„Der Wolf vom Bodensee“ Tina Schlegel. Kriminalroman. Neuerscheinung emons: Verlag

 

„Der Wolf vom Bodensee“ Tina Schlegel. Kriminalroman. Neuerscheinung emons: Verlag

Eine Suche nach der Vergangenheit. Jetzt im Weg durch den Wald. Ein Loch in der kalten Erde. Menschen darum. Gespenstisch. Wie auch der Weg in seinem Leben. Und viele Wege hier um den See. Wege und Worte. Wie Hermann Hesse, damals. Menschen als Steppenwölfe. Wie der Vater von Anton, der alle Gedichte des verehrten Idols kannte und ihm hierher nachgereist war. Seine Familie hatte zu folgen. Bedingungslos. Und doch blieb der Vater einsam und rastlos unterwegs. Um den See, um das Leben…Und der Vater blieb nicht allein in seiner Rastlosigkeit. Damals wie heute. Still und unbarmherzig. Wie ein Wolf, der all die Angst und das Dunkle auf sich nehmen muss. Zu allen Zeiten. In der Jagd der Menschen nach ihrer verlorenen Seele…

Was vom Schriftsteller hier am See blieb sind Worte am Schreibtisch, der jetzt im Museum steht. Was vom Leben der Schriftstellerin Jana an Worten im Tagebuch blieb ist nun Gegenstand der Ermittlungen von Paul Sito, Roman Enzig, Wint und Christine Fane. Kommissar Sito, der jetzt mit Miriam und seinem Hund Zeus endlich Frieden gefunden zu haben scheint. Umgebendes Lebenslicht, das Gespenster von schwindendem Leben vertreiben kann. Doch als Sito am Urlaubsort ankommt, wird Jana tot aufgefunden. Mordverdacht. Jetzt muss er eintauchen an den Grund menschlicher Verzweiflung rund um den dunklen See. Worte, Wege, Rätsel…in einem Winter, in dem Menschen Schatten sind, Geheimnisse haben und deren tiefe dunkle Spuren der Seele nun offenbar werden…

Tina Schlegel, Schriftstellerin und Kulturjournalistin, legt mit „Der Wolf vom Bodensee“ ihren dritten Kriminalroman vor, der in seiner Raffinesse von Spannungsaufbau und Enthüllung einzigartig packt und mitreißt. Die Autorin lässt Leserin und Leser in assoziativ detektivische, biographische wie literarische Erzählräume wandeln und beeindruckt dabei mit einem Sprach- wie Handlungsbogen, der aufmerksam und hintergründig wie genreübergreifend zu begeistern weiß.

„Ein Krimi, der in seiner assoziativen Erzählspannung neue Möglichkeiten eines Genres öffnet.“

Walter Pobaschnig, Wien 2_2019

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„Watschenmann“, Uraufführung, nach dem Roman von Karin Peschka. Bühnenfassung Berenice Hebenstreit, Michael Isenberg und Ensemble. Volx_Margarethen_Volkstheater Wien, 12.2.2019.

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Ein Stuhl wirft seinen Schatten auf eine Wand voller Schusterutensilien. Dunkelheit und Vision im stummen Stillleben. Dahinter ein inselgleiches Haus, das zugleich da und nicht da ist. Eine Vorhangwelt. Dann ist eine Violine zu hören. Eine intensive Klangfarbe, welche nun die Bühne für eine Zeitreise in das Dunkle nach dem Dunklen freigibt. Wien, nach dem Krieg. Zehn Jahre danach. Streunendes, begegnendes und verstörendes Leben, das nun aufeinandertrifft. In den Trümmern der toten, schlafenden, unruhigen Seelen einer Stadt, einer Welt, die weiterlebt, weiterleben muss, nach dem Ende des Krieges und dem mühsamen Neubeginn von Freiheit. Da ist Heinrich, der Watschenmann, der den Schmerz fühlt und dazu einlädt, ihn zu teilen. Das verschlossene Innere auf ihn auszuteilen, von Kopf bis Fuß. Schlagen, leiden, weitergehen, vielleicht erlösen. Geht nicht anders. Tag für Tag. Er und Dragan, Lydia, Elmer und alle, die hier endlos scheinend unterwegs sind…

