„Vater Unser“ Angela Lehner. Roman. Hanser Verlag

 

„Vater Unser“ Angela Lehner. Roman. Hanser Verlag.

Wien. Ihr Name Eva Gruber. Sie hat jetzt die Hände auf den Rücken gebunden. Sitzt im Polizeiauto. Die schnelle Fahrt führt über die Hütteldoferstraße zur Psychiatrie am Hügel der Stadt, Richtung Westen. Der Untergang der Sonne. Uns so ist es auch jetzt für sie. Dunkelheiten. Oder war es nicht schon immer so? Ein Leben in ständiger anbrechender Dunkelheit?

Der Tagesablauf jetzt zwischen Therapiesitzung und Anweisungen täglicher Routine. Doch auch hier Bruder ist hier. Die Begegnung wird zur weitgehend stillen. So viel lastet auf ihnen…

In der Therapie kommt der Schrecken ihres Lebens zutage. Der verstorbene Vater, der die Tochter missbrauchte. Die tote Mutter. Aber vor allem der Grund, warum sie jetzt hier in der Psychiatrie ist. Ihr Mord an einer Kindergartengruppe. Mit einer Pistole, alle wurden erschossen…

Die Therapie setzt sich jetzt jeden Tag fort. Umrisse, Schatten und Schrecken, Lebens- Liebesversuche kommen zur Sprache, zu Wort und zu Tränen, vor allem zum Schweigen…

Doch wie geht es jetzt weiter mit Eva und ihrem Bruder? Gibt es einen Weg für sie? Welche Zukunft kann es sein?…

 

Die Klagenfurter Autorin Angela Lehner legt mit „Vater Unser“ einen fulminanten Roman als dramatisches Feuerwerk an Existenzanalyse, Gesellschaftskritik und Sprachgewalt vor. Der Roman fesselt vom ersten Satz an und katapultiert Leserin und Leser in die Lebens- und Familienabgründe einer jungen Frau und ihren Blick zurück auf Gewalt, Leiden und Ausweglosigkeiten.

 

„Ein Roman, der in Sprache, Dramatik und kritischer Gesellschaftsreflexion fesselt“

 

Walter Pobaschnig 4_20

https://literaturoutdoors.com

„Wir leben gerade in einer Gesundheitsdiktatur“ Franzobel, Schriftsteller, Wien, 26.4.2020

 

Lieber Franzobel, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nicht viel anders als sonst: Schreiben, Lesen, Sport, Kochen, Liebe machen und Schlafen.

 

Franzobel_Porträt

 

 Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wir leben gerade in einer Gesundheitsdiktatur. Wichtig ist, dass wir uns die Kritikfähigkeit bewahren und keine Blockwartmentalität einreißen lassen. Wichtig ist auch, dass wir die nationale Eingrenzung wieder wegbekommen. Jetzt hat jedes Volk, was es sich gewählt hat, aber ich hoffe, es kommt wieder zu einer Öffnung, einer Renaissance der EU.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

 Es findet gerade eine enorme Digitalisierung statt. Alles findet online oder virtuell statt und ist somit auch kontrollierbar. Es ist wichtig, zum Gemauschel zurückzukehren, zum Recht zur Selbstzerstörung. Weg von der Gesundheitsdiktatur. Was diese Krise für mich bedeutet, kann ich noch nicht abschätzen, aber ich rechne mit einer wirtschaftlichen Katastrophe.

 

Was liest Du derzeit?

 Stephen King: The Stand.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

 Kreativ und humorvoll bleiben, über die Wunder der Schöpfung staunen und das Leben genießen.

 

 

Vielen Dank für das Interview lieber Franzobel und viel Erfolg für Deinen  aktuellen großartigen Roman „Rechtswalzer“ , Hanser Verlag 2019.

5 Fragen an KünstlerInnen:

Franzobel, Schriftsteller, Bachmannpreisträger 1995

 

Weitere Informationen: 

https://www.hanser-literaturverlage.de/autor/franzobel/

 

14.4..2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Foto_Franzobel

 

„Mit unserer Unschuldsmiene ist es vorbei“ Eckhart Nickel, Schriftsteller, Frankfurt/Main 25.4.2020

 

