„Imagine.John.Yoko.“ Neuerscheinung Edel Verlag.

Cover _ Imagine„Imagine.John.Yoko.“ Neuerscheinung Edel Verlag.

Es ist ein respektvolles Begegnen mit dem vorliegenden Bild/Textband, welches das erste Blättern und Sehen begleitet…

Erinnerungen an Musik und Zeit, Aufbruch und Vision einer Generation, einer Epoche – zentral darin John Lennon in genialer Komposition und kompromissloser Authentizität – werden lebendig. An seiner Seite als ebenso geniale Künstlerin, Yoko Ono, die für den gefeierten Star neue Horizonte öffnet. Die Verbindung von Kunst und Leben. Aufmerksamkeit und Engagement. Im Kleinen, im Großen, Im Lauten, im Stillen. Ebenso faszinierend die liebenden Künstler. Das Dasein im gemeinsamen Weg in größten privaten wie Spannungen der Zeit. Und dann das Attentat 1980 in New York. Der Tod John Lennons. Und die Trauer einer Generation und weit darüber hinaus. In der Mitte natürlich der Song Imagine. Der Traum vom Überwinden der Grenzen in dieser Welt, eine umfassende Vision von Frieden…

All das ist im weißen Coverrahmen, dem schlichten Foto, im feinen himmelblauen Buchschnitt schon zu spüren – der Buchzauber wirkt sofort! – und die ersten großartigen Fotos, Zeichnungen und Texte nehmen dann gleich ganz zur Reise von   – Imagine/John/Yoko – mit.

Es ist eine ganz besondere Buchausgabe rund um die Entstehung von „Imagine“, den genialen tiefgründigen Klassiker moderner Musik, der jede Generation neu anzusprechen weiß, welche der Edel Verlag hier in deutscher Übersetzung vorlegt. Kurz gesagt, ist es ein großes Geschenk, das in Form und Präsentation wie in der inhaltlichen Variation und Fülle von Fotos, Texten, Interviews und multimedialer Erinnerungen begeistert. Das Öffnen des Buches gleicht einem Zeitsprung, der in hervorragenden eindringlichen Fotos umfängt, die zu gut abgestimmten Textelementen gesetzt sind. Erstaunlich wie die Fülle unveröffentlichter Fotos ist auch die Bandbreite der Interviews von unmittelbaren MusikollegInnen bis zur Nachtportierin im Studio, die sich an die Studioarbeiten zum Album Imagine (1971) und die Songs erinnern, die im Buch chronologisch vorgestellt werden.

Ein Buch als umfassendes Kunstwerk, welches das Musikgenie John Lennon anhand seines einflussreichsten Albums Imagine in Bild, Text und Erinnerungen in atemberaubender Weise vorstellt.

Walter Pobaschnig, Wien 3_2019

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Clemens J.Setz, Der Trost runder Dinge, Erzählungen. Neuerscheinung Suhrkamp Verlag.

 

Clemens J.Setz, Der Trost runder Dinge, Erzählungen. Neuerscheinung Suhrkamp Verlag.

Es ist eine kurze Nacht ohne Traum. Es ist die Nacht vor dem Abflug. Kanada. Für vier Wochen. Ein Literaturfestival. Er ist nicht der einzige Österreicher da. Das Morgengespräch mit Marianne kommt zwischen Musik, Avocados und dem Reisegedanken langsam in die Gänge. Er ist oft auf Reisen. Und diesmal sollte es mit Kanada klappen. Doch am Flughafen kommt es zu Verzögerungen. Schließlich doch das Einstiegen. Das Anrollen. Doch dann ein plötzlicher Halt. Die Passagiere müssen aussteigen. Er macht sich auf den Weg nach Hause. Doch als er die Tür öffnet, ist alles anders. Menschen kauern überall in der Wohnung. Am Flur, in der Küche, im Schlafzimmer. Marianne gibt ihnen zu trinken, sucht Decken und beugt sich sorgend zu ihnen. Er ist zunächst starr und folgt still Marianne, die in dieser Dramatik jedoch ganz zu sich gekommen scheint. Jeder Schritt, jede Bewegung, jedes Wort von ihr zeigt jetzt eine tiefe Verbindung mit der Welt, die er mit ihr bisher so nicht erlebte. Was geschieht hier? Was ist jetzt mein (schreibendes) Leben und was tragende Liebes-/Lebens_Realität? Und warum kommt ihm wieder der Name des Schriftstellers in den Sinn…dieses Rätsel ist in jedem Fall schwieriger zu lösen als jenes in der Wartezeit am Flughafen…

