„Die Stühle“ Eugene Ionesco. Inszenierung und Ensemble begeistern am Akademietheater Wien, 16.3.2019.

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„Die Stühle“ Eugene Ionesco. Inszenierung und Ensemble begeistern am Akademietheater Wien, 16.3.2019.

Es ist eine kahle dunkle Zimmerflucht mit einem Stuhl und vielen Türen, in der sich ein älterer Herr und seine Frau, Semiramis, wiederfinden. Das Rauschen des Meeres ist zu hören. Sie sind auf einer Insel. Paris ist zerstört und auch sonst hat sich das Land völlig verändert. Er steht jetzt starr auf der Leiter und blickt zum Meer. Fenster gibt es keine. Wie überhaupt keine Ausblicke in ihrem gemeinsamen Leben. Nur Rückblicke. „Was du nicht alles hättest werden können“ – wiederholt seine Frau im dröhnenden Stakkato. Er denkt an seine Mutter, an den Schmerz des Verlustes, den er bis heute nicht erträgt. Doch jetzt erwarten sie Gäste. Und die erwarten eine, seine Rede. Sie sind angespannt. Tür um Tür öffnet sich und die Schöne, der Oberst, der Redakteur und viele mehr nehmen nun auf den eilig herbeigeholten Stühlen unsichtbar Platz. Doch sie sind für das Ehepaar in ihrer lebhaften Ansprache und Bemühen da. Zum Schluss tritt nun ein Redner ein, der das Sprechen, das nur ein unverständliches Artikulieren ist, übernimmt. Da ist das Ehepaar schon entschwunden. In verschiedene Richtungen. Im Sturz. Im Nebel. Aus der Leere des Raumes…Adieu.

Die Neuinszenierung des im April 1952 in Paris uraufgeführten Stückes „Les Chaises“ (Die Stühle) von Eugene Ionesco, einem der bedeutendsten Dramatiker und avantgardistischen Schriftsteller der Nachkriegszeit, am Wiener Akademietheater wird zum fulminanten Erfolg von Regie- und Schauspielkunst. Claus Peymann und Leander Haußmann wie das Ensemble mit Maria Happel, Michael Maertens und Mavie Hörbiger zeigen in atemberaubender Weise wie die zeitlose Kraft und Wucht des Stückes in der Gegenwart ankommen und das Publikum im Spannungsbogen absurder wie tiefsinniger Farce mitgerissen werden kann. Es ist szenisch einmalig wie Happel und Maertens einen Bühnendialog ins Leere mit den unsichtbaren Ankommenden führen und dabei in synchroner Mimik, Gestik, Bewegung und Sprache begeistern. Das ist Theater auf höchstem Niveau und es ist ein Geschenk hier im Publikum dabei sein zu dürfen. Hervorzuheben ist auch das hervorragende Bühnenbild wie Kostüm und Musik, welches den Spielrahmen wunderbar setzt und eindringlich bis zum Finale wirkt.

Inhaltlich lässt die Inszenierung Zugänge offen und setzt damit ganz auf die kraftvolle individuelle Ansprache des Stückes an sich. Auch dies gelingt, gerade auch im Sinne des 1994 verstorbenen rumänischen Dramatiker Ionesco, der in Paris lebte und arbeitete, großartig. Das Publikum nimmt sich die existentielle Einsamkeit des Alterns in Rückblick und Vorwurf, die tragische Suche nach Sinn und Transzendenz wie das Scheitern daran, oder auch das sehnsuchtsvolle Erwartens eines allwissenden Redners, der vom Podium aus, die namenlose Masse an und zu sich zieht, mit in den Theatersessel und dann mit nach Hause. Ganz im Sinne dieses kontextoffenen Theaters (Absurdes Theater), welches die dramatische Struktur ganz in die persönliche Reflexion des Publikums hebt.

Die Inszenierung am Akademietheater ist auch ein dramaturgisches Wiedersehen mit Claus Peymann (von 1986-1999 Direktor am Burgtheater, Inszenierung Heldenplatz 1988), der leider aufgrund einer Erkrankung nicht bei der Premiere anwesend sein konnte aber mit dem Regiepartner Leander Haußmann mit dieser Stückwahl Wien begeistert.