Lieber Eckhart, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Eigentlich wie immer. Nur, dass jetzt genug Zeit vor dem Frühstück bleibt, gemeinsam mit Sohn James (12) laufen zu gehen: einmal über die Felder zum Lohrberg und zurück. Ein schönes Ritual, das auch durch das anhaltend gute Wetter seit dem Lockdown einfacher zu realisieren ist als sonst. Überhaupt ist das unvorstellbar geworden, schlechtes Wetter. Wie in der Schönen Neuen Welt fühlt man sich auf einmal, in der immer die Sonne scheint. Schon ein paar Wolken an dem nahezu kondensstreifenfreien blauen Himmel sind nach den letzten drei Wochen fast schon ein Schock. Dabei ist das auch nur der nächste Schritt im Klimawandel. Der abflauende Jetstream über dem Atlantik. Gespiegelter Lockdown 34.000 Fuss über dem Meeresspiegel, der das Wetter extremer macht. Das gute Wetter wird immer besser und die Hochdruckgebiete reichen sich die Hand. Oder der Kerndruck der Tiefs wird immer geringer und sie wachsen sich zu katastrophalen Stürmen aus. Wahrscheinlich wird Mitteleuropa wie Kalifornien: vertrocknete Sommer mit Hitzerekorden und eine zu milde Regenzeit mit Flut und Verwüstung im Winter. Aber wie schnell man sich gewöhnt. Vor allem an das Positive. Die Ruhe, schon fast wie damals an den autofreien Sonntagen meiner Kindheit gegen den Smog der Siebziger Jahre, als wir uns wie Rebellen fühlten, einfach über die Autobahn spazieren zu gehen, ein Triumph über den rasenden Alltag. Fast kommt es einem vor, als werde das alles tatsächlich jetzt passieren. Dass nichts mehr so sein wird wie es war, und dass wir schon bald Flughäfen besichtigen werden wie Industriemonumente aus einer anderen Zeit, in der das Unterwegs-Sein nahezu eine Tätigkeit geworden war, die man ausübte wie einen Beruf. Aber zurück zum Tagesablauf. Erst das Frühstück (Espresso, Orangensaft, frisch zubereitetes Müsli mit Beeren und Äpfeln, eine Art Bircher Variante), währenddessen ich das Morning Briefing der New York Times auf dem iPhone SE abrollen lasse, um mich über die neusten Entwicklungen in Amerika und dem Rest der Welt zu informieren. Dann setze ich mich gleich wie gewohnt an den Schreibtisch. Vor Osterferienbeginn war das nur möglich, wenn ich vorher meine Pflichten als Hauslehrer des neuen digitalen Schullebens erfüllt und meinen Sohn mit den Aufgaben des Tages vertraut gemacht habe. Mein Schreibtisch blickt auf einen wunderbar grau verwitterten Jägerzaun, dahinter die skandinavischen Nadelbäume unserer direkten Nachbarn, die alle, wie wir gerade erfahren haben, schon an Covid19 erkrankten, die Kinder leichter, der Familienvater am heftigsten. Vorher wussten wir nur, dass sie nach einem Skiurlaub in der Gegend von Ischgl alle in Quarantäne waren, und es kam uns seltsam vor, wie wenig sie bei dem guten Wetter im Garten waren und wenn, dann nur dick eingemummt. Die Nachricht war tatsächlich wie ein Schock. Bis dahin waren Fallzahlen nur ansteigende Ziffern auf der interaktiven Johns Hopkins Karte des Hamburger Abendblatts und mit keinem bekannten Gesicht hinterlegt. Die erschreckend rot unterlaufenen Augen der Corona-Kreise, deren Pupillen sich mit dem Ansteigen der Todesfälle wie in Italien und Spanien immer mehr teuflisch schwarz erweiterten. Aber vor allem in Deutschland sah es verhältnismäßig normal aus, die grüne Iris des Auges wurde dank der wieder geheilten Patienten immer größer, selbst wenn die Todeszahlen natürlich wie überall sonst auch stiegen. Plötzlich aber hatten wir einen Fall vor Augen, und das sogar noch, ohne es zu wissen, obwohl wir es irgendwie schon geahnt hatten. Das war eine Zäsur, die noch einmal den Trott, der sich inzwischen schon eingestellt hatte mit dem Händewaschen und Desinfizieren der von draußen in den sicheren Hafen des Hauses hereindrängenden verseuchten Dingwelt, ordentlich durcheinander gebracht hat. Also am Schreibtisch und die Forderungen des Tages, wie Max Frisch gesagt hat. Korrespondenz per Email und danach die Betrachtung der aktuellen Lage im Land mit dem Neuladen des Live-Blogs der FAZ zum Corona-Virus. Der überzeugt, weil er abwechselnd von ganz verschiedenen Redakteuren eingepflegt und getextet wird, die mit ihren Vorlieben und ganz eigenem Stil eine sehr persönliche Handschrift in den mal kurzen, mal längeren Nachrichten hinterlassen und so eine interessante Vielfalt in der Auswahl garantieren. Obwohl ich schon seit Wochen an meinem neuen Roman schreiben sollte, habe ich keine wesentlichen Fortschritte gemacht. Das mag daran liegen, dass es meiner Vorstellung nach im Leben des Schriftsteller vor allem zwei Zustände gibt: den Müssiggang und die Überwältigung durch den Lauf der Welt. Schreiben gelingt während Letzterem eher selten. Ich versuche es trotzdem weiter. Ich habe, um nicht wie zu Beginn der Krise ständig im Internet wie gebannt auf sich verändernde Zahlen zu starren, um ihren Algorithmus zu analysieren, das Heute-Journal im ZDF wieder entdeckt, mit einem Nachrichtenhelden, über den ich vor Jahren schon mal einen Artikel geschrieben habe: Claus Kleber. Im Wechsel mit der spitzzüngigen Marietta Slomka, das reicht wirklich völlig aus, um sich nach getanem Tag auf dem Laufenden zu halten. Es gab nur eine Situation in meinem Leben, mit der sich der aktuelle Zustand vergleichen liesse. Als