„Weisen wir unser Nazi- und Vernaderertum in Schranken“ Regine Koth Afzelius, Schriftstellerin, 27.4.2020

Liebe Regine, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Tag 36 in Isolation. Ich werde immer mehr zur Einsiedlerin. Die Stelle einer Schmuckeremitin gewinnt an Attraktivität. Langweilig ist mir nie, ich mag die Routine meiner Tage. Angebote, jemanden zu sehen, lehne ich mit der Coronagefahr ab. Wie mir überhaupt das Treffen anderer in der Rückschau hauptsächlich ein Entsprechen für deren Wünsche gewesen zu sein scheint. Der Hund haart, das ist ärgerlich. Sonst hat er keinen Fehler. Seiner Sehnsucht nach einem frühabendlichen Spaziergang über die Felder hinein in die Abendsonne komme ich gern nach. Alle paar Zeiten ein Gespräch über den Zaun mit den Nachbarn, über die Hühner, die Bienenstöcke, die Maßnahmen und die neuesten Erkenntnisse verschiedener Experten. Die umgekehrte Reihenfolge hinterließe wahrscheinlich einen harmonischeren Abgang beim Auseinandergehen, wie mir soeben bewusst wird. Dazwischen worke ich home, koche, schreibe am neuen Roman. Der Tag fängt an um 08:20, weil sich die Hendln gegen die Stalltür stemmen. Dann Kehrtwende ins Bett mit Kaffee, Kommunikation mit der Welt via Whatsapp und Facebook. Da ich verweigere, zu telefonieren, hat alles, was nicht schriftlich geklärt werden kann, es bei mir schwer.

 

Regine _Peter Hodina

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Maßen wir uns nicht gleich eine Meinung an. Das Beleuchten und Einengen des Virusverhaltens aus unterschiedlichen Richtungen kommt mir adequater vor, als zu glauben, man habe mit dem Festbeißen an einer Auffassung schon die Wahrheit gefunden. Aber es ist so symptomatisch! Bereits am Anfang der Pandemie empfand ich, meine Freunde durch ihr Krisenverhalten neu kennenzulernen: Realitätsverdränger, No-risk-no-fun-ler, Grippenvergleicher, Informierte & Informierende. Also bleiben wir nett zu Andersdenkenden, weisen unser Nazi- und Vernaderertum in Schranken. Dass wir jetzt übereinander herfallen wie Blockwarte, wenn wo wer zu viert auf einer Parkbank sitzt, finde ich hysterisch. Kultivieren wir Höflichkeit und Rücksicht. Ich merke hier im Ort beim Einkaufen, dass gerade mit Maske viel mehr angelächelt wird. Das macht doch Freude, bevor man ins stille Kämmerlein zurückkehrt. Und halten wir den Humor hoch, so hoch es geht!

 

Was wird für einen Neubeginn jetzt für Mensch und Gesellschaft, Mann und Frau, wichtig sein und welche Rolle kommt der Literatur dabei zu?

Ich war immer schon dafür, dass wir im Kleinen umsetzen, wonach wir im Großen schreien: Den Mikrokosmos pflegen und hätscheln, so liebevoll gestalten, wie man nur kann. Wenn jeder dieserart verfährt, gewinnt die Welt.

Was die Literatur betrifft, bieten Lesungen gute Möglichkeit zur Vermittlung unserer Texte. Daher hege ich vor allem Hoffnung, dass wir AutorInnen unsere Performance verbessern. Die Sprache ist der Leib des Denkens, sagt Hegel. Insofern ich nicht verstehe, dass so viele Ääähs und Ääähms vor, zwischen und nach den Aussagen kommen. Warum man sich eine Denkpause nicht still gönnt, anstatt der hässlichen Laute. Mich machen diese Schwa-Laute akustisch fertig.

 

 Was liest Du derzeit?

Auf meinem Nachttisch liegen ‚Die Tauben von Brünn‘ von Bettina Balaka, ‚Die Lichtsammlerin‘ von Beatrix Kramlovsky, ‚Der Herr Rudi‘ von Anna Herzig, aber auch Handke, Bernhard, Kafka, Nabokov. Ich denke, dass die alle im Schlaf in mich übergehen.

 

Welches Zitat, welchen Impuls aus Deinem aktuellen Roman möchtest Du uns mitgeben?

In Richtung eines geheimen Himmels zu fliegen.

Einhundert Schleier veranlassen, zu fallen,

und das jeden Moment.

Zuerst das Leben loslassen

und schließlich einen Schritt unternehmen,

ohne einen Fuß zu setzen.

Rumi schreibt dies über die Liebe. Mir sagt es aber auch etwas über den Tod. In jedem Fall hat es mit meinem kommenden Roman zu tun.

 

Vielen Dank für das Interview liebe Regine, viel Freude und Erfolg für Deinen großartigen aktuellen Roman und alle weiteren Kunstprojekte und vor allem  persönlich alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Regine Koth Afzelius, Schriftstellerin, Künstlerin

Aktueller Roman: „Der Kunstliebhaber“ Rösner Verlag, 2019 

Weitere Informationen zur Autorin:  https://www.rka.at/aktuell/

 

16.4.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Foto_Peter Hodina

 

https://literaturoutdoors.com

 

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