„Ein Theaterabend, der einfach alles zu bieten hat was Schauspiel so wunderbar und auch so wichtig macht!“

Walter Pobaschnig, 17.3.2019

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„Waiting Plots“ Zur Poetik des Wartens um 1900. Andrea Erwig. Neuerscheinung Wilhelm Fink Verlag.

 

„Waiting Plots“ Zur Poetik des Wartens um 1900. Andrea Erwig. Neuerscheinung Wilhelm Fink Verlag.

Das Warten an der Haltestelle. Im Supermarkt. Im Restaurant. Am Einlass ins Museum. Am Computer. Warten bedeutet ein Anhalten bzw Angehaltenwerden der Lebensbewegung. Dabei öffnet sich ein Gedankenraum der Emotionen und/oder Reflexion. Das Warten wird so zu einer Tätigkeit, die zurück und voraus wie in den Spiegel des Selbst blicken lässt. Eine alltägliche Erfahrung, die sich in der existentiellen Spannung von Lebenshoffnungen, -wünschen und –ereignissen grundlegend verdichtet. Damit wird das Warten auch ein zunehmendes Thema der Kunst in der Moderne. Ob in Erzählung, Drama oder ästhetischem Experiment. Der Seelenblick in den wartenden Menschen wird zum kreativen Interesse, welcher auf einen langen Traditionsstrang bis in die Antike zurückreicht und bei Homer in der Person der Penelope und deren Strategien des Wartens einen eindrucksvollen Anfang nimmt. In der Jahrhundertwende (1900) kommt dieser Thematik besonderer Literaturraum zu, der auch wesentlich im Zusammenhang zur entstehenden Psychoanalyse (Sigmund Freuds „Traumdeutung“ 1899) zu sehen ist.

Die Literaturwissenschaftlerin Andrea Erwig widmete in ihrer Dissertation an der Ludwig-Maximilians-Universität München der Thematik des Wartens in der Literatur um 1900 eine umfassende Analyse, welche die Grundlage, in leichter Überarbeitung, der vorliegenden Publikation ist.

In fünf Überblickskapitel werden psychoanalytische/philosophische Zugänge wie frühe kunsttheoretische Modelle des Wartens erläutert und davon ausgehend literarische Werke (Maeterlinck, Rilke, Kafka, Musil) in Rezeption, Transformation und Reflexion analysiert. Neben der fundierten fachwissenschaftlichen Expertise und globalen Perspektive überrascht auch der narrative Stil der Autorin, welcher zu einer spannenden literarischen Zeitreise einlädt.

Der Autorin gelingt es in außergewöhnlicher Weise mit einer fachwissenschaftlichen Arbeit gleichsam an Herz und Seele der Moderne und ihrer grundlegenden Fragen nach Identität und Intention in aller Ambivalenz und Brüchigkeit zu gelangen. Ein Fachbuch, das ganz spannende kritische Analyse der Bewegung des Schreibens und Denkens einer Epoche ist.

Walter Pobaschnig, Wien 2_2019

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„Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen“ Essays über Kunst, Geschlecht und Geist. Siri Hustvedt. Neuerscheinung Rowohlt Verlag.

Cover_Eine Frau schaut auf Männer, die auf Männer schauen

„Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen“ Essays über Kunst, Geschlecht und Geist. Siri Hustvedt. Neuerscheinung Rowohlt Verlag.

„…Ich liebe Kunst, Geistes- und Naturwissenschaften…Ich bin auch eine leidenschaftliche Leserin, deren Ansichten durch die Bücher und Aufsätze aus vielen Bereichen, die zu meinem täglichen Leseleben gehören, ständig verändert und modifiziert wurden und werden…“

Die gefeierte Schriftstellerin Siri Hustvedt gibt in der Einleitung zur vorliegenden umfangreichen Essaysammlung Einblick in ihr weitgefächertes künstlerisches wie wissenschaftliches Interesse, welches ihr Leben wie ihr Schreiben umfassend inspirierte und inspiriert. Die Intention dieses Buches ist nun eine Zusammenschau „…ein Versuch, mir einen Reim auf diese pluralen Perspektiven zu machen…“.

