„Raffael – Glaube, Liebe, Ruhm“ Ulrich Pfisterer. Beck Verlag.

Die Wende zum 16.Jahrhunderts ist jene einer neuen Zeit. Und diese ist wesentlich von Persönlichkeiten geprägt, die in Anspruch, Konsequenz und Wirkung Denken, Wahrnehmen und Gestalten einer Epoche ihr bleibendes Gesicht geben. Dies trifft in Politik, Wissenschaft, Religion und Kunst zu. Gedanken finden Gestalt und Weg. Etwas Neues beginnt, etwas Unvorstellbares…

1483. Es ist das Geburtsjahr von Martin Luther, welcher wesentlich die Reformation in Impuls und tragender Rolle bestimmen wird. Und es ist das Geburtsjahr von Raffael, eines Künstlers, der schon in seiner Zeit als unumstrittener Star verehrt wird und neue Maßstäbe in der Kunst setzt.

 

Raffael _ Cover

 

Der in Florenz geborene Sohn eines Goldschmieds und Malers verliert schon mit acht Jahren die Mutter. Mit elf Jahren ist er bereits Vollwaise. Doch der Junge ist talentiert wie ehrgeizig und tritt schon in jungen Jahren in die Kunstwerkstatt von Pietro Vanucci in Perugia ein. Bald schon übernimmt er wesentliche Aufträge der Kirche. Und schließlich führt sein Weg nach Florenz und den Wirkungsstätten von Kunstgrößen der Zeit wie Michelangelo oder Leonardo Da Vinci. 1508 ruft ihn Papst Julius II nach Rom und Raffael findet zu ungeahnter Meisterschaft des Stils und Ausdrucks und wird gleichsam der „König“ einer Stadt und einer Epoche. Ein mitreißendes kurzes Leben zwischen Kunst, Macht und Leidenschaft….

 

Der Kunsthistoriker Ulrich Pfisterer legt mit „Raffael“ eine fulminante sprach- wie bildgewaltige Lebens- und Zeitbeschreibung vor, die unvergleichlich in Epoche und Mensch eintauchen lässt. Der Autor versteht es einmalig Kunstwerk und Leben in einen Dialog zu bringen und so Entstehungs- wie Wirkungsprozesse zu öffnen. Leserin und Leser begeben sich so auf eine faszinierende Reise in Staunen, Erkenntnis wie Begeisterung. Ein kunsthistorisches, biografisches, sprachliches und vor allem auch bibliophiles Geschenk erster Güte.

 

„Eine faszinierende Biographie und ein fulminantes Zeitbild in Staunen, Erkenntnis und Begeisterung“

Walter Pobaschnig 4_20

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„Wir alle sollten zittern vor der Rache des Kapitalismus“ Martin Amanshauser, Schriftsteller, Wien 3.5.2020

Lieber Martin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

ich habe 50% der zeit zwei kinder bei mir (beide buben, 9 und 11), und wenn sie da sind, mache ich mit ihnen das schreckliche homeschooling. ich habe sie immer für 24 stunden, das heißt wir machen frühstück, mittag und abendessen – das alles koche ich für sie, eh klar – und manchmal fahren wir mit dem auto auf den wilhelminenberg kicken, oder wir gehen auf den yppenplatz, oder ich laufe 1x rund um die brauerei (25 min) und sie begleiten mich mit ihren rollern. in den anderen 50% der zeit bin ich alleine, manchmal treffe ich allerdings auch jemanden, wobei ich auf die nicht-ansteckungs-sicherheit achte, was aber nicht immer total gelingt. bisher bin ich ganz gut durchgekommen damit. ich mache mir sorgen um die alten leute, die ich kenne. meine mutter ist über 80, und sie wohnt mit meiner tante in einem haus in salzburg, die noch ein bisschen älter ist. beide sind zum glück sehr fit. ich ruf manchmal an, ich telefoniere viel. ich will arbeiten, aber meistens lese ich news, oder ich chatte oder gehe auf fb und twitter, obwohl ich twitter hasse. in der nacht liege ich oft wach.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

dass wir uns bewusst machen, eine historische zeit mitzuerleben, und dass wir uns vorbereiten auf die weltwirtschaftskrise, die nun kommen wird. im positivsten fall könnte man sagen, vielleicht ist es gar nicht so schlecht, was da abläuft, vielleicht kann sich der kapitalismus ein bisschen erholen. wenn ich das aufschreibe, kommt mir vor, dass der gedanke vielleicht naiv ist. die, die geld haben, werden sich die verlorenen profite vermutlich VON UNS wiederholen, die sind doch alle längst stinksauer, dass sie sich mitopfern müssen für ein paar alte leute, die eh bald sterben. ich spüre diesen gedanken, der mir verhasst ist, in der luft hängen. ich möchte ihn bekämpfen. wichtig für uns alle ist, solidarisch mit den schwachen zu sein. der kapitalismus war das in diesem fall auch – zum glück, ich rechne es ihm hoch an – aber wir alle sollten zittern vor seiner rache. von den krisenzeiten werden die rechtspopulisten, die jetzt erschreckend leise sind, profitieren, das ist ihr kerngeschäft.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

wesentlich ist eh das, was ich bei der letzten frage erwähnt habe. dass wir es überall aufzeigen, wenn sich die herrschenden das zurückholen, was sie jetzt eingebüßt haben. dass wir aufmerksam sind, es soll nämlich nicht alles sein. wir sollten den sozialstaat und das gesundheitssystem wesentlicher finden als die kurzfristigen wachstumszahlen und gewinne. die literatur kann u.a. auch darüber berichten, es wird ihr nichts anderes übrig bleiben.