„Südliches Lazarettfeld“ ist der Titel der ersten Erzählung im neu erschienenen vorliegenden Sammelband des vielfach ausgezeichneten österreichischen Kultautors Clemens J.Setz, der Leserin und Leser wieder eindringlich wie begeistert mit der Sprachvirtuosität und Gedankenhochschaubahn vertraut macht, die mit Leichtigkeit aus und in die alltägliche Welt springt und staunend wie gespannt folgen lässt. Ob in der Frage der ersten Erzählung, was nun eigentlich Welt und Liebe in und mit schreibender Existenz sein kann oder im dramatischen Kosmos von Komödie und Tragödie, Leben und Verhängnis weiterer ProtagonistInnen der Erzählungen, der Autor weiß in einzigartiger Weise mit der Sprache am alltäglichen Leben zu rütteln und hintergründig eben nach diesem in Wahrheit, Liebe und Freiheit zu fragen. Ein genialer Erzähler, von dem es nicht genug zu lesen geben kann.

Ein faszinierendes Nacktbaden der Gedanken im literarischen Zerfetzen von Sprach- und Weltroutine.  

 

Walter Pobaschnig, Wien 3_2019

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Nico – Biographie eines Rätsels“ Tobias Lehmkuhl. Neuerscheinung Rowohlt Verlag.

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„Nico – Biographie eines Rätsels“ Tobias Lehmkuhl. Neuerscheinung Rowohlt Verlag.

Es sind die Jahre des Krieges und das sich langsam wieder findende Leben nach dem schrecklichen Grauen, die für das Junge Kind und Mädchen in Berlin zum Schauplatz von Angst und Traum werden. In den Trümmern der zerbombten Stadt und der eigenen zerrissenen Familie sucht das Mädchen nach Ausblick und Perspektive. Sie findet diese schon sehr früh in Mode und Kunst. Es gilt der Zeit neue Träume zu geben und dazu trägt Mode viel bei. Schon bald wird sie zum viel gebuchten Model zwischen Berlin, Rom und Paris. Die Modemagazine der Zeit reißen sich um diese makellose Schönheit, die nun etwa das Cover der Vogue und weiterer Illustrierten ziert. Auch das Interesse der Filmwelt ist geweckt und die erste Rolle lässt nicht lange aus sich warten. Dann der mutige Weg nach New York zu Andy Warhol. Experiment und Innovation ziehen das vielgefragte Model an und sie geht jetzt einen ganz neuen Weg in Musik und Performance. In der von Andy Warhol initiierten Musikformation Velvet Underground wird sie als Nico zum charismatischen star neben Lou Reed und John Cale. Weitere beachtliche Musik- wie Kunstprojekte folgen, die den Kreis eines schillerndem wie dunklem mutigen Leben in Sehnsucht und Traum ausdrucksstark wie tragisch schließen lassen…

Der renommierte Journalist und Autor, Tobias Lehmkuhl, legt mit „Nico – Biographie eines Rätsels“ eine bemerkenswerte Spurensuche zu einer der charismatischsten, talentiertesten wie eigenwilligsten KünstlerInnenpersönlichkeiten der Moderne vor. Die Faszination ihrer Musik im sehr reduzierten melodisch-tragischen Ausdruck weckt bis heute das künstlerische Interesse und inspiriert über Generationen hinweg. Die Persönlichkeit der deutschen Künstlerin blieb und bleibt dabei weitestgehend ein Rätsel, das der Autor in Bild- wie biographischen und kulturhistorischen Zugängen variantenreich öffnet und so interessante Einblicke in Leben und Zeit frei gibt. Besonders eindringlich kommt dabei die Kompromisslosigkeit der Künstlerin ans Licht, die stets authentisch ihren Weg suchte und ging.