Die Autorin gliedert die Essays, die im Zeitraum 2011 bis 2015 entstanden, in zwei Teile. Der erste Teil umfasst wesentlich Reflexionen und Gedanken zu künstlerischem Schaffen, Intention und Wirkung. Es sind dabei einerseits unmittelbare Besprechungen zu Kunstausstellungen wie auch persönliches Interesse und Aufmerksamkeit zu aktuellen wie wegbegleitenden Künstlerinnen und Künstler, anderseits psychologische Zugänge zu Wahrnehmung und Wirklichkeitskonstruktion an sich. Im zweiten Teil steht wesentlich die Frage nach dem Menschen in existentieller, philosophischer und ästhetischer Perspektive im Mittelpunkt. Es sind größtenteils Vorträge der Autorin, die sie bei akademischen Konferenzen hielt.

Siri Hustvedt beeindruckt in ihren Essays mit einem sehr direkten unmittelbaren Zugang zu künstlerischem Ausdruck wie wissenschaftlicher Aussage, der vom persönlichen Eindruck und Erleben in Neugierde und Interesse zur umfassenden Analyse und Reflexion fortschreitet. Dabei steht inhaltlich immer eine Erkenntnis wie eine Bewegung vom und zum Leben im Mittelpunkt. Ebenso ist der Stil beeindruckend, der wesentliche Themen moderner Wissenschaft und Kunst erzählend zu öffnen, spannend zu präsentieren und zum persönlichen Nachdenken anzuregen weiß.

„Siri Hustvedt ist nicht nur eine Meisterin des Erzählens sondern auch der unmittelbaren Reflexion und Analyse gesellschaftlichen Denkens in Kunst und Wissenschaft“

Walter Pobaschnig, Wien 3_2019

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„Die guten Tage“ Marko Dinic. Roman. Neuerscheinung Zsolnay Verlag.

 

 

„Die guten Tage“ Marko Dinic. Roman. Neuerscheinung Zsolnay Verlag.

Ein junger Mann. Er sitzt im Bus. Salzburg – Nis. Es ist eine Rückkehr in seine Jugendtage, die er in dieser Reise antritt. Vom Tod seiner Großmutter in Serbien hat er zuerst über einen facebook Eintrag seines Onkels erfahren. Die Gesellschaft auf der Reise lenkt zunächst ab von den vielen Fragen und Fluchtpunkten zu Familie, Herkunft, Geschichte und Krieg. All das trägt er in sich. Schon all die Jahre…

Das rasche Vorbeiziehen der Landschaft Ungarns im Blick aus dem Fenster lässt ihn nun mehr und mehr an die Lebensstationen und die Leerstellen darin denken, zu denen er immer wieder zurückkehrt und die wie eine offene Wunde sind. Die Worte in den Sitzreihen und an den Raststationen zeigen ihm wie ruhelos und untot die gemeinsame Vergangenheit ist und wie stark die dunklen Bilder noch rahmenlos wirkmächtig sind. Er denkt jetzt an die Kindheit auf den Straßen Serbiens. An die Zeit der Bomben und des Krieges. An Vater und Mutter. An das stumme Mitgezogensein in jenen Tagen und das Leiden daran im Dort und Da und die endlosen Fragen…

Jetzt, auf dieser Reise, will er zu allen sprechen. Den Lebenden und den Toten. Den Geistern und den Menschen. Und jeder Meter der Autobahn ist damit vielleicht ein Stück Zukunft. Für ihn selbst. Für alle. Für die Lebenden und die Toten…da und dort.

Marko Dinic, Lesender bei den Bachmannpreistagen 2016, überrascht mit seinem Romandebüt „Die guten Tage“ als eine literarische Stimme, welche stilistisch in großer narrativer Beobachtungsgabe wie dichter direkter Erzählgewalt staunen lässt. Der Autor versteht es beeindruckend, textliche Dynamiken zu setzen, die Form und Inhalt stimmig verbinden und inspirieren. Der Wechsel von Beschreibung, Reflexion wie Dialog vollzieht sich in sehr direkter und spannungstragender Weise, der den inhaltlich emanzipatorischen Anspruch von Identität und Geschichte wirkungsvoll setzt.

