Ich habe ein Schulkind zu Hause und in den Ferien ist natürlich alles sehr locker und ich kann mich hauptsächlich auf meine Dinge fokussieren. Nach dem Aufstehen kümmere ich mich meistens erstmal um mein körperliches Wohlbefinden- Wasser trinken, Sport, etc. währenddessen wird die To-Do-Liste gecheckt (von der ich meistens die Hälfte vergesse) und die Struktur für den Tag klargestellt. Dazu gehören Formalitäten, die Vorbereitung für Auftritte, Organisation, Studium, diverse Sidejobs, Kommunikation, kochen, putzen, raus gehen, meine Tochter unterstützen in zB schulischen Angelegenheiten. Dazwischen sozialisiere ich auch viel – ich mag den Austausch mit Menschen. Generell könnte man sagen- es herrscht immer viel Bewegung- innerlich wie äußerlich. Und manchmal ist es einfach ruhig.

Marcela Selinger, Sängerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich denke momentan befinden wir uns in einer Zeit, in der die Spaltung in der Gesellschaft besonders offensichtlich wird und sich leider immer mehr verstärkt. Gesellschaftliche Ungleichheiten gibt es seit eh und je- jedoch geht das momentane Geschehen weit darüber hinaus. Ich empfinde die Entwicklung als sehr gefährlich. Menschen feiern geradezu den Umstand sich gegenseitig durch den Dreck zu ziehen, sich auf Seiten zu positionieren- die andere Seite ins Lächerliche zu ziehen, ja- sogar Schadenfreude wird gefeiert. Und das für mich Erschreckendste daran ist, dass das verbindende Element, Neugier, aufeinander zugehen, offen zu bleiben für Anderes, völlig in den Hintergrund tritt. Ich empfinde die Entwicklung als sehr verhärtet- immer mehr. Mag es an der Informationsflut liegen, an der Unfähigkeit alles aufnehmen zu können. Wir sind sehr schnell sehr voll, was zu Überforderung führt- und somit fällt es schwer innezuhalten, zur Ruhe zu kommen und zu reflektieren. Es ist fast wie ein hormonelles High. In diesem Sinne denke ich, dass es besonders wichtig ist uns darauf zu besinnen, was uns verbindet:  Die Fehlerhaftigkeit, das Mensch-Sein, das Wachstum, Gefühle von Einsamkeit und die Nützlichkeit des tiefen Wunsches nach Verbindung, Zuneigung und Verständnis für Unterschiedlichkeit – jeder Mensch braucht das Gefühl angenommen zu sein, als der/die man einfach ist. Es sind wohl Empathie, Umsicht, Achtsamkeit Respekt und Behutsamkeit, die den Teppich bilden um einem anderen Menschen auch in schwierigen Gesprächen tatsächlich begegnen zu können- wenn man das denn will. Den Fokus auf das Miteinander halte ich für elementar um sich weiterzuentwickeln und oftmals wird man sich nicht einig. Ich denke auch nicht, dass das notwendig ist, nur leider ist das für viele Menschen ein Grund um Andersdenkenden den Respekt zu entziehen- natürlich mit vielen klaren „Gründen“. Aber wie heißt es so schön: wer ein Miteinander will, findet einen Weg, und wer nicht, der findet einen Grund. Und damit meine ich nicht, dass man jeden zum Freund haben muss- dennoch muss man sich niemanden zum Feind machen.

Vor einem Aufbruch werden wir nun alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Nun, vieles habe ich ja bereits oben erwähnt. Allerdings habe ich vergessen die Gesundheit zu erwähnen – denn ich denke, damit steht und fällt alles. Wir haben nun die Möglichkeit uns unseres Körpers bewusster zu werden und ich finde, das sollte man nutzen. Achtsam mit sich und den eigenen Ressourcen umgehen- eventuell fällt es dann auch leichter achtsam mit der Umwelt und seiner Umgebung zu sein. Trennende Gedanken nicht zu füttern, sondern durch ein Ankommen bei sich selbst die Grundlage für ein gutes Miteinander zu schaffen – frei von Abwertung und Schuldsuche. Wenn man bedenkt wieviel- äh wenig- Kapazität vom Gehirn genutzt wird, umgesetzt, dann muss wohl jeder Mensch zugeben, dass das eigene Mikrouniversum nicht die letztendliche Wahrheit sein kann. Auch wenn es sich so anfühlen mag. Die Gesellschaft befindet sich momentan auf jedem Fall in einer Transformation. Ich denke, niemand kann sagen wie die weitere „Ent-Wickelung“ vonstatten gehen wird und genau deswegen finde ich es besonders wichtig immer wieder innezuhalten, sich zu spüren und nicht in Gedanken zu verlieren, die von Angst geprägt sind, da einfach so vieles ungreifbar und angreifbar ist. Das ist eine große Herausforderung- wir Menschen sind ja „Gewohnheitstiere“ – Veränderung fällt uns nicht leicht, auch wenn wir danach streben!

Kunst war immer ein Ausdruck von Freiheit und Diversität – momentan spüre ich das nicht. Es ist, als wurde alles gemutet und unter viele Deckmäntel gestellt. In jeder Zeit der Geschichte wurde Kunst beschimpft, geliebt, geteilt, kritisiert und zensiert – aber sie hat berührt und gerüttelt. Den Künstlern ging es nicht primär darum, ob sie das “Richtige“ oder „Falsche“ darstellen. Es wurde einfach dargestellt und hat Wellen geschlagen- in alle Richtungen. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass das mittlerweile nicht mehr „erwünscht“ ist, sogar unter den Künstlern teilweise.  Aber: War es denn je wichtig was „erwünscht“ ist oder nicht? Es erscheint mir fast wie eine Paralyse in der Kunst. Nach wie vor denke ich, dass es die Aufgabe der Künstler auf jedem Gebiet ist, darzustellen, sich zu zeigen, in Frage zu stellen und zu provozieren. Kunst ist ein Raum, um das „Andere“ anzubieten, der Künstler nutzt diesen und setzt es um.

Was liest du derzeit?

Brene´Brown – „Braving the wilderness“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Your are only free when you realize you belong no place – you belong every place, no place at all. The price is high, the reward is great.“ Maya Angelou

Vielen Dank für das Interview liebe Marcela, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Marcela Selinger, Sängerin

http://www.marcy.at/

Alle Fotos_Walter Pobaschnig

23.8.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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