„unzweifelhaft ein Mensch Kärntner Ursprungs“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Paul Auer, Schriftsteller _ Millstatt/Wien 6.5.2026

Ingeborg Bachmann _ Paul Auer

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Im Interview _ Paul Auer, Schriftsteller _ Millstatt/Kärnten.

Lieber Paul, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

Meine erste bewusste Begegnung mit dem Namen Ingeborg Bachmann fand wohl unterwegs statt. Es gab dazumal einen Intercity, der nach ihr benannt war, ich könnte nachschauen, auf welcher Strecke, aber vermutlich hatte er was mit meiner familiär bedingt schon als Kind häufigen Reisen von Kärnten nach Tirol zu tun. Ich würde gerne behaupten, dass mich dies noch vor dem Teenageralter zur Lyrik Bachmanns vermittelt hätte und ich ihr meine ersten Sonette widmete, aber sie blieb für mich zuvorderst ein Zug, der wie eine offenbar sehr berühmte Person hieß, so wie der Hugo von Hofmannsthal oder der Robert Stolz. Ein angenehmer Zug immerhin, wenn ich mich recht erinnere, wenigstens habe ich an die Fahrten, so es tatsächlich der Ingeborg Bachmann war, der mich regelmäßig chauffierte, keine unangenehmen Erinnerungen.

Archiv _ Walter Pobaschnig

Im Gymnasium wird sie mir dann wohl als Schriftstellerin konkret bewusst geworden sein, anzunehmen, dass Gedichte von ihr in einem Lesebuch zu finden waren, aber nachhaltig eingeprägt hat sie sich mir auch dann noch nicht. Ich fand als Mittelschüler überhaupt nur ein Gedicht gut, „Patrouille“ von August Stramm, mehr brauchte ich nicht.

Erst als ich dann Zivildiener in einem Klagenfurter Pflegeheim war, kam ich der Bachmann nicht mehr aus, wenngleich ich mich damals schwerverliebt in einer ersten Rimbaud-Phase befand. Doch war just das Ehepaar Lampersberg vom Tonhof Bewohner jenes Heims, der „Beppo“ und die „Maja“, wie sie einander liebevoll nannten, zumindest glaube ich, mich an diese Kosenamen zu erinnern. Sie bewohnten zwei nebeneinander gelegene Zimmer, wobei er, zwar erst um die 70, doch bereits schwer gezeichnet, noch emsig herumtapste, mit kleinen Pinguinschritten und nicht selten einer Piccoloflasche Rotwein in der Morgenrocktasche; sie hingegen, einige Jahre älter, lag nur mehr im Bett und beobachtete von dort aus durchaus interessiert ihre reduzierte Umgebung. Er stand oft bei ihr, dann lauschten sie miteinander einer Musik aus dem Radio oder dem CD-Player, oder er fütterte sie, streichelte sie liebevoll, manchmal setzte er ihr einen Cloche-Hut auf. In meiner Wahrnehmung war sie noch sehr klar im Kopf, trotz Bettlägerigkeit mit beiden Beinen am Boden gewissermaßen, wie es vielleicht immer bei den beiden gewesen war, wohingegen er oft zerstreut und in seinem Reden erratisch wirkte. Er sprach abgehackt, zuweilen stotternd, oft genug unverständlich; sie hingegen immer korrekt und gewählt, durchaus distinguiert, mit einer allerdings kaum vernehmbaren ätherischen Stimme, in der trotz ihrer unerfreulichen Situation eine Art heiteres Ennui mitschwang. Und so rezitierte sie eines Tages aus dem Nichts ein Gedicht, das ich zunächst gar nicht (er)kannte; erst später kam ich drauf, dass es „Böhmen liegt am Meer“ war. Ich weiß nicht mehr, ob Herr Lampersberg bereits im Zimmer gewesen war, oder erst während des Vortrags seiner Frau hereinkam, allerdings erinnere ich mich noch gut an meinen Eindruck, dass er explizit wegen des Gedichts (wieder) hinausging. Es schien ihn furchtbar aufzuregen, er schimpfte nach seinen beschränkten Möglichkeiten herum, obwohl, es war eigentlich mehr so ein gehemmtes Grummeln, denn ich glaube nicht, dass er seiner geliebten Maja wegen irgendetwas hätte böse sein können.