ich in Kathmandu lebte, um an dem mit Christian Kracht herausgegebenem Kulturmagazin DER FREUND zu arbeiten, entließ König Gyanendra am 1. Februar 2005 die Regierung Nepals und bildete ein Notstandskabinett, um die Krise des zwischen Maoisten, Armee, Parlament und Royalisten zerriebenen Himalaya-Staats zu bewältigen. Direkt nach der Fernsehansprache des Königs erlosch das Programm, internationale Flugzeuge wurden umgeleitet, das Telefonnetz war tot, auch das Internet wurde abgeschaltet und Militärs patrouillierten die Strassen, um die nächtliche Ausgangssperre zu überwachen. Auch damals war das Wetter wunderbar, der Winter war früh vorbei gewesen, die Sonne strahlte über die bald autoarmen staubigen Strassen der Hauptstadt auf der Hochebene, man trank Tee in Gartenrestaurants und debattierte die widersprüchlichen Meldungen in den wenigen noch erscheinenden Tageszeitungen. Bei Kerzenlicht im abendlichen Hotel tauschte man Informationen mit handgeschriebenen Depeschen über Rikscha-Kuriere aus, die zudem auch Lebensmittel und Generatoren für die allabendlichen Stromausfälle transportierten. Das bewirkte eine viel radikalere Unsicherheit als in der Gegenwart, da alle Welt zwar kontaktbeschränkt zuhause sitzt, aber in den Sozialen Medien abhängen kann, um sich über die Pandemie zu verständigen. Viel wichtiger sind jetzt Freunde. Wie Detlev, mit dem ich Fernschach spiele. Dazu: mit jedem Zug der Austausch eines Artikels/Lieds/Films/Radiobeitrags, der einen beschäftigt oder beeindruckt hat, eher nicht zwingend zur Pandemie. Oder ein österlicher Wortscherzwechsel zum Hallraum des Wortstamms „leer“ mit Patentochter Lola am Elbstrand in Hamburg, inklusive Foto-Mimikry als Illustration der Spassbegriffe. Nächtliches Musikpingpong via Messenger mit einer Seelenverwandten in Berlin. Ein Anruf zum Buchprojekt „Neue Deutsche Welle lesen“ bei Philipp Theisohn, Zürich. Die schönste Geste seit Beginn der Krise sind die ästhetischen Fingerübungen, mit denen Freund Holger Liebs seine Instagram-Follower jeden Tag einfach so versorgt. Sein Sammelsurium an „Sonderlingen, Einsiedlern und Freaks“ aus der Kulturgeschichte, die er „zur Ermutigung“ jeweils mit kleinen profunden Texten darbietet, reicht vom Heiligen Hieronymus über Rübezahl und Rip van Winkle bis zum Mönch am Meer, Superman und Harry Dean Stanton in Paris, Texas. Ein Kleinod!  Was aber den Alltag, abgesehen von den Schlangen beim Anstehen zum Eintritt in den Supermarkt oder die wie Tatorte eines schlimmen Verbrechens mit Klebeband abgeriegelten Spielplätze und Erholungsparks viel fundamentaler verschiebt, ist die Vorahnung davon, dass das alles vielleicht nicht so vorübergehend ist, wie fast alle hoffen und viele prognostizieren. Sondern dass wir es mit einer monumentalen Kontaminierung nicht nur der Oberflächen und Organe zu tun haben, sondern auch einer viralen Veränderung unseres Bewusstseins, die idealiter zu einem weiseren Verhältnis zur Umwelt unseres verletzlichen Planeten führen wird. Aber zwangsläufig auch zu einem hysterisierten Umgang mit einer unsichtbar verseuchten Welt, die wir nie wieder mit der enthusiasmierten Unschuldsmiene und einer gesunden Sorglosigkeit und unbegrenztem Freiheitsgefühl wie in der Vergangenheit bereisen und entdecken werden können. Es bricht mir das Herz, wenn ich mir versuche, vorzustellen, wie ich meinem Sohn dereinst die Welt reisend erschließen wollte und wie wenig davon im schlimmsten Fall übrig geblieben sein könnte. Auch dafür werden wir uns dereinst zu verantworten haben, nicht nur gegenüber Greta Thunbergs Schulstreiks für ein besseres Klima an jedem Freitag. Das kommt vielleicht nun nahezu ganz von selbst, schneller als wir denken.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Ruhe und kühlen Kopf bewahren, auch wenn die Emotionen durch das Zurückgeworfen-Sein auf uns selbst noch mehr hochzukochen scheinen als sonst. Klarheit zu erlangen im Denken. Nicht zu viele Nachrichtensendungen verfolgen. Schon zu Beginn versucht, nicht durchgehalten: Social Media Distancing als Therapie gegen Paranoia. Den Körper nicht vernachlässigen und Bewegung in den Tag einbauen, wo es geht. Denken heißt gehen und hilft, nicht erst seit Thomas Bernhard. Das Meditieren üben. Generell: Bedachtes Vorgehen bei allem. Vorsicht walten lassen, sich nicht durch Leichtsinn anstecken. Wir wissen nichts über die möglichen Spätfolgen von Covid 19. Vielleicht gibt es keine Immunisierung, vielleicht wird kein Impfstoff wirken. Auch wenn alles hier in Deutschland wirklich weitestgehend in beispielhafter und hochzivilisierter Weise verläuft, wofür man einer besonnenen und hochengagierten Regierung dankbar sein kann (auch für die Rückholaktion des Auswärtigen Amtes von über 250 000 Deutschen und gestrandeten aus anderen Nationen, die auch an Bord der Flugzeuge noch Aufnahme fanden) sollte man die Politik aufmerksam verfolgen und seiner Stimme Gehör verschaffen. Erste Bürgerpflicht: sich informieren. Gerade die Einschränkungen machen die Öffentlichkeit, die res publica, zur Sache eines jeden einzelnen. Jetzt kann jeder einmal Verantwortung zeigen und Verbindlichkeit im Sinne einer neuen Moral, die zunächst nur ein vorrangiges Ziel hat: alles Menschen mögliche zu tun, um der Pandemie ein Ende zu setzen.