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Was liest Du derzeit?

mein eigenes buch „es ist unangenehm im sonnensystem“, manchmal blättere ich gerne drin, und ich finde stellen, die ich gestern super fand,. plötzlich sehr schlecht, und – im idealfall – umgekehrt. aber was ich wirklich lese, hab ich jüngst bei einer freundin auf fb kommentiert: den großen liechtenstein-roman von benjamin quaderer, „für immer die alpen“, dazu von jasmin ramadan „kapitalismus und hautkrankheiten“ und von michela murgia „chirú“, nachdem ich ihr super sachbuch „faschist werden, eine anleitung“ gelesen habe, da ein guter freund von mir irrsinnigerweise so halb ins identitäre milieu abrutscht und ich nicht weiß, wie ich dem begegnen soll

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

aus einem buch von adorno, das ich parallel zu michela murgia las, zum thema rechtspopulismus und dessen argumentationstechniken, einem thema, das uns in der kommenden weltwirtschaftskrise sicher beschäftigen wird müssen, leider: “eine sehr erhebliche rolle spielt der antiamerikanismus, der ja auch in dem wort von den ´plutokratischen´ nationen und in diesen dingen in der nazizeit vorgebildet war. was hinter dem antiamerikanismus steht, ist schwer zu sagen. wahrscheinlich ist es zum teil das anknüpfen an etwas real empfundenes, nämlich daran, dass man auch unter der formalen demokratie, eben durch das blocksystem, die volle freiheit der politischen entscheidung sich vorenthalten glaubt. ich möchte (…) darauf hinweisen, dass keineswegs alle elemente dieser ideologie einfach unwahr sind, sondern dass auch das wahre in den dienst einer unwahren ideologie tritt, und dass das kunststück der gegenwehr wesentlich ist, sich gegen den missbrauch der wahrheit für die unwahrheit zu wehren. die wichtigste technik, durch die die wahrheit in den dienst der unwahrheit gestellt wird, ist die, dass an sich wahre oder richtige beobachtungen aus ihrem zusammenhang hinausgeschnitten, isoliert werden (…), ungeheuer wirksam, so dass die menschen das gefühl hatten, nun gerade mit dieser bewegung, die die freiheit abschaffen will, gleichsam wieder in den besitz der freiheit zu gelangen.

Vielen Dank für das Interview lieber Martin, viel Freude und Erfolg für Dein neues  großartiges Buch „Es ist unangenehm im Sonnensystem“ wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Martin Amanshauser, Schriftsteller

Aktuelles Buch des Autors: „Es ist unangenehm im Sonnensystem“  Kremayr&Scheriau Verlag 2019

Weitere Informationen:

http://www.amanshauser.at/

19.4.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online/per Mail  geführt und der Schnelltipptext in durchgehender Kleinschreibung so übernommen.

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„Der Mensch braucht Perspektiven auf die er hinarbeiten kann“ Jakub Kavin, Schauspieler, Regisseur, Theaterdirektor_Wien 2.5.2020

Lieber Jakub, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf hat sich klarerweise radikal verändert. War ich früher täglich im Theater, so habe ich jetzt viel mehr Zeit für homeoffice. Das war zwar zuvor auch schon ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit, aber natürlich nicht so stark gewichtet wie jetzt.
Es stehen einige Einreichfristen für öffentliche Fördergelder an, die gilt es einzuhalten, Konzepte zu schreiben etc.
Ansonsten ist mein Tagesablauf sehr dadurch bestimmt für die Herausforderungen, die auf uns zukommen, gewappnet zu sein. Da geht es ums Netzwerken, ums Ideensammeln, um Projektentwicklung.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nun was sicher besonders wichtig ist, ist die Existenzsicherung.
Die muss durch den Staat erfolgen, das ist seine Aufgabe. Schließlich dürfen wir nicht vergessen, dass der Staat auch dafür mitverantwortlich ist, was gerade passiert. Hätten die Länder der EU die Situation – die sich im Jänner 2020 in China angebahnt hat – ernst genommen, ja dann würden wir heute wohl weltweit mit weniger Einschränkungen leben müssen. Wir hätten deutlich weniger Arbeitslose und der Tourismus und die Kultur wären nicht komplett heruntergefahren. Und vor allem hätten wir auch weniger Tote zu beklagen.

Aber ich weiß, im Nachhinein ist man immer gescheiter. Ich will also mit meinen Worten gar nicht anklagen, nur möchte ich ins Bewusstsein rufen, die Politik ist nicht der Heilsbringer, sondern die Politik ist verantwortlich und muss dieser Verantwortung auch nachkommen.

