„Liebe kann ein Selbstbild stärken oder schwächen“ Dagmar Strobl, Model _ Romanjubiläum Malina _ Wien 20.11.2021

Dagmar Strobl, Model _
Romanschauplatz Malina _ Wien

Liebe Dagmar, vielen Dank für Dein Kommen hier in das „Ungargassenland“ dem Romanschauplatz „Malina“ in Wien 1030 und Deine Teilnahme am szenischen Foto/Interviewprojekt zum 50jährigen Romanjubiläum.

Was bedeuten Dir Orte?

Orte bedeuten mir sehr viel, weil man immer sehr viel davon in sich aufnimmt.

Orte sind immer mit Erinnerungen verbinden.

Wenn man sich gerne an etwas zurückerinnert, ist es wunderschön, wenn man zurückkommt. Dieses Zurückkommen-Dürfen bedeutet mir sehr viel.

Wie gehst Du auf Orte zu, die Dir vertraut sind und wie brichst Du da wieder auf, verabschiedest Dich? Gibt es da bestimmte Rituale?

Eine Rückkehr ist immer mit Freude und Erwartungen begleitet. Da kann es dann auch Enttäuschungen geben, wenn es nicht mehr so ist wie erwartet. Extreme Enttäuschungen habe ich da aber noch nicht erlebt.

Was schätzt Du an einem Ort und was lässt Dich zurückkehren?

Das ist sehr individuell auf den Ort bezogen. Es sind etwa Kindheitserinnerungen. Bei mir ist das etwa die Rückkehr in die Steiermark, das ist für mich mit sehr vielen Kindheitserinnerungen verbunden.

Dann gibt es Urlaubsorte, die mit schönen Erinnerungen verbunden sind. Auch da ist sehr individuell

Der Roman Malina spielt in Wien, wurde aber am Lebensort Ingeborg Bachmanns in Rom geschrieben. Auch Du schätzt Italien?

Ich schätzte Italien sehr. Ich denke, es gibt für jeden Menschen so eine Art Nachhause-Kommen, das ist für mich Italien. Ich fühle mich da einfach wohl.

Ob ich in einer Stadt wie Verona bin oder einem Dorf in der Toskana, wenn ich da durchgehe, das ist für mich was Besonderes. 

Ich finde das in Italien, was jemand anderes vielleicht ganz wo anders findet.

Welche ersten Eindrücke nimmst Du jetzt vom Romanschauplatz Malina hier auf?

Das Haus des Ivan, auch dieser Innenhof, ist wunderschön. Es hat für mich was Beruhigendes. Du kommst aus dem Leben, Lärm einer Stadt in den Hof und glaubst, Du bist an einem vollkommen anderen Ort.

Der Schauplatz hat aber auch etwas Bedrückendes, wenn man an diese unerfüllte Liebe im Roman denkt.

Ist für Dich der Roman gleichsam auch im Haus, Hof, Garten zu spüren?

Beim ersten Eintreten vielleicht nicht, aber je länger man da ist und etwa die Treppe emporgeht, desto bedrückender wird es, desto mehr kann man sich reinversetzen.

Wie siehst Du die Romankonstallation der Protagonisten*in?

Es ist schwierig zu sagen, weil den Roman nicht im Detail kenne. Was ich jetzt in der Beschäftigung, Vorbereitung auf dieses Projekt rausgelesen habe, ist, dass die Ich-Erzählerin und Malina ja eine Person sind. Was es mit Ivan auf sich hat, ist schwierig zu sagen, weil ich den Roman nicht gelesen habe.

Malina als männliches Spiegelbild einer Frau im Roman – wie siehst Du, 50 Jahre nach der Romanentstehung, die Reflexion, Erlangung eines Selbstbildes als Frau heute?

Ich weiß nicht, ob dieses Spiegelbild jede*r heute für jede*n wichtig ist. Viele Menschen sind, glaube ich, heute so von sich überzeugt, dass sie sich gar nicht in Frage stellen bzw. überdenken.

Menschen, die eine Unsicherheit spüren, beginnen über sich nachzudenken. Sie nehmen dabei Eindrücke von innen wie von außen auf, um ein Bild von sich selbst zu bekommen.

Inwieweit ist Liebe ein Gewinn bzw. Verlust für das Selbstbild? Im Roman ist dies ja sehr ambivalent.

