„Mein Ziel ist es, die Ausdrucksformen von Poesie zu erweitern“ Jörg Piringer, Bachmannpreisteilnehmer _Station bei Bachmann _ Wien_11.6.2020

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Ich habe Ingeborg Bachmann natürlich gelesen. Als Schriftsteller deutschsprachiger Literatur gibt es da keinen Weg umhin. Unmittelbare Bezüge in meinen Projekten gibt es nicht.

Meine Gemeinsamkeit mit Ingeborg Bachmann? Ich bin jetzt so alt wie sie als sie starb.

 

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Künstlerisch gesehen, haben Orte natürlich auch ganz wesentliche Kontexte. Bei mir ist es nicht so sehr der persönliche topographische Ausgangspunkt sondern vor allem die Bedeutung für die Präsentation von Kunst. Der soziale Bezug ist dabei ganz wichtig für meine Projekte und ich gehe bewusst darauf ein – in Performance, Dialog. 

Es ist sehr reizvoll verschiedene Präsentationsformen unter unterschiedlichen Voraussetzungen des örtlichen Rahmens auszuprobieren.

 

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Ich schätze die Bühne als Ort von Kunst sehr. Das ist für mich die offenste Art zu agieren. Auf einer Bühne kann alles passieren. Das fehlt mir sehr. Als Künstler wie als Zuschauer.

 Für Juli sind drei Projekte geplant – in Wien, Berlin und am Attersee. Das sind mal Ausblicke. 

 

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Als Jugendlicher begann ich erste (schlechte) Gedichte zu schreiben und bekam auch den ersten eigenen PC. Davor benützte ich auch schon den meines älteren Bruders. Die Programmiersprachen waren zuerst Basic dann Pascal.

Als Verlegenheit begann ich ein Informatikstudium. Dann verband ich Poesie und Informatik. Das wwweb machte es dann leichter Projekte öffentlich zu machen. Das war ja vorher nicht so möglich.

 

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Die Musikvideos der 80/90er Jahre waren für mich nicht so von Interesse. Das habe ich nicht konsumiert. Ich habe überhaupt wenig ferngesehen. MTV war auch nicht in Reichweite. Dieses klassische Spielfilmnarrativ im clip war künstlerisch auch nicht spannend. 

Die experimentelle Elektronikszene in Wien Anfang/Mitte der 1990er Jahre war für mich  inspirierend und impulsgebend. Es gab da viele Videokünstlerinnen, die abstrakte elektronische Musik machten.

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Wie kann ich eine zeitgenössische Form finden, um die Zeit zu reflektieren. Das ist mein Ausgangspunkt. 

Die Form ist für die poetische Aussage sehr wichtig, die gegenwärtige Form der Kommunikation ist auch für meine Kunst von großem Interesse. Damit experimentiere ich.

 

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Experimentieren, spielen, reflektieren. Das macht meine Poesie, meine Performance aus.

Mich interessiert Form und Inhalt im Wechselspiel zu halten.

Meine Kunst ist auch eine Form von Grundlagenforschung.

 

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Meine Notizen mache ich fast ausschließlich digital. Außer in der Badewanne, da ist es das Notizbuch – aus Sicherheitsgründen. Für den Text und für mich. 

 

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Das Digitale gibt mir im künstlerischen Prozess eine Freiheit, die ich am Papier nicht habe. Das Papier hemmt mich da.

Beim Sichern meiner digitalen Texte bin ich sehr aufmerksam und vorsichtig. Ich habe eine backup Festplatte, die ich alle paar Tage an den Computer anhänge. Wenn die backup Festplatte voll ist, gebe ich diese zur Sicherheit in einen anderen Raum. Auch das Drucken ist eine Sicherheit, die ich verwende. Dann habe ich noch ein Versionsspeichersystem, das die verschiedenen Textveränderungen im Schreibprozess aufzeichnet. Dies ist auch praktisch im künstlerischen Prozess, um etwa Versionen auszukoppeln und wieder zu verbinden, also zu variieren. Dafür hat sich auch schon ein Literaturwissenschaftler interessiert. Dieser ist übrigens Literaturwissenschaftler und digitaler Forensiker.

 

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In meinen Texten arbeite ich stark mit Montage. Ich finde es spannend mit Textstücken weiterzuarbeiten. Etwa von einem Medium zum anderen. Vom reinen Text hin zu einem Video oder zu einem Hörspiel. Damit ergibt sich eine veränderte Wirkung, das ist sehr interessant. Und jetzt gehe ich diesen Weg weiter und weiter.

Die Wiener Gruppe, Mayröcker, Gerstl, Jandl – das waren/sind große Inspirationen. Die Verbindung von Experiment, freiem Spiel, Humor, Nonsens – das ist faszinierend.

 

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Im künstlerischen Prozess ergänzt und inspiriert sich Technik und Idee, Konzept sehr gut. Es ist ein spannender Dialog.

