„Es wird ein Bussibussi sein, und wir werden nicht mehr sein“ Egyd Gstättner, Schriftsteller, Klagenfurt 29.4.2020

Lieber Egyd, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wie immer. Nach dem gemeinsamen Frühstück mit meiner Frau und dem Morgenzigarillo vor dem Haus hinauf ins Atelier: Schreiben, Romanarbeit. (Noch mehr Zeit als gewöhnlich: Da meine Frau natürlich ebenfalls in Quarantäne ist, entfallen für mich momentan die meisten Haushaltsverpflichtungen).
Nachmittags Lektüre oder Recherchen, gegen Abend 1e Stunde (heftiges) Tischtennis im Keller – mit lautstarker Musikbegleitung. Tägliches Telefonat mit meiner Tochter. Abends (mit dem Kätzchen am Schoß) eine Literaturverfilmung oder Oper auf DVD.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das weiß ich nicht. Denn ich weiß nicht, wer „wir alle“ sind. Wir Lebewesen? Wir Österreicher? Wir Europäer? Wir Endverbraucher, Steuerzahler, Fußballfans, Mitglieder, wir Länderspielwir? Wir Christen? Pantheisten? Atheisten? Sünder? Wir Lebemänner, Genussmenschen, Kostverächter? Weltverächter, Optimisten, Pessimisten, Besserwisser, Zeitungsabonnenten, Experten, Insider, Jetzterstrechtsgelehrten, Verantwortlichen, Unverantwortlichen, Egomanen? Ich-AG`s? Intriganten? Ignoranten? Diplomaten? Parteigänger? Wir Über-ich`s, Ich`s, Es`s? Wir Wirtschaftstreibende, Kleinunternehmer, EPU`s? Wir Schriftsteller, Dichter, kreative, Enfant terribles, Nestbeschmutzer, Nationalgewissen? Meinungsmacher, Vorbilder, Vorreiter, Intellektuelle, eingesperrte Freie, nützliche Idioten? Wir gute Menschen, Gutmenschen, Schwarzseher, Visionäre? Wir zerstrittener Haufen? Pluralis majestatis?
Sind wir wir? Sind wir wer? Oft hatte und habe ich den Eindruck, ich bin in wir gar nicht enthalten. Ich weiß aber, dass uns fast nie wichtig war, was mir wichtig war, und dass mir selten wichtig war, was uns wichtig war. Wir haben selten auf mich gehört, und ich habe mir von uns selten etwas vorschreiben lassen. Ist es wichtig, ein Grab zu haben, wenn man tot ist? Was sagen wir dazu? Wir schaffen-das-wir? Yes we can-we? Wir wissen wie der Hase läuft-wir? Wir kriegen das schon hin-wir? Warum soll sich an diesem Dilemma etwas ändern wegen einer Pandemie? Müssen wir immer enger zusammenrücken, weil wir immer größeren Abstand halten müssen? Müssen wir uns begreifen, bloß weil wir uns nicht mehr berühren? Und muss uns etwas berühren, wenn wir nichts begreifen? Müssen wir beim Zusammenbrechen zusammenhalten? Nobody is an island. But everybody is a planet. Das Wort „wir“ steht in der Literatur unter Generalverdacht. Immer.

 

Egyd Gstättner

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?
Ich bin sehr skeptisch, was Begriffe wie „Aufbruch“ oder „Neubeginn“ angeht. Die hat man im letzten Jahrhundert schon in anderen, aber ebenfalls katastrophalem – noch katastrophalerem – Zusammenhang gern bemüht. Im Nachhinein ist der Aufbruch kein Aufbruch, der Neubeginn kein Neubeginn gewesen. Warum soll es jetzt einen geben? Die Mächtigen und Macher aller Gesellschaftsbereiche ein paar Schrauben in ihrem Sinn anziehen. Aber sonst wird alles bleiben wir es war. Die alten Macher werden die neuen sein. Die alten wir`s die neuen.
Literatur hat damit gar nichts zu tun. Ihr revolutionäre Kraft zuzubilligen hieße, die Realität zu verkennen. Literatur ist ein Geistesprozess und als solcher als ganzes ein Welt-Außenseiter, ein Paralleluniversum. Ich bin innerhalb der Literatur noch einmal ein krasser Außenseiter: Ein doppelter Außenseiter sozusagen, krasser geht`s nicht. Kein Macher hat je auf mein Wort gehört. Keiner hat auf meinen Zuruf hin je kehrt gemacht. Laokoon, c`est moi.

Was liest Du derzeit?

Ebenfalls immer mehrere Bücher parallel, je nach Tageszeit und Zimmer: Derzeit Thomas Mann Tagebücher 35/36. Gunnar Decker: Hesse – Der Wanderer und sein Schatten. Das geheime Leben des Salvador Dalì (von ihm selbst). Alexander Widner: Bloße Anwesenheit. Außerdem Fach- und Sachliteratur zu meinem gegenwärtigen Romanprojekt.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich bin bei Voltaire, Schopenhauer, Cioran philosophisch und aphoristisch seit Jahrzehnten sehr gut aufgehoben, die Dreifaltigkeit beschützt mich. Von Jugendtagen an dröhnen zwei Cioran-Sätze in mir: Es zählt nur eines im Leben: Lernen, ein Verlierer zu sein. Und: Die Pflicht des Einsamen ist es, noch einsamer zu werden. Das kommt mir jetzt im Alter zugute.
Es wird ein Bussibussi sein, und wir werden nicht mehr sein.

 

Vielen Dank für das Interview lieber Egyd, viel Freude und Erfolg für Dein großartiges aktuelles Buch wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Egyd Gstättner, Schriftsteller

Aktuelle Buchneuerscheinung des Autors: „Klagenfurt – was der Tourist sehen sollte“  Picus Verlag, 2020

Weitere Informationen:

http://www.picus.at/autoren/egyd-gstaettner/

 

19.4.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Foto_Egyd Gstättner

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s