„an diesem Sommer-Wochenende war ich plötzlich mittendrin im „Literaturbetrieb““ _ 50 Jahre Bachmannpreis _ Margrit Irgang, Schriftstellerin _ Freiburg im Breisgau 18.6.2026

50 Jahre Bachmannpreis _    

Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt

Im Interview _ Margrit Irgang, Schriftstellerin _ Freiburg im Breisgau

Bachmannpreisnominierte 1985

Liebe Margrit, Du hast am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan Deine erste Erinnerungen?

Ich hatte jahrelang still vor mich hingeschrieben und ein paar Bücher veröffentlicht, und an diesem Sommer-Wochenende war ich plötzlich mittendrin im „Literaturbetrieb“. Die Mitglieder der Jury, die Journalistinnen und Journalisten und die Verlagsleute kannten einander alle; es war eine Art Betriebsausflug der Branche. Für Selbstdarstellung war ich zu introvertiert und wusste, dass meine Arbeit überzeugen musste. Die aber war genauso leise wie ich.

Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?

Die Jury fällt Urteile, die aus Zeitgründen nie in die Tiefe gehen können, und die Autorin, der Autor, muss diese widerspruchslos hinnehmen, während etliche TV-Kameras jede Regung ihres Gesichts einfangen. Das ist natürlich aufregender anzuschauen als eine Autorenlesung mit Leselampe und Wasserglas auf dem Tischchen. Ich wünsche mir eine Literaturvermittlung ohne Show. Aber vielleicht kauft ja der Eine oder die Andere vor den Fernsehern das Buch dieser Autorin, jenes Autors oder geht mal zum Stöbern in die Buchhandlung um die Ecke.

Wie hast Du Deine Lesung, die Jurydiskussion und die Preisverleihung erlebt?

1985 gab es noch Kritiker-Päpste. Die beiden berühmtesten saßen bei meiner Lesung in der Jury: Marcel Reich-Ranicki und Joachim Kaiser. Ihre Fehden waren legendär, wobei der eine mit dem Schwert, der andere mit dem Florett focht. Mich hatte Reich-Ranicki eingeladen, aber damals wurden die Wettbewerbs-Texte erst kurz vor der Lesung an die Jury verteilt, und meine Geschichte gefiel ihm dann nicht, weil die Hauptfigur ein Kind war („Ich mag keine Kinder-Geschichten“). Es war aber keine „Kinder“-Geschichte, sondern eine Geschichte über genaue Wahrnehmung. Das wiederum erkannte Joachim Kaiser, der mich schließlich wacker durch alle Wahlgänge hindurch nominierte mit dem Urteil: „Die Autorin macht aus einem Schicksal eine Melodie“. Ich bekam keinen Preis, aber etwas viel Wertvolleres: Meine Arbeit war von einem intelligenten Kritiker verstanden und gewürdigt worden.

Wie hat sich Deine Teilnahme auf Deinen literarischen Stil wie auf Deine literarische Öffentlichkeit ausgewirkt?

Für mich hat sich danach alles geöffnet. Ich bekam den Münchner Literaturpreis, den Förderpreis der Bayerischen Staatsregierung und wurde in die Villa Massimo eingeladen. Nach einem Band mit Erzählungen erwartete mein Verlag einen Roman von mir mit dem in Deutschland üblichen Argument: „Erzählungen verkaufen sich nicht“. (Was stimmt.) Die lange Form liegt mir aber nicht. Ich hatte schon einige Jahre Zen praktiziert, und nachdem ich mein erstes Buch über Zen geschrieben hatte, wusste ich: Das Genre „literary non-fiction“ ist meins. Mein Sound hat sich natürlich nicht geändert. Ich mache immer noch aus Schicksalen Melodien.

Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?

Ich verfolge ihn nicht mehr und kann dazu nichts sagen.

Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?

Der Jury und dem Publikum möchte ich sagen: Vielleicht gefällt euch das nicht, was da vorgelesen wird, aber macht euch klar, dass vor euch ein Mensch sitzt, der jahrelang seine Kraft und sein Herz in diesen Text investiert hat. Kritik kann man auch respektvoll formulieren. Und den teilnehmenden Kolleginnen und Kollegen wünsche ich die Kraft und den Mut, auf ihrem eigenen künstlerischen Weg zu bleiben.

Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!

Margrit Irgang, Schriftstellerin

Zur Person: Margrit Irgang – Aktuell 18.6.26

Website der Autorin: Margrit Irgang – Bücher

Großes Publikumsinteresse an den Lesetagen indoors _ ORF Kärnten
…und outdoors im ORF Garten

Bachmannpreis

1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.

Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.

Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.

Wörthersee _ Strandbad Klagenfurt

Foto: Margrit Irgang _ privat

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Fotos: Bachmannpreis/Klagenfurt-Wörthersee_ Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig, 18.6.2026

https://literaturoutdoors.com

Hinterlasse einen Kommentar