Ausgangspunkte meiner Projekte sind oft Sätze, die ich höre oder Klänge. Es kann dabei eine Spielerei sein, aus der sich etwas entwickelt ober bewusst Relevantes – Ärger, Wunsch, Lebensgefühl, Weltsicht. 

 

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Ich sehe mich als Künstler, der mit technischen Mitteln arbeitet. Ich bin ein Performer.

Im Verbinden von Kunst und Technik bin ich Dramatiker und Regisseur. Es sind meine Handlungsanweisungen an Mensch und Maschine. Es ist eine künstlerische Arbeit.

Ich versuche in meiner Kunst stückweise herauszufinden wie sich die Jetztzeit anfühlt. Da gibt es keine definitiven Antworten.

 

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 Mein Ziel ist es, die Ausdrucksformen von Poesie zu erweitern.

 

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Gerade in einer Zeit der Unsicherheit, vielleicht des Wandels, braucht eine Gesellschaft Zeit zur Reflexion. Kunst bietet da Möglichkeiten, die unerlässlich sind.

Kunst hat gesellschaftlich die Freiheit extrem optimistisch wie extrem pessimistisch zu sein. Das passt alles hinein.

 Kunst muss nicht evidenzbasiert arbeiten wie die Wissenschaft. Das ist ein großer wichtiger Wert.

 

sdr

 

Gesellschaftlich erleben wir derzeit (oder zu allen Zeiten?) einen Kampf um Wahrheit – alternative Wahrheit, fake…Ich finde das fürchterlich.

Gesellschaftlicher Dialog und Verantwortung sind in allen Fragen sehr wichtig. Global denken und global handeln. Dazu gibt es keine Alternativen.

 

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Die Gesellschaft braucht Kunst. Und die Kunst braucht Freiheit und Existenz – also Existieren-Können.

Ich wünsche mir für alle KünstlerInnen wesentliche Unterstützung für Ihre Projekte – wie jetzt etwa vermehrte Stipendien –  nicht nur in der Corona-Krise. 

 

sdr

 

 

 

Herr Pell, Besitzer der Pizzeria „Grado“ in unmittelbarer Nachbarschaft zum Wohnhaus von Ingeborg Bachmann,  überreicht Bachmannpreisteilnehmer Jörg Piringer einen Gutschein für ein Abendessen wie eine Flasche Sekt.

 

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Vielen Dank für das Interview bei Bachmann lieber Jörg und viel Freude und Erfolg für den Bachmannpreis!

Jörg Piringer, Schriftsteller – digital sound visual interactive poetry etc.

Bachmannpreisteilnehmer 2020

https://joerg.piringer.net/

 

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Herzlichen Dank an die Pizzeria Grado, Beatrixgasse 24, 1030 Wien für das so freundliche Geschenk für den Wiener Bachmannpreisteilnehmer!

Home

 

Station bei Bachmann _ Wohnhaus der Schriftstellerin_ Ingeborg Bachmann_Wien _ 10.6.2020

Interview und alle Fotos _ Walter Pobaschnig

 

 

 

„Vielleicht wird längst Überfälliges nun fällig?“ Gudrun Fritsch, Schriftstellerin_Graz 11.6.2020

Liebe Gudrun, wie sieht jetzt dein Tagesablauf aus?

(Eine Antwort will sich nur poesie-verbrämt finden)

 

Muss nichts mehr liefern, darf schon oft ich möchte sagen

ein Glücksfall in diesen Zeiten und

wohl ein Privileg, das unverdient mir zuteil

diesfalls der Gnade früher Geburt geschuldet

da ist schon manches gebaut,

das Fundament, das hält schon was aus

die Zeit, das eigene Leben

schon eine Wunde aus dunkel geronnenem Blut

das ist nicht schlimm

denn spürbar bereits wird dieses Weniger mehr

und man selbst eher frei

was nur passiert, wenn man nicht wartet

sondern geschehen lässt, was geschieht;

bin befreundet mit mir, lade mich ein zu lautlosem Dialog

muss nicht mehr glänzen

darf ungestraft das Eine und Andre schwänzen

die äußere Welt fehlt mir nicht so

weil ich in der inneren längst schon lieber zuhause bin;

und in meiner eigenen stillgelegten Zeit

will ich ein Lichtfänger sein.

 

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Eine kurze Auswahl, appellativ:

Seid auf der Hut vor den selbstgewissen Verkündern, den vielen manischen Profilierungsneurotikern!

Und behütet sorgsam eure Überlebensration Kant: Sapere aude! – Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!

UND hofft mit erhabener Gelassenheit, heiter und sprühend, auf einen gütigen Sommer.

 

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen.

Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Zweifellos, ja! Krise heißt auch Zuspitzung auf eine Entscheidung hin; es erfolgt die Aufsplittung des Daseins in gegensätzliche Möglichkeiten. Vielleicht wird längst Überfälliges nun fällig?