sdr

Karin Peschka öffnet mit ihrem großartigen Roman „Watschenmann“ (2014) die unruhige prekäre Seele der Nachkriegsgeneration wie einer Gesellschaft nach dem Ende von Gewalt und Tod an sich. Die Publikumspreisträgerin der Bachmannpreistage in Klagenfurt (2017) legt in einer famosen tragischen Persönlichkeitsschau Vision und Vordergründigkeit im Anspruch von Emanzipation und Verwandlung offen. Doch das ist ein schmerzhafter Prozess. Das weiß vielleicht keiner besser als der „Watschenmann“ Heinrich und dieser ringt stellvertretend bis zum Blut damit. Mit den geballten Fäusten in der täglichen Begegnung in den Jackentaschen da draußen. Auch Jahre danach. Die Geschichte des Krieges und ein literarischer Blick auf die Schatten einer Nation im Umgang mit Traumata, im Weg des Schweigens, im Kontinuum von Gewalt, den erhofften Formen von Wandlung und Verwandlung, der Präsenz von Aggression…und wo endet diese? Wo versteckt sich diese? Es ist zweifellos eines der klügsten Bücher zur Geschichte eines Landes und dem Wesen von Krieg an sich.

sdr

Die Inszenierung am Volkstheater Wien_Volx/Margareten überzeugt in ihrem selbstbewussten Weg dramaturgischer Narration. Sie setzt alles auf die Ausdruckskraft des Ensembles und gewinnt dabei alles. Dieses nimmt das Publikum einzigartig mit und lässt den Herzschlag des Romans wie den des Publikums dramatisch spüren. Die ProtagonistInnen agieren in famoser Intensität in Sprache, Ausdruck, Dialog und Virtuosität – Bühne und Musik verdichten dies zudem wunderbar. Hier geschieht Theater als Ereignis, das Geschichte und Seele in den Blick nimmt und ein Licht auf menschliche Kontinuitäten legt und im dramatischen Handlungsbogen Fragen nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Freiheit stellt. Aber auch still eine Vision öffnet, in der es um Horizonte von Erlösung, Integration, Überwindung von Gewalt in Humanität, Empathie und Liebe gehen könnte. Es sind Reflexionen zu Zusammenhängen und Ausweglosigkeiten von Krieg und Frieden, die im Spiel von der Bühne mitreißend in die Mitte der Zeit springen.

Ein großartiger Theaterabend, der weitere literarische Bühnenfassungen bestens empfiehlt.

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Walter Pobaschnig, Wien 2_2019

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„Lies mein Herz“ nach dem Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Umjubelte Uraufführung von Junges Theater Wien und Werk-X Petersplatz, Wien. 9.2.2019

 

Als das Publikum den abgedunkelten Raum betritt, sieht es eine Pierrette regungslos auf der Bühne liegen. Hände und Füße ausgestreckt. Dahinter vier leere Sessel und vier weißgekleidete Frauen und Männer, die vor einem mit Kreidestrichen gemalten Ausgang an der Wand stehen. Nichts bewegt sich hier (mehr). Ein Stillleben, erschöpft, ausweglos in sich ruhend. Doch – ist dies ein Davor oder ein Danach? Oder ein Mittendrin? Liebe hebt, Liebe trägt, Liebe fällt? Liebe…? Erzählt.

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Blitzschnell hebt sich dann die zauberhafte Pierrette und lässt den Frühling im Nachkriegswien erwachen. Es sind Worte, die in der Begegnung der jungen Studentin und Autorin Ingeborg Bachmann und des die Shoa überlebenden, heimatlosen Dichters Paul Celan eine neue Zeit tragen (müssen) und jetzt auch ihre Liebe in Erfüllung und Sehnsucht bewegen. Doch die Zeit, die Vergangenheit, bleibt in aller Schwere dem Herzen voraus. Trotzdem ringen nun beide in Briefen um eine Gegenwart, die vielleicht gemeinsam aufbauen und bauen, leben und lieben lässt. Wien, Paris, Zürich, München…immer sind es Worte, die über Lebens- und Dichterwege verbinden. Ein Sehnen, ein Ringen um „die Zeit, das es Zeit wird…“ zwischen Kreidestrichen der Liebe an den schwarzen Wänden der Schatten der Toten…“…Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng…“.

