„Waiting Plots“ Zur Poetik des Wartens um 1900. Andrea Erwig. Neuerscheinung Wilhelm Fink Verlag.

 

„Waiting Plots“ Zur Poetik des Wartens um 1900. Andrea Erwig. Neuerscheinung Wilhelm Fink Verlag.

Das Warten an der Haltestelle. Im Supermarkt. Im Restaurant. Am Einlass ins Museum. Am Computer. Warten bedeutet ein Anhalten bzw Angehaltenwerden der Lebensbewegung. Dabei öffnet sich ein Gedankenraum der Emotionen und/oder Reflexion. Das Warten wird so zu einer Tätigkeit, die zurück und voraus wie in den Spiegel des Selbst blicken lässt. Eine alltägliche Erfahrung, die sich in der existentiellen Spannung von Lebenshoffnungen, -wünschen und –ereignissen grundlegend verdichtet. Damit wird das Warten auch ein zunehmendes Thema der Kunst in der Moderne. Ob in Erzählung, Drama oder ästhetischem Experiment. Der Seelenblick in den wartenden Menschen wird zum kreativen Interesse, welcher auf einen langen Traditionsstrang bis in die Antike zurückreicht und bei Homer in der Person der Penelope und deren Strategien des Wartens einen eindrucksvollen Anfang nimmt. In der Jahrhundertwende (1900) kommt dieser Thematik besonderer Literaturraum zu, der auch wesentlich im Zusammenhang zur entstehenden Psychoanalyse (Sigmund Freuds „Traumdeutung“ 1899) zu sehen ist.

Die Literaturwissenschaftlerin Andrea Erwig widmete in ihrer Dissertation an der Ludwig-Maximilians-Universität München der Thematik des Wartens in der Literatur um 1900 eine umfassende Analyse, welche die Grundlage, in leichter Überarbeitung, der vorliegenden Publikation ist.

In fünf Überblickskapitel werden psychoanalytische/philosophische Zugänge wie frühe kunsttheoretische Modelle des Wartens erläutert und davon ausgehend literarische Werke (Maeterlinck, Rilke, Kafka, Musil) in Rezeption, Transformation und Reflexion analysiert. Neben der fundierten fachwissenschaftlichen Expertise und globalen Perspektive überrascht auch der narrative Stil der Autorin, welcher zu einer spannenden literarischen Zeitreise einlädt.

Der Autorin gelingt es in außergewöhnlicher Weise mit einer fachwissenschaftlichen Arbeit gleichsam an Herz und Seele der Moderne und ihrer grundlegenden Fragen nach Identität und Intention in aller Ambivalenz und Brüchigkeit zu gelangen. Ein Fachbuch, das ganz spannende kritische Analyse der Bewegung des Schreibens und Denkens einer Epoche ist.

Walter Pobaschnig, Wien 2_2019

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