Abgesehen von der Existenzsicherung aller Bürger – und das wird wohl nur mit Umverteilungsmaßnahmen gehen – ist eines besonders wichtig:
Perspektive.

Der Mensch braucht Perspektiven auf die er hinarbeiten kann. Perspektivlosigkeit ist etwas Grauenvolles. Hier steht die Politik ebenfalls in der Bringschuld.

 

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Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst zu?

Bei einem Aufbruch und Neubeginn sind denke ich zwei Faktoren wesentlich:

Flexibilität und Kreativität.
Das betrifft aber natürlich alle Branchen und nicht nur die Kunstszene.


Wenn wir uns das Theater im Speziellen anschauen, dann erkenne ich keine homogene Rolle, bzw. mehrere Rollen und Funktionen.
Einerseits übernimmt das Theater einen ganz wichtigen Faktor in unserer Gesellschaft: den der Unterhaltung. Ich denke, dass diese Rolle vielleicht sogar wieder wichtiger wird, weil die Menschen Orte brauchen werden, an denen sie gemeinsam lachen können …
Dann gibt es die Künstler*innen, die ihre Aufgabe und ihre Kompetenz eher dort sehen wo es gilt die Gesellschaft zu reflektieren und auf mehr oder weniger metaphorische Weise die brennenden Themen der Zeit aufzuarbeiten.

In manchen Stücken treffen sich die Unterhaltung und die Gesellschaftskritik im Rahmen eines Abends – siehe Nestroy und viele andere …. Heutzutage übernehmen oft Kabarettisten diese Funktion.
Eine Kunstgattung, die für die nächsten Monate der eingeschränkten Veranstaltungsmöglichkeiten wie maßgeschneidert scheint.

Grundsätzlich – unabhängig der Theatergattung – wird das kollektive Erlebnis am Theater, der Grund sein, warum die Wichtigkeit des Theaters wieder zunimmt. Die Katharsis beim gemeinsamen Erleben wird vielleicht wieder möglich sein, weil die Einzigartigkeit des Moments wieder bewusster wahrgenommen wird.

Doch bei diesen Gedankengängen sind wir schon in der Zukunft angelangt, in einer Zeit wo die Menschen einander wieder näher sein dürfen …
Im Moment ist die Theater- und Kunstszene dazu verdammt wahrzunehmen, dass sie nicht der Nabel der Welt ist, das tut sicher da und dort weh, ist aber vielleicht auch ein ganz guter Prozess der erzwungenen Selbstreflektion. Ich hoffe also darauf, dass uns die jetzige Zeit des Stillstands in der Zukunft umso intensivere Theater- und Kunsterlebnisse bescheren wird.

 

Was liest Du derzeit?

ULYSSES von James Joyce

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„…also was sich da so alles tun muss in den Theatern im Gedränge in der Dunkelheit die versuchen doch in einer Tour sich an einen ranzumachen …“ James Joyce. Ulysses S.962 …


In der Hoffnung, dass wir bald wieder ein Gedränge im Theater erleben werden können …

 

 

 

Vielen Dank für das Interview lieber Jakub, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater- und künstlerischen Projekte im „TheaterArche“ Wien und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Jakub Kavin, Geschäftsführer, Künstlerischer Leiter, Schauspieler, Regisseur, Produzent _“TheaterArche“ Wien

https://www.theaterarche.at/aktuell/

 

22.4.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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„Die bessere Geschichte“ Anselm Neft. Roman. Rowohlt Verlag.

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Mit zwei Jahren steht er am Grab der Mutter. Es bleiben Fotos und das Aufsteigen von starken inneren Bildern, die an Berührung und den Duft der Nähe erinnern in der Kraft des Verlustes, der Abwesenheit.

Der Vater war immer schon alt, ganz ohne Frohsinn. Die Emotion des Kindes überfordert ihn und das Kind stellt sich darauf ein. Der Schritt in die Welt draußen wird dann zur Überforderung. Alles zu laut und auch zu hinterhältig. Das Kindermädchen und der Vater bleiben die Bezugspunkte zur Welt. Die Schule wird zum ständigen Ringen, äußerlich und innerlich. Albträume bleiben davon…

Eines Tages sagt der Vater, die Mutter sei eine Nixe gewesen. Ein überirdisches Wesen ohne Seele – „Du hast ihr Blut in dir“.

Dann das Internat. Die Seele des Jungen blickt um sich. Zart, neugierig und zerbrechlich. Zum Gegenüber, zum Daneben, zum Oben. Zu Mitschülerinnen und dem Schulleiterpaar. Schwimmen, treiben. Keine Nixe und kein Wassermann. Seelenlos. Nur Tiefe und Macht. Ungeheuer. Tag für Tag. Nacht um Nacht…

Bis nach vielen Jahren diese verschlossenen Türen der Seele wieder geöffnet werden. Und im Gespräch kehrt die Gewalt, der Schmerz, die Hilflosigkeit zurück…und wie stark ist nun die Seele?  Und welchen Weg wird sie gehen? 