„Eine beeindruckende biographische Spurensuche zu einem Superstar der Mode, Musik und Kunst der 1950/60er Jahre in Traum, Talent und Tragik.“

 

Walter Pobaschnig, Wien 3_2019

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„Jesolo“ Tania Raich. Roman. Neuerscheinung Blessing Verlag.

 

„Jesolo“ Tania Raich. Roman. Neuerscheinung Blessing Verlag.

Und jetzt der Sommerurlaub. Jesolo. Der Sandstrand, das Meer, das Hotel, die Liegestühle. Alles wie gehabt. Für Andrea und Georg. Ausspannen im Rundumblick zum bunten Sommerleben. Dazwischen leichte Erinnerungen, gemeinsames Lachen, Schwimmen, Spaziergänge am Abend und das Essen im Sonnenuntergang…

Doch das gewohnte sommerliche Ankommen wirft nun bei Andrea Fragen nach der Zukunft auf. Nach dem Ankommen in der Partnerschaft nach der Rückkehr aus dem Sommer. Weitere Schritte mit Georg. Wie ist es jetzt? Wie wird, kann es sein? Am Meer, am See, im Haus, mit Kindern, mit neuen Aufgaben und Herausforderungen…

Dostojewski liegt bei Andrea am Tischchen am Strand. Ihr Blick geht jetzt tief in die Seele und fragt wie strebt nach Lebensstufen. Und auch ihre Welt dreht sich jetzt schneller vorwärts als sie zurückzukommen. Sie ist schwanger und jetzt wird das Leben zum geplanten, in dem sie ihre Rolle und ihr Selbstbewusstsein stets neu zu suchen und zu verteidigen hat…

Die Autorin, Literaturwissenschaftlerin und Historikerin Tania Raich legt mit „Jesolo“ ein fulminantes Romandebüt vor. In direkter Sprachwucht reißt sie der modernen Seele ihre Fassaden und Facetten gesellschaftlicher Rollenerwartung vom Leib und greift nach dem Herz des Menschen im Fokus von Freiheit und Entscheidung. Raich knüpft an große literarische Traditionen an und lässt diese in selbstbewusster Form und Inhalt im 21.Jahrhundert ankommen. Tania Raich sitzt mit Beauvoir und Bachmann am Schreibtisch und macht sich fabelhaft dabei. Jedes Wort, jeder Gedanke trifft und wird zum Spiegel einer Gesellschaft in Nebel und Wahrheit.

 

Walter Pobaschnig, Wien 4_2019

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„Die Ratten“ Sensationelle Premiere am TAG Theater Wien, 3.4.2019

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„Die Ratten“ Sensationelle Uraufführung am TAG Theater Wien, 3.4.2019

Der Raum hat keine Türen und Fenster. Der Eingang ist ein Geworfensein, ein verzweifeltes an der Wand entlang Tasten, ein starres Verharren oder ein Fliehen. Und so oft ein Zusammenbrechen von Körper, Seele, Mitmensch, Aufgabe, Tag und Nacht. Ein verhängnisvoller Spielort des Lebens in gestundeter Raum_Zeit.