Leben heißt Lernen; da der Mensch ein höchst adaptives Wesen ist, kann auch das gegenwärtige Drama einer- wohl temporären- Niederlage oder zumindest eines partiellen Scheiterns, sei es im naturwissenschaftlich-medizinischen oder ökonomischen Segment, eine Quelle für Inspiration und zum Nährboden lebensverändernder Phantasie werden.

Literatur ist wirkmächtig. Sie kann uns Leben lehren, das Lesen unvergleichlich dichte Stellvertretererfahrungen ermöglichen; Literatur und Dichtung: Sie bieten ideale Möglichkeiten, die conditio humana in höchster Vielgestaltigkeit und größter Tiefe zu begreifen.

Für Viktor Frankl, den Erfahrenen, den Belesenen, den Gebrandmarkten, den dennoch unermüdlich Zuversichtlichen, den Logotherapeuten schlechthin, ist das Buch sowohl Therapeutikum als auch Prophylaktikum. Er rät zum rechten Buch zur rechten Zeit.

Mein Wunsch an die Literatur, die fremde und die eigene: Sie kann, sie möge Identifikation, Erkennen evozieren, innerer Beistand sein und – auch das – sinnstiftend, lebenshelfend Zuflucht bieten.

Allen Endzeitphantasien zum Trotz, lassen wir uns von Kunst, von Literatur – auch – lustvoll imprägnieren mit Zukunfts-Zuversicht.

Das Buch – Eingang zur Welt (Stefan Zweig) – vielleicht brauchen wir es mehr denn je – gerade jetzt!

 

 

 

Was liest du derzeit?

Stefan Zweigs Der Kampf mit dem Dämon – so ein schrankenloser wilder Inwohner kann das Leben zur Hölle machen und dann sich ein Meisterwerk gebären.

Und immer wieder verliere in mich von Neuem im Buch der Unruhe (F. Pessoa).

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest du uns mitgeben?

Bang und sinnlos sind die Zeiten, wenn hinter ihren Eitelkeiten nicht etwas waltet, welches ruht. (R. M. Rilke)

und sofern es nicht unstatthaft ist, sich selbst zu zitieren:

Nichts ist vergebens und keine Hoffnung umsonst. (G. Fritsch, Nachtsalz)

 

Vielen Dank für das Interview liebe Gudrun, viel Freude und Erfolg für Deinen großartigen aktuellen Roman –  „Nachtsalz“, Leykam Verlag – und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Gudrun Fritsch, Schriftstellerin, 

https://gudrunfritsch.at/blog/

 

Gudrun Fritsch: „Nachtsalz“ Roman, Leykam Verlag 2018

Nachtsalz

 

 

27.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

 

„Wir sollten nicht vergessen, dass man gewisse Dinge ändern kann “ Vera von Gunten, Schauspielerin_Wien 10.6.2020

Liebe Vera, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Zur Zeit erlebe ich einen geregelteren Alltag, als wenn ich am Theater arbeite und das genieße ich sehr. Mein Mann und ich frühstücken sogar jeden Tag gemeinsam – was im Theateralltag für uns nicht so regelmäßig möglich ist. Also gewisse Dinge, die für andere Normalität bedeuten, sind für mich gerade möglich und ich erlebe sie als etwas Besonderes. Die Tage verfliegen schnell, mit kleineren und größeren Projekten, die Abende gehören Filmen, die seit einer Ewigkeit in Form von DVDs im Regal standen und jetzt endlich aus der Plastikfolie ausgepackt werden. Ab kommender Woche gehen aber auch endlich die Proben wieder los…

 

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

So allgemein? Das weiß ich nicht. Diese Situation stellt uns alle vor solch unterschiedliche Herausforderungen, was die Arbeit betrifft, das Einkommen, die Wohnsituation, unser Alter und auch die Lebensumstände. Was ich mir wünsche: dass wir diesen Einschnitt nutzen, um nachhaltiger und sozialer in die Zukunft zu gehen. Mehr Sorge tragen zu unseren Mitmenschen und der Welt. Ich fand es sehr bemerkenswert, wie dieses allgemeine Alltags-Rauschen – so würde ich es beschreiben – sich plötzlich in nichts aufgelöst hat. Und auch, wenn die Rückkehr der Delfine in Venedig eine Medien-Ente war… Wie gut wäre es, wenn dieses langsame Hochfahren dafür genutzt werden würde, nachhaltige Entscheidungen zu treffen und Verbesserungen zu bewirken.

Wir sollten nicht vergessen, dass man gewisse Dinge ändern kann und man nicht so weiter machen muss, wie zuvor.

 

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Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater und der Kunst an sich zu?

Theater und vielleicht Kunst im Allgemeinen hat für mich unter anderem die Aufgabe, die Phantasie und Vorstellungskraft der Menschen immer aufs Neue zu wecken nicht verkümmern zu lassen. Die Phantasie, Alternativen zu denken. Im Hinblick auf Politik und Gesellschaft, aber auch was Offenheit für ungewohnte Ästhetiken und Sehgewohnheiten betrifft. Theater schafft Inspiration, Ideen und hält wach. Theater inspiriert und provoziert. Im besten Fall bewirkt das etwas bei den Zuschauenden.