„Ein Roman, der das erzählerische Pianissimo wie Crescendo einer modernen europäischen Höllenfahrt und persönlichen Spurensuche mitreißend zu setzen weiß.“

 

Walter Pobaschnig, Wien 2_2019

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„Rechtswalzer“ Franzobel. Kriminalroman. Neuerscheinung Paul Zsolnay Verlag

 

 

„Rechtswalzer“ Franzobel. Kriminalroman. Neuerscheinung Paul Zsolnay Verlag

Frühherbst 2024. Wien. Malte Dinger, Spezialitäten Getränkehändler, hatte eben seinen Sohn zur Schule gebracht. Das bedeutete für ihn immer, dass Bilder seiner eigenen Kindheit wie die Dinosaurier auf der Schultasche des Sohnes in seinen Kopf sprangen und er sie mühsam wieder zum Aussterben bringen musste. Aber meist waren es nur leise zahme Fossilien der Schulerinnerungen und damit ein nostalgischer Zeitvertrieb, den er wie den eigenen guten Gin schätzte. Doch jetzt erreichte ihn plötzlich dieser verstörende Anruf am gefundenen Smartphone. Das geritzte „Moses“ an der Fensterscheibe im Waggon in der U-Bahn wurde nun für ihn zur großen unheimlichen Nachdenklichkeit wie auch die Schlagzeilen der Gratiszeitungen, die nun auf sein Hirn eintrommelten. Als es zur Fahrscheinkotrolle kommt, wirkt er wie in Trance und die schroffen Aufforderungen münden schließlich in eine Ringeinlage, der ein Schneidezahn des Polizisten zum Opfer fällt. Malte Dinger wusste nicht recht, was da geschehen war, doch nun begann eine dunkle Reise, die ihn aus seinem gesicherten privaten Universum in die unbekannte Galaxie einer Gesellschaft voll rasender Veränderung, Abgründen und Rätsel katapultierte. Denn längst waren die Dinosaurier aus den Tiefen der Stadt gekrochen und er war wie Moses auf der Suche nach Wegen aus dem Dickicht ungelöster Fragen…

Der vielfach ausgezeichnete österreichische Schriftsteller Franzobel, welcher u.a. 1995 den Ingeborg Bachmannpreis in Klagenfurt gewann, zündet mit seinem Kriminalroman „Rechtswalzer“ ein abgründiges satirisches Sprachfeuerwerk, das in Kraft und Leichtigkeit Erzählgenres variiert und Leserin und Leser gleichsam im Fiaker, der U-Bahn oder im Jumbo Jet grandiosen Wortspiels Platz nehmen und erfrischt lachend wie nachdenklich machend bis zum Ende folgen lässt. Der Autor kombiniert in seinem Schreiben einmalige Sprachfreude mit einem Erzählesprit, der Seite um Seite mitreißt und ein Buch zur Bühne werden lässt, darauf sich Leben in aller unerträglichen Leichtigkeit und Absurdität abspielt, bis der letzte Vorhang fällt.

„Ein Roman, der in einmaliger Sprachmagie und Erzählrasanz Leserin und Leser mitreißend in das abgründige Spiegelkabinett von Leben und Gesellschaft katapultiert“

Walter Pobaschnig, Wien 2_2019

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„Dietrich Bonhoeffer – Auf dem Weg zur Freiheit. Ein Porträt“ Wolfgang Huber. Neuerscheinung Beck Verlag.

 

„Dietrich Bonhoeffer – Auf dem Weg zur Freiheit. Ein Porträt“ Wolfgang Huber. Neuerscheinung Beck Verlag.

Breslau. 1906. Eine Stadt mit wechselhafter Geschichte im Sturm der Zeiten findet den Weg in die Moderne. Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur formen am neuen Gesicht im Blick in die Zukunft. Tradition und weltoffene Verantwortung prägt diese Prozesse. Auch die Religionsgemeinschaften sind gefordert. Die evangelische Mehrheit wie die katholische Schwesterkirche. Auch hier sind es Herausforderungen, die Denkprozesse und Positionen erfordern, um persönliche und gesellschaftliche Glaubenstraditionen in Reflexion und Option am Weg der Gesellschaft mitzunehmen und einzubringen.