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Die Uraufführung „Lies mein Herz“ begeistert in Inszenierung und schauspielerischem Können. Das Regieteam Shirina Granmayeh/Matti Melchinger und das bemerkenswerte Ensemble zieht alle Register modernen dialogischen Bühnenspiels und schafft es in intensivstem Ausdruck von Wort, Pantomime, Musik und Tanz dem pulsierenden wie explodierenden „Herz“ der großen tragischen Liebe zwischen der österreichischen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (1926-1973) und dem rumänischen Dichter Paul Celan (1920-1970) in Gänsehaut wie erfrischender Distanz nahezukommen. Hier wird nichts er- oder verklärt. Hier wird im literarischen Zeit- wie Gesellschaftsrahmen ausdrucksstarker wie solidarischer Dichterleben der Morgen, der Abend und die endlose Nacht der Liebe exemplarisch zwischen der Melancholie des Wienerlieds wie Pop Melodien der 1970/80 Jahre auf die Bühne geknallt und gerockt. So war es. Und so ist es immer wieder. Ein genialer Kunstgriff, der in atemloser Ansprache von literarischer wie biographischer Intensität packt und mitreißt.

Inszenierung und Ensemble als einmaliges Bühnenereignis, welches das Publikum in das literarische, tragische Herz der großen Liebe zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan mitreißend katapultiert und dabei Tiefe wie Klischees von Liebe mit einmaliger Verve und Augenzwinkern grandios öffnet wie zeitlos zerfetzt.

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Lies mein Herz

nach dem Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Paul Celan

Inszenierung: Shirina Granmayeh & Matti Melchinger

– Bühne: Matti Melchinger

– Kostüm: Alexandra Fitzinger

– Musikalische Leitung: Shirina Granmayeh

– Assistenz: Mara Kömives

 

Mit: Claudia Marold, Veronika Petrovic, Soffi Schweighofer, Régis Mainka, Johannes Sautner

 

Weitere Termine: So 10.02.2019, 20.00 Uhr, Mi 13.02.2019, 20.00 Uhr

Do 14.02.2019, 20.00 Uhr, Fr 15.02.2019, 20.00 Uhr

Ort: WERK X-Petersplatz, 1010 Wien

 

Walter Pobaschnig, Wien 2_2019

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„Die Kunst des Herr der Ringe“ Wayne G. Hammond, Christina Scull. Bibliophile Neuerscheinung Klett_Cotta Verlag.

9783608981025

„Die Kunst des Herr der Ringe“ Wayne G. Hammond, Christina Scull. Bibliophile Neuerscheinung Klett_Cotta Verlag.

Es ist ein Leben zwischen Familie, Wissenschaft, Literatur und Kunst, welches J.R.R.Tolkien (1892-1973)  führte. Phantasie und Schreibimpulse prägen und begleiten sein Heranwachsen und dramatische Lebens- und Gesellschaftsereignisse (früher Tod des Vaters, Teilnahme am Ersten Weltkrieg und der Tod zweier Freunde) verdichten seine Erzählfreude zu epischer Kraft und Konzeption. Das Schreiben wird eine tragende Lebenssäule, in der es um grundsätzliche Wert- und Sinnreflexionen im großen phantasievollen Kosmos mythologischer Schauplätze und Handlungsfolgen geht. Inspirationen dafür kommen auch wesentlich von Bildern, die der Autor selbst umsetzt und so einen beeindruckenden künstlerischen Bogen spannt, in dem er sein Gesamtwerk stetig weiterentwickelte.

Der Literatur- und Kunstwissenschaftler Wayne G. Hammond stellt nun erstmals gemeinsam mit Christina Scull, Mitarbeiterin am Sir John Soane’s Museum in London, alle Zeichnungen, Inschriften, Karten und Pläne J.R.R. Tolkiens zu seinem Hauptwerk „Der Herr der Ringe“, welches 1954/55 erstmals als Gesamtausgabe erschien und umfangreiche Vorarbeiten umfasste, in einer beeindruckenden Edition vor. Bei der vorliegenden deutschen Ausgabe des Klett-Cotta Verlages handelt es sich um eine großformatige farbillustrierte Luxusausgabe im Schuber, die in ihrer graphischen und druckästhetischen Konzeption beeindruckt.