Maja und Gerhard Lampersberg am Thonhof/Maria Saal _ Kärnten.
Das Künstlerehepaar, Sängerin und Komponist, machte ihren Wohnsitz in den 1950/60er Jahren zu einem Treff- und Mittelpunkt österreichischer künstlerischer Avantgarde mit Namen wie Thomas Bernhard, Christine Lavant, Kiki Kogelnik, Peter Turrini, H.C.Artmann u.a.

Zur Lyrik Bachmanns brachte mich dieser beeindruckende Vortrag jedoch immer noch nicht, aber die Erzählungen aus „Das dreißigste Jahr“ dürfte ich dann irgendwann in dieser Zeit gelesen haben. Doch wie die meiste Nachkriegsliteratur verfing es damals nicht in mir, auch zu Handke und Bernhard fand ich erst Jahre später Zugänge, weil es mir zu düster, grau und schwer erschien. Ich ahnte wohl, dass ich davon selbst genug in mir und um mich hatte und wollte daher nichts von einer Welt lesen, die eigentlich immer noch vor meiner Haustüre sich ausbreitete.     

Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?

Das hätte ich Frau Lampersberg fragen sollen, wie ich auch Herrn Lampersberg vieles zu Bernhard hätte fragen sollen. Aber es gibt bekanntlich Gelegenheiten im Leben, die man aufgrund der eigenen Beschränktheit nicht im ganzen Ausmaß nutzen kann. Daher vermag ich diese Frage zunächst nur so zu beantworten: Das Besondere am Schreiben Bachmanns ist, dass es Bachmanns Schreiben ist. Vor allem die Erzählungen sind, abgesehen vom unzweifelhaften literarischen Wert, unschätzbare Zeugnisse über den beschädigten mitteleuropäischen Nachkriegsmenschen. Aber natürlich ist Bachmanns Prosa immer viel mehr als Zeitzeuginnenschaft, es ist eine Menschenzeuginnenschaft. Eine Erzählung wie „Alles“ hat nichts von ihrer Erschütterungsfähigkeit verloren, ja vielleicht ist sie in ihrer Brutalität heute wieder aktueller als vor 20 Jahren. Das macht ja, nona, die Qualität großer Kunst aus, dass sie gleichzeitig über eine bestimmte Zeit und über alle Zeiten etwas erzählen kann und jedes Lesen, jedes Betrachten aufs Neue bereichert und erweitert. Das gilt vielleicht auch für Bachmann als öffentliche Person, die ja mindestens ebenso interessant ist wie ihr Werk, sodass sich das eine wie das andere je nach zeitgeistiger Mode und Geschmack den unterschiedlichsten Urteilen, Vereinnahmungen und Profilierungswünschen ausgesetzt sieht – das merkt man ja auch anhand dieser Interviewreihe. Wie bei vielen Popstars oder auch Bibelfiguren hatte ich daher wohl schon lange, bevor ich über die geringste wahrhaftige Kenntnis von ihr oder dessen verfügte, was Literatur (bzw. Religion) ist, eine sehr subjektive Ahnung oder vielleicht besser: eine Vermutung, eine Imagination, wer das sei und was, um auf die Frage zurückzukommen, das Besondere an ihr ausmacht: Bachmann als mythische Figur war zumal in Kärnten nicht bloß wegen der ÖBB sehr präsent, und womöglich ist sie für meine kindliche Wahrnehmung auch mit Romy Schneider zu jenem mittlerweile natürlich völlig abgeschmackten mittelalterlichen Typ Frau verschwommen, die in tiefem Unglück und größter Enttäuschung die Tage mit Rauchen und Trinken zubringt und noch schwach auf den einen, wohl männlich-starken Erlöser hofft, dem sie sich in die Arme werfen kann, obwohl sie weiß, dass eine solche Begegnung das Unglück nur noch verstärken wird. Das Kärnten meiner Kindheit war in den 80ern und 90ern voll von solchen Frauen, allein in meinem Heimatort gab es etliche, die meist aus guter, zumindest finanziell abgesicherter Herkunft kommend sich in alten Villen und Hotels eingekerkert sahen, gebrochen von autoritären Nazivätern und enttäuscht von Liebhabern und Ehemännern, die nicht Halt geben konnten ohne Gewalt, nicht liebevoll sein konnten ohne Orientierungslosigkeit. Dass Bachmann sich mit den vielen Möglichkeiten von Himmel und Hölle in der Beziehung zwischen Mann und Frau (vor allem) auseinandergesetzt hat, auseinandersetzen musste, passte in jene Jahrzehnte im Schatten des Nationalsozialismus. Und die Sehnsucht danach, aus dieser Schwere und Aussichtslosigkeit in ein leichtes, sonniges, mitunter auch leichtfertiges Leben auszuweichen und dazu dann auch durchaus – zum Glück, muss man sagen – eine Fähigkeit zu entwickeln, macht sie, nein: meine Vorstellung von ihr, unzweifelhaft zu einem Menschen Kärntner Ursprungs.