 

 

Jetzt wird es ein Neubeginn sein, von dem wir gesellschaftlich wie persönlich stehen werden. Was ist dabei wesentlich und welche Rolle kommt der Literatur dabei zu?

Die gleiche Rolle wie immer: die Axt zu sein für das gefrorene Meer in uns (Kafka). Aber der Schriftsteller ist auch Zeitzeuge und Teilnehmer der Gegenwart, und vielleicht erwächst aus dieser ungewissen Zeit ein neues Engagement. Gerhard Richter sagte, Kunst sei die höchste Form der Hoffnung. Das gilt auch für die Fiktion. Möglicherweise ermüden uns Geschichten nun schneller, die von nichts Wesentlichem erzählen, lediglich schockieren wollen oder nur darstellerischem Selbstzweck dienen. Wie schreibt es Handke in „Über die Dörfer“ so schön: „Erzählt den Horizont.“ Das sollte man auch streng metaphysisch verstehen.

 

20170708_103959kiu

 

Was liest Du derzeit?

Aus aktuellem Anlass: Dr. Fischer of Geneva or The Bomb Party von Graham Greene. Aber auch, weil ich es 1992 in Neu Delhi gekauft habe und im United Coffeehouse zum ersten Mal gelesen. Eine wunderbare Reiseerinnerung, kostbarer als je zuvor.

 

 Welchen Textimpuls aus Deinem aktuellen Roman möchtest Du uns mitgeben?

„Überall standen Wanderprediger an den Straßenecken und schrien die Angst heraus, während sie die Plakate hochhielten vom Ende der Welt, das unmittelbar bevorstehe. Und, ganz ehrlich: Zum ersten Mal sah ich sie nicht mehr als kranke Spinner, sondern konnte tatsächlich verstehen, was sie meinten, weil ich wusste, dass sie diesmal wirklich Recht hatten.“ Hysteria, S. 213.

 

Vielen Dank für das Interview lieber Eckhart und weiterhin viel Erfolg für Deinen  großartigen aktuellen Roman „Hysteria“ , Piper Verlag 2018, und persönlich alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Eckhart Nickel, Schriftsteller, Kelag Preisträger 2017, Klagenfurt

 

Weitere Informationen: 

https://www.piper.de/autoren/eckhart-nickel-136

 

14.4..2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Foto_Walter Pobaschnig_Lesung 2017_Klagenfurt

„Mich beunruhigt etwas die aufkeimende Kontrolleuphorie“ Harald Darer, Schriftsteller, Wien 24.4.2020

Lieber Harald, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe zwei Kinder die meinen Tagesablauf bestimmen: Frühstück für sie herrichten, sie füttern, sie unterrichten, Mittagessen für sie herrichten, sie füttern, einkaufen gehen, sie weiter unterrichten, und so weiter. Ich schaue aber auch viel in die Gegend hinein, am liebsten mit einem Kaffeehäferl in der Hand und in der Sonne sitzend. Außerdem ist die Tube einer speziellen Hautcreme meiner Frau auf rätselhafte Weise verschwunden. Seit zwei Wochen treffen wir einander immer wieder einmal in verschiedenen Zimmern der Wohnung und suchen danach (mit wölfischem Blick, aber dennoch erfolglos). Dabei trage ich zumeist einen sogenannten „Onesie“, also einen Strampelanzug für Erwachsene, den ich zu Weihnachten geschenkt bekommen habe. Meine Frau trägt neuerdings Töffler-artige Schlapfen in der Wohnung. Ich fürchte, meine jüngere Tochter hat mit der Creme die Nachbarskatze „gefüttert“ und die Tube verschwinden lassen. Sie kann sehr bestimmend und raffiniert sein. Grundsätzlich haben die vergangenen Tage und Woche etwas Kontemplatives, dem ich, zugegeben, einiges abgewinne.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Sich nicht gegenseitig aufzureiben, die Situation ist mühsam genug. Feindseligkeiten sind bestmöglich zu vermeiden. Innerhalb der Familie und außerhalb. Humor schadet nie, der kann einen selbst und Andere von äußerlichen und innerlichen Blessuren gut bewahren. Mich beunruhigt etwas die aufkeimende Kontrolleuphorie des Staates und seinen ausführenden Organen, die von vielen Bürgern ebenso euphorisch-dankbar angenommen wird. Ist das die österreichische Lust zur Kleinlichkeit? Der Hang zu selbstlosen Schadenfreude? Ich weiß es nicht. Seid nett zueinander! Seien Sie keine unfreundliche Spinatgans! Es kostet nichts.

