„messerscharfe Beobachtung und existenzielle Wucht“ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Thomas Erlmoser, Schauspieler _ Wien 19.5.2026

Ingeborg Bachmann _ Thomas Erlmoser

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

im Interview _ Thomas Erlmoser, Schauspieler _ Wien.

Lieber Thomas, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?

Mein Weg zu Bachmann führt vor allem über ihre Erzählprosa. Besonders intensiv habe ich mich mit den Erzählungen aus „Das dreißigste Jahr“ auseinandergesetzt. Was mich dabei besonders packt, ist ihre gnadenlose Analyse der Nachkriegsgesellschaft, wie sie sie etwa in „Unter Mördern und Irren“ beschreibt.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Für mich ist es diese Verbindung aus messerscharfer Beobachtung und existenzieller Wucht.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

Ich möchte hier die Wirtshausszene in „Unter Mördern und Irren“ hervorheben. Wie sie dort diese beklemmende „Haberer“-Atmosphäre einfängt, ist meisterhaft. Ein weiterer Schlüsselmoment ist für mich das Ende der Erzählung „Das dreißigste Jahr“, das nach einer tiefen Krise plötzlich einen Moment absoluter Klarheit und Unversehrtheit bietet. Die Bedeutung von „Moll“ – Jeder ist Moll Ein zentraler Aspekt, der mir bei der Lektüre klargeworden ist, ist die Bedeutung des Begriffs „Moll“. In der Musik steht Moll für das Dunkle und Melancholische, was die Grundstimmung vieler Erzählungen perfekt trifft. Aber noch tiefer geht die etymologische Wurzel: Das lateinische mollis bedeutet „weich“ oder „geschmeidig“. Wenn ich sage „jeder ist Moll“, meine ich diese gefährliche moralische Weichheit. Es beschreibt Menschen, die keine feste Substanz haben, die mitschwimmen und schweigen, wenn sie eigentlich aufstehen müssten. Diese weiche Indifferenz ist der Nährboden für die zerstörerischen Strukturen, die Bachmann so scharf kritisiert. Es ist eine Welt, die ihren „harten“ moralischen Kompass verloren hat und in einer dunklen, weichen Gleichgültigkeit versinkt.

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Ich sehe diese Kritik vor allem in der Darstellung einer Gesellschaft, die sich der eigenen Wahrheit verweigert. In der Wirtshausgeschichte sitzen Menschen wie Herz, die vertrieben wurden, am selben Tisch wie die Profiteure von damals. Diese verlogene Gemütlichkeit, in der man sich gegenseitig befiehlt, „das Maul zu halten“, ist für mich das Sinnbild einer zerstörerischen Welt, die auch heute noch in Form von Seilschaften und Schweigekartellen existiert.

„Die Männer sind unheilbar krank…“ – wie lieben wir nach/mit Bachmann?

Liebe bedeutet bei Bachmann oft ein schmerzhaftes Erwachen. Wenn die Welt um uns herum „krank“ ist, spiegelt sich das auch in den Beziehungen wider. Für mich heißt „nach Bachmann lieben“, radikal ehrlich zu sein – zu sich selbst und zum anderen – und den Mut zu haben, aus den alten, zerstörerischen Rollenmustern auszusteigen.

Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Bachmann sprach von einer „asozialen, einsamen, verdammten“ Existenz. Ich persönlich glaube aber nicht, dass man in diesem Martyrium verharren muss. Für mich ist Entwicklung eine Entscheidung. Man muss nicht superintelligent oder ein Genie sein, um etwas Sinnvolles zu tun. Es geht um die aktive Beschäftigung mit Dingen, die einem Freude bereiten und Sinn stiften. Das Tun ist für mich das Heilmittel gegen die Einsamkeit und das „Verdammtsein“.

Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?

Mir ist wichtig, dass man Bachmann nicht nur als leidende Figur sieht. In ihrem Werk steckt eine enorme Kraft zur Erneuerung. Es geht um die Fähigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden und sich nicht von der Vergangenheit oder gesellschaftlichen Erwartungen lähmen zu lassen. Aktivität und stetige persönliche Entwicklung sind Wege, die sie uns – vielleicht indirekt – aufzeigt.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Ich hätte sie gerne gefragt, ob sie glaubt, dass eine wirklich sinnvolle, aktive Beschäftigung ausreicht, um die Schatten der Vergangenheit endgültig zu vertreiben. Und wie man es schafft, sich in einer Welt der Mitläufer die Freude an der eigenen Entwicklung zu bewahren.

Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?

Passend zu meinem Verständnis von Resilienz und Aufbruch mein liebstes Zitat:

„Ich sage dir: Steh auf und geh! Es ist dir kein Knochen gebrochen!“

Herzlichen Dank für das Interview!

Thomas Erlmoser, Schauspieler

Aktuelle Theaterproduktion mit Thomas Erlmoser:

Was geschieht, wenn Vernunft effizienter wird als der Mensch? In einem nahen Jetzt geraten Kunst, Technologie und Macht in einen gefährlichen Dialog. Zwei historische Denker als KI-Avatare und eine scheinbar harmlose Idee setzen eine Kettenreaktion in Gang: Staat, Investoren und Entwickler verfolgen unterschiedliche Interessen, während ein unsichtbares System beginnt, sich selbst zu schützen. Jemand zieht einen Stecker und etwas entscheidet, dass das nicht vorgesehen war. Philosophisches Gedankenexperiment, politischer Thriller und existenzielle Parabel. Ein Stück über Freiheit ohne Pathos, Gewalt ohne Waffen – und die beunruhigende Möglichkeit, dass das Vernünftigste zugleich das Unmenschlichste sein könnte und über die Verlockung perfekter Systeme und die Frage, was von Freiheit bleibt, wenn Verantwortung delegiert wird. (Pressetext)

Spieltermine im Theater Center Forum_ Wien: . Fremde Gedanken – Theater-Center-Forum

Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann

Fotos: „Fremde Gedanken“ _ Produktion/Presse.

Foto: Station bei Bachmann _Thomas Erlmoser, Schauspieler _
erster Wohnort von Ingeborg Bachmann in Wien/1946 _
Walter Pobaschnig 5/26.

Walter Pobaschnig, 5.5.26

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