Ein weiterer Punkt: Wesentlich ist, dass wir uns endlich wieder direkt begegnen können. Uns irgendwann wieder die Hände schütteln, Küsse auf die Wangen drücken oder uns umarmen. Vielleicht habe ich in der letzten Zeit zu viel Yoga gemacht, aber ich denke, dass das Theater wie eine große Umarmung sein kann. Oder wie das Öffnen einer großen Tür zu einem Raum, in dem alle willkommen sind und in dem man gemeinsam, physisch anwesend einer Geschichte, einem Thema oder einer Idee ein paar gemeinsame Stunden schenkt. Das Physische und Unmittelbare von Theater werden wir alle wieder sehr genießen, da bin ich sicher. Auf der Bühne wie im Zuschauerraum.

 

 

Was liest Du derzeit?

Zu Beginn des Lockdowns las ich DIE BAGAGE der österreichischen Autorin Monika Helfer, das mochte ich sehr. Mit Witz und Bodenständigkeit erzählt Monika Helfer die berührende Geschichte einer jungen Frau, die dummerweise in die falsche Gesellschaft hineingeboren wurde.

A-TRAIN von Patty Smith.

HIER BIN ICH von Jonathan Safran Foer habe ich gerade zu lesen begonnen.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Die Einbildungskraft vergrößert oft die kleinsten Gegenstände durch eine phantastische Schätzung, so dass sie gar damit unsre Seele füllt und mit vermessenem Uebermuth verkleinert sie die größten bis zu unserm Maß.

 (Blaise Pascal)

 

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Vielen Dank für das Interview liebe Vera, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater- und Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Vera von Gunten, Schauspielerin, Schauspielhaus Wien

https://www.schauspielhaus.at/team/vera_von_gunten

 

 

30.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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„Ich empfinde diese Tage als eine moralische Weiterentwicklung“ Istvàn Kalàsz, Schriftsteller_Budapest, 9.6.2020

Lieber Istvàn, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Man wird früh wach, gegen zwei-drei, dann Kaffee trinken, dann an den einigermaßen aufgeräumten Tisch tapern, hinsetzen, sich schön carpe diem sagen… ja und dann: zu Hause bleiben, weitersitzen=arbeiten. Anschließend dann schlafen tapern. Aber das geht momentan nicht, es ist gerade Gründerzeit in Budapest, ein neuer Schriftstellerverband wurde gebildet, es gibt viel Branchengezeter – also es gibt viel zu tun.

 

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Erstens für uns: Gelassen bleiben in der momentan aggressiven Stimmung, bedacht reden um nicht angreifbare Antworten, sachliche Erklärungen für diese Zeit formulieren zu können. Ich empfinde diese reibenden Tage (es ist seltsam für mich selbst) als eine moralische Weiterentwicklung, eine gute Zeit also. Zweitens für mich persönlich: meine Schulkasse. Ich bin Lehrer, und gerade jetzt legen meine Schüler ihre große Abschlussprüfung ab; sie sollten diese hübsch (ohne zu spicken) schaffen…

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich kann nur mit dieser Konstante von Barthes antworten: „… nirgends gibt und gab es jemals ein Volk ohne Erzählung; alle Klassen, alle menschlichen Gruppen besitzen ihre Erzählungen …“

 

Was liest Du derzeit?

Zwei Bücher simultan. Omka von Barbara Aschenwald und das Handbuch Materielle Kultur.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

«Am Tresen im Bistro. Drehe mich um und sehe mich in der Spiegelwand in Mantel und Hut. Ich stehe da wie ein Wackelkontakt, sagt mir mein Spiegelbild. Aber ich wackle nicht. Wie komme ich auf das Bild? Was wackelt?« /Paul Nizon

 

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Vielen Dank für das Interview lieber Istvàn, viel Freude und Erfolg für Deine Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Istvàn Kalàsz, Schriftsteller

http://kalaszistvan.hu/

 

 

30.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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„Der Kunst braucht man keine Aufgaben zu geben“ Michael Welz, Schauspieler_Wien 8.6.2020

Lieber Michael, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich lese viel, spreche Texte ein, mache Musik, arbeite im Garten und schaue Filme und Serien

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ruhe bewahren, lieben, künstlerisch, körperlich und technisch fit bleiben, die Sicherheitsvorgaben beachten

 

Michael Welz

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater und der Kunst an sich zu?
Der Kunst braucht man keine Aufgaben zu geben. Künstlerinnen und Künstler machen glücklicherweise eh von selber ihre Sachen, heute, morgen …

 

 

Was liest Du derzeit?