 

6661102e65d876372d0ac4b37add399b.0

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

Ich weiß überhaupt nicht ob das tatsächlich so ist. Natürlich geraten momentan viele in finanzielle und somit existenzielle Turbulenzen. Ob das zu einem gesellschaftlichen Aufbruch oder einem Neubeginn führt wird sich zeigen. Schön wäre es, wenn er positiv wird. Sätze wie: „Die Welt wird nach Corona nicht mehr so sein wie früher“, oder: „In Zeiten wie diesen, und so weiter“, finde ich bereits abgeschmackt und klingen in meinen Ohren wie Werbeslogans von Schlagzeilenverkäufern, derer sich die Zeitungen über Gebühr bedienen um ihren Artikeln mehr Dramatik zu verleihen. Menschen die in sogenannten prekären Verhältnissen leben und arbeiten, waren es vorher schon gewohnt vor persönlichen Neubeginnen zu stehen. Von Ländern, die nicht zur sogenannten westlichen Welt gehören gar nicht erst zu reden. Da ist bei uns schon eine ordentliche Portion Hybris dabei. Wesentlich wird sein, nicht einfach wieder so weiterzumachen wie bisher, und das wird, denke ich, schwierig werden, weil grundsätzlich haben wir es eh gemütlich gehabt vorher, nicht wahr? Was die Literatur betrifft- das Schöne an ihr ist ihre Langsamkeit, das schätze ich zurzeit besonders. Durch die Corona-Krise hat sich ihre Rolle als Lebensretterin für mich nicht geändert, das war vorher so und das wird nachher so sein. Vielleicht hat man als Autor hier einen gewissen Vorteil, weil man viel mit sich selbst und seinen Gedanken beschäftigt ist und mit irgendwelchen Sätzen und Wörtern herumhängt als wären sie lebendig. Vielleicht sind sie es ja auch. Man darf nur nicht vergessen hie und da seinen Strampelanzug zu waschen.

 

Was liest Du derzeit?

„Wunder“ von Wsewolod Petrow, einem Vertreter des russischen Absurdismus. Kommt mir aber momentan ziemlich un-absurd und real vor.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich habe meinen aktuellen Roman „Blaumann“ ein Motto vorangestellt, das gut zu unserer verordneten Kasernierung passt: „Die Jahre verfliegen, nur der Nachmittag zieht sich“.

Alles Gute!

Vielen Dank für das Interview lieber Harald, viel Freude und Erfolg für Deinen großartigen aktuellen Roman und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Harald Darer, Schriftsteller

Aktueller Roman: „Blaumann“, Picus Verlag, 2019

https://der-darer.net/

 

13.4.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

 

„Wir können die zerbrochenen Teile jetzt anders zusammenfügen“ Leona Stahlmann, Schriftstellerin, Hamburg 23.4.2020

Liebe Leona, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Durch das Schreiben nicht viel anders als vorher. Die ersten Wochen der Pandemie waren für mich ein einziger schwarzer Sog hinein in ein Kaninchenloch aus Schock und Überforderung. Dann habe ich weitergearbeitet. Für meine Schreibarbeiten habe ich immer einen ziemlich ausgeprägten Weltausblendungsmechanismus gehabt; den kurbele ich jetzt noch energischer an als vorher, wie bei diesen Autos auf Schwarzweißfotos, bei denen man den Motor mit einer Kurbel angelassen hat. Ich bin dann sozusagen das Auto und fahre der Wirklichkeit davon. Und hoffe, dass es mir nicht doch noch Zucker in den Tank hagelt. Damit das nicht passiert, lese ich konsequent nichts als Romane und Erzählungen bis zum Abend und erst dann erlaube ich mir Berichterstattungsmedien. Sonst: Kaninchenloch. Und da ist’s mir zu duster.

 

901ede2aac7b953f6bac67bc2cba164d.0

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das Alltägliche nicht aus dem Blick verlieren und vor dem Chaos verteidigen. Der Trost der Gewohnheit und der kleinen Routinen.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

Wesentlich wird sein, die Zäsur durch die Pandemie als solche zu akzeptieren, nicht nur als vorübergehende unangenehme Hautreizung auf der Oberfläche der globalisierten Welt. Es gibt den Riss, das Vorher und das Nachher, und wir können die zerbrochenen Teile jetzt anders zusammenfügen, als sie vorher gewesen sind. Dabei muss alles denkbar sein, man muss sich alles vorstellen dürfen: Vielleicht schaffen wir zusammen eine neue Form, die nicht nur notdürftige Reparatur des brüchigen Alten ist. Und wer, wenn nicht die Künste, sind Experten dafür, Formen für das Unvorstellbare zu finden?

 

Was liest Du derzeit?

Scurati! Und J.G. Ballard.

  

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

James Salter, Light Years: „Life is weather, life is meals.“ Gilt auch in Krisen. Vielleicht sogar besonders dann.

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Leona, viel Freude und Erfolg für Deinen großartigen aktuellen Roman und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Leona Stahlmann, Schriftstellerin, Journalistin

Aktueller Roman: „Der Defekt“, Kein&Aber Verlag, 2020 

https://www.leonastahlmann.de/

 

13.4.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Foto_Simone Hawlisch

„Literatur muss nichts und kann alles“ Mario Schlembach, Schriftsteller, 22.4.2020

Lieber Mario, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Gleich nach dem Aufwachen schreibe ich. Wenn ein Begräbnis ansteht, dann grabe ich. Mittags spaziere ich mit dem Hund im Wald und schlafe kurz. Danach schreibe ich wieder oder mache mich auf den Weg zum Friedhof, um bei der Beerdigung dabei zu sein und meinen Dienst zu leisten. Die Pandemie hat keine Auswirkungen auf meine Totengräbertätigkeit, nur das Ritual des Abschieds hat sich etwas verändert. Wie angeordnet trage ich eine Maske, was den positiven Nebeneffekt hat, dass jetzt nicht alle mein Gesicht mit dem Tod assoziieren. Am späteren Nachmittag lese ich dann …

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Jetzt und immer: Empathie.

