„Es ist der Narzissmus, den wir überwinden müssen“ Thomas Bischof, Regisseur und Dramaturg _ Wien 22.11.2021

Lieber Thomas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nachdem mich der Wecker aus den Träumen reißt, wird Körper und Geist mit einem wohltuenden Kaffee auf Betriebstemperatur gebracht. Mein Tagesablauf wechselt dann zwischen Filmproduktion, Theaterproben und im Moment dem Drehbuchschreiben. Es ist immer wieder eine Herausforderung, „Geldverdienen“ und „Herzensprojekte“ unter einen Hut zu bringen. Manchmal funktioniert es ganz gut und manchmal natürlich weniger. Da kann es schon mal vorkommen, dass einem die Gedanken Nachts nochmal zum Schreibtisch führen, um die ein oder andere Idee niederzuschreiben.

Thomas Bischof, Regisseur und Dramaturg

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Es ist der Narzissmus, den wir überwinden müssen, also der Glaube, dass nur unsere kleine geschaffene Welt (Blase) existiert, während die Aussenwelt keine Realität besitzt. Wir müssen aufhören zu glauben, dass nur das zählt, was uns selbst zum Nutzen oder gefährlich ist. Daraus entsteht bloß der Austausch von gereizter Empörung, einer schreit und alle rennen mit, solange bis der nächste Aufschrei folgt. Wir sind uns wohl alle einig, dass ein konstruktiver Diskurs, der zu einer Veränderung führen könnte, so nicht möglich ist. Wir sollten stattdessen die Vernunft wieder lauter werden lassen, also die Fähigkeit objektiv zu denken. Um Menschen und Objekte so zu sehen wie sie wirklich sind und von dem Bild zu trennen, dass durch die eigenen Wünsche und Ängste zustande kommt. Es ist ein allumfassender Stillstand aus dem wir erwachen müssen und Rückwärts ist keine Richtung.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Film/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Die Kunst hatte schon immer eine immense Bedeutung für die Entwicklung einer Gesellschaft aber auch eines jeden Einzelnen. Und diese Bedeutung wird in den nächsten Jahren weiterhin steigen, da die gesellschaftlichen Bedingungen und Erwartungen uns immer mehr zu erdrücken drohen, die politische Lage zum Haare raufen ist und das Miteinander nur noch von Empörungen geprägt wird. Doch was gibt uns die Kunst bzw. wie hilft sie uns? Sie ist ein Rückzugsort den wir alle manchmal nötig haben, eine Hilfe um aus dem Alltag auszubrechen. Sie verbindet uns, inspiriert uns, sie kann uns Augen und Ohren öffnen und unseren Geist anregen, um über das Bewusste hinauszugehen, zu erkennen und zu reflektieren. Sie übersteigt das alltägliche Geschehen unserer Wahrnehmung, spiegelt gesellschaftliche Debatten wider und bietet Reibungsflächen zur Auseinandersetzung mit unserer Wirklichkeit. Sie ist immer ein Ausdruck des menschlichen Daseins, ein Anstoss um persönlich und gesellschaftlich zu wachsen. Ein zusammen wachsen bzw. ein Zusammenwachsen, welches wir als Gesellschaft bitter notwendig haben.

Was liest Du derzeit?

Im Moment lese ich wechselhaft „Die Logik der Bilder von Wim Wenders“ und „Minima Moralia von Theodor W. Adorno“, ein Buch mit Aphorismen und kurze Essays über die Bedingungen des Menschseins, in dem man wild blättern kann und immer wieder neue kritische Weisheiten und Denkanstöße findet.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Nur weil alle anderen reden, heißt es nicht sie haben recht.

Thomas Bischof, Regisseur und Dramaturg

Vielen Dank für das Interview lieber Thomas, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspiel-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Thomas Bischof, Regisseur und Dramaturg

https://tbischof.myportfolio.com/

Fotos_privat.

2.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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