 

Der in Hamburg lebende Autor Anselm Neft, Studien der Religionswissenschaft, Ethnologie, Vor- und Frühgeschichte und Philosophie, legt mit seinem Roman „Die bessere Geschichte“ ein sprachlich wie inhaltlich fulminantes Drama im Kontext von institutionellem Missbrauch, Schuld und persönlicher Ohnmacht und Verdrängung vor. Neft versteht es einmalig fesselnd zu erzählen aber auch Leserin und Leser zu eigenem Nachdenken anzuregen. Spannung, Erschütterung und Reflexion. Das im Wort zu verbinden ist eine narrative Balance, die in diesem Roman meisterhaft gelingt. Der Autor zeigt was Literatur zu leisten vermag. Und das ist gewaltig viel. Es ist eine gute Geschichte.

„Es geht um Weg und Kraft des Lebens und die stumme Hölle darin. Einmalig erzählt“

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„Braucht es nicht ein Grundeinkommen für unsere Gesellschaft und andere (humanistischere) Prioritätenlisten?“ Michael Stavaric, Schriftsteller, Wien_1.5.2020

 

Lieber Michael, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

 4 Uhr: Wieder einschlafen wollen

7 Uhr: Aufstehen, Kaffee und Tee trinken

8-12 Uhr: Einkaufen, Kochen, Fernsehen, Mails beantworten, aus dem Fenster schauen

12- 18 Uhr: Spaziergang (meistens Zentralfriedhof), Schattenboxen (mir ein paar Politiker vorstellend), Lesen, Schachspielen (online)

18-20 Uhr: Abendbrot, ev. das Abendrot über dem Wiener Wald bestaunen

20-24 Uhr: Fernsehen (meistens Dokumentationen), danach: Licht aus!

 

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich lese immer wieder, dass Krisen zugleich Chancen darstellen – ich sehe das längst in einem größeren Maßstab. Wichtig ist, dass wir uns alle jetzt gesellschaftspolitische Fragen stellen; wir sollten uns etwa fragen, ob und in welchem politischen System wir künftig leben wollen? Wollen wir weiter diese kapitalistischen Irrwege, in denen alles um Profit und immerwährendes Wachstum kreist? Wollen wir wirklich internationalen Großkonzernen weiter die Möglichkeit einräumen, keine adäquaten Abgaben in unserem Land zu entrichten, während in den nächsten Jahren eine unglaubliche Steuerlast auf uns zukommt? Wollen wir Waren am anderen Ende der Welt produzieren lassen (u.A. Medikamente), wollen wir folglich diese absurden Lieferketten? Wollen wir die Natur weiter in diesem unerträglichen Maßstab ausbeuten (und den Klimawandel befeuern)? Brauchen wir z.B. zusätzliche Liftanlagen in den Bergen? Braucht es noch mehr Bodenversiegelung, Großbaustellen, Autobahnen, Tunnels und Co? Braucht es überhaupt diese gegenwärtigen bürokratischen Strukturen, braucht es noch diese Parteiapparate (und etwa ihre Art der Bildungspolitik)? Braucht irgendwer von uns ernsthaft Börsen mit Leergeschäften? Braucht es Immobilienspekulation und damit verbundenen Mietwucher? Braucht es nicht vielmehr endlich eine gerechte Vermögensverteilung? Braucht es nicht ein Grundeinkommen für unsere Gesellschaft und andere (humanistischere) Prioritätenlisten? Wollen wir Jobs im mittleren Management in irgendeinem 0815-Finanzbüro weiter mit 4000-6000 EUR entlohnen, während Pflegekräfte mit 1000 brutto und weniger abgespeist werden? Wollen wir das 1 % der Bevölkerung 50 % der Immobilien besitzt? Wollen wir wirklich, dass unsere reale Arbeitskraft am höchsten besteuert wird, während Spekulationsgeschäfte fein raus sind? Wollen wir 50 und mehr Prozent unseres Monatseinkommens für Mieten ausgeben? Etc. etc.

Wir alle sollten für eine gerechtere und sozialere Gesellschaft eintreten, für ein geeintes Europa und u.A. realisieren, dass Altruismus die klügere Form der Interessenswahrung ist.

Michael Stavaric

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

Es sollte eine viel größere Solidarität geben, KünstlerInnen, Kreative und EPU´s aller Art sollten sich zu einem schlagkräftigen europäischen Verband zusammenschließen, damit ihre Rolle in der Gesellschaft und ihr Beitrag (auch zum Wirtschaftsstandort Österreich) endlich eine adäquate Beachtung findet. Ein Grundeinkommen (für alle) wäre hierbei wie gesagt Pflicht.

 

Was liest Du derzeit?