Inhaltlich werden erstmals 180 Zeichnungen, Entwürfe, Gemälde in malerischer, graphischer wie kalligraphischer Darstellungs- und Ausdruckungsform, die das umfassende Talent des Autors wie auch sein persönliches ästhetisches Interesse in literarischer Weite zeigen, zusammengefasst. Hier wird auch eindrücklich der Ansatz des mythologischen Gesamtwerkes in Bild-Textsprache deutlich, welcher Tolkiens Schreiben prägt.

„Ein besonders bibliophiles Geschenk für alle Tolkienfans und ein beeindruckender Beitrag zum umfassenden künstlerischen Schaffen des Jahrhundert-Autors“

Walter Pobaschnig, Wien 1_2019

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„Lou Andreas_Salome Bild im Umriss“ Eine Lektüre. Gisela Brinker-Gabler. Neuerscheinung Königshausen&Neumann Verlag.

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„Lou Andreas_Salome Bild im Umriss“ Eine Lektüre. Gisela Brinker-Gabler. Neuerscheinung Königshausen&Neumann Verlag.

Es ist eine Familiengeschichte, die in den Wirren des Krieges und der Neuordnung Europas zu Beginn des 19.Jahrhunderts von Südfrankreich nach St.Petersburg führt. Strenger evangelischer Glaube hugenottischer Tradition ist dabei eine tragende verbindende Mitte ihres Lebens fern der Herkunft. Der Sohn, Gustav Ludwig Salome, macht beim Militär Karriere und wird vom Zaren in den Adelsstand erhoben. Widerspruchsgeist, Konsequenz und Intellektualität zeichnen ihn aus. Seine Tochter Louise erbt diese Persönlichkeitseigenschaften. Schon mit sechszehn Jahren weigert sie sich vom reformierten Pfarrer vor Ort konfirmiert zu werden. Sie macht sich ihre eigenen Gedanken zu Kirche, Welt und Leben. Und diese wird sie bald im Kreise und mit Philosophen, Dichtern und Psychoanalytikern teilen. Nietzsche, Rilke und Freud werden zu ihren Lehrern wie Gesprächspartnern und auch hier ist ihr eine selbstbewusste Intellektualität und Weiblichkeit wichtig. Konsequent geht sie ihren Weg, schreibt ihre Reflexionen auf und tritt in kontroverse Diskussionen ein, sucht „Bildern“ und „Umrissen“ von Kultur und Gesellschaft nahezukommen. Kein leichter Weg, doch Lou geht diesen mutig und authentisch…

Gisela Brinker-Gabler, Professorin für Komparatistik (vergleichende Literaturwissenschaft) an der State University of New York, Binghamton, USA, legt mit dem vorliegendem Essayband zu modernen philosophischen, psychoanalytischen und ästhetischen Reflexionen einer der interessantesten  DenkerInnen des beginnenden 20.Jahrhunderts eine perspektivenreiche Annäherung vor, die spannende wie weiterführende Zugänge öffnet. Zentrale Begrifflichkeit kommt in dieser Studie dem „Bilden“ zu, also der Bedeutung von Bildkraft, –wirkung wie auch Gestaltung. Zentral ist dabei eine „Wechselwirkung“ von Bild und Reflexion, also Rationalität, die sich als Prozess im „Umriss“ objektiviert. Das Denken ist dabei im Anspruch einer intellektuellen wie lebensgeschichtlichen Aufmerksamkeit gefordert. Persönlichkeit und Welt finden sich in Differenz und Diversität wieder und müssen dies anerkennen und leisten.

„Eine Annäherung an beeindruckend selbstbewusstes Denken und Handeln einer außergewöhnlichen Frau – Lou Andreas-Salome.“

 

Walter Pobaschnig, Wien 12_2018

„Fahrenheit 451“ Ray Bradbury. Roman. Neuausgabe Heyne Verlag.

 

„Fahrenheit 451“ Ray Bradbury. Roman. Neuausgabe Heyne Verlag.

