„Es bräuchte ein Grundeinkommen, wenn sich Österreich weiterhin als Kulturnation positionieren will“ Tanja Raich, Schriftstellerin_Wien 3.6.2020

Liebe Tanja, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich bin in Kurzarbeit und alle Termine der letzten Monate wurden gestrichen. In meinem Kalender ist also gerade sehr viel durchgestrichen und für die nächsten Monate gibt es viele Fragezeichen. Normalerweise ist mein Alltag ziemlich durchgetaktet. Ich hätte in meiner beruflichen Funktion als Lektorin AutorInnen auf Festivals begleitet, wäre selbst auf Lesungen und Schreibaufenthalt gewesen. Ich wäre nach Leipzig, München, Stuttgart, Kiel, Kärnten und Südtirol gereist und abends wäre ich auf vielen Veranstaltungen gewesen. Das alles wurde gestrichen oder verschoben. Jetzt lebe ich in den Tag hinein, habe so wenig Termine wie noch nie in den letzten Jahren, mich aber schnell an die neue Lebensweise gewöhnt und kann mir im Moment gar nicht vorstellen, wie es ist, all diese beruflichen und privaten Termine wieder in meinen Alltag zu integrieren. Ich lese mehr und ich habe das Gärtnern für mich entdeckt, ich bin viel in der Natur und versuche optimistisch zu bleiben.

 

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die letzten Wochen haben vieles offen gelegt, was global und national, was in den Unternehmen und was im Privaten im Argen liegt. Das sind alles keine Neuheiten, aber zum ersten Mal hat jeder und jede vor Augen geführt bekommen – wenn auch nur in der jeweiligen sozialen Blase –, was wesentlich ist, was nicht funktioniert und was wir ändern müssen. Da lägen nun viele Themen auf dem Tisch, die man jetzt anpacken müsste. Sobald wieder Normalität einkehrt, ist die Erfahrung der Krise vergessen. Die letzten Wochen haben gezeigt, dass ein funktionierender Sozialstaat wichtiger als Gewinnmaximierung ist, dass systemrelevante Berufe unterbezahlt sind und vor allem die Frauen wieder einmal zurückstecken müssen, dass die Privatisierung, die schon seit vielen Jahren im Gang ist, der falsche Weg ist. Viele haben die Natur wieder entdeckt, denn die Vorzüge einer Großstadt sind mit den Schließungen von der Bildfläche verschwunden, vielleicht wissen wir jetzt wieder mehr zu schätzen, was wir verlieren könnten. Aber auch wenn die Natur eine Verschnaufpause hatte, wurden in diesem Jahr 120.000 Hektar Regenwald im Amazonas gerodet, der so wichtig für das Weltklima wäre. Als Optimistin hoffe ich darauf, dass wir die Themen, die jetzt auf dem Tisch liegen, anpacken und einen gerechteren und nachhaltigeren Weg beschreiten. Die Pessimistin in mir sagt aber, dass es weiterlaufen wird wie bisher, dass sich die soziale Ungerechtigkeit noch weiter zuspitzen und der Kapitalismus wieder erblühen wird. Die Frage wird also sein, wie lange wir zusehen wollen und wie lange und wie oft noch jene Parteien an der Macht sein müssen, die sich um die wirklich relevanten Themen unseres Lebens einen feuchten Dreck scheren und eine weitere Verschärfung all dieser Probleme betreiben.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur und der Kunst an sich zu?

Eine gute Auswirkung von Corona war mit Sicherheit, dass mehr gelesen wurde und in der Entschleunigung das Analoge und Unmittelbare wieder gewonnen hat. Literatur und Kunst haben seit jeher die Aufgabe erfüllt, die Finger in die Wunden zu legen, einen Einblick in andere Lebensrealitäten zu gewähren und uns die Möglichkeit zu geben, die eigene Blase (zumindest für den Zeitraum eines Buches, eines Films oder eines Stücks) zu verlassen und Empathie und Verständnis zu entwickeln. Literatur und Kunst sind die Kritikerinnen einer Gesellschaft und im Moment so dringend nötig wie selten zuvor. Mit Sicherheit geht es der Kultur in Österreich verhältnismäßig gut, trotzdem kämpfen derzeit so viele Verlage, Buchhandlungen, Programmkinos und Theater ums Überleben, von den KünstlerInnen sowieso ganz zu schweigen. Es ist für die wenigsten möglich, von ihrer Kunst zu leben, aber jetzt brechen vielen auch noch die Nebeneinkünfte weg. Es bräuchte eigentlich ein Grundeinkommen, wenn sich Österreich weiterhin als Kulturnation positionieren will, und wesentlich höhere Förderungen für die Kulturinstitutionen, die transparent und nachvollziehbar sind.

 

Was liest Du derzeit?

Im Moment lese ich vieles und auch mehrere Bücher zugleich. „Still leben“ von Jan Peter Bremer, „Der Apfel im Dunkeln“ von Clarice Lispector und „Die Wurzeln der Welt“ von Emanuele Coccia.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Unser Ursprung ist nicht in uns, sondern draußen, an der Luft. Er ist nichts Festes, Uraltes; er ist kein Gestirn von unermesslichen Ausmaßen, kein Gott, kein Titan. Er ist kein Einzelfall. Der Ursprung der Welt sind die Blätter: zerbrechlich, verletzlich und doch in der Lage zurückzukehren, wieder zu leben, nachdem sie den Winter hinter sich gebracht haben.“ Aus: „Die Wurzeln der Welt“ von Emanuele Coccia.

 

Vielen Dank für das Interview liebe Tanja, viel Freude und Erfolg für Deinen großartigen aktuellen Roman „Jesolo“ ,Karl Blessing Verlag/Heyne, und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Tanja Raich, Schriftstellerin

https://tanjaraich.at/autorin

link zum buch:  https://www.randomhouse.de/Buch/Jesolo/Tanja-Raich/Blessing/e550175.rhd

Foto_Walter Pobaschnig_Station bei Malina_Wien 6_20.

26.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

 

 

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