„Authentisch und mit Freude Musik zu machen“ Cozy Friedel, Jazzgeigerin_Wien 31.8.2021

Liebe Cozy, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Einen festen regelmäßigen Tagesablauf gibt es nicht. Mehr eine Freiheit, die selbst gefüllt und variabel strukturiert werden will. Es gibt übergeordnete Ziele, für die ich selbst wähle, wie ich sie erarbeite. Manchmal würde ich mir wünschen, einen von außen gegebenen strukturierten Alltag zu haben. Also z.B. wie manche Menschen ins Büro zur Arbeit zu gehen und dann Feierabend zu haben. Aber so etwas gibt es nicht bei mir. Eigentlich ist nie so richtig Feierabend, weil eins zum anderen kommt und es immer Dinge gibt, die man für das künstlerische Schaffen erledigen könnte. Selbst im Bett liegt man dann manchmal und die Gedanken gehen weiter, man übt mental auf dem Instrument weiter oder komponiert mental weiter, wenn einen eine bestimmte Sache nicht loslässt.

Cozy Friedel_Jazzgeigerin,Sängerin

So beneidenswert für andere diese Freiheit, seinen Alltag selbst einzuteilen, auch erscheinen mag, – manchmal denke ich mir, dass gerade im Geschenk der Freiheit über den eigenen Tagesablauf die größte Herausforderung liegt. Denn oft ist man nicht so motiviert, kreativ oder diszipliniert, die selbst gesetzten Aufgaben Tag für Tag zu erledigen. Denn oft gibt es kein Muss, keinen Chef, für den man etwas einreichen muss oder klar definierte äußere Zielpunkte, für die man etwas ebenso klar Definiertes erledigen muss. Man tut es mehr oder weniger für sich selbst und das ist manchmal nicht ganz so leicht.

Wie oben erwähnt, gibt es übergeordnete Ziele, für die man sich selbst einen individuellen Weg sucht, sie zu erreichen. Die heiligsten Ziele in meinem Leben sind, und das mag jetzt vielleicht ein wenig naiv klingen, aber ehrlich; Musik machen mit anderen für andere und die Energie, die daraus entsteht, anderen zu schenken. Hauptsache ehrlich, authentisch und mit Freude, also dem Grund, aus dem man angefangen hat, Musik zu machen. Von der Musik leben bzw. Überleben zu können. Mich gesund und fit zu fühlen. Meine Freundschaften zu pflegen, also mich in einem gegenseitig erfüllenden, intakten und sozialen Miteinander zu bewegen.

Um diese Ziele zu erreichen, tue ich jeden Tag etwas, was auch immer das ist. Meistens tue ich das, worauf ich gerade Lust habe, aber dann richtig.

Ein klassischer Tag, sieht z.B. so aus: Aufstehen, Geige üben, eine Runde Sport, zur Probe gehen und abends Freunde treffen, auf ein Konzert gehen oder für Mjam (mein Nebenjob) Essen mit dem Fahrrad ausfahren…oder komponieren..oder zeichnen..oder Booking Arbeiten verrichten..es ist sehr flexibel. Wenn dann Konzerte zu spielen sind oder Uni ist, sieht das alles wieder ganz anders aus.

Um mein Leben von der Musik finanzieren zu können, ist für mich klar, dass ich immer üben muss, um fit zu bleiben und weiter zu kommen. Mindestens genau so wichtig ist für mich dabei aber auch die soziale Vernetzung und die Arbeit an kreativen Projekten, dafür zu komponieren und zu organisieren. Daher versuche ich jeden Tag etwas von meiner Zeit mit dieser Art von Arbeit zu füllen. Einer meiner wichtigsten Lehrer hat diesbezüglich mal Worte gesagt, die sich in meinem Kopf festgebrannt haben. Diese Worte scheinen immer dann auf, wenn ich mal deprimiert bin und denke, dass meine Arbeit gerade überhaupt nichts bringt – z.B. dass ich gestern effektiver geübt habe, heute aber nichts geht:

„Es ist egal, wie gut du gerade meinst, etwas zu tun. Allein der Versuch, sich damit auseinander zu setzen, bringt dich in jeder Hinsicht weiter auf deinem Weg – weiter, als aus Angst vorm Scheitern, nichts zu tun. Es ist alles in ein Ziel investierte Energie, in welcher Form auch immer, die dich weiter bringt, auch wenn du das nicht gleich merkst.“

Was ist jetzt gerade für uns alle besonders wichtig?

