„Es ist der Narzissmus, den wir überwinden müssen“ Thomas Bischof, Regisseur und Dramaturg _ Wien 22.11.2021

Lieber Thomas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nachdem mich der Wecker aus den Träumen reißt, wird Körper und Geist mit einem wohltuenden Kaffee auf Betriebstemperatur gebracht. Mein Tagesablauf wechselt dann zwischen Filmproduktion, Theaterproben und im Moment dem Drehbuchschreiben. Es ist immer wieder eine Herausforderung, „Geldverdienen“ und „Herzensprojekte“ unter einen Hut zu bringen. Manchmal funktioniert es ganz gut und manchmal natürlich weniger. Da kann es schon mal vorkommen, dass einem die Gedanken Nachts nochmal zum Schreibtisch führen, um die ein oder andere Idee niederzuschreiben.

Thomas Bischof, Regisseur und Dramaturg

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Es ist der Narzissmus, den wir überwinden müssen, also der Glaube, dass nur unsere kleine geschaffene Welt (Blase) existiert, während die Aussenwelt keine Realität besitzt. Wir müssen aufhören zu glauben, dass nur das zählt, was uns selbst zum Nutzen oder gefährlich ist. Daraus entsteht bloß der Austausch von gereizter Empörung, einer schreit und alle rennen mit, solange bis der nächste Aufschrei folgt. Wir sind uns wohl alle einig, dass ein konstruktiver Diskurs, der zu einer Veränderung führen könnte, so nicht möglich ist. Wir sollten stattdessen die Vernunft wieder lauter werden lassen, also die Fähigkeit objektiv zu denken. Um Menschen und Objekte so zu sehen wie sie wirklich sind und von dem Bild zu trennen, dass durch die eigenen Wünsche und Ängste zustande kommt. Es ist ein allumfassender Stillstand aus dem wir erwachen müssen und Rückwärts ist keine Richtung.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Film/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Die Kunst hatte schon immer eine immense Bedeutung für die Entwicklung einer Gesellschaft aber auch eines jeden Einzelnen. Und diese Bedeutung wird in den nächsten Jahren weiterhin steigen, da die gesellschaftlichen Bedingungen und Erwartungen uns immer mehr zu erdrücken drohen, die politische Lage zum Haare raufen ist und das Miteinander nur noch von Empörungen geprägt wird. Doch was gibt uns die Kunst bzw. wie hilft sie uns? Sie ist ein Rückzugsort den wir alle manchmal nötig haben, eine Hilfe um aus dem Alltag auszubrechen. Sie verbindet uns, inspiriert uns, sie kann uns Augen und Ohren öffnen und unseren Geist anregen, um über das Bewusste hinauszugehen, zu erkennen und zu reflektieren. Sie übersteigt das alltägliche Geschehen unserer Wahrnehmung, spiegelt gesellschaftliche Debatten wider und bietet Reibungsflächen zur Auseinandersetzung mit unserer Wirklichkeit. Sie ist immer ein Ausdruck des menschlichen Daseins, ein Anstoss um persönlich und gesellschaftlich zu wachsen. Ein zusammen wachsen bzw. ein Zusammenwachsen, welches wir als Gesellschaft bitter notwendig haben.

Was liest Du derzeit?

Im Moment lese ich wechselhaft „Die Logik der Bilder von Wim Wenders“ und „Minima Moralia von Theodor W. Adorno“, ein Buch mit Aphorismen und kurze Essays über die Bedingungen des Menschseins, in dem man wild blättern kann und immer wieder neue kritische Weisheiten und Denkanstöße findet.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Nur weil alle anderen reden, heißt es nicht sie haben recht.

Thomas Bischof, Regisseur und Dramaturg

Vielen Dank für das Interview lieber Thomas, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspiel-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Thomas Bischof, Regisseur und Dramaturg

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Fotos_privat.

2.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Und jeder Tagebucheintrag beginnt mit „schön ist…“.“ Hannelore Schmid, Schauspielerin_Wien 21.11.2021

Liebe Hannelore, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wenn ich aufstehe, wickle ich ein Essig getränktes Tuch um meinen  Knöchel. Ich lege das Bein auf den Tisch und lese eine Viertelstunde. Der Essig wirkt belebend, ich überlege, das Ritual auch nach Abheilen des Knöchels beizubehalten. 

Hannelore Schmid_Schauspielerin, Sprecherin und Theaterpädagogin

Während des Frühstücks gebe ich mich der Reizüberflutung von Podcasts, Nachrichten, Social Media, Literatursendungen, Zeitungsartikeln und Interviews hin. Dann muss ich dringend raus. Einmal um den Häuserblock, den Müll raustragen oder zum Supermarkt, um Gurgelat abzugeben und Lebensmittel zu besorgen.

Den Vormittag verbringe ich am Schreibtisch, entwickle Konzepte, organisiere und schreibe, nachmittags übe ich praktische Dinge oder halte Workshops und Lesungen. Abends nehme ich ein Heft unter den Arm, spaziere durch die Stadt, trinke Mineralwasser an der Bar und schreibe Tagebuch. Das Heft heißt: „Die guten Seiten“ und jeder Eintrag beginnt mit „schön ist…“. Erst dann darf ich anfangen mich zu beklagen. 

Hannelore Schmid_Schauspielerin, Sprecherin und Theaterpädagogin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig? 

