„Was hörbar wird, wenn das Rauschen der Welt abschwillt“ Elisabeth R.Hager, Schriftstellerin 6.6.2020

Liebe Elisabeth, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Als Autorin bin ich wie die meisten Kolleg_innen eine Art Lock-Down-Profi. Ich arbeite meistens von daheim, war auch vor Corona ungern einkaufen und seit ich schreibe, brauche ich einsame Spaziergänge und Fahrradfahrten, um meine Gedanken zu sortieren. Natürlich sind auch mir Lesungen und somit Einkünfte ausgefallen, aber ich freue mich auch über die Ruhe und das, was hörbar wird, wenn das Rauschen der Welt abschwillt. Was meinen Arbeitsalltag tatsächlich erschwert, ist die Betreuung unserer Tochter Alma. Mein Partner übernimmt zwar einen Teil der Sorgearbeit, aber als Manager sitzt er oft halbe Tage in Online-Konferenzen & Besprechungen. Und dann hab ich – wie viele Frauen derzeit – wieder den Hut auf…

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Krise legt ihre Finger auf die Wunden unserer Gesellschaft. Ihre Unwuchten werden sichtbarer. Welche Schultern stemmen unsere Sozialsysteme? Wer sorgt sich in einer Gesellschaft, in der alle flexibel und ungebunden arbeiten und leben wollen, um Alte, Kranke, Kinder? Wer schupft die Supermärkte? Wer fährt trotz Ansteckungsgefahr unsere Busse? Die Errungenschaften des Sozialstaats – Kindergartenbetreuung, Arbeitslosen- und Krankenversicherung – rücken in den Fokus. Sichtbar wird aber auch, dass eine Gesellschaft ohne Kunst und Kultur ihren Glanz verliert, ihre Schönheit und ihre Testballone für die Zukunft.

 

Elisabeth R.Hager

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Eine der Errungenschaften dieser Krise ist für mich, dass sie uns zeigt, dass wir weniger konsumieren, fliegen, Emissionen raushauen können, ohne dass wir zu Staub zerfallen. Und: Wir können die technologischen Errungenschaften in den Dienst der viel größeren Krise unserer Zeit stellen, der Klimakrise. Wir können, respektive könnten so viel lernen in diesen Wochen. Weil aber die Möglichkeiten, die sich derzeit abzeichnen, das gegenwärtige System nachhaltig schwächen, wenn nicht gar stürzen würden, werden die Menschen, die heute zu den Profiteuren zählen, den Wandel nicht kampflos zulassen… Und vielen fehlt es auch einfach an Hellsicht und Mut, etwas Neues zu denken.

Da kommen Kunst & Kultur ins Spiel. Mich interessiert an meiner Kunstform, der Literatur, vor allem das utopische Potential. Ihre Aufgabe ist es, Möglichkeitsräume aufzumachen. Diese Räume sind mein bevorzugtes Habitat. Dort streife ich herum und überlege mir, wie die Zukunft im besseren Fall ausschauen könnte… Natürlich klingt das für kritische Zeitgenoss_innen heillos naiv, aber das ist mir egal. Solange ich die Kraft habe, an die Menschen und ihre Lernfähigkeit zu glauben, werde ich das tun.

 

 

Was liest Du derzeit?

Grade in diesen besonders für Frauen und Mütter ernüchternden Zeiten, suche ich in der Literaturgeschichte nach weiblichen Vorbildern. Wenn ich nicht schreibe, lese ich über die Leben von Annemarie Schwarzenbach und Erika Mann. Ich beschäftige mich mit Audre Lorde und Hannah Arendt, in deren Schreiben so viel Lebensmut und Draufgängertum steckt, dass es für fünf Leben gereicht hätte. Sie hat einen Gedanken in die Philosophie eingeführt, der mich immer wieder und besonders jetzt tröstet: Dass das Neue mit jedem neuen Menschen und jedem neuen Tag in die Welt treten kann.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Frei zu sein und etwas Neues zu beginnen, war das Gleiche. Und diese geheimnisvolle menschliche Gabe, die Fähigkeit etwas Neues anzufangen, hat offenkundig etwas damit zu tun, dass jeder von uns durch die Geburt als Neuankömmling in die Welt trat. Mit anderen Worten: Wir können etwas beginnen, weil wir Anfänge und damit Anfänger sind.“


Hanna Arendt (Aus: Die Freiheit, frei zu sein, S. 37)

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Elisabeth, viel Freude und Erfolg für Deinen aktuellen großartigen Roman – „Fünf Tage im Mai“, Klett-Cotta Verlag, 2019 –  und  Deine vielfältigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Elisabeth R.Hager, Schriftstellerin, 

Aktueller Roman:

https://www.klett-cotta.de/buch/Gegenwartsliteratur/Fuenf_Tage_im_Mai/101983

 

26.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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