Und wieder legt er Feuer. Das Kerosin lässt den Stapel Bücher in Flammen aufgehen, deren Funken vor dem Haus aufstoben. Er rückt sich den Helm zurück und lacht dunkel. Die Zahl 451 ist auf dem angeschwärzten Helm zu lesen. Auf jedem Helm. Es ist die Temperatur, bei der Papier sich selbst entzündet. Vernichtet. Samt allen Buchstaben, Worten und Geschichten. Das braucht es hier nicht mehr. Darf es nicht mehr geben. Auf der Feuerwache geht alles wieder ganz schnell. Er zieht sich um und rutscht durch das Betonloch in die pulsierende Alltäglichkeit der Stadt. Einer Stadt ohne Bücher. Denn diese haben zu brennen…

Doch der Feuerwehrmann Guy Montag hat ein Geheimnis. Er lässt nicht alle Bücher brennen. Er behält manche für sich. Es ist verboten und höchste Gefahr. Als sich bei einem Einsatz eine Frau in die Flammen ihrer Bücher wirft und stirbt, verändert sich bei dem Feuerwehrmann alles. Er beginnt das Denkverbot mittels Büchern zu hinterfragen. Als er Clarisse kennenlernt, wird sie ihm ein Weg zu Freiheit und Inspiration. Und er geht diesen Weg unbeirrt weiter, durch Feuer, Tod und Hoffnung, die gerade in den Büchern zu finden ist…

 

Der Roman Fahrenheit 451 erschien 1953 in den USA und gehört zu den literatur- wie filmgeschichtlichen Meilensteinen moderner Kultur. Eine kulturkritische Vision trägt eine geradlinige story, die Veränderungsprozesse in Identität und Gesellschaft mittels moderner technischer Innovation und Transformation thematisiert. Leserin und Leser finden dabei über Jahrzehnte hinweg Anknüpfungspunkte, in der jede Generation die Frage nach Freiheit und Verantwortung im Zusammenhang von Möglichkeit und Realisierung moderner Kommunikation und Organisation neu stellt und stellen muss.

„Ein Roman, der über Jahrzehnte hinweg in der Seele jeder Generation die Frage nach Freiheit und Verantwortung fulminant stellt und als Aufgabe benennt“

 

Walter Pobaschnig, Wien 1_2019

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„Autos“ Enis Maci. Begeisternde Uraufführung am Schauspielhaus Wien. 12.1.2019

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Du fährst deinen Bildern im Kopf hinterher. Denen der Herkunft und denen der Zukunft. Ein Leben lang. Deine Autobahnmelodie…

Enis Maci, 2017 mit dem Hans-Gratzer-Stipendium ausgezeichnet, bringt so kurzgefasst moderne Existenz auf den Punkt. Zwei namenlose Geschwister machen sich auf den Weg. Entlang der Autobahnroute, die seit der Kindheit der 1970er Jahre von der südlichen Herkunftsregion in die Zentralräume Europas führt. Lebensgeschwindigkeit am glühenden Asphalt zwischen Herkunft und Arbeitssuche. Dazu Bilder umgebenden und vieler Leben. Das Autoradio weht ihnen zwischen seinem lullenden LaLaLa tragische Lebensspuren zu. Weiter und immer weiter bis zum stummen Dunkel ihres eigenen Todes…

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Maci ist mit „Autos“ ganz nah an den Grundfragen moderner Existenz im Erarbeiten, Erhoffen wie Scheitern persönlicher wie sozialer Lebensansprüche dran. Diese sind ganz wesentlich von beruflicher Bewegung und damit topographischer Flexibilität und Bindungsverlust, -stabilität geprägt. Die Verbindung von Herkunft und Zukunft ist die Autobahn. Also die Lebensgeschwindigkeit, die von Illusion und Melancholie getragen ist. Das Lalala der lullenden Radiomelodie ist Ausdruck davon. Das „Selbst“, das persönliche Ankommen, fährt immer hinterher. Standpunkte kann sich niemand in den verzweifelten gesellschaftlichen Etablierungsversuchen leisten. Identität ist auf der Autobahn passe. Nur Gaspedal und manchmal der Rück- und Seitenspiegel zu den Anderen neben und mit mir. Bis zum letzten Halt. Dem Tod. Dem letzten globalen Ortswechsel.