Die junge Frau ist schwanger und allein. Ihr Leben lässt auf das Kommende keinen Ausblick zu. Sie kennt nichts anders als das Allein-Sein im angestrengten Dasein zwischen täglichem Brot und Sorge. Nun lernt sie Frau John kennen, die ein Kind verloren hat und sich weiter mit ihrem Mann so sehnlich Nachwuchs wünscht, um Perspektiven und Sinn zu gewinnen. Frau John setzt nun alles daran, das Kind so schnell als möglich in die schon vorbereitete Wiege zu legen und ein Familienglück um jeden Preis an sich zu reißen. Die junge Frau stimmt in ihrer Verzweiflung zu. Doch dann wendet sich das Blatt und sie will ihr Kind wiedersehen. Jetzt ist der Bruder von Frau John am Zug und ein dramatisches Finale zwischen neugeborenem Leben und Tod setzt ein, in dem alles an Wunsch und Hoffnung in Lüge und Gewalt zerbricht…

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Regisseur Liepold-Mosser und Dramaturgin Tina Clausen gelingt es in Text und Inszenierung in außergewöhnlicher Weise das sozialkritische Drama „Die Ratten“ (1911) von Gerhart Hauptmann (1862-1946) in sprachlicher wie gesellschaftlicher Wucht in die Gegenwart setzen und mit einer mitreißenden Sprachkunst im atemberaubenden Wechsel von absurder Komik und dramatischer Ansprache zu begeistern. Zweifel und Verzweiflung in Leben und Zeit werden in Sprache und Körperausdruck genial eindrücklich in Aktion und Verharrung ausgedrückt. Es sind zweifellos Höhepunkte und Maßstäbe modernen Theaters, die hier von Regie, Dramaturgie, dem hervorragenden Ensemble wie Bühnenbild und dem gesamten Technikteam gesetzt werden.

„Ein Theaterabend als Meisterwerk. Großartig in allem und von allen. Regisseur Bernd Liepold-Mosser, Dramaturgie Tina Clausen und das hervorragende Ensemble Lisa Schrammel Georg Schubert Michaela Kaspar Jens Claßen Raphael Nicholas katapultieren Gerhart Hauptmann einmalig sprachgewaltig und ausdrucksstark in das zerrissene gehetzte Herz des 21.Jahrhundert und erobern Wien.“

 

DIE RATTEN

Uraufführung

Von Bernd Liepold-Mosser

Frei nach Gerhart Hauptmann

Es spielen: Jens Claßen, Michaela Kaspar, Raphael Nicholas, Lisa Schrammel, Georg Schubert

Text und Regie: Bernd Liepold-Mosser

Ausstattung: Karla Fehlenberg

Dramaturgie: Tina Clausen

Musik: Boris Fiala

Licht: Hans Egger, Katja Thürriegl

Ton/Video: Peter Hirsch

Technik: Andreas Nehr

Regieassistenz: Renate Vavera

Regiehospitanz: Ann-Kathrin Pfahler

Kostümbetreuung: Daniela Zivic

Maske: Beate Lentsch-Bayerl

 

TAG

Theater an der Gumpendorfer Straße

Gumpendorfer Straße 67

1060 Wien

Weitere Vorstellungen:

FR 5., SA 6., DI 9.*, DO 11., FR 12., DO 25., FR 26 UND SA 27. APRIL 2019, 20.00

Di 7., Mi 8., Fr 10., Sa 11., Fr 17. und Sa 18. Mai 2019, 20.00

 

Walter Pobaschnig 3.4.2019

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„My Generation – Roger Daltrey“ Die Autobiographie. Neuerscheinung Bertelsmann Verlag.

My Generation von Roger Daltrey

 

„My Generation – Roger Daltrey“ Die Autobiographie. Neuerscheinung Bertelsmann Verlag.