Am 4.Februar kommt Dietrich Bonhoeffer mit seiner Zwillingsschwester Sabine in Breslau zur Welt. Das Elternhaus ist geprägt von wissenschaftlicher und theologischer Berufsausrichtung und -karriere und gestaltet den gesellschaftlichen Aufbruch wesentlich mit. Der Umzug nach Berlin erfolgt 1912, wo der Vater an der Friedrich-Wilhelms Universität lehrt (Neurologie/Psychiatrie). Dietrich nimmt dies früh in seinen Bildungsweg auf und entscheidet sich mit siebzehn Jahren für das Theologiestudium. Der Tod des Bruders Walter im Ersten Weltkrieg erschütterte die Familie zutiefst und mag auch die Bildungsentscheidung Dietrichs sehr persönlich beeinflusst haben. Die rasche Ausbildung und Tätigkeit als Pfarrer wie auch die stetige wissenschaftliche Vertiefung und kritische Reflexion des Glaubens in verändernder Gesellschaft prägen nun das Leben Dietrichs. 1930 studiert er ein Jahr in New York und lernt dabei auch neue Formen von Spiritualität und unmittelbarem Lebensbezug kennen. Als er zurückkehrt, geht es für die deutsche Gesellschaft im politischen Sturm um das Überleben von Werten wie das unmittelbare der jüdischen wie auch weiteren Minderheiten. Jetzt ist auch die Kirche gefordert und Bonhoeffer geht nun seinen Weg in Mut und Konsequenz. Tiefe Spiritualität und Verantwortung tragen nun seinen Weg der Freiheit im dunklen Abgrund der Zeit….

 

Der vielfach ausgezeichnete wie engagierte Theologe Wolfgang Huber, 1994-2009 Bischof der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz sowie von 2003-2009 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, legt mit seiner Biographie über eine der wesentlichen theologischen Persönlichkeiten der Moderne ein informatives wie mitreißend erzähltes Porträt vor, das Zeit und Leben in einen Spannungsbogen darstellt, der in seiner Reflexion immer auch den Blick auf das persönliche Hier und Jetzt legt. Huber versteht es beeindruckend, Schlüsselereignisse und Fragestellungen der Biographie Bonhoeffers zu öffnen und deren Bewegungen und Entscheidungen zu erläutern. Kapitel um Kapitel werden so zu einer Zeitreise, die einem Film gleich packt und erschütternd wie neugierig machend, weiterführt. Das ist ein Kunstgriff, den nur wenige moderne Biographen zu Wege bringen. Huber schafft dies fulminant und diese Verbindung von Inhalt und modernen Darstellungs- wie Reflexionsstil beeindruckt sehr.

„Ein Leben, in dem es in Freiheit und Verantwortung um alles geht. Und ein Porträt, das mitreißend klug davon zu erzählen weiß.“

 

Walter Pobaschnig, Wien 2_2019

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„1989 Europas Schicksalsjahr und seine Folgen“ , „Die Welt der Ritter“ – Neuerscheinungen GEO Epoche Magazine Nr: 95, 94.

 

„1989 Europas Schicksalsjahr und seine Folgen“ , „Die Welt der Ritter“ – Neuerscheinungen GEO Epoche Magazine Nr: 95, 94.

  1. Ein Jahr, das in Überraschung, Freude und Rasanz das politische Europa grundlegend veränderte. Ein neues Europa wurde im Fallen des „Eisernen Vorhanges“ möglich und Demokratie wie Reisefreiheit leuchteten als Bausteine einer neuen Zeit.

Ein Blick zurück. Vor tausend Jahren beginnt sich auch hier ein Europa zu formen, das von politischer Mitte ausgehend, die Königs- und Herrschaftshäuser des Kontinents verband und dies in Architektur, Kultur und Vision ausdrückte. Auch hier eine Zeitenwende, die in der „Welt der Ritter“ ihren bis heute faszinierenden Blick beibehält und in vielerlei Weise inspiriert.

Zwei Geo Epoche- Ausgaben, die ein Jahrtausend verbinden und erstaunliche Gemeinsamkeiten hervorheben: Die vielfältige Geschichte eines Kontinentes und dessen langen schwierigen Weg im Traum eines Europa in Gemeinsamkeit und Freiheit – der großen Herausforderung auch in der Gegenwart.