„The Dream of Rome“ von Boris Johnson und „Penthesilea“ von Heinrich von Kleist

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Lasst euch nicht betrügen!
Das Leben wenig ist.
Schlürft es in schnellen Zügen!
Es wird euch nicht genügen
Wenn ihr es lassen müsst!“
(Bertolt Brecht, „Gegen Verführung“, Strophe 2)

 

Vielen Dank für das Interview lieber Michael, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater- und Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Michael Welz, Schauspieler

https://michaelwelz.myportfolio.com/

Foto: Günter Macho

 

26.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Menschen erfahren im Theater was sie im Alltag nicht erfahren können“ Manami Okazaki, Schauspielerin_Wien 7.6.2020

Liebe Manami, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Direkt beim Aufstehen gibt es ein wichtiges Ritual. Und zwar, Zitronen-Wasser trinken und dann auf die Yogamatte gehen.

Auf der Yogamatte mache ich zuerst ein bisschen Yoga. da achte ich darauf den ganzen Körper zu dehnen mit langsamer Atmung. Dann trainiere ich 20 min. Bauchmuskeln und Beine. So kann der Tag beginnen.

Mein Tagesablauf danach ist unterschiedlich. Wir hatten am 19.März die Premiere von „HIKIKOMORI“ geplant. Es hat natürlich nicht stattgefunden. Es war für mich so schwierig die Situation zu akzeptieren und ich wusste nicht, wohin ich meine Energie lenken soll. Bis zum 1.April, als der ORF bei uns im Theater war, haben wir auch für Journalisten gespielt. So konnte ich mich mal beruhigen.

Nachher habe ich viele Zeitungsartikel und Lieder und auch den „HIKIKOMORI“ Text vom Deutschen ins Japanische übersetzt.

Es ist mir außerdem immer wichtig, über meine Projekte, nach Japan zu berichten.
Auch meinen Gesang habe ich regelmäßig trainiert.

Wenn das Wetter schön ist, sind wir in den Wald gefahren. Es war so schön in der Natur zu sein. So konnte ich auch vergessen, was gerade in der Welt passiert.

 

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Szenenfoto_“Hikikomori“ Theater Arche Wien, 29.5.2020

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ruhig zu sein. Die Welt will uns was berichten. Spüren und in sich bearbeiten und mit Dankbarkeit die Dinge tun, die man für sich wichtig findet.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Aufbruch war plötzlich. Neubeginn geht stufenweise.
Wenn sich was plötzlich ändert, spürt man viel Unterschied, was vorher war und was jetzt ist. Ich persönlich habe besonders gespürt, dass „Normalität“ nicht selbstverständlich ist. Und ich konnte diese „Pause“ im Alltag mit voller Dankbarkeit genießen.
Gesellschaftlich gibt es so viele Seiten, in die ich mich nicht einmischen kann. Ich bin sehr dankbar, dass viele Leute in dieser Pandemie gearbeitet haben, um die Menschen zu retten.

Die Welt bewegt sich jetzt weiter mit neuem Leben. Bei der Kulturszene wird auch der Vorhang aufgehen. Ich freue mich jetzt besonders wieder auf der Bühne stehen zu dürfen. Die Kunst und Kultur bringen Menschen zusammen. Sie erfahren im Theater was sie im Alltag nicht erfahren können. Der zwischenmenschliche Austausch durch Kultur wird wieder spannender sein, nachdem wir alle in den eigenen vier Wänden eingesperrt waren.
Was liest Du derzeit?

Literatur lese ich eigentlich nur auf Japanisch … Ein Autor der mich fast immer begleitet ist allerdings auch hier sehr bekannt: Murakami Haruki. Um aus seinem Werk zu zitieren, sehe ich jetzt zum ersten Mal die deutsche Übersetzung … Es klingt ganz anders als auf Japanisch, aber folgendes Zitat möchte ich teilen:
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wohin man auch geht, sich selbst entkommt man nicht. Es ist so wie mit dem eigenen Schatten, der folgt einem auch überallhin.“ — Haruki Murakami, Nach dem Beben

 

Vielen Dank für das Interview liebe Manami!

Gratulation und weiterhin viel Freude und Erfolg für Deine großartige aktuelle Hauptrolle in „Hikikomori“ im TheaterArche, Wien wie alle weiteren Musik- und Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Manami Okazaki, Sängerin, Schauspielerin, Theaterleiterin. 

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Aktuelle Hauptrolle: „Hikikomori“ Theater Arche_Wien, laufende Spieltermine bis 4.Juli 2020.