Wenedikt Jerofejew: Die Reise nach Petuschki

Neil Gaiman: Wölfe in den Wänden

Sonja Harter: katzenpornos in der timeline

 

 Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Als ich vor einiger Zeit für das Literaturhaus Graz an einer weiteren Folge der Corona-Tagebücher saß, kam mir folgender Gedanke: Auf meinem Schreibtisch ist die Welt noch wunderbar in Unordnung. Bücher wetteifern mit diversem Zettelwerk, Schreibgeräten und Krimskrams um die besten Plätze, alles scheint unstrukturiert (es ist unstrukturiert!) und setzt regelmäßig Staub an. Wie alles im Universum folgt auch mein Schreibtisch einer grundlegenden Gesetzmäßigkeit, jener der Entropie. Als solches wird physikalisch die Unordnung im Kosmos bezeichnet; die Entropie wird von sich allein stetig größer, was in den eigenen vier Wänden rasch überprüft werden kann: Alle Dinge in unseren Zimmern werden sich nach und nach gleichmäßig „unordentlich“ verteilen. Ein weiteres Faktum bleibt unbestritten, dass alles mit möglichst geringem Energieaufwand geschieht; sprich, die Unordnung wird sich vorwiegend am Fußboden verteilen.

Ein Hoch auf die Unordnung in den heimischen vier Wänden (und im Universum), quasi

 

Vielen Dank für das Interview lieber Michael und viel Erfolg für Deinen aktuellen großartigen Roman „Fremdes Licht“ und persönlich alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Michael Stavaric, Schriftsteller

Aktueller Roman: Michael Stavaric, Fremdes Licht, Luchterhand Verlag, 2020

https://www.randomhouse.de/Buch/Fremdes-Licht/Michael-Stavaric/Luchterhand-Literaturverlag/e515684.rhd

 

20.4.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Foto_Yves Noir

 

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„Konkretere künstlerische Perspektiven einfordern, als sie uns derzeit gegeben werden“ Josef Hader, Kabarettist, Schauspieler_Wien 30.4.2020

Lieber Josef Hader, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Aufstehen, Stadtspaziergang, Mails beantworten mit Tee, Kabarett schreiben mit Kaffee, gegen 18 Uhr Belohnungstrinken, das ins Abendessen übergeht.

 

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Sehr altmodisch gesagt Solidarität. Viele KünstlerInnen haben konkrete und existentielle Sorgen, da ist es wichtig, dass wir alle zusammen aufzeigen und etwas konkretere Perspektiven einfordern, als sie uns derzeit gegeben werden.

  

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Kabarett, der Kunst zu?

Ich glaube, dass Kunst immer die Gesellschaft kritisch begleiten muss, vor und nach so einer Krise. Und vor allem auch währenddessen. Vielleicht ist es ja mehr so ein schleichender Aufbruch, der jetzt schon begonnen hat.

 

 

Was lesen Sie derzeit?

Robert Musil, Über die Dummheit

 

 

Welches Zitat, welche Textstelle möchten Sie uns mitgeben?

Wenn die Dummheit nicht dem Fortschritt, dem Talent, der Hoffnung oder der Verbesserung zum Verwechseln ähnlich sähe, würde niemand dumm sein wollen.

 

 

Vielen Dank für das Interview lieber Josef Hader, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kabarett-, Film-, Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Josef Hader, Kabarettist, Schauspieler, Regisseur

Foto_Lukas Beck

 

29.4.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

 

„Es wird ein Bussibussi sein, und wir werden nicht mehr sein“ Egyd Gstättner, Schriftsteller, Klagenfurt 29.4.2020

Lieber Egyd, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wie immer. Nach dem gemeinsamen Frühstück mit meiner Frau und dem Morgenzigarillo vor dem Haus hinauf ins Atelier: Schreiben, Romanarbeit. (Noch mehr Zeit als gewöhnlich: Da meine Frau natürlich ebenfalls in Quarantäne ist, entfallen für mich momentan die meisten Haushaltsverpflichtungen).
Nachmittags Lektüre oder Recherchen, gegen Abend 1e Stunde (heftiges) Tischtennis im Keller – mit lautstarker Musikbegleitung. Tägliches Telefonat mit meiner Tochter. Abends (mit dem Kätzchen am Schoß) eine Literaturverfilmung oder Oper auf DVD.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das weiß ich nicht. Denn ich weiß nicht, wer „wir alle“ sind. Wir Lebewesen? Wir Österreicher? Wir Europäer? Wir Endverbraucher, Steuerzahler, Fußballfans, Mitglieder, wir Länderspielwir? Wir Christen? Pantheisten? Atheisten? Sünder? Wir Lebemänner, Genussmenschen, Kostverächter? Weltverächter, Optimisten, Pessimisten, Besserwisser, Zeitungsabonnenten, Experten, Insider, Jetzterstrechtsgelehrten, Verantwortlichen, Unverantwortlichen, Egomanen? Ich-AG`s? Intriganten? Ignoranten? Diplomaten? Parteigänger? Wir Über-ich`s, Ich`s, Es`s? Wir Wirtschaftstreibende, Kleinunternehmer, EPU`s? Wir Schriftsteller, Dichter, kreative, Enfant terribles, Nestbeschmutzer, Nationalgewissen? Meinungsmacher, Vorbilder, Vorreiter, Intellektuelle, eingesperrte Freie, nützliche Idioten? Wir gute Menschen, Gutmenschen, Schwarzseher, Visionäre? Wir zerstrittener Haufen? Pluralis majestatis?
Sind wir wir? Sind wir wer? Oft hatte und habe ich den Eindruck, ich bin in wir gar nicht enthalten. Ich weiß aber, dass uns fast nie wichtig war, was mir wichtig war, und dass mir selten wichtig war, was uns wichtig war. Wir haben selten auf mich gehört, und ich habe mir von uns selten etwas vorschreiben lassen. Ist es wichtig, ein Grab zu haben, wenn man tot ist? Was sagen wir dazu? Wir schaffen-das-wir? Yes we can-we? Wir wissen wie der Hase läuft-wir? Wir kriegen das schon hin-wir? Warum soll sich an diesem Dilemma etwas ändern wegen einer Pandemie? Müssen wir immer enger zusammenrücken, weil wir immer größeren Abstand halten müssen? Müssen wir uns begreifen, bloß weil wir uns nicht mehr berühren? Und muss uns etwas berühren, wenn wir nichts begreifen? Müssen wir beim Zusammenbrechen zusammenhalten? Nobody is an island. But everybody is a planet. Das Wort „wir“ steht in der Literatur unter Generalverdacht. Immer.