Die Krise war ein Verstärker unserer Gefühle, in Zeiten der Isolation konnten sie viel Raum einnehmen. Ob sie beschleunigend oder bremsend wirkte, ob sie Neues oder bloß Offensichtliches zutage förderte  – wir werden weiterhin mit unseren eigenen Ängsten, Zwängen und Wünschen beschäftigt sein und die Verantwortung dafür tragen wir allein.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu? 

Ich bin am Zuhören und Herausfinden. Die interaktive Form meiner Arbeit und die spezielle Zielgruppe eröffnet diese Möglichkeit. Ich nehme einen Hunger nach Kunst wahr, eine Sehnsucht nach Teilhabe und Ausdruck. 

Was ich selbst zu sagen habe, lässt sich für mich nicht mehr am Schreibtisch entwerfen, nicht aus Büchern, nicht aus früheren Erfahrungen. Was soll ich den Kindern heute über ihre Rechte erzählen, wenn ich mein Theaterprojekt zu den Kinderrechten nach eineinhalb Jahren, in denen sie von massiven Einschränkungen betroffen waren, wiederaufnehme? 

Ich denke, ich werde ihnen Raum geben, selbst zu erzählen.

Was liest Du derzeit?

„Rock Springs“ von Richard Ford

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben? 

„Wir werden unsere Literatur erschaffen, nicht indem wir pausenlos darüber reden, sondern indem wir in stolzer Einsamkeit Bücher schreiben, die die Wucht eines Kinnhakens haben.“

Roberto Arlt 

Hannelore Schmid_Schauspielerin, Sprecherin und Theaterpädagogin

Vielen Dank für das Interview liebe Hannelore, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Hannelore Schmid_Schauspielerin

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Alle Fotos: Walter Pobaschnig 11_21

18.10.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wir sollten wieder mehr aufpassen aufeinander, Haltung zeigen aber Wörter bedächtiger wählen“ Marlene Gölz, Schriftstellerin_ Linz 20.11.2021

Liebe Marlene, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Während der Schulzeit stehe ich um 6 Uhr auf, wecke die Kinder, mache Frühstück. Wenn alle weg sind, beginnt mein Arbeitstag. Meist zu Hause, ein, zwei Mal pro Woche bin ich im StifterHaus. Jeder Tag ist etwas anders. Stehen Lektorate an, müssen diese oft unter großem Zeitdruck erledigt werden. Aber wenn möglich, nutze ich die kinderfreie Zeit um zu schreiben. Nachmittags ist ein Kommen und Gehen, es ist immer viel los bei uns. Abends, wenn alle schlafen, arbeite ich oft noch. Ich mag den Trubel, aber auch die Stille.

Marlene Gölz, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das Wichtigste, immer, sind die Begegnungen. Dass man sich einander zuwendet.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Politisch sehe ich das Streben nach globaler Gerechtigkeit als allergrößten Auftrag. Als Einzelpersonen dürfen wir uns nicht ohnmächtig fühlen, müssen das Grundgefühl von Vertrauen zurückgewinnen, ins eigene Tun, aber auch in die Menschen, und ins Leben. Darin seh ich auch meinen Erziehungsauftrag als Mutter.

Alle sind dünnhäutiger geworden, im Gegenzug wird mit immer härteren Bandagen gekämpft. Wir sollten wieder mehr aufpassen aufeinander, Haltung zeigen aber Wörter bedächtiger wählen, versuchen Dinge differenziert zu betrachten, und damit klarkommen, dass es nicht immer gleich Antworten gibt.

An unseren Panzern kratzen, diese aufbrechen, das kann Kunst – Musik, Literatur, … auf unterschiedlichste Art. „Some of my best friends are songs“, hat kürzlich jemand gepostet. So empfinde ich es auch. Songs, books, … Es muss reingehen, dann ist man aufgehoben, mit allen Sorgen, Ängsten, der ganzen Wut über die Welt und der ganzen Freude. Das ist wunderschön, das tut weh und das ist nicht kontrollierbar. Das Gegenteil von Ideologie und PR.

Was liest Du derzeit?

Aktuell bringt mich Lesen zu sehr aus meinem eigenen Schreiben. Es warten aber ein paar Bücher, u. a. ein Erzählband von Rumena Bužarovska. Ansonsten ist es wie bei der Musik, es begleiten mich seit Jahren die immer gleichen Namen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„so nebenbei geschieht das ausserordentliche“
(Elfriede Gerstl)

Marlene Gölz, Schriftstellerin

Vielen Dank für das Interview liebe Marlene, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Marlene Gölz_Schriftstellerin

Foto_Reinhard Winkler

12.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Liebe kann ein Selbstbild stärken oder schwächen“ Dagmar Strobl, Model _ Romanjubiläum Malina _ Wien 20.11.2021

Dagmar Strobl, Model _
Romanschauplatz Malina _ Wien

Liebe Dagmar, vielen Dank für Dein Kommen hier in das „Ungargassenland“ dem Romanschauplatz „Malina“ in Wien 1030 und Deine Teilnahme am szenischen Foto/Interviewprojekt zum 50jährigen Romanjubiläum.

Was bedeuten Dir Orte?

Orte bedeuten mir sehr viel, weil man immer sehr viel davon in sich aufnimmt.

Orte sind immer mit Erinnerungen verbinden.

Wenn man sich gerne an etwas zurückerinnert, ist es wunderschön, wenn man zurückkommt. Dieses Zurückkommen-Dürfen bedeutet mir sehr viel.