Hikikomori _Fulminante Premiere_ TheaterArche, Wien, 29.5.2020

 

 

28.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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„Was hörbar wird, wenn das Rauschen der Welt abschwillt“ Elisabeth R.Hager, Schriftstellerin _ Berlin 6.6.2020

Liebe Elisabeth, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Als Autorin bin ich wie die meisten Kolleg_innen eine Art Lock-Down-Profi. Ich arbeite meistens von daheim, war auch vor Corona ungern einkaufen und seit ich schreibe, brauche ich einsame Spaziergänge und Fahrradfahrten, um meine Gedanken zu sortieren. Natürlich sind auch mir Lesungen und somit Einkünfte ausgefallen, aber ich freue mich auch über die Ruhe und das, was hörbar wird, wenn das Rauschen der Welt abschwillt. Was meinen Arbeitsalltag tatsächlich erschwert, ist die Betreuung unserer Tochter Alma. Mein Partner übernimmt zwar einen Teil der Sorgearbeit, aber als Manager sitzt er oft halbe Tage in Online-Konferenzen & Besprechungen. Und dann hab ich – wie viele Frauen derzeit – wieder den Hut auf…

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Krise legt ihre Finger auf die Wunden unserer Gesellschaft. Ihre Unwuchten werden sichtbarer. Welche Schultern stemmen unsere Sozialsysteme? Wer sorgt sich in einer Gesellschaft, in der alle flexibel und ungebunden arbeiten und leben wollen, um Alte, Kranke, Kinder? Wer schupft die Supermärkte? Wer fährt trotz Ansteckungsgefahr unsere Busse? Die Errungenschaften des Sozialstaats – Kindergartenbetreuung, Arbeitslosen- und Krankenversicherung – rücken in den Fokus. Sichtbar wird aber auch, dass eine Gesellschaft ohne Kunst und Kultur ihren Glanz verliert, ihre Schönheit und ihre Testballone für die Zukunft.

 

Elisabeth R.Hager

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Eine der Errungenschaften dieser Krise ist für mich, dass sie uns zeigt, dass wir weniger konsumieren, fliegen, Emissionen raushauen können, ohne dass wir zu Staub zerfallen. Und: Wir können die technologischen Errungenschaften in den Dienst der viel größeren Krise unserer Zeit stellen, der Klimakrise. Wir können, respektive könnten so viel lernen in diesen Wochen. Weil aber die Möglichkeiten, die sich derzeit abzeichnen, das gegenwärtige System nachhaltig schwächen, wenn nicht gar stürzen würden, werden die Menschen, die heute zu den Profiteuren zählen, den Wandel nicht kampflos zulassen… Und vielen fehlt es auch einfach an Hellsicht und Mut, etwas Neues zu denken.

Da kommen Kunst & Kultur ins Spiel. Mich interessiert an meiner Kunstform, der Literatur, vor allem das utopische Potential. Ihre Aufgabe ist es, Möglichkeitsräume aufzumachen. Diese Räume sind mein bevorzugtes Habitat. Dort streife ich herum und überlege mir, wie die Zukunft im besseren Fall ausschauen könnte… Natürlich klingt das für kritische Zeitgenoss_innen heillos naiv, aber das ist mir egal. Solange ich die Kraft habe, an die Menschen und ihre Lernfähigkeit zu glauben, werde ich das tun.

 

 

Was liest Du derzeit?

Grade in diesen besonders für Frauen und Mütter ernüchternden Zeiten, suche ich in der Literaturgeschichte nach weiblichen Vorbildern. Wenn ich nicht schreibe, lese ich über die Leben von Annemarie Schwarzenbach und Erika Mann. Ich beschäftige mich mit Audre Lorde und Hannah Arendt, in deren Schreiben so viel Lebensmut und Draufgängertum steckt, dass es für fünf Leben gereicht hätte. Sie hat einen Gedanken in die Philosophie eingeführt, der mich immer wieder und besonders jetzt tröstet: Dass das Neue mit jedem neuen Menschen und jedem neuen Tag in die Welt treten kann.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Frei zu sein und etwas Neues zu beginnen, war das Gleiche. Und diese geheimnisvolle menschliche Gabe, die Fähigkeit etwas Neues anzufangen, hat offenkundig etwas damit zu tun, dass jeder von uns durch die Geburt als Neuankömmling in die Welt trat. Mit anderen Worten: Wir können etwas beginnen, weil wir Anfänge und damit Anfänger sind.“


Hanna Arendt (Aus: Die Freiheit, frei zu sein, S. 37)

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Elisabeth, viel Freude und Erfolg für Deinen aktuellen großartigen Roman – „Fünf Tage im Mai“, Klett-Cotta Verlag, 2019 –  und  Deine vielfältigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Elisabeth R.Hager, Schriftstellerin, 

Aktueller Roman:

https://www.klett-cotta.de/buch/Gegenwartsliteratur/Fuenf_Tage_im_Mai/101983

 

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„In der Kunst muss man keine Lösungen anbieten und allen alles recht machen“ Pia Hierzegger, Schauspielerin_Graz 5.6.2020

Liebe Pia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mittlerweile sehr abwechslungsreich. Schreiben, zoomen, essen, kochen, Kaffee trinken, denken, spazieren, Filme schauen, Bücher lesen, in Österreich herumfahren, Freund*innen treffen. In unterschiedlicher Reihenfolge und manchmal überlappend.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das weiß ich nicht so genau. Ich hoffe, dass sich die Menschen solidarisch verhalten, nicht jeden Schwachsinn glauben und dass es mehr Grund zur Hoffnung als für Angst gibt. Und dass Corona uns nicht von allen anderen Problemen ablenkt.

