„Und jeder Tagebucheintrag beginnt mit „schön ist…“.“ Hannelore Schmid, Schauspielerin_Wien 21.11.2021

Liebe Hannelore, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wenn ich aufstehe, wickle ich ein Essig getränktes Tuch um meinen  Knöchel. Ich lege das Bein auf den Tisch und lese eine Viertelstunde. Der Essig wirkt belebend, ich überlege, das Ritual auch nach Abheilen des Knöchels beizubehalten. 

Hannelore Schmid_Schauspielerin, Sprecherin und Theaterpädagogin

Während des Frühstücks gebe ich mich der Reizüberflutung von Podcasts, Nachrichten, Social Media, Literatursendungen, Zeitungsartikeln und Interviews hin. Dann muss ich dringend raus. Einmal um den Häuserblock, den Müll raustragen oder zum Supermarkt, um Gurgelat abzugeben und Lebensmittel zu besorgen.

Den Vormittag verbringe ich am Schreibtisch, entwickle Konzepte, organisiere und schreibe, nachmittags übe ich praktische Dinge oder halte Workshops und Lesungen. Abends nehme ich ein Heft unter den Arm, spaziere durch die Stadt, trinke Mineralwasser an der Bar und schreibe Tagebuch. Das Heft heißt: „Die guten Seiten“ und jeder Eintrag beginnt mit „schön ist…“. Erst dann darf ich anfangen mich zu beklagen. 

Hannelore Schmid_Schauspielerin, Sprecherin und Theaterpädagogin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig? 

Die Krise war ein Verstärker unserer Gefühle, in Zeiten der Isolation konnten sie viel Raum einnehmen. Ob sie beschleunigend oder bremsend wirkte, ob sie Neues oder bloß Offensichtliches zutage förderte  – wir werden weiterhin mit unseren eigenen Ängsten, Zwängen und Wünschen beschäftigt sein und die Verantwortung dafür tragen wir allein.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu? 

Ich bin am Zuhören und Herausfinden. Die interaktive Form meiner Arbeit und die spezielle Zielgruppe eröffnet diese Möglichkeit. Ich nehme einen Hunger nach Kunst wahr, eine Sehnsucht nach Teilhabe und Ausdruck. 

Was ich selbst zu sagen habe, lässt sich für mich nicht mehr am Schreibtisch entwerfen, nicht aus Büchern, nicht aus früheren Erfahrungen. Was soll ich den Kindern heute über ihre Rechte erzählen, wenn ich mein Theaterprojekt zu den Kinderrechten nach eineinhalb Jahren, in denen sie von massiven Einschränkungen betroffen waren, wiederaufnehme? 

Ich denke, ich werde ihnen Raum geben, selbst zu erzählen.

Was liest Du derzeit?

„Rock Springs“ von Richard Ford

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben? 

„Wir werden unsere Literatur erschaffen, nicht indem wir pausenlos darüber reden, sondern indem wir in stolzer Einsamkeit Bücher schreiben, die die Wucht eines Kinnhakens haben.“

Roberto Arlt 

Hannelore Schmid_Schauspielerin, Sprecherin und Theaterpädagogin

Vielen Dank für das Interview liebe Hannelore, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Hannelore Schmid_Schauspielerin

https://www.winnie-wespa.com/

Alle Fotos: Walter Pobaschnig 11_21

18.10.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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