 

„1989 Europas Schicksalsjahr und seine Folgen“ GEO Epoche Nr:95

Im Eingangskapitel „Das Jahr des Aufbruchs“ begleiten eindrucksvolle Fotos der politischen Umbrüche in der DDR, Polen, Ungarn, Baltikum, UDSSR, Rumänien, und Jugoslawien die geschilderten gesellschaftlichen Veränderungen und Umbrüche der Zeit. Es ist ein eindrückliches Foto/Text-Panorama, das der miterlebenden Generation die Tragweite des Geschehens im Ruckblick nochmals vergegenwärtigt wie der nachfolgenden eindrücklich beschreibt.

In weiterer Folge werden im Heft in Schwerpunktkapiteln die Geschehnisse in Ländern (etwa Deutschland, Polen, Jugoslawien, weitere) und deren wesentliche handelnde bzw. nachfolgende Personen (Helmut Kohl, Lech Walesa, Vaclav Havel, Putin) dargestellt. Die Kapitelfolge selbst ist chronologisch und erläutert so die unmittelbaren Prozesse der politischen Umbrüche des Jahres 1989 wie die schwierigen Jahre danach bis in die Gegenwart. Dabei werden Fragen und Perspektiven geöffnet und das Grundthema so stimmig abgerundet.

„Ein beeindruckendes Zeitpanorama in Wort und Bild, das Staunen und auch zeitlos auf ein gemeinsames Europa in Freiheit und Demokratie hoffen lässt“

 

 

„Die Welt der Ritter“ GEO Epoche Nr:94

 

Es sind die beeindruckenden steinernen Zeitzeugen wehrhafter Burgen und Wohnstätten in Schottland, England, Belgien und Deutschland, die eingangs beeindruckend ins Bild gesetzt sind und märchenhaft Leserin und Leser anblicken und deren Gedanken schweifen lassen…Ein wunderbarer Beginn, um in das Mittelalter einzutauchen und auch etwas zu träumen.

Danach wird ein kompakter visueller Überblick über die Herrschaftsverhältnisse in Europa vor 1000 Jahren und danach ausführlich Sinn, Zweck, Bauweise der und Leben in den Burgen dargestellt. Weitere Kapitel öffnen gesellschaftliche, politische und kulturelle Aspekte der Epoche des Mittelalters und dies in beeindruckender Graphik – etwa im Kapitel „Um Ruhm. Um Ehre. Um Geld“, in dem die Ritterturniere in Organisation und Ablauf dargestellt und erläutert werden. Wunderbare Zeichnungen tragen dazu wesentlich bei.

In weiterer Folge werden in abwechslungsreichen Schwerpunkten lebensweltlich-kulturelle (etwa Burgalltag, Fehde, Minne), grundlegend gesellschaftliche (Frauen im Mittelalter, Hofleben), militärische (Rüstungen, Söldnerführer, Raubritter) sowie biographische (der Kreuzritter Gottfried von Bouillon oder Markward von Annweiler) und länderspezifische (Baltikum-Ordensritter) Themen Leserin und Leser kompakt nahe gebracht.

In Summe eine sehr gelungene, abwechslungsreiche Zeitreise, die kritisch informiert wie auch romantisch träumen lässt – nicht zuletzt eben von einer Vision Europa.

„Eine vergangene Welt, die in Wort und Bild hier eindrücklich lebendig wird und Romantik, Kritik wie Vision verbindet“

 

Walter Pobaschnig, Wien 3_2019

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„Strategien gegen Burnout“ Neuerscheinung GEO Wissen Nr:63

 

„Strategien gegen Burnout“ Neuerscheinung GEO Wissen Nr:63

Es ist ein normaler Arbeitstag im Büro. Dann die Kritik des Chefs. Bilder sind jetzt im Kopf. Ein Kartenhaus von vermeintlicher Stabilität und Sicherheit in Beruf und Leben bricht augenblicklich zusammen. Horrorszenarien von Jobverlust und existentiellem wie familiärem Ruin geistern jetzt im Kopf. Er stürzt auf die Straße und die Welt stürzt auf ihn ein. Drückt ihn unweigerlich zu Boden. Hilflos und starr vor Angst und Schmerz. Jeder Schritt wird zur Unmöglichkeit. Die Straße am Weg nach Hause wird zum schwarzen Tunnel, in dem kein Licht mehr zu sehen ist…Die Diagnose: Burnout.