Wie gehst Du auf Orte zu, die Dir vertraut sind und wie brichst Du da wieder auf, verabschiedest Dich? Gibt es da bestimmte Rituale?

Eine Rückkehr ist immer mit Freude und Erwartungen begleitet. Da kann es dann auch Enttäuschungen geben, wenn es nicht mehr so ist wie erwartet. Extreme Enttäuschungen habe ich da aber noch nicht erlebt.

Was schätzt Du an einem Ort und was lässt Dich zurückkehren?

Das ist sehr individuell auf den Ort bezogen. Es sind etwa Kindheitserinnerungen. Bei mir ist das etwa die Rückkehr in die Steiermark, das ist für mich mit sehr vielen Kindheitserinnerungen verbunden.

Dann gibt es Urlaubsorte, die mit schönen Erinnerungen verbunden sind. Auch da ist sehr individuell

Der Roman Malina spielt in Wien, wurde aber am Lebensort Ingeborg Bachmanns in Rom geschrieben. Auch Du schätzt Italien?

Ich schätzte Italien sehr. Ich denke, es gibt für jeden Menschen so eine Art Nachhause-Kommen, das ist für mich Italien. Ich fühle mich da einfach wohl.

Ob ich in einer Stadt wie Verona bin oder einem Dorf in der Toskana, wenn ich da durchgehe, das ist für mich was Besonderes. 

Ich finde das in Italien, was jemand anderes vielleicht ganz wo anders findet.

Welche ersten Eindrücke nimmst Du jetzt vom Romanschauplatz Malina hier auf?

Das Haus des Ivan, auch dieser Innenhof, ist wunderschön. Es hat für mich was Beruhigendes. Du kommst aus dem Leben, Lärm einer Stadt in den Hof und glaubst, Du bist an einem vollkommen anderen Ort.

Der Schauplatz hat aber auch etwas Bedrückendes, wenn man an diese unerfüllte Liebe im Roman denkt.

Ist für Dich der Roman gleichsam auch im Haus, Hof, Garten zu spüren?

Beim ersten Eintreten vielleicht nicht, aber je länger man da ist und etwa die Treppe emporgeht, desto bedrückender wird es, desto mehr kann man sich reinversetzen.

Wie siehst Du die Romankonstallation der Protagonisten*in?

Es ist schwierig zu sagen, weil den Roman nicht im Detail kenne. Was ich jetzt in der Beschäftigung, Vorbereitung auf dieses Projekt rausgelesen habe, ist, dass die Ich-Erzählerin und Malina ja eine Person sind. Was es mit Ivan auf sich hat, ist schwierig zu sagen, weil ich den Roman nicht gelesen habe.

Malina als männliches Spiegelbild einer Frau im Roman – wie siehst Du, 50 Jahre nach der Romanentstehung, die Reflexion, Erlangung eines Selbstbildes als Frau heute?

Ich weiß nicht, ob dieses Spiegelbild jede*r heute für jede*n wichtig ist. Viele Menschen sind, glaube ich, heute so von sich überzeugt, dass sie sich gar nicht in Frage stellen bzw. überdenken.

Menschen, die eine Unsicherheit spüren, beginnen über sich nachzudenken. Sie nehmen dabei Eindrücke von innen wie von außen auf, um ein Bild von sich selbst zu bekommen.

Inwieweit ist Liebe ein Gewinn bzw. Verlust für das Selbstbild? Im Roman ist dies ja sehr ambivalent.

Ich würde sagen, dass die Ich-Erzählerin in der Liebe nichts gewinnt für sich, sondern, dass es eher viel wegnimmt von ihr. Das ist eher der Fall.

Wenn Menschen in der Liebe etwas suchen von/in sich selbst und dabei sich selbst verlieren, ist es ganz fatal.

Liebe kann ein Selbstbild stärken oder schwächen, dies kann in beide Richtungen gehen.

Wenn ein Mensch nicht in sich ruht und nicht mit sich im Reinen ist, dann sind Affären etwas ganz Fatales.

Eine Affäre hat nicht immer mit Liebe zu tun. Da spielen viele andere Dinge mit.

Eine Affäre ist etwas Oberflächliches.

Wenn ein Mensch nichts Oberflächliches in einer Affäre sondern Liebe sucht, kann das sehr fatal sein.

Wie könnte sie aus der Situation der Affäre wieder herauskommen?

Das ist schwierig. Ich könnte mir das nur vorstellen, in dem ein anderer Mensch kommt, der ihr Halt gibt, dem sie ihre Gefühle schenken kann.

Wenn man einmal enttäuscht ist, enttäuscht wurde, ist es sehr schwierig, sich wieder zu hinzugeben, so zu vertrauen.

Es ist im Roman eine Affäre, Liebe mit Ivan auf den ersten Blick, die vor dem Blumengeschäft hier um die Ecke ihren Anfang nimmt. Gibt es Liebe, eine Anziehung auf den ersten Blick?

Anziehung auf jeden Fall, Affäre wahrscheinlich auch, aber ich glaube Liebe nicht. Ich weiß es nicht, aber ich glaube es nicht (lacht).

Für mich ist Liebe etwas, dass nicht vom ersten Augenblick an funktioniert.

Liebe muss wachsen.

Liebe ist nicht von Anfang an da. Verliebtheit, ja.

Was lässt Liebe wachsen, blühen?

Man sagt zwar immer, Gegensätze ziehen sich an, aber das glaube ich nicht. Es muss sehr viel Gemeinsamkeit da sein.

Natürlich Vertrauen.