 

Egyd Gstättner

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?
Ich bin sehr skeptisch, was Begriffe wie „Aufbruch“ oder „Neubeginn“ angeht. Die hat man im letzten Jahrhundert schon in anderen, aber ebenfalls katastrophalem – noch katastrophalerem – Zusammenhang gern bemüht. Im Nachhinein ist der Aufbruch kein Aufbruch, der Neubeginn kein Neubeginn gewesen. Warum soll es jetzt einen geben? Die Mächtigen und Macher aller Gesellschaftsbereiche ein paar Schrauben in ihrem Sinn anziehen. Aber sonst wird alles bleiben wir es war. Die alten Macher werden die neuen sein. Die alten wir`s die neuen.
Literatur hat damit gar nichts zu tun. Ihr revolutionäre Kraft zuzubilligen hieße, die Realität zu verkennen. Literatur ist ein Geistesprozess und als solcher als ganzes ein Welt-Außenseiter, ein Paralleluniversum. Ich bin innerhalb der Literatur noch einmal ein krasser Außenseiter: Ein doppelter Außenseiter sozusagen, krasser geht`s nicht. Kein Macher hat je auf mein Wort gehört. Keiner hat auf meinen Zuruf hin je kehrt gemacht. Laokoon, c`est moi.

Was liest Du derzeit?

Ebenfalls immer mehrere Bücher parallel, je nach Tageszeit und Zimmer: Derzeit Thomas Mann Tagebücher 35/36. Gunnar Decker: Hesse – Der Wanderer und sein Schatten. Das geheime Leben des Salvador Dalì (von ihm selbst). Alexander Widner: Bloße Anwesenheit. Außerdem Fach- und Sachliteratur zu meinem gegenwärtigen Romanprojekt.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich bin bei Voltaire, Schopenhauer, Cioran philosophisch und aphoristisch seit Jahrzehnten sehr gut aufgehoben, die Dreifaltigkeit beschützt mich. Von Jugendtagen an dröhnen zwei Cioran-Sätze in mir: Es zählt nur eines im Leben: Lernen, ein Verlierer zu sein. Und: Die Pflicht des Einsamen ist es, noch einsamer zu werden. Das kommt mir jetzt im Alter zugute.
Es wird ein Bussibussi sein, und wir werden nicht mehr sein.

 

Vielen Dank für das Interview lieber Egyd, viel Freude und Erfolg für Dein großartiges aktuelles Buch wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Egyd Gstättner, Schriftsteller

Aktuelle Buchneuerscheinung des Autors: „Klagenfurt – was der Tourist sehen sollte“  Picus Verlag, 2020

Weitere Informationen:

http://www.picus.at/autoren/egyd-gstaettner/

 

19.4.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Entstehung der Bibel“ Konrad Schmid/Jens Schröter. Beck Verlag.

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Es ist das Wort, das den Lauf des Lebens in Geburt und Tod, Freude und Krise, Neubeginn und Untergang, Aufbruch und Zukunft eine bleibende Form gibt und Generationen wie Epochen über Jahrtausende verbindet. Die Unmittelbarkeit der Welt in allen Finessen und Raffinessen zwischen Morgen und Abend in Hell und Dunkel bleibt in der Sprache lebendig. Mensch und Welt, Sinn und Hoffnung, Angst und Zuversicht finden Ausdruck und weiten Raum darin.

So auch in der Bibel. Liebe und Verrat, Habgier und Vertrauen, Flucht und Ankommen, Plage und Rettung, Krieg und Frieden, der Bibel ist nichts fremd was das Leben in Blitz und Donner treffen, zerreißen und behutsam wieder heilen kann. Ob es Könige oder Bettler, Ackerbauer und Viehzüchter, Fischer und Schreiber, Besitzer oder Obdachlose, Liebende oder Zürnende sind, ihnen allen ist die Unabwägbarkeit des Lebens und die innere Zuflucht in Dank und Bitte, Anklage und Flehen gemeinsam. Ihr Glaube, oder Unglaube, ist nichts zum einfach in die Taschestecken sondern ein Festhalten, Herumreißen oder rastloses Suchen in Fragen und Zweifel oder Ruhe und Loslassen. Davon erzählt die Bibel in zeitlosen Bildern. Über gute Jahre oder Jahre der Krise. Ein Buch des Lebens und der Ansprache an das Leben…