Ich würde sagen, dass die Ich-Erzählerin in der Liebe nichts gewinnt für sich, sondern, dass es eher viel wegnimmt von ihr. Das ist eher der Fall.

Wenn Menschen in der Liebe etwas suchen von/in sich selbst und dabei sich selbst verlieren, ist es ganz fatal.

Liebe kann ein Selbstbild stärken oder schwächen, dies kann in beide Richtungen gehen.

Wenn ein Mensch nicht in sich ruht und nicht mit sich im Reinen ist, dann sind Affären etwas ganz Fatales.

Eine Affäre hat nicht immer mit Liebe zu tun. Da spielen viele andere Dinge mit.

Eine Affäre ist etwas Oberflächliches.

Wenn ein Mensch nichts Oberflächliches in einer Affäre sondern Liebe sucht, kann das sehr fatal sein.

Wie könnte sie aus der Situation der Affäre wieder herauskommen?

Das ist schwierig. Ich könnte mir das nur vorstellen, in dem ein anderer Mensch kommt, der ihr Halt gibt, dem sie ihre Gefühle schenken kann.

Wenn man einmal enttäuscht ist, enttäuscht wurde, ist es sehr schwierig, sich wieder zu hinzugeben, so zu vertrauen.

Es ist im Roman eine Affäre, Liebe mit Ivan auf den ersten Blick, die vor dem Blumengeschäft hier um die Ecke ihren Anfang nimmt. Gibt es Liebe, eine Anziehung auf den ersten Blick?

Anziehung auf jeden Fall, Affäre wahrscheinlich auch, aber ich glaube Liebe nicht. Ich weiß es nicht, aber ich glaube es nicht (lacht).

Für mich ist Liebe etwas, dass nicht vom ersten Augenblick an funktioniert.

Liebe muss wachsen.

Liebe ist nicht von Anfang an da. Verliebtheit, ja.

Was lässt Liebe wachsen, blühen?

Man sagt zwar immer, Gegensätze ziehen sich an, aber das glaube ich nicht. Es muss sehr viel Gemeinsamkeit da sein.

Natürlich Vertrauen.

Selbstaufgabe klingt jetzt blöd, aber die Bereitschaft Kompromisse einzugehen, finde ich ganz, ganz wichtig.

Wenn man keine Kompromisse eingeht, wird Liebe nicht funktionieren.

Nicht so schnell aufgeben. Nicht beim geringsten Widerstand, kleinstem Hindernis in der Liebe sagen, geht nicht mehr.

Immer wieder aufeinander zugehen, füreinander kämpfen in der Liebe.

Was lässt sie an der Affäre mit Ivan, dieser Hochschaubahn der Emotionen, festhalten?

Vielleicht das Nicht-Eingestehen einer Niederlage? Nicht das Zugestehen, man ist daran gescheitert?

Wie hat sich das Männerbild als Liebhaber und grundsätzlich in 50 Jahren verändert?

Da gibt es extreme Veränderungen (lacht). Dieses klassische Mann-Frau Bild der 1950er gibt es heutzutage nicht mehr. Wir sind am Weg zu einer Gleichberechtigung.

Ich finde heutzutage sind Männer sehr, sehr unsicher was ihre Rolle betrifft.

Ein Mann soll ein Mann bleiben.

Ich möchte einen starken Mann an meiner Seite, der weiß, was er will.

Worin besteht die Unsicherheit des Mannes und was fehlt ihm?

Weil er oft nicht mehr weiß, wie er sich Frauen gegenüber verhalten soll, zu verhalten hat.

Männer kommen mit der gesellschaftlichen Diskrepanz ihrer Rolle nicht zurecht. Sie sind da zerrissen.

Gibt es den Ivan Liebhaber Typos heute nicht mehr aufgrund dieser innerlichen Zerrissenheit?

Vielleicht, das kann durchaus sein. Vielleicht gibt es jetzt bei den Frauen mehr Ivans (lacht). Vielleicht übernehmen viele Frauen jetzt die Rolle und „brechen aus“ (lacht).

Ein Kapitel im Roman ist mit „Der dritte Mann“ überschreiben. Da geht es wesentlich um die Auseinandersetzung mit dem Vaterbild. Wie wichtig ist dies in der Gegenwart?