  1. Florida. Das Publikum des Ford Amphitheatre in Tampa ist in großer Erwartung. Einerseits sind es Fans, die eine der Kultbands ihrer Jugend wiedersehen und vor allem wiederhören wollen und anderseits sind es deren Kinder und Enkel, welche die Faszination dieser legendären Rockband auch erleben wollen. Sie stehen dicht gedrängt. Auch hinter der Bühne herrscht Anspannung. Es ist auch nach Jahrzehnten etwas Besonderes ein Rockkonzert zu geben und der Sänger und Gittarist bereiten sich ruhig und professionell vor. Dann ertönen die ersten Musiktakte und Roger Daltrey und Pete Townsend brandet Jubel entgegen – „my generation“, The Who, ein unverwechselbarer Sound und eine charismatische Stimme. Zwei des legendären Quartetts sind jetzt hier und lassen sich von einer Welle der Begeisterung tragen. Daltrey nimmt das Mikrofon in die Hand und schwingt es, sein Markenzeichen, doch dann, er hält inne, schwankt er, fällt, 20 000 Fans halten den Atem an. Stille. Die knapp 80 Konzerte der letzten 9 Monate hatten ihren Tribut gefordert. Im Krankenhaus werden ein viel zu niedriger Körpersalzgehalt und ein Rückenwirbelbruch festgestellt. Daltrey erinnert sich nicht an Bruch, der schon lange zurückliegen muss. Ein Ausdruck und Symbol eines rastlosen Lebens für die Musik, seit über 50 Jahren…

Doch auch ein Innehalten – Zeit sich an Stationen, Etappen, Menschen zu erinnern und all dem Raum zu geben was ein faszinierendes Musikerleben ausmachte, begleitete, beeinflusste und bis in die Gegenwart inspiriert und trägt – auch mit gebrochenen Rückenwirbel…

Der charismatische Leadsänger und Gründungsmitglied der legendären englischen Rockband The Who legt seine lang erwartete Autobiografie vor, die eine faszinierende Zeitreise in die Musikwelt der 1960/70er Jahre bietet wie auch einen facettenreichen Lebenslauf vom Kriegskind über Schulabbruch, Beruf und schließlich der Karriere auf den größten Rockbühnen der Welt mitreißend nachzeichnet.

„Eine Legende der Rockmusik blickt auf die Zeit der Woodstock-Generation zurück und lässt diese faszinierend lebendig werden“

Walter Pobaschnig, Wien 3_2019

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„Und andere Formen menschlichen Versagens“ Lennardt Loß. Roman. Neuerscheinung weissbooks.

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„Und andere Formen menschlichen Versagens“ Lennardt Loß. Roman. Neuerscheinung weissbooks.

Es ist gestundete Zeit, die Hannes Sohr noch bleibt. Eine Patrone steckt seit 17 Jahren zwischen Magen und Milz fest. Und sie wandert weiter, kontinuierlich. Und jetzt sitzt Sohr im Flugzeug nach Buenos Aires, fort von dunkler Vergangenheit in Terrorismus und Gewalt. Und der Hoffnung auf neues, oder zumindest etwas Leben. Und damit ist er nicht alleine hier. Jetzt, als es abrupt nach unten in den Pazifik geht…

Treibend im Meer, ist Marina neben Sohr. Überlebend zwischen den Toten. Einer von diesen  ist Aco, der als Filialleiter zwischen den täglichen Kontrollgängen am Mineralwasserregal von Zweisamkeit träumte. Prickelnd oder still. Er fand es mit Carla und Zwillingen im Bungalow. Doch Marina war weiterhin in seinen Gedanken und denen flog er hinterher…

Es sind Lebensläufe zwischen gesellschaftlichem und privatem Leergut in nicht enden wollenden alltäglichen Marathondistanzen zwischen Traum und Wirklichkeit, die jetzt endgültig vom Himmel stürzten – zwischen nie gewesenem Leben und einem Bleistift aus kalifornischem Zedernholz um 179,99 Dollar…

Lennardt Loß, Bachmannpreisteilnehmer 2018, legt mit seinem ersten Roman ein erzählerisch gekonnt verwobenes Drama vor, das Leserin und Leser in einer Hochschaubahn von Sprache und Phantasie auf 155 Seiten mitreißt. Es ist eine Aufmerksamkeit für Lebenslabyrinthe, die mit dem Instrumentarium Sprache das postmoderne roadmovie individueller Biographiebrüche einzigartig starten, fliegen und tragisch-komisch zerschellen lässt.