Selbstaufgabe klingt jetzt blöd, aber die Bereitschaft Kompromisse einzugehen, finde ich ganz, ganz wichtig.

Wenn man keine Kompromisse eingeht, wird Liebe nicht funktionieren.

Nicht so schnell aufgeben. Nicht beim geringsten Widerstand, kleinstem Hindernis in der Liebe sagen, geht nicht mehr.

Immer wieder aufeinander zugehen, füreinander kämpfen in der Liebe.

Was lässt sie an der Affäre mit Ivan, dieser Hochschaubahn der Emotionen, festhalten?

Vielleicht das Nicht-Eingestehen einer Niederlage? Nicht das Zugestehen, man ist daran gescheitert?

Wie hat sich das Männerbild als Liebhaber und grundsätzlich in 50 Jahren verändert?

Da gibt es extreme Veränderungen (lacht). Dieses klassische Mann-Frau Bild der 1950er gibt es heutzutage nicht mehr. Wir sind am Weg zu einer Gleichberechtigung.

Ich finde heutzutage sind Männer sehr, sehr unsicher was ihre Rolle betrifft.

Ein Mann soll ein Mann bleiben.

Ich möchte einen starken Mann an meiner Seite, der weiß, was er will.

Worin besteht die Unsicherheit des Mannes und was fehlt ihm?

Weil er oft nicht mehr weiß, wie er sich Frauen gegenüber verhalten soll, zu verhalten hat.

Männer kommen mit der gesellschaftlichen Diskrepanz ihrer Rolle nicht zurecht. Sie sind da zerrissen.

Gibt es den Ivan Liebhaber Typos heute nicht mehr aufgrund dieser innerlichen Zerrissenheit?

Vielleicht, das kann durchaus sein. Vielleicht gibt es jetzt bei den Frauen mehr Ivans (lacht). Vielleicht übernehmen viele Frauen jetzt die Rolle und „brechen aus“ (lacht).

Ein Kapitel im Roman ist mit „Der dritte Mann“ überschreiben. Da geht es wesentlich um die Auseinandersetzung mit dem Vaterbild. Wie wichtig ist dies in der Gegenwart?

Das kommt heute auf die Rolle des Vaters in der Familie an, welche Rolle er von Anfang an spielt. Das hat sich über die Jahre sehr verändert. Früher war der Vater das Familienoberhaupt und was er sagte, galt.

Das Verhältnis zum Vater ist sehr individuell geworden, auch der Kontakt.

Für mich waren der Vater, Großvater immer extreme Respektpersonen.

Ich hatte vor meinem Vater mehr Respekt als vor meiner Mutter. Respekt nicht im Sinne von Angst. Es war immer eine liebevolle Beziehung zum Vater wie zum Großvater, aber trotzdem mit sehr viel Respekt verbunden.

Ich habe das Gefühl, dass der Respekt, ob zum Vater oder zur Mutter, heute oft fehlt, dass der Umgang sehr respektlos ist. Respekt nicht im Sinne eines angstbehafteten Verhältnisses, sondern im Wissen eines Umganges miteinander.

Hast Du Vater und Großvater persönlich als stärkende Persönlichkeitspole erlebt?

Ja, auf alle Fälle. Es war für mich schon als Kind wichtig und die Erinnerung daran ist es heute noch.

Rituale spielen zwischen der Ich-Erzählerin und Ivan eine große Rolle. Wie wichtig sind Rituale in der Liebe?

Rituale sind allgemein wichtig, weil sie eine Art Sicherheit geben in ihrer Wiederkehr – „das kommt wieder, wird immer so sein“ – das ist beruhigend.

Im Roman wird eine Zukunftsvision der Liebe angesprochen – „Ein Tag wird kommen“. Welche Vision hast Du für die Liebe?

Eine Vision habe ich da nicht. Das ist allgemein schwer zu sagen. Für mich habe ich es gefunden und ich wünsche, dass es so bleibt wie es ist.

Liest Du gerne?

Ja, ich lese gerne. Ich habe früher gerne Klassiker und auch Hermann Hesse gelesen. Derzeit lese ich gerne Krimis. Das ist für mich entspannend. Ich sehe wenig fern und beim Lesen schlafe auch gerne ein (lacht).

Ich lese auch gerne Bücher von Orten, an welche ich hinreise.

Meist lese ich europäische Autor*innen.

Hast Du eine bestimmte Buchhandlung, die Du schätzt?

Mittlerweile lese ich fast nur mehr am kindle. Ich lese meist im Bett und wenn ich dann einschlafe, brauche ich kein Licht mehr auszuschalten (lacht). Es sind auch schon genug Bücher im Haus (lacht).

Es ist sehr angenehm ein Buch in der Hand zu haben, aber ich bin über die Erfindung des e-books doch sehr froh, weil ich auch viel und relativ zügig lese.

Aber ich kann mich an Zeiten erinnern, wenn ich in eine Buchhandlung gegangen bin, das war furchtbar (lacht), weil so viele Bücher mich angesprochen haben und ich nicht widerstehen konnte.

Du bist in Wien geboren, lebst in Wien, was schätzt Du in/an unserer Stadt?

Es ist wunderschön, dass es in Wien so viel Natur gibt, in den Randlagen wie auch innerstädtisch. Das Flair der Stadt in Architektur und Geschichte ist unübertroffen.

Ich finde auch die Wiener*innen, die Lebensart der Stadt charmant. Man fühlt sich wohl, wenn man durch die Stadt geht. Ich fühle mich sehr sicher hier. Für mich ist Wien einfach Heimat und ich möchte nicht wo anders leben.