Ich finde, das schließt sich jetzt an das oben Erwähnte an: Einfach weiter tun, im Sinne der eigenen innersten ehrlichen Ziele. Auch wenn gerade eine nicht so leuchtende Zeit in vieler Hinsicht ist – was haben wir davon, uns hängen zu lassen und davon runter ziehen zu lassen. Auch wenn die Umstände manchmal etwas als unmöglich erscheinen lassen oder uns die Angst vorm Scheitern am bloßen Versuch, etwas zu tun, hindert, ist das Gefühl, es doch versucht zu haben, egal wie gut, am Ende unbezahlbar. Und das macht auf lange Sicht stärker, positiver und die Welt ist wieder bunter 🙂 Und wir beeinflussen ja auch andere mit unserer Energie. Wenn wir eine so positive Energie ausstrahlen, dann werden vielleicht auch Menschen um uns herum motiviert, wieder mit mehr Elan ans Werk zu gehen und durch die Welt zu schreiten.

An den äußeren Umständen können wir vielleicht nichts ändern, aber an der Art, wie wir damit umgehen. Aber nicht nur für uns alleine kämpfen find ich gerade wichtig, sondern auch, füreinander da zu sein. Zuzuhören und einfach auch mal mehr das Miteinander zu feiern. Wir sind soziale Wesen und das Bedürfnis danach ist in den letzten Zeiten ziemlich zu kurz gekommen. Miteinander zu sein, Erlebnisse zu teilen, sich auszutauschen, miteinander zu lachen – das ist so etwas Wunderschönes und daraus Energie zu gewinnen, ist so ziemlich eine der besten Sachen der Welt. Ich glaube, gerade jetzt nehmen wir das viel intensiver und mit größerer Wertschätzung wahr, als vorher.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Der Aufbruch und Neubeginn haben in meinen Augen schon längst begonnen. Ich fand es wichtig, sich während der Zeiten des Lockdowns neu zu orientieren. Für mich war das eine Art „Metamorphose – Zeit“. Genug Zeit, um zu sich zu finden, mit sich selbst gut auszukommen, sich vorzubereiten auf das, was kommt, wenn diese Zeit zu Ende ist. Wenn es gerade nicht möglich ist, die sonst gewohnten Dinge zu tun, dann muss man eben schauen, die Zeit für anderes zu nutzen. Vielleicht ist gerade diese Zeit dann viel optimaler für Dinge geeignet, die sonst immer auf der Strecke geblieben sind.

Natürlich ist es nie zu spät, von Neuem loszulegen, aber ich persönlich habe es nie so gesehen, neu beginnen zu müssen. Es war eine Phase, in der sich andere Dinge, aufbauend auf denen zuvor, entwickelt haben. Ich wollte nie stagnieren, auch wenn das oft nicht leicht ist, wenn alles um einen herum es zu tun scheint. Aber ich hatte einfach keine Lust, wenn die ganzen Lockdowns vorbei sind aus einer Art Winterschlaf aufzuwachen und die Welt nicht wieder zu erkennen. Aber natürlich müssen wir jetzt alle nach vorne schauen. Gemeinsam. Und das, was passiert ist, akzeptieren und jetzt das Beste daraus machen. Man kann sich natürlich über all das aufregen, was schief und ungerecht gelaufen ist, aber das würde uns in der Gegenwart nur zurückwerfen, finde ich.

Die Kunstszene aber auch so viele andere Bereiche sind stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Besonders trauert es mich um die vielen langjährig gewachsenen Kulturzentren, von denen sich während der Lockdowns einige nicht mehr über Wasser halten konnten und so von der Bildfläche verschwunden sind. Das ist nicht mehr rückgängig zu machen. Darum ist es jetzt besonders wichtig, dass Neues entsteht und gefördert wird, wie auch Bestehendes.

Der Kunstszene kommt in meinen Augen im Sinne der Rückgewinnung sozialer Lebensqualität eine besonders wichtige Rolle zu. Für unsere physische Gesundheit haben wir unsere Ärzte, aber für unsere mentale Gesundheit, für die Wachheit unseres Geistes, dafür gibt es einen anderen Doktor, einen unsichtbaren – das ist für mich die vielseitige Kunst. Das ist mindestens genauso wichtig, wie uns um unseren Körper zu kümmern, den Geist und Körper beeinflussen sich bekanntlich gegenseitig 🙂

Was liest du derzeit?

Ich lese prinzipiell leider wenig. Zurzeit lese ich Lead Sheets 😉

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest du uns mitgeben?

„Denke nie gedacht zu haben, denn das Denken der Gedanken ist gedankenloses Denken, denn wenn du denkst, du denkst, denkst du nur du denkst, aber denken tust du nie.“ (Unbekannt, vermutlich Erich Kästner)…also weniger denken, mehr tun! :

Cozy Friedel_Jazzgeigerin, Sängerin

Vielen Dank für das Interview liebe Cozy, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Cozy Friedel, freischaffende Jazzgeigerin und Sängerin

Alle Fotos_Walter Pobaschnig 8_21.

26.8.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s