„Die Stühle“ Eugene Ionesco. Inszenierung und Ensemble begeistern am Akademietheater Wien, 16.3.2019.

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„Die Stühle“ Eugene Ionesco. Inszenierung und Ensemble begeistern am Akademietheater Wien, 16.3.2019.

Es ist eine kahle dunkle Zimmerflucht mit einem Stuhl und vielen Türen, in der sich ein älterer Herr und seine Frau, Semiramis, wiederfinden. Das Rauschen des Meeres ist zu hören. Sie sind auf einer Insel. Paris ist zerstört und auch sonst hat sich das Land völlig verändert. Er steht jetzt starr auf der Leiter und blickt zum Meer. Fenster gibt es keine. Wie überhaupt keine Ausblicke in ihrem gemeinsamen Leben. Nur Rückblicke. „Was du nicht alles hättest werden können“ – wiederholt seine Frau im dröhnenden Stakkato. Er denkt an seine Mutter, an den Schmerz des Verlustes, den er bis heute nicht erträgt. Doch jetzt erwarten sie Gäste. Und die erwarten eine, seine Rede. Sie sind angespannt. Tür um Tür öffnet sich und die Schöne, der Oberst, der Redakteur und viele mehr nehmen nun auf den eilig herbeigeholten Stühlen unsichtbar Platz. Doch sie sind für das Ehepaar in ihrer lebhaften Ansprache und Bemühen da. Zum Schluss tritt nun ein Redner ein, der das Sprechen, das nur ein unverständliches Artikulieren ist, übernimmt. Da ist das Ehepaar schon entschwunden. In verschiedene Richtungen. Im Sturz. Im Nebel. Aus der Leere des Raumes…Adieu.

Die Neuinszenierung des im April 1952 in Paris uraufgeführten Stückes „Les Chaises“ (Die Stühle) von Eugene Ionesco, einem der bedeutendsten Dramatiker und avantgardistischen Schriftsteller der Nachkriegszeit, am Wiener Akademietheater wird zum fulminanten Erfolg von Regie- und Schauspielkunst. Claus Peymann und Leander Haußmann wie das Ensemble mit Maria Happel, Michael Maertens und Mavie Hörbiger zeigen in atemberaubender Weise wie die zeitlose Kraft und Wucht des Stückes in der Gegenwart ankommen und das Publikum im Spannungsbogen absurder wie tiefsinniger Farce mitgerissen werden kann. Es ist szenisch einmalig wie Happel und Maertens einen Bühnendialog ins Leere mit den unsichtbaren Ankommenden führen und dabei in synchroner Mimik, Gestik, Bewegung und Sprache begeistern. Das ist Theater auf höchstem Niveau und es ist ein Geschenk hier im Publikum dabei sein zu dürfen. Hervorzuheben ist auch das hervorragende Bühnenbild wie Kostüm und Musik, welches den Spielrahmen wunderbar setzt und eindringlich bis zum Finale wirkt.

Inhaltlich lässt die Inszenierung Zugänge offen und setzt damit ganz auf die kraftvolle individuelle Ansprache des Stückes an sich. Auch dies gelingt, gerade auch im Sinne des 1994 verstorbenen rumänischen Dramatiker Ionesco, der in Paris lebte und arbeitete, großartig. Das Publikum nimmt sich die existentielle Einsamkeit des Alterns in Rückblick und Vorwurf, die tragische Suche nach Sinn und Transzendenz wie das Scheitern daran, oder auch das sehnsuchtsvolle Erwartens eines allwissenden Redners, der vom Podium aus, die namenlose Masse an und zu sich zieht, mit in den Theatersessel und dann mit nach Hause. Ganz im Sinne dieses kontextoffenen Theaters (Absurdes Theater), welches die dramatische Struktur ganz in die persönliche Reflexion des Publikums hebt.

Die Inszenierung am Akademietheater ist auch ein dramaturgisches Wiedersehen mit Claus Peymann (von 1986-1999 Direktor am Burgtheater, Inszenierung Heldenplatz 1988), der leider aufgrund einer Erkrankung nicht bei der Premiere anwesend sein konnte aber mit dem Regiepartner Leander Haußmann mit dieser Stückwahl Wien begeistert.

„Ein Theaterabend, der einfach alles zu bieten hat was Schauspiel so wunderbar und auch so wichtig macht!“

Walter Pobaschnig, 17.3.2019

Alle Fotos_Walter Pobaschnig

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