 

Konrad Schmid, Professor für Altes Testament und Frühjüdische Religionsgeschichte an der Universität Zürich wie Jens Schröter, Professor für Neues Testament und neutestamentliche Apokryphen an der Humboldt Universität Berlin legen mit „Die Entstehung der Bibel“ einen spannenden wie informativen Überblick über den Prozess der Entstehung, Auseinandersetzung und Auswahl wie Wirkungsgeschichte des jüdisch-christlichen Schriftenkanons vor. In acht Überblickskapitel gelingt eine kompakte Darstellung, die nicht zuletzt in ihrer Lebendigkeit des Erzählens beeindruckt.

 

„Die Entstehung der Bibel als spannender Prozess und Ansprache von Sinn und Zeit, Mensch und Wort“

 

Walter Pobaschnig 4_20

https://literaturoutdoors.com

„Nie auf die eigene Handlungsfähigkeit vergessen“ Katharina J.Ferner, Schriftstellerin, Salzburg 28.4.2020

Liebe Katharina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Grundsätzlich hat sich an meinem Tagesablauf nicht so viel geändert. Ich setze mich gleich in der Früh an den Schreibtisch, schreibe, lese, später mache ich Erledigungen, gehe raus, treibe Sport. Was schwieriger geworden ist, ist, die Herausforderung, nicht in einen Leerlauf zu verfallen. Die Inspirationen und zufälligen Begegnungen, die sich sonst auf der Straße und bei Veranstaltungen begeben, gibt es in einer gewissen Form auch im Netz, aber das ist selbstverständlich nicht mit dem persönlichen Kontakt zu vergleichen. Was sich gravierend verändert hat, ist, dass meine Reisetätigkeit von beständig auf null gesunken ist. Das stört die Arbeitsruhe insofern, weil die ständige Bewegung und Neuverortung Teil meines Schreibprozesses sind.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Durchhalten. Geduld. Achtsamkeit. Solidarität.

Aber auch: kritisches Denken. Politisches Denken und nie auf die eigene Handlungsfähigkeit vergessen.

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Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

Gesellschaftlich fände ich es wichtig, die Berufe, die durch die Krise in den Fokus gerückt sind, nicht nur mit Dankesworten, sondern auch mit finanzieller Unterstützung und besseren Arbeitsbedingungen auszustatten. Die Aufwertung insbesondere im Gesundheitsbereich, und zwar gerade in jenen Bereichen, die gesellschaftlich sehr relevant sind, aber in öffentlichen Diskussionen gerne ausgeklammert werden, wie der Palliativbereich oder die 24-Stunden Pflege.

Im Kulturbereich sehe ich die prekären Verhältnisse einmal mehr aufgezeigt. Der Begriff der „Systemrelevanz“ ist nur eine der Wunden, die hier aufgemacht wurden. Eine Rolle für „die Literatur“ zu definieren finde ich schwierig, da ich mich auch hier an der Begrifflichkeit stoße. Literatur, so wie alle Künste, darf und soll sich auch keiner „Rolle“ zuordnen müssen.

Persönlich sehe ich die Sprache, aber als Möglichkeit, Anstöße zu geben und Themen anzusprechen, die nicht unter den Tisch fallen dürfen. Mit Corona verschwindet weder die Situation an Europas Grenzen, noch die Klimakrise. Eine klare Positionierung zu gesellschaftlichen und politischen Themen, kann ein gemeinschaftliches, kritisches und solidarisches Denken durchaus befördern.

 

Was liest Du derzeit?

„Die Erzählungen“ von Gabriel García Márquez.

„Tiefschwarz zu unsichtbar“ Gedichte von Isabella Feimer.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

 „Lost ist nicht nur ein Raum, sondern auch ein Zustand. Verlorenheit im Inneren. Verlorenheit, die die letzten Stärkefünkchen auffordert sich auf den Weg an die Oberfläche zu machen. Am tiefsten Punkt liegt der alte Anfang, wartet wie ein Überwurf auf Tage voller Fragwürdigkeiten. Testen ob die Haut noch da ist, testen ob die Muskeln noch da sind, ob der Körper noch mitmacht. Unsicherheiten im Kopf ausbügeln. Konzentration. Den Tag- Nachtrhythmus einfangen.“

 Ein Zitat aus der Serie „Lost“ aus einer Zusammenarbeit mit dem Fotokünstler Yves Noir. https://yves-noir.de/lost.html

 

Vielen Dank für das Interview liebe Katharina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Katharina J.Ferner, Schriftstellerin

Lyrik: „nur einmal fliegenpilz zum frühstück“ Limbus Verlag

Prosa: „Wie Anatolij Petrowitsch Moskau den Rücken kehrte und beinahe eine Revolution auslöste.“ Roman. Verlag Wortreich

 

16.4.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Foto_Mark Daniel Prohaska

„Weisen wir unser Nazi- und Vernaderertum in Schranken“ Regine Koth Afzelius, Schriftstellerin, 27.4.2020