Das kommt heute auf die Rolle des Vaters in der Familie an, welche Rolle er von Anfang an spielt. Das hat sich über die Jahre sehr verändert. Früher war der Vater das Familienoberhaupt und was er sagte, galt.

Das Verhältnis zum Vater ist sehr individuell geworden, auch der Kontakt.

Für mich waren der Vater, Großvater immer extreme Respektpersonen.

Ich hatte vor meinem Vater mehr Respekt als vor meiner Mutter. Respekt nicht im Sinne von Angst. Es war immer eine liebevolle Beziehung zum Vater wie zum Großvater, aber trotzdem mit sehr viel Respekt verbunden.

Ich habe das Gefühl, dass der Respekt, ob zum Vater oder zur Mutter, heute oft fehlt, dass der Umgang sehr respektlos ist. Respekt nicht im Sinne eines angstbehafteten Verhältnisses, sondern im Wissen eines Umganges miteinander.

Hast Du Vater und Großvater persönlich als stärkende Persönlichkeitspole erlebt?

Ja, auf alle Fälle. Es war für mich schon als Kind wichtig und die Erinnerung daran ist es heute noch.

Rituale spielen zwischen der Ich-Erzählerin und Ivan eine große Rolle. Wie wichtig sind Rituale in der Liebe?

Rituale sind allgemein wichtig, weil sie eine Art Sicherheit geben in ihrer Wiederkehr – „das kommt wieder, wird immer so sein“ – das ist beruhigend.

Im Roman wird eine Zukunftsvision der Liebe angesprochen – „Ein Tag wird kommen“. Welche Vision hast Du für die Liebe?

Eine Vision habe ich da nicht. Das ist allgemein schwer zu sagen. Für mich habe ich es gefunden und ich wünsche, dass es so bleibt wie es ist.

Liest Du gerne?

Ja, ich lese gerne. Ich habe früher gerne Klassiker und auch Hermann Hesse gelesen. Derzeit lese ich gerne Krimis. Das ist für mich entspannend. Ich sehe wenig fern und beim Lesen schlafe auch gerne ein (lacht).

Ich lese auch gerne Bücher von Orten, an welche ich hinreise.

Meist lese ich europäische Autor*innen.

Hast Du eine bestimmte Buchhandlung, die Du schätzt?

Mittlerweile lese ich fast nur mehr am kindle. Ich lese meist im Bett und wenn ich dann einschlafe, brauche ich kein Licht mehr auszuschalten (lacht). Es sind auch schon genug Bücher im Haus (lacht).

Es ist sehr angenehm ein Buch in der Hand zu haben, aber ich bin über die Erfindung des e-books doch sehr froh, weil ich auch viel und relativ zügig lese.

Aber ich kann mich an Zeiten erinnern, wenn ich in eine Buchhandlung gegangen bin, das war furchtbar (lacht), weil so viele Bücher mich angesprochen haben und ich nicht widerstehen konnte.

Du bist in Wien geboren, lebst in Wien, was schätzt Du in/an unserer Stadt?

Es ist wunderschön, dass es in Wien so viel Natur gibt, in den Randlagen wie auch innerstädtisch. Das Flair der Stadt in Architektur und Geschichte ist unübertroffen.

Ich finde auch die Wiener*innen, die Lebensart der Stadt charmant. Man fühlt sich wohl, wenn man durch die Stadt geht. Ich fühle mich sehr sicher hier. Für mich ist Wien einfach Heimat und ich möchte nicht wo anders leben.

Was schätzt Du an der Wiener Mentalität?

„Schau mal mol, dann moch ma mol“ (lacht). Und dieses Grantige und eigentlich „is eh net so“. Wenn einer schimpft, dann ist in Wien immer auch ein Lachen dabei.

Darf ich Dich zum Schluss des Interviews zu einem Malina Achrostikon bitten?

M ama

A ttraktivität

L iebe

I ntrovertiert

N atur

A nders

Dagmar Strobl, Model _
Romanschauplatz Malina _ Wien

Herzlichen Dank, liebe Dagmar ich wünsche Dir viel Glück, Freude und Erfolg auf allen beruflichen und privaten Wegen!

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Dagmar Strobl, Model

Station bei Ingeborg Bachmann_Malina.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_10_2021.

https://literaturoutdoors.com

Walter Pobaschnig 10_21

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