 

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Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater und der Kunst an sich zu?

Theater und Kunst reagieren im besten Fall immer auf das, was eine Gesellschaft beschäftigt. In der Kunst muss man keine Lösungen anbieten und allen alles recht machen, das erlaubt Probleme anders anzuschauen, ketzerische Fragen zu stellen, einen Raum zu schaffen, in dem man sich mit Phänomenen intensiv aber nicht ergebnisorientiert zu beschäftigen.

 
Was liest Du derzeit?

Den 2. Band von Vernon Subutex. Ich denke es wird eine Hassliebe bleiben. Ich werde es schnell fertiglesen, weil es wartet das Buch „My sister, the serial Killer“ der nigerianischen Autorin Oyinkan Braithwaite, von dem ich bis jetzt nur den Buchdeckel mit herausragenden Kritiken kenne.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Das finde ich schwierig, ich hab schon als Volksschulkind bei den Einträgen in Poesiealben immer Angst gehabt, mich zu entscheiden, weil das ja dann für immer da steht. Ich wünsche lieber allen eine gute Zeit.

 

Vielen Dank für das Interview liebe Pia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Film- und Theaterprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Pia Hierzegger, Schauspielerin

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26.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Mehr Utopien – für alle vorstellbaren Welten “ Lucia Leidenfrost, Schriftstellerin_Mannheim 4.6.2020

Liebe Lucia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf als Autorin hat sich nicht so stark verändert, nur die üblichen Zusatzherausforderung der Pandemie (z.B. unser Kind ist ständig zu Hause) sind dazugekommen. Ich schreibe, recherchiere, gehe hinaus, bereite mich auf Online-Lesungen vor, mache Sport, lese, informiere mich über Entwicklungen in der Welt…

 

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Vernünftig bleiben (Quellen hinterfragen und den ausgebildeten Leuten Glauben schenken) und was die kanadische Regierung veröffentlich hat: You are not „working from home“, you are „at your home, during a crises, trying to work“.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur und der Kunst an sich zu?

Mehr Utopien. Wenn unsere Gesellschaft sich Entwicklungen, von denen manche durch die Pandemie wahr geworden sind (weniger Flugreisen, mehr Fahrradwege, Digitalisierung etc), leisten würde. Auch persönlich hat man vielleicht herausgefunden, was essenziell für das eigene Leben ist und wofür es sich lohnt einzustehen. Literatur und Kunst bleibt dabei ein Seismograph für gesellschaftliche Entwicklungen, für Vorstellungen und Wahrnehmungen unserer und allen vorstellbaren Welten

 

Was liest Du derzeit?

Während Corona habe ich bewusst Bücher aus den Frühjahrsprogrammen 2020 gelesen. Gerade bin ich bei „Feenstaub“ von Cornelia Travincek, habe schon „Ich an meiner Seite“ (Birgit Birnbacher), „Das Loch“ (Simone Hirth) und „Die Wahrheit der anderen“ (Daniel Zipfel) gelesen.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Zur Corona-Situation lese ich gerne die Corona-Tagebücher-Einträge (Literaturhaus Graz) und den Fortsetzungsroman des Aargauer Literaturhauses.

 

Vielen Dank für das Interview liebe Lucia, viel Freude und Erfolg für Deinen großartigen aktuellen Roman „Wir verlassenen Kinder“ Verlag: Kremayr&Scheriau und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

 

Lucia Leidenfrost, Schriftstellerin

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Wir verlassenen Kinder

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26.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Es bräuchte ein Grundeinkommen, wenn sich Österreich weiterhin als Kulturnation positionieren will“ Tanja Raich, Schriftstellerin_Wien 3.6.2020

Liebe Tanja, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich bin in Kurzarbeit und alle Termine der letzten Monate wurden gestrichen. In meinem Kalender ist also gerade sehr viel durchgestrichen und für die nächsten Monate gibt es viele Fragezeichen. Normalerweise ist mein Alltag ziemlich durchgetaktet. Ich hätte in meiner beruflichen Funktion als Lektorin AutorInnen auf Festivals begleitet, wäre selbst auf Lesungen und Schreibaufenthalt gewesen. Ich wäre nach Leipzig, München, Stuttgart, Kiel, Kärnten und Südtirol gereist und abends wäre ich auf vielen Veranstaltungen gewesen. Das alles wurde gestrichen oder verschoben. Jetzt lebe ich in den Tag hinein, habe so wenig Termine wie noch nie in den letzten Jahren, mich aber schnell an die neue Lebensweise gewöhnt und kann mir im Moment gar nicht vorstellen, wie es ist, all diese beruflichen und privaten Termine wieder in meinen Alltag zu integrieren. Ich lese mehr und ich habe das Gärtnern für mich entdeckt, ich bin viel in der Natur und versuche optimistisch zu bleiben.