Was schätzt Du an der Wiener Mentalität?

„Schau mal mol, dann moch ma mol“ (lacht). Und dieses Grantige und eigentlich „is eh net so“. Wenn einer schimpft, dann ist in Wien immer auch ein Lachen dabei.

Darf ich Dich zum Schluss des Interviews zu einem Malina Achrostikon bitten?

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Dagmar Strobl, Model _
Romanschauplatz Malina _ Wien

Herzlichen Dank, liebe Dagmar ich wünsche Dir viel Glück, Freude und Erfolg auf allen beruflichen und privaten Wegen!

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Dagmar Strobl, Model

Station bei Ingeborg Bachmann_Malina.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_10_2021.

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Walter Pobaschnig 10_21

„Schreits nicht herum, schenkts alles her, scheißts euch nicht an“ Raphael Sas, Musiker _ Wien 19.11.2021

Lieber Raphael, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Immer anders. Über sowas wie Alltag kann ich mich derzeit nicht beschweren. Als im Frühling 2021 Veranstaltungen wieder möglich wurden, gings von Null auf Hundert in die Konzertsaison hinein. MIt „Der Nino Aus Wien“ war ich im Sommer und Herbst viel unterwegs. Nach eineinhalb Jahren Stillstand endlich wieder durch die Gegend fahren und spielen! Meine Lieblingsbeschäftigung, anstrengend und schön. Im August hab ich in Wien außerdem mein neues Soloalbum aufgenommen, mit eigenen Songs, die in den letzten einzwei Jahren entstanden sind. Eine größere Produktion, an der viele tolle Leute beteiligt sind. Das Ding soll im Frühjahr 2022 erscheinen. Und bei der Band „Kahlenberg“ bin ich spontan als Gitarrist eingestiegen, das kam recht überraschend. Es gab und gibt also plötzlich viel zu tun.

Raphael Sas, Musiker

Konzerte wird es jetzt im Winter weniger geben, dafür starten bald die Proben für ein neues Nino-Album, das wir dann Anfang 2022 aufnehmen werden. Und der Release meines eigenen Albums will auch gut vorbereitet sein. Alle paar Tage hab ich außerdem Sprecherdienste bei Ö1, man kann mich dann als Sprecher buchen und ich hab von früh bis spät Studiotermine im Funkhaus. Hin und wieder moderiere ich dort auch Musiksendungen. Wenn zwischendurch mal nichts im Kalender steht, versuche ich, produktiv zu sein. Schreiben, Gitarrespielen, Singen, Nachdenken. Ich bin aber auch gern faul, häng nur so rum und bin froh, dass mal eine Ruhe ist von dem ganzen Zirkus.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ganz profan gesprochen: die Impfung. Außerdem: Solidarität. Und: das Betonen unserer weltanschaulichen Gemeinsamkeiten. Auch für zwei Menschen mit komplett unterschiedlichen Weltbildern gibt es immer irgendetwas, worauf sie sich einigen können. Wenn sie denn wollen und sich ein bisschen anstrengen. Einfach weil sie beide Menschen sind. Das ist der Punkt, an dem Empathie entsteht. Und von hier aus kann man weiterreden, streiten und den Konsens suchen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Kunst ist sehr wichtig, immer. Ohne Kunst wären wir arm dran. Sie muss sich unbedingt frei entfalten dürfen. Die Kunst kommentiert und komplettiert, spiegelt und reflektiert die stets dynamischen Prozesse des Umfelds, in dem sie stattfindet. Sie verdichtet Komplexes, schärft unseren Blick, verfeinert unsere Wahrnehmung, beseelt uns, eröffnet Perspektiven und nimmt Entwicklungen manchmal auch vorweg. Und sie ist ein Ventil, ohne dem das Leben unerträglich wäre. Vielleicht ist das eine naiv romantische Vorstellung, aber ich glaube durchaus, dass Kunst etwas bewegen kann, einfach weil sie Menschen bewegt. Sie ist so viel mehr als schmückendes Beiwerk unseres gesellschaftlichen Alltags, sie ist integraler Bestandteil unseres Menschseins. Nicht wegzudenken.

Was liest Du derzeit?

„Das Evangelium der Aale“ von Patrik Svensson. „Born to run“, die Autobiografie von Bruce Springsteen. „Einladung zur Anstrengung“ von Lukas Meschik.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Schreits nicht herum, schenkts alles her, scheißts euch nicht an.

Vielen Dank für das Interview lieber Raphael, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Raphael Sas, Musiker

Foto_Carina Antl

10.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Dass man nicht nur die Verantwortung für sich selbst, sondern auch oft für sein (fremdes) Gegenüber trägt. “ Julia Hoch, Schriftstellerin_Bochum 18.11.2021

Liebe Julia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wenn meine Kinder (11 und 9) morgens aus dem Haus sind, setze ich mich an den Schreibtisch und arbeite an meinem zweiten gegenwartsliterarischen Roman, am Literaturförderprojekt „Prosa:ist:innen“ (das ich zusammen mit Sabine Gelsing ins Leben gerufen habe), lektoriere fremde Texte, bereite Schreibkurse vor oder lerne für die FernUni Hagen (Studiengang: M. A. Neuere deutsche Literatur). Am Mittag bzw. frühen Nachmittag kümmere mich um Kinder, Hund und Haushalt, um ein paar Stunden später diesen Staffelstab an meinen Mann zu übergeben und bis zum Abend noch etwas weiterzuschreiben oder Online-Schreibkurse zu leiten. Oft ist auch am Wochenende noch einiges zu tun. Da mein Tag aber ohnehin von Literatur und Büchern durchzogen ist, ist das nicht tragisch. Ich bin eher dankbar dafür, dass ich so arbeiten darf.

