„Glaube und Heimat“ Karl Schönherr. Umjubelte Premiere im Theater an der Josefstadt, Wien. 14.2.2019

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Es sind dumpfe Trommelschläge, schweren Herzschlägen gleich, die den ersten Blick des Publikums auf die Drehbühne begleiten. Ein leeres Zimmer ist zu sehen, in dem noch Leben zu spüren ist, das gerade noch hier war. Jetzt Stille, schwarze Wände, eine offene Tür, Leere. Ein Fortsein und eine Trauer…

Nun eine Bewegung des Bühnenbildes. Ein Blick in das Davor. Altbauer und Bauer Rott in der Stube des Hofes, Bäuerin und Sohn mit ihnen. Der Alltag in täglicher Aufgabe und Mühe. Der Weg der Generationen in Vertrauen und Zutrauen zu Erde und auch Himmel. Doch der Himmel, der hat jetzt einen unerbittlichen Grenzstein. So und nicht anders. Und wenn nicht, dann fort. Von Haus und Hof. In die Fremde. Eskortiert von Soldaten mit Trommelschlägen. Der Goldbauer von der Au wartet schon, um wieder einen weiteren Besitz für seine Kinderschar zu erwerben. Der Schreiber hat viel zu tun und auch der Schuster im Doppeln und Nageln der Schuhe für den weiten Weg der Fortgejagten. Morgen ist es beim Sandperger zur Leithen und seiner Frau so weit. Das Geld für den Hof ist bereits im schwarzen Kaufbeutel am Tisch. Doch davor ist alles zurücklassen, was Arbeit und Leben trägt. Die Sandpergerin stellt sich dem Reiter, der mit Gewalt und Degen die umklammerte Hausbibel an sich reißen will. Doch sie lässt nicht los. Blut fließt. Und nun geht es auch für den Bauern Rott um den Moment der Entscheidung. Trommelschläge sind wieder zu hören. Oder ist es doch der Herzschlag? Bekenntnis und Konsequenz ringen jetzt in der Seele Rotts und seiner Familie um Herkunft und Niemandsland, Familie und Zukunft, Asche und Leben, Glaube und Heimat…bis zum dramatischen Finale.

Regisseurin Stephanie Mohr und das hervorragende Ensemble nehmen in der Neuinszenierung von „Glaube und Heimat“ (1910, Karl Schönherr), ein Bühnenstück, das die Wiener Theatergeschichte seit der umjubelten Uraufführung 1910 am Volkstheater (ausgezeichnet 1911 mit dem Grillparzerpreis), neuinszeniert am Burgtheater 2001 (Martin Kusej), begleitet, auf eine Zeitreise mit, die in der historischen Dramaturgie wie den zeitübergreifenden Reflexionsansprüchen überzeugt und beeindruckt. Mohr setzt in ihrer Inszenierung auf die inhaltlichen Spannungsbögen des Textes und gibt dem Ensemble ein Spiel in persönlichem Ausdruck und Können frei. Dies gelingt fulminant. Dramatisch wie im Impuls über den Zeitkontext hinaus. Das Publikum folgt aufmerksam und gebannt dem Bühnengeschehen bester Schauspielkunst, das bis zum dramatischen Finale mitreißt.

Der Dramastoff von „Glaube und Heimat“ nimmt auf die Vertreibung der Zillertaler Protestanten (1837) unmittelbaren historischen Bezug. In den politischen Wirren und besonderen machtpolitischen Ansprüchen der Zeit in Tirol versuchte eine Gruppe von Bauern 1832, die sich zur evangelischen Kirche Augsburger Bekenntnisses zurechneten (seit 1781 gemeinsam mit dem Helvetischen Bekenntnis toleriert), bei Kaiser Franz I. eine Erlaubnis für eine persönliche Glaubensausübung (ohne Bethausbau, Pastor, Lehrer) zu erreichen. Dieses wurde jedoch von der kaiserlichen Administration unter seinem Nachfolger Ferdinand I. auf Drängen Tirols dezidiert abgelehnt und die protestantischen Bauern wurden als „Inklinanten“ (zum Protestantismus neigende Katholiken) benannt, was ihre Vertreibung zur Folge hatte. Zwischen dem 31.August und dem 4.September 1837 zogen nun über 400 Protestanten in 4.Auswanderungsgruppen vom Zillertal in das protestantische Preußen, Niederschlesien. Die Siedlung Zillerthal-Erdmannsdorf wurde gegründet (heute Myslakowice, Polen).

 

Walter Pobaschnig, 14.2.2019

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