 

Mario Schlembach_Foto_Vilma Pflaum

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

Literatur muss nichts und kann alles. Und jeder der liest oder schreibt, weiß ohnehin, dass jedes Aufschlagen des Buches ein Aufbruch und Neubeginn ist. Die Kommunikation der Poesie ist ein Band, das uns über alle Grenzen hinweg verbindet. Aufgabe der Literatur ist es, diese zarte Verbindung zu pflegen; auch um durch fremde Augen, neue Aspekte der Welt zu entdecken.

 

Was liest Du derzeit?
Die Biographie von Albert Camus und „Ich liebe, also bin ich.“ Der unbekannte Ezra Pound von Eva Hesse.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Die Kunst zu lieben, die freie Kunst, die Kunst gut zu sterben, die Kunst zu denken, die unzusammenhängende Kunst, die Kunst zu rauchen, die Kunst zu genießen, die Kunst des Mittelalters, die angewandte Kunst, die Kunst des Urteilens, die Kunst des richtigen Urteilens, die Dichtkunst, die handwerkliche Kunst, die Liebeskunst, die Kunst Großvater zu sein, die Tanzkunst, die Kunst des Sehens, die gesellige Kunst, die Kunst zärtlich zu sein, die japanische Kunst, die Kunst zu spielen, die Kunst des Essens, die Folterkunst.
*
Doch niemals habe ich das, was ich schreibe, in dem gefunden, was ich liebe.“
(Paul Éluard – Hauptstadt der Schmerzen)

 

Vielen Dank für das Interview lieber Mario, viel Freude und Erfolg für Deinen großartigen aktuellen Roman „Nebel“ und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Mario Schlembach, Schriftsteller

Aktueller Roman von Mario Schlembach: „Nebel, Otto Müller Verlag

https://bauernerde.wordpress.com/

Mario Schlembach

 

29.3.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Foto_Vilma Pflaum

„Die, die in unserer Gesellschaft das Sagen haben, sind keine guten Gärtner“ Verena Dürr, Schriftstellerin_Wien 21.4.2020

Liebe Verena, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nach dem Aufstehen setze ich mich mit Kaffee und Notebook zum Schreiben in den Innenhof vom Gemeindebau gegenüber. Der ist begrünt und alles blüht – eine kleine Stadtoase. Im Unterschied zu früher telefoniere ich mehr mit Familie, Freund*innen und wegen künstlerischer Projekte – einige Veranstaltungen, die erst abgesagt wurden, finden jetzt doch online statt. Sonst mache ich konsequent (!) mindestens eine halbe Stunde Sport (Yoga/Laufen) am Tag.

Was meinen Tagesablauf in den letzten Wochen aber vor allem bestimmt hat, war meine andere Arbeit in einer Wiener Notschlafstelle. Dort gab es in kurzer Zeit sehr viele Veränderungen, sowohl für uns, das Personal, als auch unsere Klienten. Normalerweise wäre mein Arbeitsvertrag Ende April ausgelaufen, doch wegen der aktuellen Situation sperren die Winternotquartiere nicht wie jedes Jahr im Mai zu, sondern sind vorerst einmal bis August geöffnet. Das ist einerseits gut, weil die Leute ja wegen der strengen Bestimmungen nicht gut auf der Straße oder auf der Donauinsel schlafen können und auch die Hilfsangebote durch den lock-down beschränkt wurden. Andererseits haben viele Klienten Vorerkrankungen und/oder sind schon alt – müssen sich im Notquartier aber Mehrbettzimmer mit anderen teilen. Notquartiere sind, wie ihr Name schon sagt eine Notlösung – leider sind sie dem Sozialstaat zur Gewohnheit geworden. Bessere Konzepte gäbe es – Finnland zum Beispiel hat Obdachlosigkeit quasi abgeschafft (siehe housing first). Aktuell werden wegen der Pandemie in Berlin, London oder L.A. Hotels und Hostels geöffnet, von denen ja die meisten seid Wochen und vermutlich noch eine ganze Weile leer stehen. Hoffentlich zieht Österreich bald nach. Auch und gerade obdachlose Menschen brauchen jetzt mehr denn je einen Rückzugsort für sich alleine, wo sie sich vor Ansteckung schützen können.

Ansonsten beschäftigen mich noch die Arbeitskämpfe im Sozialbereich. Während Pflege- und Sozialkräfte von allen Seiten Lob und Anerkennung hören, wurde ihre zentrale Forderung nach einer 35-Stunden-Woche vor Kurzem bei den KV-Verhandlungen abgelehnt. Eine verpasste Chance – nicht nur einmalige Prämien, Dankesreden und Blumen zu streuen, sondern diejenigen, die gerade unsere Gesellschaft am laufen halten, einfach besser zu bezahlen und ihre Arbeit damit dauerhafte aufzuwerten.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Irgendwo habe ich gelesen, dass wir derzeit verstärkt mit verschiedenen Formen des Verlusts konfrontiert sind und noch sein werden – Verlust von geliebten Menschen, Verlust von körperlicher Nähe und Intimität, Arbeitsverlust, Vertrauensverlust in die eigenen Werte und die der Gesellschaft, Verlust der persönlichen Freiheit – das ist traurig und deswegen wird es jetzt und in Zukunft sehr wichtig, zu trauern und manchmal das trauern auch erst einmal zu erlernen.