Die neueste Ausgabe von GEO Wissen widmet sich dem Thema Burnout und den vielfältigen psychologischen Aspekten und Behandlungsstrategien wie der Prophylaxe einer der heimtückischsten Erkrankungen der Zeit in überfordernden Ansprüchen und Geschwindigkeiten in Beruf und Familie.

Es ist eine sehr gelungene Mischung von Bildersprache, Erfahrungsberichten, Experteninterviews und persönlichen Denkanregungen wie eines umfangreichen Selbsttests, welche diese Magazinausgabe in einer kompakt informierenden wie reflektierenden Konzeption auszeichnen.

Hervorzuheben ist auch das ausführliche Interview mit dem Psychoanalytiker Dr.Wolfgang Schmidbauer, einem der führenden psychologischen Experten auf dem Gebiet Arbeitswelt/Überbelastung/Balance von Beruf und Persönlichkeit, welcher auch in zahlreichen Buchveröffentlichungen in den letzten Jahrzehnten wesentlich zur kritischen Bewusstseinsbildung persönlicher Belastungsfähigkeit und notwendigen Schutzstrategien beigetragen hat.

Sehr eindringlich wie gut in Wort und Bild dargestellt sind auch die zahlreichen biographischen Erfahrungsberichte, die aus unterschiedlichsten Perspektiven und Situationen über den Weg in das und den langen Weg aus dem Burnout erzählen und informieren wie zum Nachdenken nachregen.

„Ein brennendes Thema moderner überfordernder Lebensgeschwindigkeiten in kompakter Information und Reflexion dargestellt“

 

Walter Pobaschnig, Wien 3_2019

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„Watschenmann“ Karin Peschka. Roman. Otto Müller Verlag

 

„Watschenmann“ Karin Peschka. Roman. Otto Müller Verlag

Es ist die fulminante Uraufführung im Jänner dieses Jahres am Theater Volx_Margarethen/Volkstheater Wien des 2014 erschienen und vielfach ausgezeichneten Romans der österreichischen Schriftstellerin Karin Peschka, die fulminant das Publikum begeistert und ein Meisterwerk der Literatur wieder in das Bühnen- und Buchhandlungslicht stellt.

Die Geschichte des im Nachkriegswien der 1950er Jahre umherstreunenden „Watschenmannes“ Heinrich ist ein ungemein kluger Seelen- und Gesellschaftsspiegel österreichischer Geschichte, der große literarische und psychoanalytische Traditionen des Landes verbindet und in mitreißender wie erschütternder Erzählkraft eben dieses beschenkt.

„Karin Peschka öffnet mit ihrem großartigen Roman „Watschenmann“ (2014) die unruhige prekäre Seele der Nachkriegsgeneration wie einer Gesellschaft nach dem Ende von Gewalt und Tod an sich. Die Publikumspreisträgerin der Bachmannpreistage in Klagenfurt (2017) legt in einer famosen tragischen Persönlichkeitsschau Vision und Vordergründigkeit im Anspruch von Emanzipation und Verwandlung offen. Doch das ist ein schmerzhafter Prozess. Das weiß vielleicht keiner besser als der „Watschenmann“ Heinrich und dieser ringt stellvertretend bis zum Blut damit. Mit den geballten Fäusten in der täglichen Begegnung in den Jackentaschen da draußen. Auch Jahre danach. Die Geschichte des Krieges und ein literarischer Blick auf die Schatten einer Nation im Umgang mit Traumata, im Weg des Schweigens, im Kontinuum von Gewalt, den erhofften Formen von Wandlung und Verwandlung, der Präsenz von Aggression…und wo endet diese? Wo versteckt sich diese? Es ist zweifellos eines der klügsten Bücher zur Geschichte eines Landes und dem Wesen von Krieg an sich…“   Auszug der Theaterkritik 12.2.2019   https://literaturoutdoors.com

 

 

Walter Pobaschnig, Wien 2_2019

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Foto_Cover _ Otto Müller Verlag; Uraufführung_Watschenmann Wien _ Walter Pobaschnig

„Glaube und Heimat“ Karl Schönherr. Umjubelte Premiere im Theater an der Josefstadt, Wien. 14.2.2019