Julia Hoch, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Sich darüber bewusst zu werden, dass man nicht nur die Verantwortung für sich selbst, sondern auch oft für sein (fremdes) Gegenüber trägt. Es gibt Dinge, die nur im Kollektiv funktionieren, und da muss man sich vielleicht auch mal einordnen. Wenn jeder dem anderen ein kleines bisschen mehr helfen und etwas mehr Wertschätzung gegenüber bringen würde, wäre die Welt um einiges schöner und das Leben für viele Menschen einfacher.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Literatur und Kunst im Allgemeinen sprechen Menschen auf speziellen emotionalen und intellektuellen Ebenen an, sie dringen in Bereiche vor, welche die Menschen bei sich vorher vielleicht noch gar nicht entdeckt hatten. Von daher halte ich Kunst für unglaublich wichtig, würde gerne jede Person darin bestärken, sich künstlerisch auszuleben (wenn gewünscht). Schade – eigentlich eher dramatisch ­– ist allerdings, dass Kunst gesellschaftlich gesehen unwichtig erscheint, besonders im letzten Jahr, als der Begriff der „Systemrelevanz“ in aller Munde war.

Was liest Du derzeit?

Ich lese grundsätzlich mehrere Bücher gleichzeitig, brauche immer unterschiedliche Impulse. Derzeit sind das: „Identitti“ von Mithu Sanyal, das Sachbuch „Frauenliteratur“ von Nicole Seifert, „Das Schloß“ von Franz Kafka, „Geister“ von Pia Lüddecke und „The Storyteller“ von Dave Grohl (auf Englisch).

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich würde euch gerne ein kleines Zitat aus meinem Roman „LebensWende – Die Schwestern Brüggemann bleiben am Ball“ mitgeben, da es sich auf vielerlei Situationen anwenden lässt:

„Geschichten kommen nicht voran, wenn sich niemand bewegt.“

Vielen Dank für das Interview liebe Julia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Julia Hoch, Schriftstellerin

https://www.juliahoch.de/

Foto_privat.

28.10.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wir müssen keine EinzelkämpferInnen sein, ich will KollegInnen unterstützen und auch feiern“ Miriam Veronika Fussenegger, Schauspielerin _ Wien 17.11.2021

Liebe Miriam, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Der variiert und ist manchmal  fremdbestimmt, durch Zeiten an Filmsets oder während Theaterproben inklusive Vorstellungen. Dann wieder schaff ich mir meine eigene Struktur, bin neugierig, was das Theater und Kino für mich als Zuseherin zu bieten hat, lese viel, lerne gerne, betreibe auch mal Stadtflucht. Das ist nun glücklicherweise wieder,- noch- ,möglich. Ich genieße das Unstete und Vielseitige.

Miriam Veronika Fussenegger, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Begegnung, wenn möglich urteilsfrei, reger und interessierter Austausch, kritisches Denken, Geduld, sich als Kollektiv finden und als solches auftreten, wir müssen keine EinzelkämpferInnen sein, ich will KollegInnen unterstützen und auch feiern

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Der Mensch reflektiert sich in der Kunst, verarbeitet was ihn beschäftigt und lässt dabei die ZuseherInnen teilhaben, ermöglicht ihnen eben diese Verarbeitung. Kunst stellt Infrage, klagt an, irritiert, erleichtert, entführt. Ich stelle mir eine Welt ohne all das so karg und trostlos vor, umso vieles ärmer. Für mich steht es nicht zur Debatte, dass Kunst ein essentieller Teil des Mensch Seins, -Werdens und vor allem Bleibens ist. Immer.

Was liest Du derzeit?

Ich habe die schlechte Angewohnheit immer mehrere Bücher auf einmal zu lesen. Im Moment betrifft das Sally Rooneys „Schöne Welt, wo bist du“, Michael Köhlmeiers „Shakespeare erzählt“ und Juli Zehs „Spieltrieb“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

 „Jeder ist verantwortlich für alle anderen.“ Fjodor Dostojewski

Vielen Dank für das Interview liebe Miriam Veronika, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Miriam Veronika Fussenegger, Schauspielerin

Foto_privat.

16.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Eine echte Poetisierung beginnt meiner bescheidenen persönlichen Meinung nach in der Seele des Einzelnen“ Tom de Toys, Multimedialer Lyriker_Düsseldorf-Eller Süd 17.11.2021