 

Jetzt wird es ein Neubeginn sein, vor dem wir gesellschaftlich wie persönlich stehen werden. Was ist dabei wesentlich und welche Rolle kommt der Literatur dabei zu?

Ich wünsche mir einen Neubeginn, mache mir aber ein bisschen Sorgen, dass doch wieder nur alles so weiter geht, wie bisher; dass die Entscheidungstragenden im Notfallmodus stecken bleiben und sich nie Zeit nehmen werden, um visionär zu denken. Dass die Einflussreichen in unserer Gesellschaft gar keine Veränderung wollen, weil es ihnen vorher ja eh sehr gut gegangen ist. Oder auch, dass sich die Mehrheit der Menschen nicht vorstellen kann, was sich alles zum Besseren verändern ließe – ich denke, da kann die Literatur ihre Rolle spielen.

 

20170707_120527mjuzt

 

Was liest Du derzeit?

Ein antikes Büchlein in Frakturschrift – weswegen ich für das Lesen mehr Zeit und Konzentration aufwenden muss, als normalerweise – was ich angenehm entschleunigend finde. Es geht um die Geschichte der Gartenkunst. Ein Garten ist ja quasi der Versuch des Menschen sich in ein harmonisches Verhältnis zur Natur zu versetzen – diejenigen, die in unserer Gesellschaft derzeit das Sagen haben sind keine so guten Gärtner.

 

Welches Zitat, welche Textstelle aus Deinen Literaturprojekten möchtest Du uns mitgeben?

Nach ein paar Tagen sieht die Welt schon anders aus. Der Nebel verzieht sich und Geheimnisse werden gelüftet. Kein Weichzeichner (Marke: „American Spirit“) mehr auf der Wahrnehmung. Gefühle bekommen Kontur. Das Rauchen ist ein gut trainierter, reflexhafter Ausweichschritt weg von den eigenen Empfindungen. Damit aufzuhören, ist wie eine Brille mit unpassendem Dipotrie-Wert abzunehmen, die einem allerdings ganz gut zu Gesicht steht. Im Spiegel erkenne ich mich plötzlich selbst nicht mehr; Doch der Entfremdungseffekt vergeht bald und ich stehe mir klarer vor Augen denn je. Auch der Husten wird sich legen, der nach ein- bis vier Wochen einsetzt. Unangenehmes Hals-Kratzen, unschöner Auswurf, doch auch Erleichterung darüber, dass die Flimmerhärchen – Siedler im Epithel der Atemwege – den Streik beendet und ihre systemerhaltende Arbeit wieder aufgenommen haben. Eines morgens wütend erwachen – gereizt vom Duft des Lavendelsträußchens am Fensterbrett – mein Geruchssinn ist scheinbar ein Frühaufsteher und ich spüre zum ersten Mal, wie das ist – sich vollkommen innezuwohnen.

 

(aus dem Manuskript: „IDA – die Kunst, sich von der Rauchsucht zu befreien“)

 

Vielen Dank für das Interview liebe Verena, viel Freude und Erfolg für Deine vielfältigen Literatur- und Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Verena Dürr, Schriftstellerin

http://www.venerasinn.com/

 

 

29.3.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Foto_Walter Pobaschnig: Lesung Verena Dürr_Bachmannpreis 2017

 

 

„Auf den Spuren Klagenfurts. Ein kultur- und gesellschaftsgeschichtlicher Streifzug“ Werner Drobesch. Hermagoras Verlag.

 

Klagenfurt, eine Stadt mit so vielen Schätzen von Kultur, Natur, Geschichte und Sprache. Ein Reichtum, der einlädt, entdeckt zu werden. Immer wieder und zu allen Jahreszeiten, aber natürlich auch besonders im Sommer. Besonders auch im Sommer 2020, der anders als so viele davor sein wird…

In der Zeit einer weltweiten Pandemie und restriktiver Maßnahmen und Einschränkungen des öffentlichen Lebens wird der unmittelbare Lebensraum zum Mittelpunkt in Wohnung und Umgebung. Die Freiheit von Schritten und Wegen ist nicht mehr selbstverständlich. Eine Wertschätzung wie eine Langsamkeit ist dabei gefordert. Eine Vademecum zu Geschichte und Kultur ist dabei ein willkommener Begleiter. Und genau dies ist das vorliegende Buch zu Kultur und Geschichte Klagenfurts im besten Sinne.

Werner Drobesch, Historiker, Univ.Prof. an der Alpen-Adria Universität Klagenfurt, gibt einen gut lesbaren, spannenden Überblick über die Landeshauptstadt Kärntens mit vertiefenden wie überraschenden Zugängen zu Vertrautem wie Neuem. Die reiche Bebilderung begleitet den Text wunderbar und lässt bewusst Orte der Stadt aufsuchen und dort verweilen.

Das Buch selbst ist in drei Teile gegliedert: Es beginnt mit einem Geschichtsüberblick von der Frühzeit bis in die Gegenwart. Diesem folgt eine Vorstellung wesentlicher Plätze und Straßen. Kurzporträts wesentlicher Persönlichkeiten Klagenfurts, etwa Ingeborg Bachmann oder Gert Jonke, runden das Buch sehr stimmig ab.