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Es sind dumpfe Trommelschläge, schweren Herzschlägen gleich, die den ersten Blick des Publikums auf die Drehbühne begleiten. Ein leeres Zimmer ist zu sehen, in dem noch Leben zu spüren ist, das gerade noch hier war. Jetzt Stille, schwarze Wände, eine offene Tür, Leere. Ein Fortsein und eine Trauer…

Nun eine Bewegung des Bühnenbildes. Ein Blick in das Davor. Altbauer und Bauer Rott in der Stube des Hofes, Bäuerin und Sohn mit ihnen. Der Alltag in täglicher Aufgabe und Mühe. Der Weg der Generationen in Vertrauen und Zutrauen zu Erde und auch Himmel. Doch der Himmel, der hat jetzt einen unerbittlichen Grenzstein. So und nicht anders. Und wenn nicht, dann fort. Von Haus und Hof. In die Fremde. Eskortiert von Soldaten mit Trommelschlägen. Der Goldbauer von der Au wartet schon, um wieder einen weiteren Besitz für seine Kinderschar zu erwerben. Der Schreiber hat viel zu tun und auch der Schuster im Doppeln und Nageln der Schuhe für den weiten Weg der Fortgejagten. Morgen ist es beim Sandperger zur Leithen und seiner Frau so weit. Das Geld für den Hof ist bereits im schwarzen Kaufbeutel am Tisch. Doch davor ist alles zurücklassen, was Arbeit und Leben trägt. Die Sandpergerin stellt sich dem Reiter, der mit Gewalt und Degen die umklammerte Hausbibel an sich reißen will. Doch sie lässt nicht los. Blut fließt. Und nun geht es auch für den Bauern Rott um den Moment der Entscheidung. Trommelschläge sind wieder zu hören. Oder ist es doch der Herzschlag? Bekenntnis und Konsequenz ringen jetzt in der Seele Rotts und seiner Familie um Herkunft und Niemandsland, Familie und Zukunft, Asche und Leben, Glaube und Heimat…bis zum dramatischen Finale.

Regisseurin Stephanie Mohr und das hervorragende Ensemble nehmen in der Neuinszenierung von „Glaube und Heimat“ (1910, Karl Schönherr), ein Bühnenstück, das die Wiener Theatergeschichte seit der umjubelten Uraufführung 1910 am Volkstheater (ausgezeichnet 1911 mit dem Grillparzerpreis), neuinszeniert am Burgtheater 2001 (Martin Kusej), begleitet, auf eine Zeitreise mit, die in der historischen Dramaturgie wie den zeitübergreifenden Reflexionsansprüchen überzeugt und beeindruckt. Mohr setzt in ihrer Inszenierung auf die inhaltlichen Spannungsbögen des Textes und gibt dem Ensemble ein Spiel in persönlichem Ausdruck und Können frei. Dies gelingt fulminant. Dramatisch wie im Impuls über den Zeitkontext hinaus. Das Publikum folgt aufmerksam und gebannt dem Bühnengeschehen bester Schauspielkunst, das bis zum dramatischen Finale mitreißt.

Der Dramastoff von „Glaube und Heimat“ nimmt auf die Vertreibung der Zillertaler Protestanten (1837) unmittelbaren historischen Bezug. In den politischen Wirren und besonderen machtpolitischen Ansprüchen der Zeit in Tirol versuchte eine Gruppe von Bauern 1832, die sich zur evangelischen Kirche Augsburger Bekenntnisses zurechneten (seit 1781 gemeinsam mit dem Helvetischen Bekenntnis toleriert), bei Kaiser Franz I. eine Erlaubnis für eine persönliche Glaubensausübung (ohne Bethausbau, Pastor, Lehrer) zu erreichen. Dieses wurde jedoch von der kaiserlichen Administration unter seinem Nachfolger Ferdinand I. auf Drängen Tirols dezidiert abgelehnt und die protestantischen Bauern wurden als „Inklinanten“ (zum Protestantismus neigende Katholiken) benannt, was ihre Vertreibung zur Folge hatte. Zwischen dem 31.August und dem 4.September 1837 zogen nun über 400 Protestanten in 4.Auswanderungsgruppen vom Zillertal in das protestantische Preußen, Niederschlesien. Die Siedlung Zillerthal-Erdmannsdorf wurde gegründet (heute Myslakowice, Polen).

 

Walter Pobaschnig, 14.2.2019

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