Das erklärt mir auch noch einmal, weshalb ich als Lesender zunächst nichts mit ihr zu tun haben wollte. Ich assoziierte sie mit diesem tiefen Kärntner Unglücklichsein, diesem maßlosen, alles verschlingenden Drama, das sich zum Trost mit Perlenketten und Cognac ausstaffierte, verstand damals allerdings noch nicht, dass es, wenn nicht in ihrem Leben, so doch in ihren Texten, natürlich auch immer Hoffnung gibt, Widerstand im Sinne von: Ja, es war schrecklich, es hat dich fast vernichtet, aber jetzt ist es vorbei und es geht weiter!      

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?

Die Erzählung „Das dreißigste Jahr“ und das Hörspiel „Der gute Gott von Manhattan“.

Beim Wiederlesen von „Das dreißigste Jahr“ habe ich mich zunächst mit meinem Hang zum unoriginellen Populismus gefragt, ob jemals erboste Kritik daran erhoben wurde, dass Bachmann darin aus einer männlichen Perspektive schreibt (die ihr, wie ich finde, unglaublich gut gelingt, gleiches gilt ja etwa für „Alles“). Abgesehen davon hat diese Erzählung genau die Qualität der Vielschichtigkeit, die ich vorhin gemeint habe: Man kann sie als Porträt über die sogenannte „Silent Generation“ lesen, ja sogar als Metapher über das Wirtschaftswunder, aber ebenso als zeitlose Auseinandersetzung mit der Anpassungsschmerzen eines jungen Menschen an die Gesellschaft, als Dekonstruktion des Patriarchats, als Entblößung eines verwöhnten Mittelstandsfratzen, der nicht erwachsen werden will, als Heldenreise, und und und …

Das Hörspiel wiederum ist von seiner Idee her so schräg und bizarr – die Eichhörnchen!, die Bombe! (was auf Bachmanns Humor verweist), allein das macht es hörenswert; zudem die Intensität in der Beziehung zwischen zwei Menschen, diese emphatische Wucht, dieser Pathos, diese große Geste! Für heutige Ohren ist das alles womöglich ungewohnt bis unerträglich (und man sagt dann unbedacht: Kitsch!), weil der narzisstische Zeitgeist und die Leichtfertigkeit, mit der er genuin menschliches Verhalten wie Hingabe und Leidenschaft ideologisch pathologisiert und fast kriminalisiert, mit großer Liebe und ihrer Abkehr vom absoluten Ich-Diktat nichts mehr anzufangen weiß, denn das ist schließlich: höchst-pro-ble-matisch! Insofern finde ich es gut, dass es in unseren Archiven literarische Werke wie dieses Hörspiel gibt. Es bewahrt die Erinnerung an die Möglichkeit menschlicher Empfindungen wie in einer Zeitkapsel, bis wir als Gattung eines Tages wieder bereit sein werden, uns das anzuhören und anhand dieses Dokuments wieder erlernen, miteinander über unsere Gefühle zueinander zu sprechen, ohne gleich danach zwecks ironischer „Kontextualisierung“ einen albernen Synchrontanz für Instagram aufführen zu müssen. Das wird aber noch dauern. Momentan jedenfalls sieht es so aus, als habe der gute Gott von Manhattan mit seiner Bombe und seiner Zerstörungswut als Agent von Effizienz und Konformität gegen die Liebe gesiegt. Und das Perfide: Er hat es mit dem lügenhaften Versprechen von Freiheit, Spaß und Individualität getan, die Bombe war eine False-Flag-Aktion.     