 

„Eine großartige Einladung Klagenfurt zu entdecken und sich (erneut) in diese Stadt zu verlieben“

 

Walter Pobaschnig 4_20

https://literaturoutdoors.com

„Viele brauchen jetzt Hilfe. Auch jene der Literatur.“ Tom Kummer, Schriftsteller, Bern 20.4.2020

Lieber Tom, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Aufstehen, wie immer und für einen Moment glaubt man, alles sei normal. Aber bald wird klar dass es da draußen auf der Autobahn viel weniger Verkehr gibt. Und Menschen sitzen im Park, wo sonst niemand ist. Und dann denke ich sofort daran, wie ich meinen 16-jährigen Sohn beschäftigen könnte. Ich denke öfters daran, wen man gerne treffen möchte – und es nicht kann. Und Einkauf mache ich auch nur noch einmal pro Woche. Aber ich verbringe viel mehr Zeit mit meinem Sohn. Ist doch auch schön.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Bloß nicht glauben, der Spuk sei schon vorbei. Kürzlich gab ich am Schweizer Radio ein Interview wegen meinem neuen Buch VON SCHLECHTEN ELTERN. Die Sicherheitsmaßnahmen waren dort besonders streng. Den Tonmeister hat mich nur aus der Ferne begrüßt. Im Studioraum gab es aber eine Kiste mit Masken – sonst gibt es die nirgends zu kaufen. Aber hier beim Schweizer Radio lagern Hunderte. Das fand ich schon ein bisschen seltsam. Also habe ich mich eingedeckt. Ich finde, wir müssen uns besser mit Masken schützen, Eitelkeit hilft jetzt keinem, eine sogenannte Normalität wird es lange nicht mehr geben.

 

Es wird jetzt ein Neubeginn sein, von dem wir gesellschaftlich und persönlich stehen werden. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt der Literatur dabei zu?

Ich lasse mich nicht verrückt machen. Natürlich ist es schade, dass viele Lesungen ausgefallen sind. Auch der finanzielle Schaden ist enorm. Ich bin es aber schon seit der Jugend gewohnt, immer mal wieder mit drohenden existenziellen Abgründen umzugehen. Wer den beruflichen Weg in der Literatur oder mit der Kunst wählt, den können solche Zustände nicht wirklich betrüben. Wir Künstler sollten doch wie geschaffen sein für Krisenzustände. Es sind die anderen Menschen, die ohne finanzielle Sicherheit und Stabilität nicht leben können, wir nannten sie früher die „Normalos“, die haben viel mehr zu verlieren. Ich denke aber auch an junge Familien, die so eine Krise hart trifft. Da können Menschen depressiv werden. An sie muss ich denken. Diese Leute brauchen unsere Hilfe. Vielleicht auch die Hilfe durch die Literatur.

 

IMG_20190628_144244kiu - Kopie

 

Was liest Du derzeit?

Frauen, die töten von Ann Jones (edition suhrkamp)

 

Welches Zitat, welchen Impuls aus Deinem aktuellen Roman möchtest Du uns mitgeben?

„Irgendwann sucht Vincents Hand mein Gesicht. Sanft berührt sie meine Augenbrauen, so sanft, als sei meinem zwölfjährigen Sohn längst klar geworden, dass ich ihn mehr brauche als er mich.“

 

 

Vielen Dank für das Interview lieber Tom und viel Erfolg für Deinen aktuellen großartigen Roman „Von schlechten Eltern“ und persönlich alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Tom Kummer, Schriftsteller

Aktueller Roman: Tom Kummer „Von schlechten Eltern“  Klett_Cotta Verlag, 2020

https://www.tomkummer.ch/

 

 

9.4.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Foto_Walter Pobaschnig _ Klagenfurt, Bachmannpreistage 2019.

 

https://literaturoutdoors.com

 

„Mutiger denken. Unangenehmer sein. Dabei höflich bleiben.“ Marie-Luise Stockinger, Schauspielerin_Burgtheater Wien _ 19.4.2020

 

Liebe Marie-Luise Stockinger, wie sieht jetzt Ihr Tagesablauf aus?

Was koche ich heute? Was koche ich morgen? – Ich sollte mal wieder staubsaugen.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

ZIB schauen.

 

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Wie geht gerechte Verteilung? Was ist mit Moria? Was ist mit Lesbos? Was vermissen wir an unserer „Normalität“ wirklich?

Wie entkommt man dieser Globalisierungsklimahöllenmaschine, die wir uns gebaut haben?

Theater oder Kunst muss auf diese Fragestellungen pochen.

 

img_0993aa

 

Was lesen Sie derzeit?

Zeitung. Und Postkarten.

 

Welchen Impuls aus Theaterprojekten möchten Sie uns mitgeben?

Mutiger denken. Unangenehmer sein. Dabei höflich bleiben.

No Chance for Racism, Sexism.

 

Vielen Dank für das Interview liebe Marie-Luise Stockinger, viel Freude und Erfolg für alle Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Marie-Luise Stockinger, Schauspielerin, Burgtheater Wien

https://www.burgtheater.at/ensemble/marie-luise-stockinger

 

Foto_Walter Pobaschnig  _Marie-Luise Stockinger in „Edda“_Burgtheater Wien