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Der Inszenierung von Franz-Xaver Mayr gelingt ein genialer Bühnenkunstgriff, der antikes Drama in seiner existentiellen Dichte ausdrucksstark mit zeitkritischem Transfer verbindet und so Grundfragen von Schuld und Verhängnis im Zusammenhang von Freiheit und Scheitern in moderner Gesellschaft thematisiert. In beeindruckender Schauspiel-, Bühnen- und Kostümpräsenz, die schon im Stillleben dramatisch wie poetisch anspricht, wird ein Seelenroadmovie in mitreißender existentieller Gänsehaut konzipiert, das in Aufmerksamkeit und Erschütterung nicht loslässt – Gratulation an Regie, Ensemble, Kostüm- und Bühnenbild wie Musik und Technik.

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Walter Pobaschnig 15.1.2019

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„Die Illusion der Gewissheit“ Essays. Siri Hustvedt. Neuerscheinung Rowohlt Verlag.

 

„Die Illusion der Gewissheit“ Essays. Siri Hustvedt. Neuerscheinung Rowohlt Verlag.

Siri Hustvedt beginnt am Ausgangspunkt. Der Gewissheit der Geburt aus dem Mutterleib. Eine physische Verbindung und Entwicklung, die unmittelbare und fixe Gewissheit ist. Wie der Blick ans Ende – den Tod. Dazwischen findet das Leben zu seiner Existenz und Form. In Zeit und Raum. Die Voraussetzungen dazu sind nicht wählbar. Geburt ist ein Glücksrad in Zeit und Kontinent. Und das Leben dazwischen nun? Wie weit ist das Denken autonom? Wie unabhängig ist es von den physischen Bedingtheiten, vom Körper? Was macht schließlich Individualität aus? Gibt es diese im geisteswissenschaftlichem Verständnis abendländischer Trafdition?

Die studierte Literaturwissenschaftlerin und gefeierte Bestsellerautorin, die auch als Lehrende an der psychiatrischen Abteilung des Weill Medical College in Cornell tätig ist, Siri Hustvedt, legt einen umfassenden Essayband vor, in dem sie der Grundfrage menschlicher Erkenntnismöglichkeit, -voraussetzungen und –bedingtheiten in philosophischer, psychologischer, existentieller und sozialgesellschaftlicher Perspektive nachgeht. Beeindruckend ist dabei, dass der weite Rahmen von Geistesgeschichte und aktuellem wissenschaftlichen Forschungsstand in eine solch gut erläuternde Zusammenfassung und Darstellung zu bringen ist. Da zeigt sich einerseits die ausgezeichnete Erzählerin wie auch die brilliant analysierende und schlussfolgernde Autorin. Hustvedt bietet mit diesem Essayband eine Kritik moderner Theorien zu Welt- und Menschenverständnis und setzt selbstbewusst eigene Thesen, welche sie ausführlich vorstellt und begründet. Das Ergebnis ist so ein wissenschaftlich wie sprachlich herausragendes Buch, welches an große Geistestraditionen philosophischer wie literarischer universaler Weltschau anschließt.

„Ein Ereignis geisteswissenschaftlicher Zusammenschau und Analyse in herausragender Sprachkraft, Erzähldarstellung und Schlussfolgerung.“

 

Walter Pobaschnig, Wien 12_2018

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„David Bowie. Ein Leben“ Dylan Jones. Neuerscheinung Rowohlt Verlag.

 

„David Bowie. Ein Leben“ Dylan Jones. Neuerscheinung Rowohlt Verlag.

Ein Leben für die Musik. Die Kunst. Eine Hochschaubahn schwieriger Jahre und schließlich bahnbrechenden Erfolges. Ein Künstler, der Musik ganz neu als umfassendes Kunstwerk definierte und die Zusammenarbeit und Inspiration unterschiedlichster Kreativitätsbereiche suchte und damit experimentierte. Film, Mode, Literatur, Malerei, Fotografie und mehr. Ein Ausnahmetalent – David Bowie (1947-2016).