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in einer Vorlesung. Ist das Schreiben, die Kunst immer eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Das ist natürlich ein nicht tot zu kriegender Topos, wobei ich glaube, dass unglaublich viele Menschen heute (wie wohl zu allen Zeiten) asozial, einsam und verdammt sind, vielleicht solche mit sogenannter bürgerlicher Lebensweise noch mehr als die Schriftsteller – die ja im übrigen zu einem überwiegenden Teil auch auf die eine oder andere Weise „bürgerlich“ Geld verdienen (müssen). Bachmann hat diese Zuschreibung ja wohl zunächst mal auf sich bezogen (allerdings kenne ich die ganze Vorlesung und somit den Kontext nicht), wobei sie an anderer Stelle schon auch auf die verschiedenen Rollen hinweist, sie sich Künstler anmaßen oder die ihnen zugewiesen werden: von der kauzigen Spitzweg-Figur, die am ehesten den obigen Attributen entspricht, bis hin zum Schriftsteller, der Politik macht. Ohne Bachmann psychologisch deuten zu wollen: Ein Teil ihrer klarerweise vielschichtigen Person empfand die eigene Existenz gewiss als absonderlich, seltsam, asozial, verdammt – aber tun wir das nicht alle von Zeit zu Zeit? Und hätte Bachmann das von sich nicht auch gesagt, wäre sie Inhaberin eines Wörthersee-Hotels gewesen? Nicht umsonst ist sie allerdings Schriftstellerin geworden. Dieses Gefühl hat also weniger mit der Tätigkeit an sich als mit dem Charakter jener Menschen zu tun, die sich zu einer solchen Tätigkeit berufen fühlen, um dann auch stellvertretend für alle die Bedingungen, Auswirkungen und utopischen Bewältigungsmöglichkeiten dieses Lebensgefühl zu erforschen. Dazu hat die Hotelière keine Zeit, die muss immerzu lächeln. Das ist ihr Martyrium.      

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Nervt Sie der Gedanke, dass nach Ihrem Tod jeder Hans und jede Hänsin über Sie etwas zu wissen glauben wird?

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Mein nächstes Buch wird sich mit Bachmanns Generation auseinandersetzen. Mit Kärnten, der Nachkriegszeit, den Möglichkeiten weiblicher Selbstermächtigung und der fraulichen Spielart toxischer Männlichkeit. Und Tourismus spielt notgedrungen ebenso eine Rolle, wie auch Zigaretten, Weißer Spritzer, Griesnockerlsuppe, die Sehnsucht nach Italien, auch das Altern und Verwelken, das Abschiednehmen, die Endgültigkeit des Todes, von der in Kärnten viel gesungen aber wenig gewusst wird. Es wird ein heiteres Buch werden.

Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?

Man kann überhaupt keinen Menschen je begreifen, man kann es nur versuchen, und dieser Versuch muss von den Schriftstellern gemacht werden

Herzlichen Dank für das Interview!

Paul Auer, Schriftsteller

Zur Person: Paul Auer _ geboren 1980 in Villach, Studium der Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien, Absolvent des Lehrgangs Literarisch Schreiben bei Marlen Schachinger am Institut für Narrative Kunst (INK), Mitglied des Kärntner SchriftstellerInnenverbands (KSV), der Grazer AutorInnenversammlung (GAV), der IG AutorInnen, der Literaturvereinigung Podium; lebt als freier Schriftsteller in Brüssel und Millstatt. Neben zahlreichen kleinen Veröffentlichungen sind bislang die Romane „Kärntner Ecke Ring“, „Fallen“ und „Mauern“ bei Septime erschienen.

Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann

Foto: Paul Auer: privat.

Foto: Maja und Gerhard Lampersberg _ Robert Musil Institut/Klagenfurt.

Foto: IC ÖBB _ Walter Pobaschnig.

Walter Pobaschnig, 23.4.26

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