„Der Mensch braucht Perspektiven auf die er hinarbeiten kann“ Jakub Kavin, Schauspieler, Regisseur, Theaterdirektor_Wien 2.5.2020

Lieber Jakub, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf hat sich klarerweise radikal verändert. War ich früher täglich im Theater, so habe ich jetzt viel mehr Zeit für homeoffice. Das war zwar zuvor auch schon ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit, aber natürlich nicht so stark gewichtet wie jetzt.
Es stehen einige Einreichfristen für öffentliche Fördergelder an, die gilt es einzuhalten, Konzepte zu schreiben etc.
Ansonsten ist mein Tagesablauf sehr dadurch bestimmt für die Herausforderungen, die auf uns zukommen, gewappnet zu sein. Da geht es ums Netzwerken, ums Ideensammeln, um Projektentwicklung.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nun was sicher besonders wichtig ist, ist die Existenzsicherung.
Die muss durch den Staat erfolgen, das ist seine Aufgabe. Schließlich dürfen wir nicht vergessen, dass der Staat auch dafür mitverantwortlich ist, was gerade passiert. Hätten die Länder der EU die Situation – die sich im Jänner 2020 in China angebahnt hat – ernst genommen, ja dann würden wir heute wohl weltweit mit weniger Einschränkungen leben müssen. Wir hätten deutlich weniger Arbeitslose und der Tourismus und die Kultur wären nicht komplett heruntergefahren. Und vor allem hätten wir auch weniger Tote zu beklagen.

Aber ich weiß, im Nachhinein ist man immer gescheiter. Ich will also mit meinen Worten gar nicht anklagen, nur möchte ich ins Bewusstsein rufen, die Politik ist nicht der Heilsbringer, sondern die Politik ist verantwortlich und muss dieser Verantwortung auch nachkommen.

Abgesehen von der Existenzsicherung aller Bürger – und das wird wohl nur mit Umverteilungsmaßnahmen gehen – ist eines besonders wichtig:
Perspektive.

Der Mensch braucht Perspektiven auf die er hinarbeiten kann. Perspektivlosigkeit ist etwas Grauenvolles. Hier steht die Politik ebenfalls in der Bringschuld.

 

IMG_3073a

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst zu?

Bei einem Aufbruch und Neubeginn sind denke ich zwei Faktoren wesentlich:

Flexibilität und Kreativität.
Das betrifft aber natürlich alle Branchen und nicht nur die Kunstszene.


Wenn wir uns das Theater im Speziellen anschauen, dann erkenne ich keine homogene Rolle, bzw. mehrere Rollen und Funktionen.
Einerseits übernimmt das Theater einen ganz wichtigen Faktor in unserer Gesellschaft: den der Unterhaltung. Ich denke, dass diese Rolle vielleicht sogar wieder wichtiger wird, weil die Menschen Orte brauchen werden, an denen sie gemeinsam lachen können …
Dann gibt es die Künstler*innen, die ihre Aufgabe und ihre Kompetenz eher dort sehen wo es gilt die Gesellschaft zu reflektieren und auf mehr oder weniger metaphorische Weise die brennenden Themen der Zeit aufzuarbeiten.

In manchen Stücken treffen sich die Unterhaltung und die Gesellschaftskritik im Rahmen eines Abends – siehe Nestroy und viele andere …. Heutzutage übernehmen oft Kabarettisten diese Funktion.
Eine Kunstgattung, die für die nächsten Monate der eingeschränkten Veranstaltungsmöglichkeiten wie maßgeschneidert scheint.

Grundsätzlich – unabhängig der Theatergattung – wird das kollektive Erlebnis am Theater, der Grund sein, warum die Wichtigkeit des Theaters wieder zunimmt. Die Katharsis beim gemeinsamen Erleben wird vielleicht wieder möglich sein, weil die Einzigartigkeit des Moments wieder bewusster wahrgenommen wird.

Doch bei diesen Gedankengängen sind wir schon in der Zukunft angelangt, in einer Zeit wo die Menschen einander wieder näher sein dürfen …
Im Moment ist die Theater- und Kunstszene dazu verdammt wahrzunehmen, dass sie nicht der Nabel der Welt ist, das tut sicher da und dort weh, ist aber vielleicht auch ein ganz guter Prozess der erzwungenen Selbstreflektion. Ich hoffe also darauf, dass uns die jetzige Zeit des Stillstands in der Zukunft umso intensivere Theater- und Kunsterlebnisse bescheren wird.

 

Was liest Du derzeit?

ULYSSES von James Joyce

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„…also was sich da so alles tun muss in den Theatern im Gedränge in der Dunkelheit die versuchen doch in einer Tour sich an einen ranzumachen …“ James Joyce. Ulysses S.962 …


In der Hoffnung, dass wir bald wieder ein Gedränge im Theater erleben werden können …

 

 

 

Vielen Dank für das Interview lieber Jakub, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater- und künstlerischen Projekte im „TheaterArche“ Wien und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Jakub Kavin, Geschäftsführer, Künstlerischer Leiter, Schauspieler, Regisseur, Produzent _“TheaterArche“ Wien

Aktuell

 

22.4.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Porträtfoto_Jakub Kavin_Walter Pobaschnig

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s