Ein Künstler im Rampenlicht. Doch auch ein Mensch in Stille und tiefen Gedanken, den seine Familie, seine Herkunft, sein Werden beschäftigte. Ein Familienmensch, der in Aufmerksamkeit und Zuneigung die Talente seiner Kinder begleitete. Ein Neugieriger, der die Welt bereiste und offen Sinnes und Denkens für Zeit und Leben war.

Wie sich nun dem Künstler, dem Phänomen, dem Menschen David Bowie nähern? Wie zwischen all den Mythen und Geschichten unterscheiden?

Dylan Jones, Herausgeber des GQ und erfahrener Autor von Musik-Biografien, geht dabei den Weg authentischer Mitteilungen von FreundInnen, KollegInnen, WeggefährtInnen eines Musikerlebens über die Jahrzehnte seiner musikalischen Entwicklung. Es kommen dabei Musik-Größen wie John Lennon, Madonna oder Elton John zu Wort. Aber auch enge Musikgefährten wie Iggy Pop, Lou Reed oder Mick Ronson. Ebenso Filmregisseure wie Martin Scorsese (Bowie spielte im Film „Die letzte Versuchung Christi“ die Rolle des Pilatus) oder Nicolas Roeg. Weiters Manager, AssistentInnen, Künstler und auch Menschen, die Bowie in seinen letzten schweren Jahren begleitet haben.

 

„Eine Musikerbiografie in umfassenden Interviews von musikalischen und privaten WeggefährtInnen, die in Fülle und Detailinformation beeindruckt“

 

Walter Pobaschnig, Wien 1_2019

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„Klagenfurt 1518 – Eine Stadt im Aufbruch“ Werner Drobesch/Wilhelm Wadl (Hgg.). Neuerscheinung Verlag des Geschichtsvereins für Kärnten.

 

„Klagenfurt 1518 – Eine Stadt im Aufbruch“ Werner Drobesch/Wilhelm Wadl (Hgg.). Neuerscheinung Verlag des Geschichtsvereins für Kärnten.

Klagenfurt stand 2018 im Zeichen eines besonderen Stadtjubiläums. Vor 500 Jahren kam es zur Schenkung der Stadt von Kaiser Maximilian I an die Landstände und damit auch zu einem vielschichtigen Aufbruch in Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und Religion. Ein landesgeschichtliches Ereignis, das auch an einer weltgeschichtlichen Epochenwende in den geistesgeschichtlichen Kontexten des Humanismus und der Reformation steht. So wird eine Stadt zum Beispiel und Experiment eines vielschichtigen Aufbruches eines Kontinentes, in dem Bildung, Emanzipation und Vision Raum greifen. Eine Zeit, die auch über Jahrhunderte hinweg interessant wie inspirativ bleibt und deren traditionsgeschichtliche Spuren bis heute eine Stadt prägen und zu Aufmerksamkeit einladen.

Der vorliegende Sammelband historischer Studien und Perspektiven geht auf ein diesjähriges wissenschaftliches Symposium an der Alpen Adria Universität Klagenfurt zurück, welches wesentlich von der Stadt Klagenfurt ermöglicht und von Geschichtsverein und Landesarchiv Kärnten betreut und begleitet wurde und schließlich in der vorliegenden Publikation ediert wird.

In vier Überblickskapitel – Kaiser Maximilian I, Landstände, Städte, Klagenfurt – werden wesentliche politische, gesellschafts- und kulturhistorische Voraussetzungen und Gegebenheiten des beginnenden 16.Jahrhundert dargestellt und in den Kontext der weiteren Stadtentwicklung gestellt. Hervorzuheben ist dabei der multiperspektivische wie unmittelbar stadt- und landesübergreifende Ansatz, der immer österreichische wie europäische Politik- wie Kulturgeschichte mit im Blick hat.

Besondere Beachtung findet auch die Perspektive Klagenfurts als Stadt des Humanismus und der Reformation. Die Bedeutung Klagenfurts ist in diesem Zusammenhang eine sehr wesentliche und erstaunliche, deren historische Spuren auch in der Gegenwart viel erzählen.

„Eine wissenschaftliche wie inspirative Zeitreise in ein besonderes Jubiläumsjahr einer Stadt und deren Gesellschaft in Aufbruch und Vision“

 

Walter Pobaschnig, Wien 12_2018

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