Lieber Tom, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe seit einer schweren Gesundheitskrise vor 10 Jahren einen Lebensgrundsatz: immer nur 1 Projekt pro Tag abarbeiten, damit sich meine obersten Prinzipien, (innere) RUHE & GEDULD (mit mir selbst) zu bewahren, in der Wochenbilanz zugunsten der Gesamtverfassung auswirken. Konkret sieht das dann so aus, daß ich bei den ersten beiden Instantkaffees am sonnigen Fensterplatz zunächst im obersten Buch vom gefährlich schwankenden Stapel wenigstens 1 Kapitel lese, in mehreren anderen Büchern kurz querlese, um eines davon für den nächsten Tag ganz nach oben umzuschichten, und dann erst das Handy einschalte, um alle socialmedia Nachrichten meiner zahlreichen Accounts auf Facebook, Twitter, Instagram und neuerdings TikTok zu überprüfen. Dadurch nehme ich noch neue Impulse ins erwachende Denken auf, um mich dann 1 künstlerischen Sache zu widmen, sei es ein Gedicht zu schreiben (ganz altmodisch mit Kugelschreiber auf Papier), ein Foto vom Vortag aufzubereiten (mit einer Editor App) oder mit einer Auftragsarbeit am PC weiter voran zu kommen, wie jüngst die Erstellung hochaufgelöster TIFF-Dateien für einen Produkthersteller, der meine Quantenlyrik und malerischen Motive (www.PostmoderneKunst.de) als Design benutzen will (mehr sei da noch nicht verraten, da sich die Kooperation erst in der Aufbauphase befindet).

Nachmittags bekomme ich dann endlich Hunger und mache einen langen Spaziergang durch die sogenannte „Grüne Achse“, dank derer man in Düsseldorf u.a. entlang der Düssel (ja, definitiv DER Fluss hier!) die Stadt ohne allzu viel Verkehrslärm durchqueren kann. Unterwegs esse ich (die erste Nahrungsaufnahme erledige ich aus verdauungstechnischen Gründen lieber im Gehen als im Sitzen) und reflektiere nochmal meditativ über die erledigten Arbeiten, setze mich zwischendurch auf Parkbänke, wenn mich noch spontane Inspirationen einholen, um Notizen zu machen, und recherchiere in Jobbörsen nach freien Stellen als Betreuungskraft in Seniorenheimen (www.Betreuungsalltag.de). Seit dem ersten Corona-Sommer bin ich wieder arbeitslos und finde trotz des Personalmangels in der Pflegebranche keine neue Stelle, verfolge die ganze Pflegedebatte stattdessen aktiv mit Kommentaren und eigenen Beiträgen.

Abends gönne ich mir oft eine heiße Wanne gegen die chronischen Schmerzen (in den 14 Berliner Jahren hatte ich diesen Wellness-Luxus nie!) und schaue danach gerne Scifis und Actionthriller im Bett bei einem Mikrowellen-Fertiggericht.

Tom de Toys, Multimedialer Lyriker

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich mag keine pauschalen Behauptungen über „alle“ Menschen, müsste mich auf die Meinungsmache von Massenmedien, Klischees und Vorurteile berufen, um über „alle“ zu sprechen, werde selber nicht gerne als statistische Nummer gehandelt, von daher: ich weiß weder, was für „alle“ wichtig sein könnte, geschweige denn „jetzt“.

Mein Vater warnte als Klimaforscher bereits in den 90ern vor der menschgemachten Luftverschmutzung, aber es dauerte 30 Jahre, bis sich Politiker dafür (scheinbar) interessierten – und das auch nur, um sich beim Wähler anzubiedern. 30 Jahre! Was soll da schon wichtig sein? Den Druck macht sich die junge Generation (zum Glück!), aber ich bin mit ü50 inzwischen ziemlich desillusioniert, andere von der Wichtigkeit von irgendwas überzeugen zu wollen.

Alles dauert ewig lange, bis sich was ändert. Die Menschheit verschleppt ihre Probleme, solange kein sichtbarer Notfall eintritt, der sie zum sofortigen Handeln zwingt. Besonders wichtig ist daher für MICH, einfach keinerlei große Erwartungen an andere Menschen zu haben, das Beste zu erhoffen, aber mit dem Schlimmsten zu rechnen. DANN ist die Enttäuschung am geringsten und die Überraschung am schönsten, wenn irgendein kleines Wunder geschieht.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich empfinde überhaupt keine Aufbruchsstimmung, sondern hatte bereits mit Anfang 20 als aufmüpfiger, leicht paranoider Politdichter der Socialbeat/Slampoetry-Bewegung das unheimliche Gefühl, einer kollektiven Matrix ausgeliefert zu sein, die sich subtil infrastrukturell durch die gesamte Gesellschaft zieht, ohne daß man als einzelner Privatmensch jemanden zur Verantwortung ziehen könnte, weil jeder nur auf seine eingeschränkten Pflichten besteht und Dich auf den freundlichen Sachbearbeiter nebenan verweist

Eine echte Poetisierung beginnt meiner bescheidenen persönlichen Meinung nach in der Seele des Einzelnen und hat wesentlich mehr mit dem zenbuddhistischen Ankommen im ichlosen, leeren Fluss der Gegenwart zu tun als mit architektonischen Fantastereien und industriellen Innovationen. Die werden immer erst im zweiten Schritt akzeptiert, wenn sich das kollektive seelische Befinden bereits geändert hat.

Was liest Du derzeit?

Also, Beckett und Huxley sind schon seit meiner Jugend verinnerlicht, die empfehle ich natürlich immer wieder jedem. Was aber nicht unbedingt für jeden ein Lesevergnügen sein dürfte, ist die Fachliteratur, wenn man nicht in der Branche selber tätig ist. Ich lese derzeit das brandneue Sachbuch einer Kollegin: „WIR! Manifest für eine menschliche Pflege“ von Brigitte Bührlen, um meinen beruflichen Horizont zu vertiefen. Angehörige von Pflegebedürftigen spielen ja in meinem Alltag als Betreuer eine große Rolle. Da spüre ich oft die Überforderung von Ehepartnern, Töchtern, Söhnen und Enkeln, aber eben auch deren Erleichterung, wenn wir ihnen vermitteln können, daß ihre Liebsten gut gepflegt und betreut werden…

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Eins meines Lieblingsautors, dem Religionsphilosophen Alan Watts: „Man ist nicht… ein bloßer Fremdling im Weltsystem, sondern gleichsam das Ende einer Nervenfaser, durch welches das Universum sich selbst betrachtet.“ (1972 in der Autobiografie ZEIT ZU LEBEN, mehr unter www.AlanWatts.de)

Vielen Dank für das Interview lieber Tom, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Tom de Toys, Multimedialer Lyriker

Foto_privat.

