„Braucht es nicht ein Grundeinkommen für unsere Gesellschaft und andere (humanistischere) Prioritätenlisten?“ Michael Stavaric, Schriftsteller, Wien_1.5.2020

 

Lieber Michael, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

 4 Uhr: Wieder einschlafen wollen

7 Uhr: Aufstehen, Kaffee und Tee trinken

8-12 Uhr: Einkaufen, Kochen, Fernsehen, Mails beantworten, aus dem Fenster schauen

12- 18 Uhr: Spaziergang (meistens Zentralfriedhof), Schattenboxen (mir ein paar Politiker vorstellend), Lesen, Schachspielen (online)

18-20 Uhr: Abendbrot, ev. das Abendrot über dem Wiener Wald bestaunen

20-24 Uhr: Fernsehen (meistens Dokumentationen), danach: Licht aus!

 

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich lese immer wieder, dass Krisen zugleich Chancen darstellen – ich sehe das längst in einem größeren Maßstab. Wichtig ist, dass wir uns alle jetzt gesellschaftspolitische Fragen stellen; wir sollten uns etwa fragen, ob und in welchem politischen System wir künftig leben wollen? Wollen wir weiter diese kapitalistischen Irrwege, in denen alles um Profit und immerwährendes Wachstum kreist? Wollen wir wirklich internationalen Großkonzernen weiter die Möglichkeit einräumen, keine adäquaten Abgaben in unserem Land zu entrichten, während in den nächsten Jahren eine unglaubliche Steuerlast auf uns zukommt? Wollen wir Waren am anderen Ende der Welt produzieren lassen (u.A. Medikamente), wollen wir folglich diese absurden Lieferketten? Wollen wir die Natur weiter in diesem unerträglichen Maßstab ausbeuten (und den Klimawandel befeuern)? Brauchen wir z.B. zusätzliche Liftanlagen in den Bergen? Braucht es noch mehr Bodenversiegelung, Großbaustellen, Autobahnen, Tunnels und Co? Braucht es überhaupt diese gegenwärtigen bürokratischen Strukturen, braucht es noch diese Parteiapparate (und etwa ihre Art der Bildungspolitik)? Braucht irgendwer von uns ernsthaft Börsen mit Leergeschäften? Braucht es Immobilienspekulation und damit verbundenen Mietwucher? Braucht es nicht vielmehr endlich eine gerechte Vermögensverteilung? Braucht es nicht ein Grundeinkommen für unsere Gesellschaft und andere (humanistischere) Prioritätenlisten? Wollen wir Jobs im mittleren Management in irgendeinem 0815-Finanzbüro weiter mit 4000-6000 EUR entlohnen, während Pflegekräfte mit 1000 brutto und weniger abgespeist werden? Wollen wir das 1 % der Bevölkerung 50 % der Immobilien besitzt? Wollen wir wirklich, dass unsere reale Arbeitskraft am höchsten besteuert wird, während Spekulationsgeschäfte fein raus sind? Wollen wir 50 und mehr Prozent unseres Monatseinkommens für Mieten ausgeben? Etc. etc.

Wir alle sollten für eine gerechtere und sozialere Gesellschaft eintreten, für ein geeintes Europa und u.A. realisieren, dass Altruismus die klügere Form der Interessenswahrung ist.

Michael Stavaric

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

Es sollte eine viel größere Solidarität geben, KünstlerInnen, Kreative und EPU´s aller Art sollten sich zu einem schlagkräftigen europäischen Verband zusammenschließen, damit ihre Rolle in der Gesellschaft und ihr Beitrag (auch zum Wirtschaftsstandort Österreich) endlich eine adäquate Beachtung findet. Ein Grundeinkommen (für alle) wäre hierbei wie gesagt Pflicht.

 

Was liest Du derzeit?

Wenedikt Jerofejew: Die Reise nach Petuschki

Neil Gaiman: Wölfe in den Wänden

Sonja Harter: katzenpornos in der timeline

 

 Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Als ich vor einiger Zeit für das Literaturhaus Graz an einer weiteren Folge der Corona-Tagebücher saß, kam mir folgender Gedanke: Auf meinem Schreibtisch ist die Welt noch wunderbar in Unordnung. Bücher wetteifern mit diversem Zettelwerk, Schreibgeräten und Krimskrams um die besten Plätze, alles scheint unstrukturiert (es ist unstrukturiert!) und setzt regelmäßig Staub an. Wie alles im Universum folgt auch mein Schreibtisch einer grundlegenden Gesetzmäßigkeit, jener der Entropie. Als solches wird physikalisch die Unordnung im Kosmos bezeichnet; die Entropie wird von sich allein stetig größer, was in den eigenen vier Wänden rasch überprüft werden kann: Alle Dinge in unseren Zimmern werden sich nach und nach gleichmäßig „unordentlich“ verteilen. Ein weiteres Faktum bleibt unbestritten, dass alles mit möglichst geringem Energieaufwand geschieht; sprich, die Unordnung wird sich vorwiegend am Fußboden verteilen.

Ein Hoch auf die Unordnung in den heimischen vier Wänden (und im Universum), quasi

 

Vielen Dank für das Interview lieber Michael und viel Erfolg für Deinen aktuellen großartigen Roman „Fremdes Licht“ und persönlich alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Michael Stavaric, Schriftsteller

Aktueller Roman: Michael Stavaric, Fremdes Licht, Luchterhand Verlag, 2020

https://www.randomhouse.de/Buch/Fremdes-Licht/Michael-Stavaric/Luchterhand-Literaturverlag/e515684.rhd

 

20.4.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Foto_Yves Noir

 

https://literaturoutdoors.com

 

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