Der Autor fokussiert in direkter phantasievoller Spannungskonstruktion besondere Lebenssituationen, in denen sich alles auf den Kopf stellt und das Spiegelbild des Lebenslaufes im skurrilen Rundumblick zerschellt. In diesen Momenten von Drama und Komödie geht es aber ebenso um den Moment der Erkenntnis. Um Aufklärung und Hoffnung. Wir fallen immer aus den Wolken. Und vielleicht bleibt danach noch Zeit – zum Leben. Wenn schon nicht davor.

 

Walter Pobaschnig, Wien 3_2019

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„Ich will“. Begeisternde Uraufführung des E3 Ensemble, Wien. 22.3.2019

„Ich will“. Begeisternde Uraufführung des E3 Ensemble, Wien. 22.3.2019

Es ist eine Maskerade in Gold. Eine Hochzeit. Die Kleider (müssen) sitzen. Die Choreografie von Fest und Tradition ist vorgegeben. Das erleichtert zunächst die Teilnehmenden im Anspruch von täglicher Rolle, Sorge und Selbstzweifel. Hier ist jetzt alles anders. Fröhlichkeit wird zelebriert, ein Meister geht voran, Sekt und Musik lassen schnell in eine rasende Ordnung finden…

 

 

Doch in den Leerstellen, wenn die Musik stoppt, tauchen Fragen auf – Liebe, Treue, Existenz, Zukunft. Jetzt wird am Gold gekratzt bis die Seele blutet. Ein Wettlauf der Emotionen beginnt, in dem nichts mehr an seinem Platz bleibt. Offene Fragen regieren, die aufeinander und gegeneinander prallen lassen und stumm offen bleiben bis es Dunkel wird…

Das E3 Ensemble packt in seiner zehnten Produktion beeindruckend komödiantisch wie tiefsinnig Zeit und Leben am (vermeintlichen) goldenen Kragen und stellt in einer fulminanten grotesk-tragischen Revue Grundfragen gegenwärtiger Lebenswirklichkeit in Sinn und Perspektive. Rollenbilder, Rollenzuschreibungen und die Frage nach existentieller Authentizität, Zukunft und persönlicher Kraft werden in einmaligem Spieldialog zelebriert. Die Generation der Gegenwart im permanenten Druck von Präsentation und Darstellung, Glanz und Perfektion in allem, wird auf die Bühne gehoben und das Publikum folgt diesem ästhetischen Kunstgriff gebannt.

Das innovative wie experimentierfreudige Wiener Ensemble zeigt dabei eine ganz außergewöhnliche Spielpräsenz und Ansprache, welche das Publikum in absurder Komik mitreißt wie in Traurigkeit still innehalten lässt. Dieser Kunstgriff gelingt einmalig und es sind ganz besondere Momente dieses Theaterabends im Dialog von Erschütterung und Erkenntnisanspruch zwischen Bühne und Publikum. Ebenso kommt einmalig die Wiener Seele in Musik, Melancholie und nihilistischem Schwung in den Schauspielblick. Die implizite Reflexion von An- und Abwesenheit in Sinnfrage und Weltverständnis knüpft inhaltlich an Traditionen des Absurden Theaters an und auch hier gelingt ein ästhetisch-kritischer Transfer in Aktualität und Aufmerksamkeit.

Das E3 Ensemble regiert wieder Wien. Das steht außer Zweifel.

Weitere Spieltermine: 28., 29., und 30.März 2019. Off.Open.Box, 1070 Wien.

 

Alle Fotos: Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig, Wien 3_2019

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„Frühlingserwachen“ Regie und Schulensemble der HLMW9, Wien begeistern mit selbstbewusster Theaterinszenierung, 21.3.2019.