 

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die letzten Wochen haben vieles offen gelegt, was global und national, was in den Unternehmen und was im Privaten im Argen liegt. Das sind alles keine Neuheiten, aber zum ersten Mal hat jeder und jede vor Augen geführt bekommen – wenn auch nur in der jeweiligen sozialen Blase –, was wesentlich ist, was nicht funktioniert und was wir ändern müssen. Da lägen nun viele Themen auf dem Tisch, die man jetzt anpacken müsste. Sobald wieder Normalität einkehrt, ist die Erfahrung der Krise vergessen. Die letzten Wochen haben gezeigt, dass ein funktionierender Sozialstaat wichtiger als Gewinnmaximierung ist, dass systemrelevante Berufe unterbezahlt sind und vor allem die Frauen wieder einmal zurückstecken müssen, dass die Privatisierung, die schon seit vielen Jahren im Gang ist, der falsche Weg ist. Viele haben die Natur wieder entdeckt, denn die Vorzüge einer Großstadt sind mit den Schließungen von der Bildfläche verschwunden, vielleicht wissen wir jetzt wieder mehr zu schätzen, was wir verlieren könnten. Aber auch wenn die Natur eine Verschnaufpause hatte, wurden in diesem Jahr 120.000 Hektar Regenwald im Amazonas gerodet, der so wichtig für das Weltklima wäre. Als Optimistin hoffe ich darauf, dass wir die Themen, die jetzt auf dem Tisch liegen, anpacken und einen gerechteren und nachhaltigeren Weg beschreiten. Die Pessimistin in mir sagt aber, dass es weiterlaufen wird wie bisher, dass sich die soziale Ungerechtigkeit noch weiter zuspitzen und der Kapitalismus wieder erblühen wird. Die Frage wird also sein, wie lange wir zusehen wollen und wie lange und wie oft noch jene Parteien an der Macht sein müssen, die sich um die wirklich relevanten Themen unseres Lebens einen feuchten Dreck scheren und eine weitere Verschärfung all dieser Probleme betreiben.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur und der Kunst an sich zu?

Eine gute Auswirkung von Corona war mit Sicherheit, dass mehr gelesen wurde und in der Entschleunigung das Analoge und Unmittelbare wieder gewonnen hat. Literatur und Kunst haben seit jeher die Aufgabe erfüllt, die Finger in die Wunden zu legen, einen Einblick in andere Lebensrealitäten zu gewähren und uns die Möglichkeit zu geben, die eigene Blase (zumindest für den Zeitraum eines Buches, eines Films oder eines Stücks) zu verlassen und Empathie und Verständnis zu entwickeln. Literatur und Kunst sind die Kritikerinnen einer Gesellschaft und im Moment so dringend nötig wie selten zuvor. Mit Sicherheit geht es der Kultur in Österreich verhältnismäßig gut, trotzdem kämpfen derzeit so viele Verlage, Buchhandlungen, Programmkinos und Theater ums Überleben, von den KünstlerInnen sowieso ganz zu schweigen. Es ist für die wenigsten möglich, von ihrer Kunst zu leben, aber jetzt brechen vielen auch noch die Nebeneinkünfte weg. Es bräuchte eigentlich ein Grundeinkommen, wenn sich Österreich weiterhin als Kulturnation positionieren will, und wesentlich höhere Förderungen für die Kulturinstitutionen, die transparent und nachvollziehbar sind.

 

Was liest Du derzeit?

Im Moment lese ich vieles und auch mehrere Bücher zugleich. „Still leben“ von Jan Peter Bremer, „Der Apfel im Dunkeln“ von Clarice Lispector und „Die Wurzeln der Welt“ von Emanuele Coccia.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Unser Ursprung ist nicht in uns, sondern draußen, an der Luft. Er ist nichts Festes, Uraltes; er ist kein Gestirn von unermesslichen Ausmaßen, kein Gott, kein Titan. Er ist kein Einzelfall. Der Ursprung der Welt sind die Blätter: zerbrechlich, verletzlich und doch in der Lage zurückzukehren, wieder zu leben, nachdem sie den Winter hinter sich gebracht haben.“ Aus: „Die Wurzeln der Welt“ von Emanuele Coccia.

 

Vielen Dank für das Interview liebe Tanja, viel Freude und Erfolg für Deinen großartigen aktuellen Roman „Jesolo“ ,Karl Blessing Verlag/Heyne, und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Tanja Raich, Schriftstellerin

https://tanjaraich.at/autorin

link zum buch:  https://www.randomhouse.de/Buch/Jesolo/Tanja-Raich/Blessing/e550175.rhd

Foto_Walter Pobaschnig_Station bei Malina_Wien 6_20.

26.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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