23.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Literatur und Kunst bieten Möglichkeiten, herkömmliche Denkstrukturen aufzubrechen“ Helwig Brunner, Schriftsteller_Graz 16.11.2021

Lieber Helwig, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Er ist wesentlich von meinem Brotberuf als Biologe (Geschäftsführer eines ökologischen Planungsbüros) bestimmt. Zeiten für die Literatur nutze ich flexibel, wenn sie sich auftun – dann wende ich mich entweder meiner herausgeberischen Tätigkeit für die Buchreihe keiper lyrik oder der Arbeit an eigenen Texten zu. Grundsätzlich kann ich mich immer hinsetzen und literarisch arbeiten, da bin ich nicht an bestimmte Tageszeiten oder Umstände gebunden.

Helwig Brunner, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das lässt sich wohl nicht so pauschal sagen, wie die Frage es nahezulegen scheint. Einige vorrangige Anforderungen sind offensichtlich: Ein wesentlich verstärktes Umweltbewusstsein in Anbetracht des Klimawandels und des fortschreitenden Verlusts der Biodiversität und das klare Bekenntnis zu freien, demokratischen Gesellschaftsformen angesichts illiberaler Entwicklungen z. B. in Ungarn, Polen und Afghanistan zählen sicher dazu. Darüber hinaus soll es aber im Sinne der gesellschaftlichen Diversität und der individuellen Selbstbestimmung jedem Menschen überlassen bleiben, seine Prioritäten selbst festzulegen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Notwendigkeit, Gesellschafts- und Lebensentwürfe neu zu denken, gab und gibt es zu jeder Zeit. Jüngste Umstände wie die Corona-Pandemie oder die wiederkehrende Evidenz politischen Machtmissbrauchs machen diese Notwendigkeit jetzt vielleicht besonders offensichtlich. Wesentlich dabei sind so altbacken erscheinende Werte wie Bescheidenheit und Redlichkeit im Denken und Tun anstelle von Hybris, Maßlosigkeit und Machtkalkül. Literatur und Kunst bieten Möglichkeiten, herkömmliche Denkstrukturen aufzubrechen und mit viel Empathie und Sorgfalt neue, alternative Strukturen zu formen – die grundlegendste und vielleicht wichtigste Form des Aufbruchs überhaupt.

Was liest Du derzeit?

Auf meinem Nachtkästchen liegt die „Poetik des Raums“ von Gaston Bachelard, außerdem die aktuelle Ausgabe der Literaturzeitschrift „manuskripte“.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Man sollte im Leben niemals die gleiche Dummheit zweimal machen, denn die Auswahl ist so groß.“ (Bertrand Russel)

Vielen Dank für das Interview lieber Helwig, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Helwig Brunner, Schriftsteller

https://helwigbrunner.jimdofree.com/

Foto_privat.

19.10.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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Ilse Aichinger.Schriftstellerin _speak low CD

Es ist der 100.Geburtstag einer Schriftstellerin über deren Werk Peter Handke sagt „Es gibt Andeutungen von Räumen, aber mit den Räumen wird eigentlich fast nur gespielt, so als ob es die Räume gar nicht gibt“. Und Räume sind es, die das Leben der österreichischen Schriftstellerin Ilse Aichinger (1921 – 2016) in allen dramatischsten Facetten des Seins und Verschwindens begleiten und zur poetischen Auseinandersetzung, Stellungnahme gleichsam zwingen, im Wissen nicht festhalten aber erzählen zu können, zu müssen.

Da ist der Raum, die Wohnung der Kindheit bei der Großmutter in Wien. Die Vertreibung und Zerstörung Ihres Lebens, der Tod, und die Trennung von der Schwester wie das Versteck in Wien. Räume, die voll Dunkelheit und voller zerbrechender Bilder sind, die zeitlebens wie Blitzlichter erscheinen und verschwinden. Einer Kinoleinwand gleich. Ihre Gedichte erzählen eindringlich davon. Eine Welt tut sich auf, dringt ein. Ein Rückblick, ein Erzählen und ein Weiterleben…

Die vorliegende Audio CD des speak low Verlages ist eine sehr gelungene Zusammenstellung von Gedichten, Texten von und über Ilse Aichinger, die teils von ihr selbst bzw von der Schauspielerin Corinna Kirchhoff gelesen werden. Ebenso sprechen Michael Krüger und Peter Handke über des Werk Aichingers.

Sehr gelungen ist auch das umfassende Begleitheft mit Lebensbeschreibung wie einem beeindruckenden Bilderbogen, der Lebensstationen in Ort wie Familie und Schriftstellerkolleginnen*en zeigt, Ingeborg Bachmann. Das sind ganz besondere Aufnahmen.

„Eine außergewöhnliche hommage in Wort und Bild, die in Poesie und Erschütterung begeistert!“

Walter Pobaschnig

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