Liebe Regine, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Tag 36 in Isolation. Ich werde immer mehr zur Einsiedlerin. Die Stelle einer Schmuckeremitin gewinnt an Attraktivität. Langweilig ist mir nie, ich mag die Routine meiner Tage. Angebote, jemanden zu sehen, lehne ich mit der Coronagefahr ab. Wie mir überhaupt das Treffen anderer in der Rückschau hauptsächlich ein Entsprechen für deren Wünsche gewesen zu sein scheint. Der Hund haart, das ist ärgerlich. Sonst hat er keinen Fehler. Seiner Sehnsucht nach einem frühabendlichen Spaziergang über die Felder hinein in die Abendsonne komme ich gern nach. Alle paar Zeiten ein Gespräch über den Zaun mit den Nachbarn, über die Hühner, die Bienenstöcke, die Maßnahmen und die neuesten Erkenntnisse verschiedener Experten. Die umgekehrte Reihenfolge hinterließe wahrscheinlich einen harmonischeren Abgang beim Auseinandergehen, wie mir soeben bewusst wird. Dazwischen worke ich home, koche, schreibe am neuen Roman. Der Tag fängt an um 08:20, weil sich die Hendln gegen die Stalltür stemmen. Dann Kehrtwende ins Bett mit Kaffee, Kommunikation mit der Welt via Whatsapp und Facebook. Da ich verweigere, zu telefonieren, hat alles, was nicht schriftlich geklärt werden kann, es bei mir schwer.

 

Regine _Peter Hodina

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Maßen wir uns nicht gleich eine Meinung an. Das Beleuchten und Einengen des Virusverhaltens aus unterschiedlichen Richtungen kommt mir adequater vor, als zu glauben, man habe mit dem Festbeißen an einer Auffassung schon die Wahrheit gefunden. Aber es ist so symptomatisch! Bereits am Anfang der Pandemie empfand ich, meine Freunde durch ihr Krisenverhalten neu kennenzulernen: Realitätsverdränger, No-risk-no-fun-ler, Grippenvergleicher, Informierte & Informierende. Also bleiben wir nett zu Andersdenkenden, weisen unser Nazi- und Vernaderertum in Schranken. Dass wir jetzt übereinander herfallen wie Blockwarte, wenn wo wer zu viert auf einer Parkbank sitzt, finde ich hysterisch. Kultivieren wir Höflichkeit und Rücksicht. Ich merke hier im Ort beim Einkaufen, dass gerade mit Maske viel mehr angelächelt wird. Das macht doch Freude, bevor man ins stille Kämmerlein zurückkehrt. Und halten wir den Humor hoch, so hoch es geht!

 

Was wird für einen Neubeginn jetzt für Mensch und Gesellschaft, Mann und Frau, wichtig sein und welche Rolle kommt der Literatur dabei zu?

Ich war immer schon dafür, dass wir im Kleinen umsetzen, wonach wir im Großen schreien: Den Mikrokosmos pflegen und hätscheln, so liebevoll gestalten, wie man nur kann. Wenn jeder dieserart verfährt, gewinnt die Welt.

Was die Literatur betrifft, bieten Lesungen gute Möglichkeit zur Vermittlung unserer Texte. Daher hege ich vor allem Hoffnung, dass wir AutorInnen unsere Performance verbessern. Die Sprache ist der Leib des Denkens, sagt Hegel. Insofern ich nicht verstehe, dass so viele Ääähs und Ääähms vor, zwischen und nach den Aussagen kommen. Warum man sich eine Denkpause nicht still gönnt, anstatt der hässlichen Laute. Mich machen diese Schwa-Laute akustisch fertig.

 

 Was liest Du derzeit?

Auf meinem Nachttisch liegen ‚Die Tauben von Brünn‘ von Bettina Balaka, ‚Die Lichtsammlerin‘ von Beatrix Kramlovsky, ‚Der Herr Rudi‘ von Anna Herzig, aber auch Handke, Bernhard, Kafka, Nabokov. Ich denke, dass die alle im Schlaf in mich übergehen.

 

Welches Zitat, welchen Impuls aus Deinem aktuellen Roman möchtest Du uns mitgeben?

In Richtung eines geheimen Himmels zu fliegen.

Einhundert Schleier veranlassen, zu fallen,

und das jeden Moment.

Zuerst das Leben loslassen

und schließlich einen Schritt unternehmen,

ohne einen Fuß zu setzen.

Rumi schreibt dies über die Liebe. Mir sagt es aber auch etwas über den Tod. In jedem Fall hat es mit meinem kommenden Roman zu tun.

 

Vielen Dank für das Interview liebe Regine, viel Freude und Erfolg für Deinen großartigen aktuellen Roman und alle weiteren Kunstprojekte und vor allem  persönlich alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Regine Koth Afzelius, Schriftstellerin, Künstlerin

Aktueller Roman: „Der Kunstliebhaber“ Rösner Verlag, 2019 

Weitere Informationen zur Autorin:  https://www.rka.at/aktuell/

 

16.4.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Foto_Peter Hodina

 

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