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Ein Klassenraum, Schulsessel, ein Standspiegel, ein Mantel und ein Klavier. Ein reduziertes, klug gesetztes Bühnenbild – dem Inhalt des Stückes wie dem Ort der Inszenierung und dem spielenden Ensemble entsprechend – empfängt das Publikum. Dann der Morgen. Das Ankommen in der Klasse. Laut, leise, Aufmerksamkeit suchend oder still Platz nehmend. Die Hausübung, die Eltern und vor allem der Wochenendausblick mit Partytreffen werden zu Themen in Gruppe und Freunden. Da gibt es Lachen wie Gehässigkeiten, Rivalität und Mitgefühl, Interesse und Ignoranz. Es ist eine tägliche Bühne und eine Suche wie ein Versteck von Erwartungen, Sorgen und Erfahrungen zwischen Wunsch und Angst – unser Heute und Morgen, aber wie?

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Melchior und Wendla kommen sich in der Partynacht näher. Sehnsucht wird zum Traum der Nacht, dem sie sich leidenschaftlich hingeben. Am Morgen stehen sie vor dem Spiegel der Nähe. Vor Grenzen, Erwartungen und Sprüngen. Melchior ist von Wendlas Wunsch nach Schmerzerfahrung überrascht und stimmt widerwillig zu. Er spricht mit seinem besten Freund Moritz darüber und auch dieser versucht sein Innerstes zu öffnen, aber es gelingt ihm nicht. Zu viel steht im Weg für ihn. Sein Ausweg bleibt nur das Dunkel. Die Verzweiflung und die Ratlosigkeit der SchülerInnen bleiben. Lichter erinnern jetzt an Moritz. Wortlose Stille von Nacht umgeben und dann das Aufstehen, Weitergehen in den oft so ungewissen, unverständlichen nächsten Morgen…

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Regisseur Alexander Hoffelner, Schauspieler, Theaterpädagoge und Professor am Aufführungsort der HLMW9 (Höhere Lehranstalt für Mode und wirtschaftliche Berufe, 1090 Wien) begeistert mit dem großartigen Schulensemble das zahlreich erschiene Premierenpublikum. Das Drama „Frühlings Erwachen“ von Frank Wedekind (1906 Uraufführung) kommt in dem dialogischen Erarbeitungsprozess zwischen Ensemble, Stück und Regie als fulminante authentische Lebensreise zu Erlebnis, Anforderung, Sinn und Tragik zeitlos am Bühnenboden der Schule an. Es gelingt Ensemble und Inszenierung begeisternd und in Gänsehaut Inhalt und Dramaturgie mitreißend seelengenau in die authentische jugendliche Erfahrungswelt in Anforderung wie individuellen Lebensträumen und –bausteinen zu setzen und zu reflektieren. Dazu ist Regisseur und Ensemble in höchster Anerkennung zu gratulieren. Besonders auch unter den Voraussetzungen eines laufenden Schuljahres, in dem Erarbeitung und Proben in anspruchsvoller Balance zu Prüfungen und Tests im Fächerkanon zu leisten waren und sind.

Hervorzuheben ist neben der inhaltlichen und dramaturgischen Qualität der Inszenierung das schauspielerische Niveau des Ensembles, welches in Körper- wie Sprachpräsenz überzeugt. Ebenso ist die Textsicherheit wie das dialogische und gruppensynchrone Spiel in Bewegung und Ansprache (Großes Kompliment auch an Technik und Musik) äußerst beachtlich. Das Ensemble und Regie zeigen was Bereitschaft, Begeisterung und Teamwille zustande bringen können und es ist diesem großartigen Schulprojekt weiterhin viel Erfolg und Freude zu wünschen – vielen Dank und Gratulation zu diesem wunderbaren Theaterabend!

