„Wir alle sollten zittern vor der Rache des Kapitalismus“ Martin Amanshauser, Schriftsteller, Wien 3.5.2020

Lieber Martin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

ich habe 50% der zeit zwei kinder bei mir (beide buben, 9 und 11), und wenn sie da sind, mache ich mit ihnen das schreckliche homeschooling. ich habe sie immer für 24 stunden, das heißt wir machen frühstück, mittag und abendessen – das alles koche ich für sie, eh klar – und manchmal fahren wir mit dem auto auf den wilhelminenberg kicken, oder wir gehen auf den yppenplatz, oder ich laufe 1x rund um die brauerei (25 min) und sie begleiten mich mit ihren rollern. in den anderen 50% der zeit bin ich alleine, manchmal treffe ich allerdings auch jemanden, wobei ich auf die nicht-ansteckungs-sicherheit achte, was aber nicht immer total gelingt. bisher bin ich ganz gut durchgekommen damit. ich mache mir sorgen um die alten leute, die ich kenne. meine mutter ist über 80, und sie wohnt mit meiner tante in einem haus in salzburg, die noch ein bisschen älter ist. beide sind zum glück sehr fit. ich ruf manchmal an, ich telefoniere viel. ich will arbeiten, aber meistens lese ich news, oder ich chatte oder gehe auf fb und twitter, obwohl ich twitter hasse. in der nacht liege ich oft wach.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

dass wir uns bewusst machen, eine historische zeit mitzuerleben, und dass wir uns vorbereiten auf die weltwirtschaftskrise, die nun kommen wird. im positivsten fall könnte man sagen, vielleicht ist es gar nicht so schlecht, was da abläuft, vielleicht kann sich der kapitalismus ein bisschen erholen. wenn ich das aufschreibe, kommt mir vor, dass der gedanke vielleicht naiv ist. die, die geld haben, werden sich die verlorenen profite vermutlich VON UNS wiederholen, die sind doch alle längst stinksauer, dass sie sich mitopfern müssen für ein paar alte leute, die eh bald sterben. ich spüre diesen gedanken, der mir verhasst ist, in der luft hängen. ich möchte ihn bekämpfen. wichtig für uns alle ist, solidarisch mit den schwachen zu sein. der kapitalismus war das in diesem fall auch – zum glück, ich rechne es ihm hoch an – aber wir alle sollten zittern vor seiner rache. von den krisenzeiten werden die rechtspopulisten, die jetzt erschreckend leise sind, profitieren, das ist ihr kerngeschäft.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

wesentlich ist eh das, was ich bei der letzten frage erwähnt habe. dass wir es überall aufzeigen, wenn sich die herrschenden das zurückholen, was sie jetzt eingebüßt haben. dass wir aufmerksam sind, es soll nämlich nicht alles sein. wir sollten den sozialstaat und das gesundheitssystem wesentlicher finden als die kurzfristigen wachstumszahlen und gewinne. die literatur kann u.a. auch darüber berichten, es wird ihr nichts anderes übrig bleiben.

 

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Was liest Du derzeit?

mein eigenes buch „es ist unangenehm im sonnensystem“, manchmal blättere ich gerne drin, und ich finde stellen, die ich gestern super fand,. plötzlich sehr schlecht, und – im idealfall – umgekehrt. aber was ich wirklich lese, hab ich jüngst bei einer freundin auf fb kommentiert: den großen liechtenstein-roman von benjamin quaderer, „für immer die alpen“, dazu von jasmin ramadan „kapitalismus und hautkrankheiten“ und von michela murgia „chirú“, nachdem ich ihr super sachbuch „faschist werden, eine anleitung“ gelesen habe, da ein guter freund von mir irrsinnigerweise so halb ins identitäre milieu abrutscht und ich nicht weiß, wie ich dem begegnen soll

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

aus einem buch von adorno, das ich parallel zu michela murgia las, zum thema rechtspopulismus und dessen argumentationstechniken, einem thema, das uns in der kommenden weltwirtschaftskrise sicher beschäftigen wird müssen, leider: “eine sehr erhebliche rolle spielt der antiamerikanismus, der ja auch in dem wort von den ´plutokratischen´ nationen und in diesen dingen in der nazizeit vorgebildet war. was hinter dem antiamerikanismus steht, ist schwer zu sagen. wahrscheinlich ist es zum teil das anknüpfen an etwas real empfundenes, nämlich daran, dass man auch unter der formalen demokratie, eben durch das blocksystem, die volle freiheit der politischen entscheidung sich vorenthalten glaubt. ich möchte (…) darauf hinweisen, dass keineswegs alle elemente dieser ideologie einfach unwahr sind, sondern dass auch das wahre in den dienst einer unwahren ideologie tritt, und dass das kunststück der gegenwehr wesentlich ist, sich gegen den missbrauch der wahrheit für die unwahrheit zu wehren. die wichtigste technik, durch die die wahrheit in den dienst der unwahrheit gestellt wird, ist die, dass an sich wahre oder richtige beobachtungen aus ihrem zusammenhang hinausgeschnitten, isoliert werden (…), ungeheuer wirksam, so dass die menschen das gefühl hatten, nun gerade mit dieser bewegung, die die freiheit abschaffen will, gleichsam wieder in den besitz der freiheit zu gelangen.

 

Vielen Dank für das Interview lieber Martin, viel Freude und Erfolg für Dein neues  großartiges Buch „Es ist unangenehm im Sonnensystem“ wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Marin Amanshauser, Schriftsteller

Aktuelles Buch des Autors: „Es ist unangenehm im Sonnensystem“  Kremayr&Scheriau Verlag 2019

Weitere Informationen:

http://www.amanshauser.at/

 

 

19.4.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online/per Mail  geführt und der Schnelltipptext in durchgehender Kleinschreibung so übernommen.

Foto_(c) corn.

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