 

 

 

 

sdr

 

 

Alle Fotos_Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig, HLMW9

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„Vor der Flut“ Corinna T.Sievers. Roman. Neuerscheinung Frankfurter Verlagsanstalt

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„Vor der Flut“ Corinna T.Sievers. Roman. Neuerscheinung Frankfurter Verlagsanstalt

Sie lebt auf der Insel. Und diese ist immer nahe daran verschlungen zu werden. 1850 gab es eine Katastrophe, 1962 eine Sturmflut und jetzt rückt der Eisberg in den Wintermonaten bedrohlich nahe. Im stillen Eheozean mit Hovard, ihrem Ehemann, ist auch sie täglich nahe daran in Demütigung unterzugehen. Ihr Beruf hält sie. Die Aufmerksamkeit für Menschen, die proportional mit der Distanz und Ignoranz Hovards zunimmt. Ihre Aufmerksamkeit in allem steigert. Von Kopf bis Fuß. Besonders auf die Männer. Und diese holt sie sich – wie das Meer die Insel. Im Sturm. Und wirft sie zurück. Mit Liebe hat das nichts zu tun hier. Nur mit Lust. Und die hat einen Zweck…

Dann betritt Erik ihre Zahnarztpraxis. Er ist verheiratet. Das Interesse beider ist geweckt. In seinem Haus kommt es zum Akt. Er will ein Wiedersehen. Will, dass Sie über Nacht bei ihm im Hotel bleibt. Doch der bestimmende wie gegenüber den Affären seiner Frau tolerante Hovard ist irritiert. Stürzt im gemeinsamen Haus und ist hilflos am Boden. Doch Sie bricht auf. In einem Abend voller Ungewissheiten, Begegnungen und Katastrophen, die alles verändern werden…

Corinna T.Sievers, Schriftstellerin und Kieferorthopädin, Bachmannpreisteilnehmerin 2018, legt mit ihrem dritten Roman „Vor der Flut“ eines der tiefsinnigsten und radikalsten Bücher vor, die je über den Anspruch von modernem Frau- wie Mannsein geschrieben wurden.

Es geht im mitreißenden spannungsgeladenen Erzähltempo um die selbstbewusste innere Befreiung einer Frau im Ehealltag. Transzendenz, im Sinne persönlicher Mitteilung und Bewegung mit- und zueinander, ist zum Loch an der kahlen Ehewand über der Analyse-Wohnzimmercouch geworden. Nichts füllt diese Leerstelle, die auch symbolisch auf den kulturgeschichtlichen Prozess von Wert zu Nihilismus verweist. Darin findet sich das selbstbewusste Ringen von Judith gegen die völlige persönliche Auflösung im subtilen wie hilflosen Machtanspruch des Mannes wieder. Lust als (imaginierte) Ekstase vollzieht Judith jetzt in Selbstbewusstsein wie Distanz und der Bloßstellung des Mannes als (gespiegeltes) Sexualobjekt.

Die Autorin legt eines der besten Bücher zu Vision und Realität von Frau und Mann in schonungsloser wie beeindruckender Analyse und sprachlicher Raffinesse vor. Es ist eine erzählerisch fulminante humorvoll radikal feministische Ansprache an moderne Beziehungswirklichkeiten im fordernden Entwicklungs- wie Verfallsprozess von Körper und Geist. Wie dezidiert ein An- wie Aufruf an den modernen Mann – seid aufmerksamer, poetischer, denkt, redet und vor allem versucht nicht einer Frau eine Mütze aufzusetzen. Denn die fliegt sofort aus dem Fenster. Und der Mann hinterher.

Ein Buch zur Zeit über weibliche Selbstbehauptung, Widerstand und Ekstase und ein Weckruf gegen das Ende von Poesie in der Gegenwart im entschiedenen Abgrenzen von modernen subtilen Formen männlicher Gewalt und Macht. Aber auch ein Buch über den Weg des Alters, der Macht der Natur, der Ohnmacht und Angst des Menschen wie der unendlichen Hoffnung und Geduld der Liebe.

 

„Ein literarisches Ereignis, das in sprachlicher wie inhaltlicher Raffinesse und Tiefsinnigkeit einzigartig beeindruckt und Mann und Frau der Gegenwart radikal anspricht.“

 

Walter Pobaschnig, Wien 3_2019

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